Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 10 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I Neben der Bezeichnung als Blochenfest, Dresltuer Jüdisches Semetndeblatt Nr. L. Sdjommm! das 7 gezählte dps Fest npch die beiden iC7, Fest der;, ein Fest, das die Natur Wochen nach Pesiach fällt, hat anderen Namen c-^s” c-_ und Erstlinge und Fest der Gesetzgebung inls bereitet und ein solches, das d e Religioit uns lehrt Gott hat der Natur aufgetra zen, die «Erhaltung des geschaffenen Menschen zu ermöglichen und lat zu gleicher Zeit dem Menschen das höchste Sit engesetz gl geben. Das ist am Sinai geschehen, wo der von Abraham durchdachte und von seinen Nachfolgern festgehaltene Monotheismus in rcstgionsgesetzliche Formen gefaßt rvurde. Wir haben seit dein Sinai diese Gottesidee nicht a s ein Privileg besonders aus der Masse herausgehobener. Minner betrachtet, sondern das ganze Volk' ist zum Träger d eses Religfionsgedankens geworden. Darum war seit jenen alten Zeihen ein Abfall von dieser Idee nicht nur als eine Treulosigkeit gegen Gott gewertet, sondern in gleichem Malze war er eine Untreue gegen die Gemeinschaft und die Gemeinde. Ix schwerer der Weg war, den Israel zu gehen hatte, je drückender das Schicksal, das man ihm bereitet hatte, desto wertvoller ist ihm Lehre und Gesetz vom Sinai geworden. Die sJuden waren nicht ein philosophisches Volk im Sinne der kloiffischen Völker des Altertums, die die Gottheit stets durch philosophische Betrachtungen und Zergliederungei zu erkennen suchten, sondern Israel, dqs Hunger und Durst nach steinern Gotte verspürte, fand ihn in der Offenbar rng, in einer Prophetie, die auf den Anbruch eines glücklichen Tages hmweist. Uns den Nachkommenjener lllten von Sinai, den Erben ihres Wollensund ihres Stnbens wird!das Fest von Jahr zu Jahr zu neuer Offenbarung. Ein altes Midrasch- Wort sagt, Gott habe die Thora absichtlich ans dem Sinai offenbart. der im,Verhältnis zu anlieren Bergen nicht hoch ist, damit alle Menschen die Höhe ersteigen können, um sich zu holen, was ihnen vom Inhalt di eser Lehre!das Schönste düstkt, Liebe und Frieden, Tugend und Gottesfurcht oder was sonst an kostbaren Schätzen den unerschöpflichen Quell der Thora füllt. Da findet sich eine Seisteslehne, die, befreit von allen Schlacken, den ganzen 2 keuschen fördert. Das heißt doch nichts anderes als die Sehnsucht dep Judentums zu betonen, von den Gütern seines Geistes allen Menschen, die sie suchen, zu geben, damit sie sich wälsten, was ihr wahres Glück bedeutet. > Wir sind jetzh mehr als es früher der Fall war, redlich bemüht, die Güter dieses Geistes zunächst einmal für uns selbst zu erwerben. .Wir haben eir gesehen, daß wir^kein Recht haben, von ihnen anderen zu predigen,, solange wir Jlhtafyam Zeiget selbst nicht bewußte und stolze Besitzer dieses alten jüdischen Geistesgules wieder geworden sind. Wie damals Gott die Thora den Juden nur deshalb gegeben hat, weil die Kinder Bürgen fein sollten, so muß auch in unseren Tagen unser allergrößtes Bestreben das sein, aus unseren Kindern Bürgen für Uns selbst zu machen. Wir nwllen die Zeit als hinter uns liegend betrachten, da uns fast jeder Sinn für religiöse Unterweisung unserer Kinder abhanden gekommen mar, da wir noch meinen konnten, unsere Kinder zu überbürden, wenn man für sie Thora-Unterweisung forderte, da wir unwillig waren, wenn man von uns verlangte, die Güter unseres Geistes so zu wahren, daß sie mit gleichem Werte auf unsere Kinder einmal übergehen könnten. Wir