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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1935-04-15 · 7 (15.4.1935) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
12 (1935)
Issue
7 (15.4.1935)
Date
1935-04-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Brests u e r Jüdisches Gemeistdeblatt Nr. 7 In der inneren Ordnung, wie in der ä ißercn Systematik, die Maimonides an das talmudische Schisttum heranbrachte, wirkt sich der wissenschaftliche Geist Ser Zeit aus. Die Vertrautheit mit der Kultur der Umwelt, die Schulung an der Art ibrer Bewältigung wisienschaftlicier Probleme verliehen Maimonides Sicherheit und gaben ih n Richtung in der Meisterung dcr-jüdisch-religiösrn Quellen. So gelang ihm eine einzigartige Harmonisierung der Gedanken und eine Systematisierung der Inhalte. Diese Neuartigkeit der Methode erprobte er zunächst in seinem Mischnakommeniar. Neu ist der Vcrsuch, in der Exegese der M i sch n a den wesentlichen lInhall des Talmud vorweg zu nehmen-'). Durch literarhistorische systematische und philosophische Einleitungen ') wies er den Ganzen wie Einzelgebieten der Mischna den eigentlichin Platz im jüdischen Denken an und zeigte die historische Entwickelung, die literarische Struktur und die konstruktiven Grundsätze des Religionsgesetzes auf. Mil scharfer Analyse verfolgte er die historische Linie, um die geschlossene Bahn de , Denkens in der Tradition zu erweisen. Sei^ divinatoris her Blick erkannte die Zgiammenhänge voü religiösen Ideen und Gesetzesformen." Dadurch gewann! er die Post icn, von der sich ihm Werden und Wesen der jüdischen Tradition erschlossen. So vorbereitet fand sich der Leser im Kon i^eniar selbst einer neues» geistigen Oekonomic gegenüber, wel he die talmudische Diskussion ausschalteke. Wenn jene den Lehrgehalt durch die .Konfrontierung verschiedener Lehrineinungcn darstellte. so sind bei Maimonides sprachliche Eisklärung, einheitlich gcschlrssenc Fixierung des ^rundsinnes. der Mischna und Festlegung der Halacha Richtlinien der Mifchnaexegese. Zinn Aufbau des vollendeten Systems der Halacha schien ihm jedoch itoch eine andere Vorarbeit geloten. Grundlage der gesamten Haläcksti ist das- System der Gebote und Verbote der Tora. Im Anschluß an eine alte, riohl noch auf tannaitischen Ursprung zurückgehtnde Traditon ist eilte fixierte Zahl von 613 Ke- und Verboten gegeben'). Bielfache Versuche einer genauen Zählung sind vor Maimanides unternommen worden. Bei ihrer Betrachtung, so sc gt er in der Vorrede zum Seiek Hamizwot ), „brachen alte Wunden auf". In allen entdeckte er Willkür und Systemlo igkeit, deren „Ungeheuerlichkeit" ihn bedrückte. Seinem der wissenschaftlichen Systematik zugcwandlen Geiste fehlte in all den Zählungen der Mizwot die einzig berichtigte. Basis der prinzipiellen Voraussetzungen und der Klassifikation Dies wird von ihm in der Aufstellung von t-s Grundsätzen nachgeholt, aus denen sich ihm diö Prüfung isnd Ordnung wie innere Begründung der Genub Verbote ergibt. I In schwere nt Ringen mit der talmudischen!Dialektik. im bewußten Acitzweichen vor der gewundenen Kasuistik, hat Maimonides den Weg zurückgelegr, um zu der Höhe zu geilster das gesamte Denksich ihm irvssnete. Die halachisch msteinatischen langen, von deraus ein freier Blici gut des. jüdischen Religionsgesetzes wesentlichen Vorarbeiten zu einem Werk waren mit dem Mischnakonlmentar und dem Sefer Hamizwot geleistet. Die Fundamen e waren geschaffen. Der Ilebergang von Exegese zur Systertatik war gegeben. Der Exeget wird zum Kodifikmor. -) Beiliinen wir) die Priorität des Maimchiides in der M i s ch i> a eregeie von . Prof. 21. Harkann, s. 2lnh. z. h-.br. Ueberseyung d. Äcschichre o. Gra:tz, Bd. 4, £. 