Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 7 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3970005-7569529-7569753--2266-3972112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 7 Breslauer jüdisches Gemeindfblatt Gründen der biblischen Gebote aufzuwerfen. Wahre Frömmigkeit ist ihm vielmehr sehr wohl vereinbar nit verstandesmäßiger Erforschung und kritischer Prüfung der religiösen Lehren und Gebote. Maimonides bezeichnet im jüdischen Mittels ter die höchste Stufe verstandesmäßigen Denkens und doch zugleich die Ueberwindung des Rationalismus. Es ist schöpferische Kritik, und eben deswegen nicht abschließend, sonder i fruchtbar und weiter führend. Das 13. Jahrhundert biingt im Judentum eine Wendung zur mystischen Richtung, d is Mißtrauen und die Gegnerschaft gegen die Philosophie erwacht, ein Menschenalter nach Maimonides' Tode entzündet sich an einem erbitterten Streit um seine Schriften der Kampf um das Recht der freien Forschung im Judentum. 2iefer Kampf yat — freilich mit einer großen Unterbrechung - üs zum Ende des Jahrhunderts gedauert und ist damalunentschieden geblieben. Aber die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung ist gewahrt geblieben. Zugleich aber tritt eine andere Wirkung des Maimonides in die Erscheinung. Weitgehend setzen sich auf der Höhe der Scholastik die großen christlichen Gelehrten mit dem Werk und den Anschauungen des gelehrten jüdischen Philosophen auseinander, und zugleich mit diesen, mit Albertus Magnus und Thomas von Aquino, weist auch die christliche Mystik, Meister Eckehart, Einwirkungen des Maimonides auf. Die Einflüsse sind weiter in der Philosophie der Renaissance zu verfolgen, und das Denken der Neuzeit ist von Maimonides beüinflußt worden. Es seien hier nur die beiden großen Namen Spinoza und Leibniz genannt. Innerhalb des Judentums hat seine rabbjnische Wissenschaft bestimmen!) eingewirkt, aber auch seine Philosophie ist selbst in den düstersten Zeiten nicht ganz vernachlässigt' worden. An ihm hat Moses Mendelssohn sich philosophisch gebildet. Er hat das Denken, die Forschung im höchsten Maße befruchtet, sein Lebenswerk ist lebendig geblieben. In allem Schwanken und aller Unsicherheit unserer Zeit kann und soll er uns Führer sein zu gläubiges freier Wissenschaft'). ') Der Schl i Schriftchen, deutsch^ einen Einblick;u wähnten ist zu nenji chim im ©runbri j Alexander Altmani ckenverlog hat zur Gedenkfeier drei kleine» n liebe rseßungen aus Maimonides auch dem Laien oerschaffen gesucht. Außer den beiden bereits erien: Des Rabbi Mosche den Maimon More Nnvu- Auswahl, Uebertragung und Nachwort von Tttofes Ben Tttaimon und die <8eftaltung des jüdifüjen TiefigionS'&efeQes Von Seminar-Rabbiner. Dr. I s r a e l R a b i n Das gesamte jüdische Schrifttum bietet von sei len Ur- ) anfängen an das Phänomen einer organischen Verbindung/ von religiöser Idee und religionsgesetzlicher Form. Jn^ biblischen Schrifttum nimmt die gesetzliche Regelt ng des kultischen und rituellen Lebens wie der sozialen Gestaltung der Gemeinschaft, in deren Sphäre Zivil- und Kriminalrecht inbegriffen sind, Ausgang wie innere Kraft von >dei' Wucht und Leidenschaft des religiösen Grundgehaltes. N it nicht geringerer Deutlichkeit, wenn auch in quantitativ anderer Verteilung, ist diese organische Verbindung von religiöser Idee und Form im rabbinischen Schrifttum, dem kulturellen Ausdruck des innerjüdischen Seins von der Zeit E-ras bis zum Abschluß des Talmud, gegeben. Das scheinbar der Systematik entbehrende Beieinander und die Nnge lundenheit der Darstellung mindern nicht jene innere Bintung an das Religiöse und waren natürlich und verständlich n einer Zeit, in der das gesamte Leben sich