haben Vieles versäumt und Vieles gut zu machen. Das Fest der Thoragesetzgebung zeigt uns den Weg der Wiedergutmachung, er heißt: r e l i g i ö s e G e s i n n u n g bei unserem Denken und Tun in der Familie und im Leben draußen, er fordert Wahrhaftigkeit und Treue, Liebe und Menschenfreundlichkeit. er verlangt Bescheidenheit und Selbstzufriedenheit er erwartet Selbstbesinnung und Zurückhaltung, er ruft Dir an jedem Morgen zu -pxc bin -[trci bzz 7,-bx ri nx „Und Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen", und er grüßt Dich am Abend mit dem hoffnungsvollen Wort ^x-r- -*r;rx~ ab r-~ „Siehe, es schlummert und es schläft nicht der Hüter Israels." In seiner neuesten Erzählung „Auf drei Dingen steht die Welt" läßt Gerson Stern den sterbenskranken Markus das Geständnis aussprechen, „Meine Bibel war die Naturwissenschaft. Alles ist eingefügt in den Kreislauf des Werdens und Vergehens, auch der Mensch, auch ich, auch Sie, der Lehrer Levi." Und er fordert von Levi: „Suche mir den Gott, den ich nicht finde, suche mir den Gott oder Du selbst bist gvttverloren".. Und Levi antwortet: Emunoh, Vertrauen haben, Vertrauen zu dem. der sprach: --x rr.-x t,tx „Ich werde sein, der ich sein werde." Emunoh muß man verstehen, muß man erleben, die Wissenschaft ist da, die Wissenschaft bleibt, aber es kommt eine Begnadung über uns!" Möge solche Emunoh über unsere Zeit und unsere Menschen kommen, möge Vertrauen uns stärken, wenn wir das Fest begrüßen, das Gott uns erneuere , rmt.'ob: iftfob ci'rr'n o-r7 „Zum Leben und zum Frieden, zur Wonne und zur Freude." Rabbiner Dr. Sänge r. 1 > Zeitabschnitte sind Ruhepunkte, Augenblicke der Besinnung. des Rückblicks aufs die abgelcufene Zeit, der Beziehung des Vergangenen auf die Geginwart unp damit der Gestaltung der Zukunft. Nur das Kin >, das eben nur in der Gegenwart lebt, und der gedankenlos in den Tag hineinlebende Mensch geht achtlos an solchen Augenblicken vorüber oder empfindet bloß die Freude. Wer das Leben wirklich erlebt, der stellt den.Augenblick in den >Ablauf der Zeiten, verknüpft ihn mit Vergangen!) nt und Zstkunft. Denn bloßes Gedenken des Vergangenen ohne Beziehung auf Gegenwart und Zukunft ist unfruchtbar, und wsts fruchtbar ist allein, ist wahr. Wir deutschen Julen haben!in dem Erleben dieser schweren Gegenwart ganz besonders Anlaß, der großen Männer der Vergangenheit zu gedenkest, nicht um einer Pflicht der Pietät zu genügen, sondern um fruchtbare Anregung für uns selbst zu gewinnen. Diese großen Gestalten sind sämtlich Kampfer gewesen. Das aber i ft der Wert 3u feinem 125. Geburtstag der Betrachtung aus Einiger geschichtlichen Entfernung, daß, auch wenn die Meinungsverschiedenheiten, ja die Kämpfe noch sortdauern. an Stelle der leidenschaftlichen Parteinahme die ruhige Würdigung tritt, die auch dem Gegner gerecht wird. Nur der engstintige Fanatiker verschließt sich solcher Betrachtung.. Am 24. Mäi waren 125 Jahre verflossen, seit Abraham Geiger in Frankfurt a. M. geboren wurde. In Wiesbaden, Breslau, Frankfurt und Berlin hat er als Rabbiner gewirkt. Aber der Hauptanteil seiner Wirksamkeit entfällt auf feine mehr als 23jährige Breslauer Amtstätigkeit. In der 1829 erbauten Synagoge der Gesellschaft der Brüder, unserer „Alten Synagoge" hat er von 1840 bis 1863 „ das Gott«swort verkündet mit seiner glänzenden, rednerischen Begabung, mit seinem tiefen Wissen, mit seinem lebendigen Verständnis und seiner festen Verbundenheit mit der Kultur der Zeit und vor allem mit seiner tiefen Gläubigr