Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 10 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 3 Breslauer Jüdisches Gemelndediall keil und seiner glühenden Begeisterung für die Religion der Väter. Don dem gewaltigen Eindruck seiner Predigten, von der Einwirkung seiner Persönlichkeit, von seinem Einfluß auf die Jugend hat die damalige Breslauer Generation'noch nach Jahrzehnten nicht genug des Rühmenswerten zu erzählen gewußt. Die Formung und Ausgestaltung des Gottesdienstes in unserer Reuen Synagoge, so viele Deräitderungen sie in Einzelheiten auch seither erfahren hat, geht aus ihn zurück, unsere Gemeindebibliothek ist aus dem von ihm begründeten Jüdischen Lehr- und Leseverein herausgewachsen. unsere Religionsuntexrichtsanstalt II — ungeachtet ihrer Bezifferung die ältere — ist 1843 von ihm errichtet worden. So dauert in diesen wie in manchen anderen Institutionen unserer Gemeinde sein Wirken fort. Aber die Bedeutung seines-Lebenswerks geht weit über die Gemeinden hinaus, in denen er als Rabbiner gewirkt hat. Es war die Zeit der Emanzipation, deren Inhalt keineswegs allein die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden war, sondern ebenso sehr ihre Eingliederung in die .allgemeine Kultur der Zeit, die Entstehung der Wissenschaft des Judentums — mit einem Wort die R e f o r m. Denn Reformer sind sie alle, die führenden Thealogen jener Zeit, auch der streng orthodoxe Samson Raphael Hirsch, der Studienfreund Geigers und später sein entschiedenster Gegner. Bon der Notwendigkeit der Reform [ spricht Zacharias Frankel nicht minder als Samuel H o l d h e i m. Erst später, nach dem Auftreten der Frankfurter Reformfreunde und der Gründung der Jüdischen Reformgemeinde in Berlin, ist der Name Reform allmählich nur dieser Holdheimschen Richtung Vorbehalten geblieben, während die Anschauungen Geigers in vielen Nuancen und Tönungen in dem religiösen Liberalismus wirksam geblieben sind. Geigers religiöser Liberalismus hat zwiefache Wurzel: die tiefe Gläubigkeit und Begeisterung für die jüdische Religion und seinen wissenschaftlichen, vor allem geschichtlichen Sinn. Er selbst nennt sich einen Mann der geschichtlichen Betrachtung, er vertritt die „R e f o r m derGeschichte" gegenüber denen, die das religiöse Leben als etwas Abgeschlossenes, Starres ansehen, wse gegenüber dem Standpunkt, den er als „Reform ins Leere" bezeichnet. Seine theologische Wissenschaft ist offenbarungsgläubig und traditionsgläubig. Er nennt die Tradition die ebenbürtige Tochter der Offenbarung, wie er die Religion den ..Jubel der Seele" nennt. Er betpnt den Gedanken der geschichtlichen Kontinuität. nichts l aus allen geschichtlichen Entwicklungsstufen verleugnet er und möchte er missen, alles ist ihm des Judentums unveräußerliches Eigentum, überall erkennt er den ursprünglichen Geist nach den verschiedenen Zeiten und der verschiedenen Begabung und dennoch in voller Einheit. Alle Neugestaltungen haben sich auf dem Boden der Geschichte zu vollziehen, die Entwicklung muß aus der gegebenen Grundlage vor sich gehen. Was in der Geschichte lebendig ist, was mit dem Volksgefühl sich innig verbunden hat. das allein kann lebenskräftig fortwirken: was unvorbereitet hingestellt wird, ist wurzellos und hat keinen Bestand. Darum genügt es ihm nicht, das Judentum in der Ausprägung irgend einer Zeit zu erfassen, vielmehr sucht und verlangt er Erkenntnis und Prüfung nach der Totalität seiner Aeußerungen. Das ist Geigers Deutung des Begriffs der Entwicklung, die kontinuierlich, aber keineswegs gradlinig, sondern in Wellenbewegungen verläuft, ist das methodische Prinzip des religiösen Liberalismus im Judentum, so weit auch im Einzelnen die Meinungen auseinander gehen. Diese Auffassung der Tradition nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern in stetigem Flusse Begriffenes scheidet den religiösen Liberalismus von den konservativen Strömungen. Folgerichtig fordert Geiger in erster Reihe die