Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 7 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3970005-7569529-7569753--2265-3972111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 D^r c 9 l a u e r Jüdisches Gemeindedlatt Nr. 7 aber die großen Talmudgelehrten Deutschlands! und Frankreichs nicht kennt. » -Das ist der geistige Boden, auf dem Maimonides einer alten Rabbiner- und Gelehrtenfamilie entsprossen ist, die ihre eigene geistig kulturelle Tradition hatte. Sein Vater Maimon, Mitglied des Rabbinatskollegiums in Cordova, l>ane zu den Füßen der bedeutenden Schüler! des groben Talmudgelehrten Isaak Alfasi gesessen. Die sorgfältige und vielseitige geistige Ausbildung des Knaben erlitt auch durch die Ereignisse, die den Bestand des andalusischen Judentums aufs schwerste gefährdeten, keine Einbuße. Maimonides war kaum 13 Jahre alt, als die Almohaden aus Nordafrika, von den spanischen Arabern gegen die andrängenden christlichen Smalen zu Hilfe gerufen, das schöne Land für sich eroberten und in ihrem religiösen Fanatismus alle Bewohner zum Bekenntnis des Islam zwangen. Die Juden mußten zum Schein den Islam annehmen cder auswandern. So kam die Familie Maimon nach langem Wanderleben nach Fes in Nordafrika. Aber auch dort herrschte der gleiche Glaubenszwang. 1165 verließen sie das Land, landeten tach wochenlanger, gefahrvoller Seefahrt in Akko, gingen Don dort in das heilige Land und seljr bald weiter nach 2 egypten, wo Mose und sein Bruder David sich in Fostat, e nein Borort von Kairo, niederließen. Der Vater war in Pali »tina zurückgeblieben und starb bald darauf. David b trieb einen Juwelenhandel, dessen Ertrag Mose die Möglick eit gab, sich ohne Sorgen seinen wissenschaftlichen Studien zu widmen. Da ging auf einer Geschäftsreise das Schiff, das David trug, im Indischen'Ozean unter. Die seelische Erschü» erung warf Mose auf das Krankenlager. Wieder genesen sah er sich vor die 'Aufgabe gestellt, für den Unterhalt der beiden Familien zu sorgen. Er ließ sich als Arzt nieder un genoß sehr bald einen solchen Ruf, daß er die ausgebreitete l raxis kaum bewältigen konnte, zumal feit er der Leibarzt de! Wesirs des Sultans Saladin geworden war. Er war der Na> id, d. h. das Oberhaupt der ägyptischen Juden, hatte als soll »er die Leitung der Angelegenheiten der Gesamtheit und du Vertretung ihrer Interessen bei der Regierung; Welch ungehe »re Arbeitsleistung die ärztliche Praxis und das Ehrenamt »on ihm erforderte, erhellt aus einem Briefe aus dem Jal re 1191 an Samuel ibn Tibbon in Lunel-). Neben dieser T tigkeit ging eine ausgedehnte gutachtliche Tätigkeit und eine große persönliche und wissenschaftliche Korrespondenz einh r. Darüber hinaus nahm er wiederholt in ausführlichen S ndschreiben zu wichtigen Gegenwartsfragen Stellung. Das t ne noch in Fes verfaßte richtete sich gegen die Beunruhigt ig, die ein jüdischer Eiferer unter seine Glaubensgenossen get agen hatte, indem er das cmfgezwungene Scheinbekenntnis zum Islam als Götzendienst brandmarkte. Maimonides beton ldemgegenliber, daß der Islam nicht Götzendienst sei, un > sucht die Zwangsbekehnen. die innerlich zum Judentum hieben, seelisch zn beruhigen. Freilich gibt er den Rat, den er au j* sich selbst und den Seinigen erteilt, ein so unduldsames Lc Nd zu verlassen. Ein zweites Sendschreiben bezog sich auß das Austreten eines angeblichen Messias in J<i dortigen Juden verwirrte. men, das di« Köpfe der Daß hieser Mann trotzdem noch die Muß und die geistige Spannkraft besessen Werke zu schreiben, deren jedes di, Gelehrlenlebens hätte sein können, ist Das erste .ist der Kommentar zux Mischna, c während 1 schrieben, großenteils auf der Flucht ohne wissenschaftliche Hilfsmittel gearbeitet, U68!! vollendet Es zeigt den ordnenden Geist des Verfassers, d t Beherrschung des gesonnen Stoffes und die Durchdringung des Ganze». Es en -) Deutsche Ueb-ersetzung bei Elboger, Mosche den Mmmon, aus feinen Briefen und bei Glayer, Rat>bi Moschden Maimoi schnitt durch sein Werk. S. 153 f. (Beide odr hat, seine 1 ei großen Arbeit eit >s ganzen staunenswe t. u rd geistige, pH osophische hält eine I ille