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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1935-04-15 · 7 (15.4.1935) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
12 (1935)
Issue
7 (15.4.1935)
Date
1935-04-15
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt der Talmud liebt, bevorzugt, mochte er zuweilen auch den Dezisionen des jerufalemischen Talmud vor denen des babylonischen den Vorrang geben, die Kodifikation des Maimonides zeigt bei alledem die ununterbrochene Kontinuität der Tradition. Er bringt die gesamte Gesetzeslehre früherer Zeiten in ein geschloffenes System. Er selbst nennt seine Meister. Es find die Gaonen, ,,die in Palästina wie in Babylonien, in Spanien und in Frankreich erstanden, (den Forschenden) durch die gewundenen Pfade der GeMara leiteten, um deren Geheimnisse und tiefen Sinn zu erhellen." Ohne daß er im Mischne Tora Namen nennt und Entscheidungen der Vorgänger zitiert, wird die von ihm formulierte talacha genährt durch die von Generationen durchgeführte esetzesforschung. Die Quellen siiid dank der vollendet synthetischen Kraft des Meisters nur verdeckt, aber nicht ausgeschaltet. Anders aber als bei den Gaonen ist es bei Maimo-, indes nicht der Einzelfall, nach dessen Klärung er sucht. Nicht die Analyse steht >bei ihm im Vordergrund. Aus den Einzelheiten erschließt sich ihm der Sinn des Ganzen. So erscheint der Genius als die Summe der Kräfte der Dielen. Er selbst aber erhebt^mit der intuitiven Schau des wahrhaft Erkennenden den Lehrgehalt des Judentums über alles Menschliche und Persönliche hinaus in die höchste Sphäre des religiösen Denkens. Die geiftesgeföidjtltcfye 'Bedeutung den Ttlaimenidee * Don Dozent Dr. AlbertLewkowitz Wenn die Judenheit der Welt den 800. Geburtstag des Maimonides festlich begeht, so bedeutet dies nicht nur die Ehrung eines jüdischen Geistesfürsten, sondern zugleich ein Bekenntnis zu der geistigen Richtung, die Maimonides machtvoller als andere Denker des Mittelalters der jüdischen Weltanschauung gegeben hat: es bedeutet das Bekenntnis zu der Synthese von Judentum, und europäischer-Kultur. Die Größe des Maimonides liegt in der Tiefe, mit der er in der jüdischen und der griechisch-arabischen Geisteswelt wurzelnd, diese beiden Welten vereinigt hat. Wie schwierig aber die Vereinigung dieser beiden Geisteswelten war, wird deutlich, wenn uns das Wesen jüdischer und griechischer Weltanschauung zunächst in ihrer Sonderheit zum Bewußtsein kommt. Jüdische Weltanschauung ruht auf dem Grunde der Offenbarung, deren Verkünder der Prophet ist. Der Prophet verkündet im Namen Gottes die Existenz des Einzigen Gottes, des Schöpfers der Welt, seine Forderung der Gottesliebe und der Menschenliebe, den Bund.der Wahrheit, des Rechts und der Liebe, den Gott mit Israel geschlossen hat, damit dieses ein „heiliges Volk" sei, das den Völkern der Welt zum Licht der Golleserkenntnis und zum Lehrer des Rechts und der Treue werden soll. „Heilig sollt Ihr fein, denn heilig bin ich, bin ich. der Ewige, Euer Gott!" (III. B. M. Kap. 19, 2.) Diese Erkenntnis von Gott und dem Sinn des Menschenlebens ruht auf der Offenbarung Gottes in der Seele seiner Frommen. Griechische Weltanschauungchat die Freiheit und Selbständigkeit menschlicher Erkenntnis zur Voraussetzung. Wie die griechische Kunst nicht bei dem einzelnen Objekt der sinnlichen Wahrnehmung stehen bleibt, sondern in aller Bestimmtheit des konkreten Gegenstandes seine typische Formgesetzlichkeit mit ruhiger Klarheit erfaßt, das Einzelne zum Typus erhebt und adelt, so erkennt griechische Wissenschaft das All der Dinge in seiner großen Gesetzlichkeit und Formbestinnntheit