aus der religiösen Sphäre entwickelte. Berührungen mit der Umwelt aber schufen in der jüdisch-religiösen Welt anders geartete geistige Zustär de, und es ergaben sich für viele neue seelische Notwendigkeiten. Beim Ausgang der gaonäischen Periode und In bei beginnenden Epoche des spanischen Judentums lenkten jüdische Denker, zugleich bei intensiver Beschäftigung mit dem talmudischen Schrifttum, ihr Augenmerk insbesondere auch auf philosophische Spekulationen und wandten sich dabei in Inhalt und Form neuer Systematik und neuen Methoden zu. Innerhalb der Pflege des talmudischen Schrifttums aber bewahrten sie durchweg noch die alte Form des Kimimentierens und Deutens und vor allem"das Gefüge der ursprünglichen talmudischen Ordnung. Der erste, der sich dieser Discrepanz der Metho >en mit der unabweisbaren Forderung nach Wandelung durch eigene schöpferische Tat bewußt wurde, war Maimonides. Er erkannte die Zeitnotwendigkeit, dem Geisteswerk des Talmud eine neue Architektonik zu geben, die Fülle der Lehre Erklärungen, Deutungen und Neuerungen in ein geschloffenes, übersichtliches System zu bringen. Seine Hauptarbeit richtete sich, von seinen jungen Jahren an, auf die Erklärung, Ergründung und Systematisierung der Halacha. Im vielfachen Sinne gelangte Maimonides dabei in seinen talmudisch-halachischen Werken über seine Vorgänger hinaus. Weder die treue Wiedergabe des Wissensstoffes, noch die Aufklärung über die praktischen Erfordernisse' des religiösen Handelns sind ihm letztes und alleiniges Ziel. Cr wollte das Höchste, die Offenbarung des verborgenen Kqrns, die Enthüllung der Urkräfte des jüdischen, religiösen Lebens, wenn er sich daranwagte, den Lehrinhalt des Judentums in ein System zu bringen. Darum verödet die Fülle des Materials bei ihm nie zu toter Polyhistorie. Darum verflacht fein Werk nie' zum praktischen Kompendium vhn Regulativen, die der Jude' im Leben zu wissen und zu befolgen Hai. Genial in der Rezeption des halachifchen Gedänkengutes der Generationen von anderthalb Jahrtausenden, formt er, der Wissende, aus aller Erkenntnis die Substanz, seiner geistigen Persönlichkeit, die kraft eines ihr innewohnenden, ordnenden und erzeugenden Mnnes alle gestrige Produktion wie nach einem ursprünglichen. in ihrem Geist ruhenden Plan entwickelt. Fern liegt es ihm, mit gehäuftem Wissen zu brillieren. Er hebt den leuchtenden Kern aus dem Gedankengut des Judentums. Wer sich seiner Führung anvertraut, hat einen Hauch von dem Ewigkeitswert der jüdischen Lehre verspürt. Ein volles Menschenalter — von seinem 16.. bis zu seinem 56. Lebensjahre — beschäftigt sich Maimockides in produktiver Arbeit vorwiegend mit der Deutung und Sichtung der Traditionsliteratur. In ununterbrochener.Folge den Kommentaren zu einzelnen Talmud- Ausarbeitung er in Jünglingsjahren bevorbereitenden großen Hauptwerk, dem M i s ch n a k o m in e n t a r.- und von ihm zuin „S e f e r H a m i z w o t" und der Fülle der halachischen Responsen. die seine gutachtliche Tätigkeit von ihm erfordert, um fchUeßlich den Mestterlsau des „M i s ch n e Tora" mufzurichten. schreitet er von traktaten, deren gannH, zu dem ') „Und ich versaßto ^Kommentare zu den irrei Ordnungen Moed, Naschim und Nesiki» — mit Ausnahme von 4 Traktaten, .Lie ich noch abfassen will — mrb ebenfalls verfaßte ich einen jKornmentar. zu Chullin." (Einl. zum Mischnakomntentar.) Diese Jltzendwerke sind verschollen. Zweifelhaft ist die Authentizität -es int Jahre 1865 «Vierten Kommentars zu Rosch haschana, erschienen (nach 2 Pariser MSS.) in der Beilage zu Hat' yxmon — *p:2S - 'von 3. Brill, mit Einl. o. Senior Sachs, Paris 1866: Nachdruck durch R. Dow Bär aus Dubrova bei 5). Sulzbach, Breslau 1868, u. a.