Reform der Anschauung: die Auswirkung für das praktisch religiöse Leben müsse sich dann fast von selbst ergeben. Darum ist er kein einseitiger Konsequenzmacher und scheut auch keineswegs den Borwurf de;• Halbheit, weil ihm eben Entwicklung etwas Allmähliches, organisch Werdendes ist. Geiger stard mitten in den Kämpfen um die Neugestaltung" der Anschauungen und deren Ausprägung. Die Kämpfe gingen!»amals noch um Dinge, die längst nicht mehr Gegenstand der Meinungsverschiedenheit sind, um deutsche Predigt, Ornat!es Rabbiners usw. und um die Freiheit der ^wissenschaftlichen Forschung. Die Kämpfe führten Anfang der vierziger Jahre zur völligen Zerreißung der Breslauer Gemeinde, die ei st nach mehr als einem Jahrzehnt durch die Schaffung eines konservativen und eines liberalen Gottesdienstes und Religionsunterrichts mit einem konservativen' und einem liberalen Rabbiner — liftin und Geiger — wieder geeint n erden konnte. Seither ist diese Dersassung unserer Gemeinde für andere große Gemeinden vorbildlich geworden. Die Verschiedenheit und der Gegensatz der Meinungen besteht weiter, und es ist gut, daß die verschiedenen religiösen Anschc uungen zur Geltung, kommen. Aber es ist gut, daß die Lehre der Geschichte alle auf die Notwendigkeit verweist, die Meinungsverschiedenheit innerhalb der Einheit auszutragen. - i Geigers wissenschaftliche Bedeutung kann im Rahmen dieses Aufsatzes nicht annähernd gewürdigt werden. Mancl)es Ergebnis seiner Forschung, die die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft des Judentums umfaßte, ist heute überholt, aber vieles ist wenigstens in seinen Grundzügen noch heute und für die Dar er geblieben. Seine Auffassung des Phari-! säismus ist bahtlbrechend geworden. Und das fei noch erwähnt, daß dev damals 25jährige Wiesbadener Rabbiner^ eine Wissenschaft! iche Zeitschrift für jüdische Theologie be-' gründete, in der er u. a. die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultöt als ein dringendes Bedürfnis der Zeit forderte, und da; er später — bis an sein Lebensende — eine Jüdische Zeitschrift^für Wissenschaft und Leben herausgab. Die Zeiten find anders geworden, auch die Probleme des jüdischen Lebens find vielfach nicht die gleichen wie zu Geigers Lebzeiten. Niemand wird in allen Einzelheiten an Geigers Anschauungen starr festhalten, wie übrigens Geiger selbst sich niemal; gescheut hat, diese oder jene Anschauung zu korrigieren. A>er auf seiner Auffassung von Offenbarung, Tradition und Entwicklung fußt der religiöse Liberalismus des Judentums auch in der Gegenwart. Und die Richtungen im Judentum, die anderen Anschauungen huldigen, müffen die große, auch für die Gegenwart wirksame Bedeutung des Mannes rückhalt los anerkennen. Hermann Dogel st ein. Fahrräder von MOSSNER NikolaistraQe 10-11 - Fernsprecher 21964 $e(ij£ Peefe <$<> Jafyte > , Feilx Perl * beging am 28. Mai feinen 60. Geburtstag. In hingobetider Weise hat sich Perle der Erhaltung und der Fortentwicklurig jüdischen Geisteslebens in P reslau gewidmet. Bekannt sind irmc großen Berdiechte usn das Jüdis he Museum, aber auch dem Jüdischn reges tätiges Interesse zugewandt, tkägl den Namen „Fetix-Pelteglehr- Theotogischen Seminar hat er se Ein Lehrstuhl des stuhl". Rach der Kultunkreis' gewinkt. eminars uordminq li on 1933 hat Felix Perl« auch im Ggrnont poUat 70 Jafj e Der Breslauer!Pianist Eg non t Pol lat beging am 25. Mai feinen 70. Geburtstag. Egmont Pollak erfreut sich nicht nur einer wohldegründsten Wertschätzung als ausübender Künstler, er hat auch viel« Jahre lang ats Musikkritik kr in der „Brestauer Zeitung" gewinkt und war durch! die Feinstm i^eit forme die Treffsicherheit seines Urteils Künstlern wie Publikum , ein trefflicher Berater. Egmont Pollak war ferner faihrzehntelmg Chondirigent bei Zweiggottesdiensten der Breslau kr Synagoge n>cGemeinde an den hohen jüdischen Festtagen und hat in dieser Stel ung zur weihevollen Gestaltung des GotteÄnenstes bedeutsam beigetrc gen.