wertgefunden rabisch ge- >r Reisen, Das Leben sdes Rabbi anderen Qi tellen, S. 12 Ein systema! sicher Querristen im Sch Ickenoeriag.) vollsten Mattrials zur Erklärung der Realien; aber im allgemeinen geht es weniger auf die Erklärung von Einzelheiten als auf die Zusammenhänge ein und gibt in der Einleitung zu den Sprüchen der Bäter eine systematische Darstellung der jüdischen Ethik und in der Einleitung zum 10. Kapitel des Traktats Sanhedrin eine Abhandlung über die grundlegenden Lehren des Judentums, die er in dreizehn Grundsätze zasammenfaßt. Man hat später diese dreizehn Grundsätze in kurzer Fassung als Glaubensartikel formuliert, f't sind vielfach in den Gebetbüchern abgedruckt. Erwähnt sei jedoch, daß sich frühzeitig Kritik und Widerspruch gegen eine solche abschließende dogmatische Formulierung regte. Fast hundert Jahre nach Maimonides' Tode hat die jüdische Gemeinde in Rom einen ihrer Rabbiner eigens nach Spanien entsandts um eine hebräische Uebersetzung des Mischnakommentars zu beschaffen: Die römische Gemeinde hat sich durch die Ertsaltung dieses Werkes ein bleibendes Verdienst um die jüdische Wissenschaft erworben. 1180 erschien das zweite große Werk, Mischne Thora (Wiederholung oder Zusammenfassung der Lehre), hebräisch geschrieben. Das gesamte Gebiet der religiösen Praxis im weitesten Sinne ist hier, nach Materien geordnet, klar und übersichtlich behandelt, zweifelhafte Fragen werden entschieden, ohne daß die Quellen und die verschiedenen Meinungen angegeben werden. Wer sich über irgend eine Frage orientieren will, findet hier die Antwort, freilich in vielen Fällen die persönliche Stellungnahme und Entscheidung des Verfassers. Diese Methode hat wesentlich die heftigen Angriffe gegen das Werk und gegen den 'Autor hervorgerufen, dem die Gegner vorwarfen, daß er das talmudische Studium habe beseitigen und seine Entscheidungen an dessen Stelle habe setzen wollen. Tatsächlich trat die entgegengesetzte Wirkung ein. Je intensiver das Studium dieses Werkes betrieben wurde, um so mehr mußte man die Quellen aufsuchen und erforschen. Aber dieses rabbinische Werk zeigt die Eigenart des Verfassers, die gegenseitige Durchdringung rabbinischer und philosophischer Wissenschaft, indem es in den ersten Bück)ern eine religionsphilosophische Begründung und Beleuchtung des Judentums gibt. Ein Jahrzehiit später, 1190, mar das dritte große Werk vollendet, fein philosophisches Buch, das seinen Ruhm weit über den Kreis der jüdischen Gemeinschaft getragen hat. Arabisch geschrieben, ist es noch bei Lebzeiten des Verfassers von Samuel ibji Tibbon ins Hebräische übersetzt worden und unter dem hebrässchen Titel Moreh Newuchim „Führer der Verirrten" bekam« geworden. Sehr bald folgte die Uebersetzung ins Lateinische. Die Juden in den islamischen Ländern und die mohammedanischen Philosophen und Theologen studierten es eifrig im Original, die Juden in den christlichen Ländern führte die hebräische Ausgabe zu philosophischen Studien und philosophischer Vertiefung, und die christlichen Theologen des 13. Jahrhunderts gewannen aus der lateinischen Uebersetzung nicht allein die Kenntnis der religiösen und philosophischen Auffassung des jüdischen Gelehrten, sondern auch die Vertiefung und Befestigung der eigenen, gerade damals sich dem Aristotelismus zuwendenden Anschauung. Für Maimonides bestand zwischen den Lehren des Judentums und der Philosophie kein Widerspruch, für ihn war die Synthese von Offenbarung und verstandesinäßiger Forschung gegeben, ihm ist die philosophische Durchdringung des Gottesgedankens und der Gottesoffenbarung nicht nur wissenschaftliche, sondern religiöse Forderung. Auch die Prophetie steht für ihn in dem natürlichen Zysammenhang, sie ist ihm höchste theoretische Erkenntnis, verbunden mit der höchsten Erkenntnis durch Eingebung und Kraft der Phantasie. So geht er an die biblischen Wendungen heran, die von Gott menschliche Ausdrücke gebrauchen. Sie sind ihm bildliche Ausdrucksweise für etwas, was eben die Sprache nicht wirklich wiederzugeben, die Vernunft nur im Gleichnis zu erfassen vermag. So scheut er sich nicht, die Frage nach den <3