52. Ausgcnoitmien ist alle» . falls der stommenrar des R. thai Gaoi zur Ordnung Taharok, zu der — anher Nidda — keine Gmlara vorhanden ist. f > Von der souveränen Beherrschung des gesamten. talmud. Lchri'tluins zeugt anher der großen literarhistorischen j und methodologischen Einleitung zum Gesamikommentar insbesondere auch di- Einleitung zum Trakl. Taharot, in dc-r er die in beiten Talmn-den vorhandene Lücke durch Sammlung des in den andren Traktaten verstreuten Stoffes ausfüllte. Rein religionsgesch chtlichen und religionsphilosophischen Charakter tragen die Einleitusiqen zu Abot lind Perek Chelck des Trakt. Sanhedrin. T R. Simlai in Makkot 23 l>. -'-> Vgl. £. /)., Ed. CH. cheller, Pietrfkau 1914, S. 2, 21 nm. 2. War es allein die Not der Zeit, von der Maimoitides in seiner Einleitung zum „Mischne Tora" spricht"), die ihit dazu trieb, durch ein neues V)erk, das aus den Bausteinen des Talmud aufgeführt werden sollte, jenes schwer übersichtliche Schrifttuin entbehrlich zu machen und den dialektisch weitig geschulten, den überreichen Massen des jüdiich-religiösen Wissensstcffels frentd gewordenen Leser mit iteuem Sinn für die Gesetzeslehre zu erfüllen? Auch derWißl'egierige fand nicht mehr Zeit und freien Sinn, Wissen, und Erkeinttmsse der rabbinischen Schriften in ihrer Gesamtheit mit eigencnt Geiste zu umfassen. Wem gelang es noch, das biblische Schrifttunt mit seinem vielen Raükenwerk in Mechilta, Sifrc und Sifra zu ergründen oher sich gar auf den beiden uiteitdlichen Meeren des babylonischeit und jerusaleinischen Talinud zurecht zu findend) j Weit mehr als diese Erkenntnis war cs der Drang nach einer neuen Erfassung der inneren Gnnidsätze lind der Zusammenhänge des Religionsgesetzcs. sie sich „frei von Widerstreit und Meinungsverschiedenheit" osscnbarteit. Nicht mir über dig religiöse Praxis des Tages wird Belehrung geboten. Eine einheitliche Fixicnnig des ideellen und gesetzlichen Grundgehaltes des gesamten Itldeniums liegt im Mischne Tora vor. Was Maimonides gibt, ist in Wesen und Systematik mehr als ein praktisches Buch. Der Mischne Tora ist ein Weglyeiser durch die gcsantte jüdische Lehre, wie sic sich in der Folge der Generationcit über die lalmudnche und gaonäische Zeit hinaus ausgebildet Hai. In der Konzeption seines großen Gcsclzeswertes machte sich Maimonides zunächst von der Ordnung des Traditionsfroffes, die seit der Abfassung der Mischna für alle Talmudgclehrten undlErklärer der gaonäischen Zeit maßgebend war, völlig frei. Verschwunden ist die Bindung an die Sechsteilung der Mischna, die in den „Halachot" des R. Izchat Alfaffi, des talinudisch-wissenschaftlichen.Vorbildes des Maimonides, getreulich bewahrt wird. Vollständig beseitigt ist jede Diskussion über die Gesetze, jede Aneinanderreihung und Gegenüberstellung divergenter Lchrmeinungen. Das Festhalten an den Wcrtprägungen des rabbiii'schen Schrifttums ist zumeist aufgegebeiO). Quellen werden nirgends genannt. Bei vielen Entscheidungen sind Quellen überhaupt nicht nach-, weislxir. Von seinen Gegnern wurde Maimonides vorgeworscn, daß er vielfach von den Entscheidungen der Tradition abmeicht, Lehrmeinungen des Religionsgesetzes mißachtet und aus eigenem Ermessen zu abweichenden Dezisionen gelangt. Stellt der Mischne Tora darum einen Bruch mit der Vergangenheit dar? Ist es nicht nur die 'Abweichung von der kalinudischen Ordnung, die neue Systematik in der Verbindung van religions-, und rechtsphilosophischen Betrachtungen mit der Formulierung des rein religionsgesetzlichen Stoffes, die das Wesentliche des maimonidischen Gesetzeskodex ausmachen? Ist der Mischne Tora gar das Produkt souveräner Gesetzesautorität? Die Wahrheit solcher Voraussetzung würde die literarische! Fehde verständlich machen, die das Hauptwerk des Maimonides zu seinen Lebzeiten und noch mehr nach seinem Tode/'umkämpfte, ja verungliinpfte. Neuere Forschungen und' Funde auf dem Gebiete der gaonäischen Literatur zeigen hingegen den Ursprung mancher Gesetzesfasfung des Maimonides bei den früheren Trägern der rabbinifchen Tradition. Mochte sich die souveräne Stellung des Maimonidcs gegenüber der talmudisckzen Exegese der Mischna auch darin offenbaren, daß er logische, spekulative und historische Erklärungen vor rein formalen, wie sie oft ") „Und dieser Zeit verstärkte» sich in, Uebermaß die Leide», und die Bedrängnisse der Stunde beherrschen alles Interesse. Verloren ist die Weisheit unserer Weisen, und die Verminst der Einsichtsvollen ist oenblen>det." (Einl. zu M. T.) 1) Ibd. i s) Während der Mischnokrimnenlar und Sefer thamizivo, in arabischer Sprache geschrieben sind, ist der Mischne Tora im rabbinischen Hebräisch abgefaht, unter völliger Weglassung aller aramäischen sprachlichen Bestandteile. » L

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