als einen Kosmos von Ideen, begreift sie die Wirklichkeit als ein göttliches Leben. „Wie alles sich zum Ganzen webt! Eins in dem andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen. Und sich die goldenen Eimer reichen! Mit segenduftenden Schwingen vom Himmel durch die Erde dringen, harmonisch all das All durchklingen!" Das ist griechische Weltanschauung, Anschauung der Natur als des Wirkungsraumtzp des Göttlichen. Griechischer Pantheismus ist Einheit von Natur, Gesetz und Idee als Emanation Gottes. Es ist die große, philosophische Leistung des Maimonides, wie er in seinem philosophischem Hauptwerk: More Newuchim, der „Führer der Irrenden" um der Wahrheit und Wahrhaftigkeit willen diese beiden in ihrer Verwandtschaft so gegensätzlichen Welten jüdischer und griechischer Frömmigkeit und Weltanschauung zu vereinigen bestrebt war: Ruht jüdische Frömmigkeit auf dem Bewußtsein der Souveränität des weltüberlegenen transzendenten Schöpfergottes, so sucht Maimonides gegen die Autorität des Aristoteles die Schöpfung der Welt anstatt der Weltewigkeit, die Aristoteles lehrt, wissenschaftlich zu erweisen. Gründet die Wahrheit der jüdischen Religion auf der Wahrheit prophetischer Gotteserkenntnis, fo bemüht sich Maimonides, di? Autorität des Propheten dadurch philosophisch zu sichern, daß er im Propheten den Weisen sieht, der im Besitze höchster sittlicher und wissenschaftlicher Fähigkeiten und Tugenden zur über das Maß des Menschlichen hinausragenden Gottesschau begnadigt wird. Verneint die neuplatonisch-oristotelische Philosophie die Möglichkeit einer das Wesen Gottes erschließenden Gotteserkenntnis und läßt sie nur das Denken als Gottes Eigenschaft gelten, so korrigiert Maimonides diese Anschauung durch die jüdische Lehre, daß wir zwar nicht Gottes Wesen, wohl aber fein Wirken kennen, daß die sittlichen Handlungen Go7tes sein Verhalten zur Welt und zum Menschen bekunden und wir in den Handlungen Gottes die Vorbilder menschlichen Handelns zu erblicken haben. Recht, Liebe und Treue, die Grundlagen aller menschlichen Ordnungen, sind ein Abbild der göttlichen Weltregierung. Und wenn es nach griechsscher Anschauung höchstes Ziel des Menschen ist, sich zur Erkenntnis der Wahrheit zu erheben, so bejaht Maimonides diese Zielsetzung und sieht den Sinn der Unsterblichkeit in der Äligkeit der von allen irdischen Fesseln befreiten Schau der göttlichen Wahrheit. Bei aller philosophischen Sublimierung der religiösen Weltanschauung "aber verliert das jüdische Religionsg e s e tz für Maimonides nicht feine Bedeutung und absolute Autorität. Diese ist vielmehr grade dadurch gesichert, daß das- Religionsgesetz nicht bloß irdisch-sozialen Zwecken der Volkswohlfahrt, sondern der Vervollkommnung Israels zur Annäherung an Gott in Heiligung des Lebens und Klärung der Gotteserkenntnis djent. So vereinigt Maimonides die Ehrfurcht vor dem Judentum mit der Liebe zur Philosophie, und wurde er grade durch diese innige Vereinigung von Frömmigkeit und Weisheit zum Führer der Irrenden. Nur.in großen Zügen können wir hier den geistesgeschichtlichen Einfluß des Maimonides auf die jüdischen Denker der Neuzeit skizzieren: Beruht die große philosophische Wirkung des Maimonides auf feine Zeit vor allem darauf, daß er die schwierigsten Differenzen zwischen der biblischen und der aristotelischen Weltanschauung auszugleichen versucht hat, so ersteht Maimonides fein größter Gegner in Spinoza. Sowohl gegen den Aristotelismus «wie gegen die philosophssche Begründung des Judentums durch Maimonides erhebt Spinoza Einspruch. Denn die neue Naturwissenschaft-

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