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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1935-04-15 · 7 (15.4.1935) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
12 (1935)
Issue
7 (15.4.1935)
Date
1935-04-15
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7 9 Breslauer Jüdisches Gemeinde di att die königlichen Beamten muß ich versorgen, so daß ich erst Nachmittag nach Fostat komme. Wenn ich nun sterbend vor Hunger mein Haus betrete, sind alle Zimmer von Menschen jeden Standes erfüllt, Juden und Nichtjuden, Reichen und Armen, Freunden in bunter Mischung. Kaum bin ich vom Reittier gestiegen, wasche ich mich, bitte die Leute zu warten, bis ich etwas genossen habe. Dann erteile ich den Hilfe- . suchenden Rat bis tief in die Nacht hinein. Dabei muß ich vor Müdigkeit auf dem Rücken liegen und werde oft so schwach, daß ich kaum weiter sprechen kann. So fließen meine Tage hin." Bei dieser erstaunlichen, aufreibenden Arbeit und Inanspruchnahme war Maimonides, der bewundernswert produktive Religionsphilcsoph, auch als medizinischer Autor von fruchtbarer Wirksamkeit. Bewundernswert schon, weil er der gründlichste Kenner der arabisch-griechisch-medizinischen Literatur war. Gerade die Kritik, die Maimonides gegenüber dem Griechen Galen übte, diesem Fürsten der Aerzte, dessen Lehren wie ein Dogma als unantastbar galten, sichert für alle Zeiten ihm eine mehr als gewöhnliche Stellung als medizinischer Schriftsteller. Die Bielseitigkeit des Stofflichen seiner Schriften zeigt am besten seine ärztliche Universalität. Abgesehen von dem Material, das sich in seinen ausgedehnten rcligioüsphilosophischen Schriften über hygienische, diätetisclze Gesundheitsfragen, über die Terefa-Lehre, die medizinischen Grundlagen von Ritualvcrschriften, z. B. der Beschneidung, reichlich findet, existieren von ihm noch etwa 16 größere Werke medizinischen Inhaltes. So vor allem sein Traktat „De Regimine Sanitatis", eine Anleitung zur Gesundheitspflege, gewidmet dem Sultan El Malik el Äfdhal. Die Hauptbedeutung dieses Werkes, das heute noch durchaus modern wirkt, ist die erstmalige Hervorhebung der Wichtigkeit der Seelenhygiene, d. h. der Forderung seelenärztlick)er Tätigkeit und Einfühlens des Arztes in die Individualität des Leidenden. Der Arzt soll Philosoph und Kenner der Organe und ihrer Veränderungen sein. Bezeichnend ist. daß im Arabischen « „Hakim" der „Weise" und „Arzt" heißt. Hier wird der Arzt zum Psychologen. Und darum beansprucht diese Schrift in der modernen Zeit noch vollstes Interesse. auch S> lbst- Gu Das Ziel aller Seelenhygiene ist, den Weg der crziehung zu gehen zu einem ruhigen Gleichmaß der Lek auffasfung, zu einem Gleichmut, zu einer Unerschütterli allen ^.Gestaltungen des Lebens gegenüber. Das „aequ inemento rebus in arduis fervare mentein" des Hora; aber bei Maimonides frei von fatalistischer Weltstimmp sondern ein positives und abgeklärtes Lustgefühl. Im Bei dieses Sendschreibens scheut sich Maimonides, der nie Liebediener der Fürsten war, nicht, dem auftraggebe Herrscher, in dessen Nähe jeder zitterte, und von dessen schließlich auch er selbst abhing, die Fehler seiner Unmälß keit und seines zügellosen Lebens in einem Sündenregffi vorzuhalten. So gibt er ihm die warnende Hippokrat Lehre: „Wir erhalten unsere Gesundheit, indem wir uns Uebersättigung hüten und jede übermäßige.Anstrengung meiden." Noch heute gelten die Wahrheiten hygieni Diätetik dieses Sendschreibens, die selbst 800 Jahre nich: verbessern vermochten. Ein"zweites großes Werk sind Aphorismen, genannt „Pirke Mosche". Sie sind berü uyd bedeutend schon durch den Nachweis von etwa 40 fallenden Widersprüchen und Jrrtümern Galens und ze Maimonides als originalen, selbständigen Denker und Ueberlieferung nicht sklavisch ergebenen Kritiker. Auf suchen der ägyptischen Regierung erschien seine Schrift: Gifte und ihre Heilung". Sie behandelt den Biß gifti Tiere (Schlangen und tollwütiger Hunde) und hat bis ihren wissenschaftlichen Wert und praktische Anwendbais nicht verloren. Besonderen Wert besitzt heute noch mustergültige Schrift über Hämorrhoiden; vor allem die Erkenntnis, daß schlechte Verdauung ihre Ursache entsprechende Diät die richtige Verhütung ergebe. Schrift