Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 7 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 7 Bre & i au er Jüdisches Gemetnbedlak^ Wissenschaft hatte die Zweckmäßigkeit der Organismen weit schärfer erkennen lehren, als es dem Aristoteles möglich war. Sie hatte gezeigt, daß die Tiere auf die Pflanzen, manche Pflanzen (zu ihrer Befruchtung) auf die Insekten, daß der Mensch auf Tier und Pflanze angewiesen ist. Dieser Zusammenklang der Natur erklärt sich wissenschaftlich weit besser durch die Annahme eines frei schaffenden, selbständigen Willens, als unter der Voraussetzung einer mit Notwendigkeit wirkenden Lebenskraft. So weist denn die Religion der Philosophie Wege zu ihrer eigenen Entwicklung: und es ist sehr beachtenswert, daß sich Maimuni zu dem Gedanken der göttlichen Weltschöpfung in seinem philosophischen Hauptwerk viel bestimmter t>ekennt als in den nichtphilosophischen Schriften. Aber selbstverständlich verleugnet er auch hier den Philosophen nicht. Die Philosophie tritt auch hier neben die Religion — nicht um sie etwas Wesensfremdes oder auch nur cjtwas Neues zu lehren, sondern um ihr den Weg zu klarerer Erfassung ihres eigenen Wesens zu zeigen. Gewiß beginnt Maimunis Gesetzeswerk mit der Lehre von Gott, seiner Unkörperlichkeit, seiner Unvergleichlichkeit. Die näheren Ausführungen dieser Lehre in den einleitenden Kapiteln (die jeder Jude, deutsch oder hebräisch, einmal gelesen haben muß) beruhen gewiß auf den philosophischen und naturkundlichen Anschauungen seiner Zeit. Die späteren Gesetzesdarstellungen, obwohl sie sich sonst an Maimunis Aufbau hielten, haben diese Einleitung sortgelassen. Allein nannte Maimuni sein Werk nicht ..Mischne Thora", d. h. „Wiederholung der Thora"? Und legen wir nicht Gewicht darauf, daß Thora für uns gewiß Gesetz, aber doch nicht nur Gesetz, sondern ebenso sicher auch Lehre, besonders die Lehre von der göttlichen Einheit, ist? Wohl kündet Maimuni, gerade im Mischne Thora, tiefe Ehrfurcht vor jeder überlieferten Gesetzesbestimmung: und ausdrücklich erklärt er, daß auch diejenigen Bestimmungen Anspruch auf unsere Achtung und unfern Gehorsam haben, deren Grund uns etwa nicht zugänglich ist. Aber allerdings soll unsere Gesetzesbeobachtung Gottesdienst sein: Gott dienen und Gott lieben aber kann nur, wer ihn erkannt hat, soweit das uns Menschen möglich ist; daher haben den Vorschriften über den Gottesdienst dik Grundlinien für Gotteserkenntnis voranzugehen. Die einzelnen Bestimniungen des Gesetzes entnimmt Maimuni selbstverständlich der Tradition. Aber freilich kann und muß uns nach ihm die Philosophie helfen, törichte Bräuche auszuschalten, die sich wie Krebsschäden an das ursprüngliche reine Judentum angesetzt haben. Es gab damals manche Juden — sie sind vielleicht heute noch nicht ganz ausgestorben —, welche in der Mesusa nur ein Mittel zur Abwehr böser Geister erblickten. Zur Verstärkung dieser Wirkung schrieb man Engelnamen und dergl. in die Mesusa hinein. Solche Leute, meint Maimuni, haben ihren Anteil am Jenseits verwirkt. ,.Denn diese Narren — nicht genug, daß sie gegen das Gesetz verstoßen, sondern sie ändern das hohe Gebot der Anerkennung der göttlichen Einheit, der Gottesliebe und des Gottesdienstes derart ab, wie wenn es sich um ein Amulett zu ihrem Nutzen handelte,"wie ihr einfältiger Sinn es ihnen einredet". Wie stark Maimuni im einzelnen die Forderungen einer religiös-wissenschaftlichen Weltanschauung bei seiner Darstellung der Gesetze zur Geltung gebracht hat, können wir hier nicht näher ausführen. Eingehender kommen wir in einem Aufsatz, der in den nächsten Tagen in der hiesigen „Jüdischen ^itutzg" erscheinen wird, daraus"zurück. Soviel aber ergibt sich oereits aus diesen kurzen Ausführungen: 'Philosophie und Judentum stehen bei Maimuni nicht nebeneinander wie zwei verschiedene Geistesmächte, zwischen denen er nur eine Brücke schlägt. Die Wissenschaft lehrt uns vielmehr rtach ihm, die Reinheit des Judentums bewahren, seine Tiefe urcki seine Eigenart erkennen; in diesem seinem eigensten Sinne aufgefaßt, erweist sich das Judentum als der „erhabene Glaube", wie ein Vorgänger Maimunis es genannt hat. Aus dieser Ueberzeugung heraus fand Maimuni die Kraft, trotz der furchtbaren Verfolgungen, die ihn und seine Familie von Land zu Lande hetzten, die Treue zum Judentum freudig aufrechtzuerhalten und im Bekenntnisse zu feiner ewigen Wahrheit seinen Zeitgenossen und späteren Geschlechtern ein Vorbild zu sein. TUaimoniöes und des Oflam von Dozent Dr. Heinrich Speyer Daß der Islam in eine Beziehung zu Maimonides — arabisch: Abu Jmran Musa ibn Maimun ibn Abd-Allah, rai's al-umma — gesetzt werden muß, ergibt sich schon daraus, daß dieser einen großen Teil seiner Werke arabisch schrieb. Nun ist zwar der arabische Stil des Maimonides nicht an dem klassischen Arabisch zu messen. Er bedient sich neuer Ausdrücke und wendet alte Ausdrücke in neuer Bedeuttmg an. Damit steht er in der Reihe der mohammedanischen Gelehrten, die die Grundlagen einer neuen religionsphilosophischen arabischen Terminologie schufen und unterscheidet sich auch wieder von ihnen. Denn auch der Sprachgebrauch des Hebräischen, das Maimonides meisterhaft beherrschte, hat auf seinen arabischen Stil eingewirkt. Aber an dem Arabisch Saadjas oder Jehuda Halleois gemessen, ist seine Sprache reiner und klassischer. Das Verhältnis des Maimonides zum Islam muh darum auch ein stärkeres gewesen sein. Es kommt am klarsten in seinem in hebr. Sprache geschriebenen Jggeret ha-schemad zum Ausdruck. Als in Fez die fanatischen Almohaden die Andersgläubigen zur Annahme des Islam oder zur Auswanderung zwangen, und ein Schein- ' mohammedanertum entstand, das zwar nicht, wie das spätere Marannentum zur Ausübung eines fremden Kultes zwang, aber das Bekenntnis der Grundlehre des Islam forderte, hat der junge Moses reichlich Gelegenheit gesunden, mit arabischen Gelehrten Umgang zu pflegen. Die Behauptung seiner späteren mohammedanischen Biographen Al Kifti und Abu-l-faradsch Bar Hebräus, Maimonides sei zeitweilig zum Islam übergftreten gewesen, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf diesen Umgang mit arabischen Gelehrten zurückzuführen und zeigt, wie sehr sich Maimonides auch die Wissensgebiete des Islam zu eigen gemacht hat. Er hat die mohammedanische Gesetzeskunde, wie man sie an den Lehrschülen studierte, und auch die Traditionsliteratur kennengelernt. Die aristotelische Philosophie, wie sie durch Alfarabi und Ibn Sina vermittelt wurde, hat tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Im Gegensatz zu einem jüdischen Gelehrten, der behauptete, daß die jüdischen Scheinmohammedaner, selbst wenn sie die jüdischen Gesetze im Geheimen treu befolgen, als Abtrünnige pnd Götzendiener zu betrachten feien, und daß der Islam mit seinem Kaabakult unter den Begriff des Götzendienstes falle, dem man nach talmudischer Lehre selbst bei drohender Lebensgefahr nicht huldigen dürfe, sieht Maimonides in dem erzwungenen Mohammedanertum keinen Abfall. Er Unterscheidet zwischen der freiwilligen Abtrünnigkeit eines Jerobeam und denjenigen, die zur Zeit grausamen Religionszwanges jüdische Gesetze übertreten mußten, und die nirgends als Frevler bezeichnet werden. Die Behauptung, daß die Mohammedaner einen Götzen in Mekka