enthält eine detaillierte Kostordnung. Diese liest enschkeit am ist "g, dlg ein «fden "st igter I'che vor oercher 3" sbine ühmt «ufgen der Erstber ger jetzt keit s^ine rch und Die sich dr wie ein neuzeitlick^es Lehrbuch der Derdauungskrankheiten. Eigenartig erscheint es vielleicht, wenn Maimonides, dieser sittenstrenge Gelehrte, als Autor einer Ars Amatoria, einer Art Liebeskunst sfch zeigt. Sie ist zwar weit entfernt von der indischen Behandlung dieses Gegenstandes und ebenso nicht zu' vergleichen mit der Ars Amatoria des Ovid. Entstanden, gleichfalls auf Veranlassung eines Sultans, enthält^ sie in ernster, würdiger Form eine Physiologie und Pathologie des Liebeslxbens und in breiter Ausführlichkeit die gewünschte sanitäre Belehrung. Im übrigen gilt bei Maimonides das alte Whrt „Raturalia non sunt turpia." Noch eine Reihe anderer Werke medizinischen Inhalts sind auf uns gekommen. Doch die Würdigung der medizinisch-histo-. rischen Bedeutung und eine ins Einzelne gehende Darstellung aller ärztlichen Werke d.es Maimonides sei für eine andere Stelle Vorbehalten. Bon unvergänglichem Wert und allgemeinem Interesse sind auch heute noch die allenthalben auch in seinen religionsphilosophischen Werken verstreuten, oder ausführlicher behandelten hygienischen Grundsätze, so daß man sagen kann, daß der Gesundheitkodex des Maimonides das hervor: ügendste Monument de^sozialhygienischen Gesetzgebung allein Zeiten und Völker, ja vielleicht die uinfassendste Gesunoheitsordnung. die je erlassen worden, ist. weil sie alle Leldensbeöingungen und Leoensforddrungen umfaßt. Die Haaptregeln sind etwa folgende: Gesundheit und Rüstigkeit d«S Körpers ist unerläßliche Bedingung zur Ausbildung des Neistes und zur -Erreichung eines höheren religiösen Zieles. Es ist daher Pflicht, seine Leidenschaften und Begierden zu zügeln und sich von allen gesundheitsschädlichen Dingei« fernzuhalten. Nur der Tor schlürft.mit den Bechern der Sinycnlust Tod und Derderben, der Weise versteht sich zu nlhßigen. Alle Gesundheitsregeln werden zu religiösen und e hischen Nonnen erhoben.' Mäßigkeit im Essen und Trinkc n ist Haupterfordernis. Nicht Gaumenkitzel oder Schmackhaftigkeit bestimmen den Wert der Rahrung. sondern das Krc «fördernde. Man solle sich nie vollesse»7 sondern etwa den Ivierten Teil des Appetites ungestillt lassen. In einer rinendlichen Fülle finden sich Weisungen über klimatische Einflüsse, über Wohnungshygiene, wobei schon auf die miasmentötende ^Kraft der Sonne hingewiescn wird. Besondere Borschristen finden sich über das Bad, das einmal in der Woche ein unabweisbares BedürfnisTst. Die Wasserwärme, Zeitdauer, Verhalten in und nach dem Bade, Prophylaxe der C rfälfung dabei werden eingehend behandelt. Für den Schlaf «erlangt er 8 Stunden. Aufstehen solle inan vor Sonnenaufgllng, nie nach dein Essen oder auch nicht am Tage solle man sich dem Schlaf hingeben. Interessant ist die Begründung uni« Empfehlung körperlicher Uebung, die in mittelmäßig anst:engender Gymnastik auch von Aelteren geübt werden soll. Besonders empfiehlt er Ballspiele, Fechten und Atemübung!m. Wir wissen heute die Bedeutung der Atemgyinnastik fsür Kreislauf und Lunge woh5 zu schätzen.. Die Ernährtingshygiene erstreckt sich auch auf Quantität, Qualität und Reihenfolge der Speisen. Eigentlich genügt eine einzige Speise. T ei größerer Speisenfolge sind die leichtesten vorweg zu nehmen, also Gemüse vor Eiern, Eier vor Geflügel. Weingenuß, der ja im Islam verboten ist, hält er in mäßigen Mengen, die nicht zu Trunkenheit führen dürfen, besonders bei alteren Personen für zulässig, für höher Gebildete und ernstgestimmte Menschen sei er nichts Gutes. Leichtes, süßes Bier hingegen empfiehlt er wegen der guten, abführenden Wirkung und der Verhinderung der Gasbildung. Trinkrnasfer soll nur abgekocht geirossen werden. Eigenartig berührt es, bei Maimonides schon den Gedanken der Berhütung erbkranken Nachwuchses anklingend-zu finden in dem Verbot, aus einer Familie von Aussätzigen oder Epileptischen zu heiraten. Als ausüb mder Arzt war Maimonides rationell denkend, aller Mystik und allem Aberglauben seiner Zeit fernstehend. „Tie Augen sind vorwärts und nicht rück-

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