Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 2 (31.1.1935)
- Date
- 1935-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3970005-7569529-7569748--2188-3972039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dre» lauer 3 üdIsches Gemeindeblatt Nr. 2 13 500 in Pvfen-Westpreußen, die übrigeil in Baden und Westfalen ansässig, denn nur in diesen Landesteilen war ihnen der Aufenthalt in den Dörfern gestattet. In Preußen wurden die anormalen Verhältnisse noch im Jahre 1818 durch ein Dekret Friedrich Wilhelms III. verankert, das den Juden verbot, in eine Provinz zu ziehen, die eine andere Judenver-' fassung baue als die bisher von ihnen bew rhnte. So konnte man beispielsweise nicht von Altpreußen nach Posen und umgekehrt oder nicht nach Westfalen und t mgekehrt ziehen. Dcnn neben dem Edikt vom 11. März 1812 und neben der von der Napoleonischen Zeit her in mar cher Provinz in .Hrnrt gebliebenen französischen Verfassung zab es auch noch eine sächsische, eine schwedisch-pommersche. eine südpreußische, eine ktirköllnische und andere Jud^nverfaskungen. Einzelne preußische Provinzen hatten so drei, einzelne vier, Westfalen miö Sachsen sogar jede sieben verschiedene I u d c n v e-r f a s s u n g e n. Von einer < chten Seßhaftigkeit kairn man naturgemäß erst sprachen, si itdem diese Derhällnisse sich geändert haben. Troß der Schwierigkeiten läßt sich heute doch die Geschichte vieler jüdischer Familien weit zurück verfolgen. So finden wir in Essen die i Familie 6 o s m a n n von 1550 bis heute ansässig, die Familie S te in in S o e st bewohnte vcn 1705 bis 1919 dasselbe Hai s, in Frankfurt n. Main finden wir die Familie Buxbaum seit 1499, zwei andere seit dem 16. Jahrhundert. Ji Worms lebt die Familie Gernsheim seit 1570, lindere Familien «eit 300 und seit 200 Jahren, j Das Gegenstück zu diesen Geschlechtern bilden manche Familien, die. in jeder Generation ihren Wohnsitz gewechselt haben. Das trifft im allgemeinen beson >ers oft auf die Rabbinerfamilien zu: wir finden den gleichen Vorgang etwa bei den Professoren- und Beamtenfämilien jedes Landes, die in der Wahl ihres Wohnortes von d m Anordnungen des Staates abhängig sind. Oft sind in kiesen Fällen die Wrhnrrre nur durch unregelmäßige Zick-Zack-Linien miteinander zu verbinden.. - Zwischen diesen Extremen liegt die gro;e Masse. Unendlich viele Geschlechter sind vor allem die Straße vom Osten nach Berlin gezogen. In Berlin sitzen tur ganz wenige Familien seit 100 Jahren. P o stz.n und B i eslau sind die Haupretappen für den Zuzug nach Berlin. Ab und zu sind mid) Juden aus Mitteldeutschland nach 8erlin gegangen , z.«. Moses Mendelssohn). Frankfurter Familien haben ihren Ueberschuß oft nach Paris, aber auch'nach L o n d o n abgegeben. Vor allem aber fink — parallel mit der allgemeinen Tendenz zur Auswanderung — in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts piele Juden nach X Tttaetln 'Bubet: D/e jüöifdje Beftijtdjteanfiffaung I:. (freie Jüdische Volkshochschule Breslau. eröfsnete am 2'*. Januar ihr 32. Halbsemester mis einer Feierstunde. in der Prof.?r. M a r k i.n Bub er über jüdische E eschichtsanschauung" -pra.-is D-.-;eni Dr. Lewkowitz begrüßte vor dem überfüllten großen -aal der Leü'ingloge den Äast und! wies auf die Vorlesungen des - beginnenden Halbsemesters hin, Des denen auzer den bekannten Breslauer Dezemen Rabbiner Dr. 'pk a y b a u m (Frankfurt a. Od.) »'irwiklen wird. l Mariin Bub er sieht die jidi'che Geschihtsanschauung nicht als eine Auffassung, wie es deren viele geben k, nn, sondern in der dein Jmd.cnlum ergenlümlichcn, einmaligen Ar begründet, jedes g-.'.hichiliche Geschehen zu schauen uijrd zu «rsahre-i. Hie Philosc-phie har nach dem Sinn gefragt, den «s r der Welk gegeben haben. Der -Sinn beste Hk:'er gibt uns Stärku gemacht haben, In solchen Sinn- Geschichte. Dieser immer wieder Sinn iü Geheimnis: die den Gstchichtsgeheimnisies Gottes, das Raiurgehcimnis -Gottes. Der Meist - gcheimnis: jeweils für sich etwas -.heil und Bestimmung sind frei, wenn'wir uns wirklich zu en Nordamerika ausgewandert. Nach dem Krieg hat eine teilweise Rückwanderung von in der Großstadt geborenen Juden in kleinere Orte stattgefunden (z. B. Akademiker und Kaufleute). , Andere Quellen für die Wanderbewegung bietet vor. allem das Gebiet der N a m e n s k u n d e. So sind die Familiennamen Deutsch, Aschkenasi, Preuß bei den Juden der ganzen Welt anzutreffen. Ebenso sind die Namen Schottländer, Holländer, Böhm, Pollack, Littauer, Bayer, Frank u. a., die jeweils aus ein bestimmtes Land Hinweisen, sehr verbreitet. Nicht immer hat allerdings die Herkunft den Namen gefchaffen: der Handel mit englischen Tuchen etwa kann manchem Handelstreibenden den Familiennamen Engländer gebracht haben. Die vielen Familiennamen, die von Städten herrühren, sind bekannt. Unter ihnen ist die große Zahl, die nach kleinen süddeutschen Orten benannt sind, von Interesse: Auerbach, , Epstein (Eppenstein), Heilborn. Heilbronn (Holpern), Ginsbhrg b. Ulm (Ginsberg) u. a. Oft sind Ortsnamen umgeformt und ihre Herkunft nur noch für den Kündigen erkennbar. Vielfach ist in den Namen der Ursprung aus dem Osten nachzuweisen. Schließlich weisen die nach den Berufen geschaffenen Namen oft auf die Herkunft hin. So ist ein Kretschmer ein schlesischer Bierbrauer, ein Schindler ein böhmischer Dackdecker, ein Kober ein schlesischer Kofferträger. — Die planmäßige Erforschung der Familien- und Namenskunde hat das Studium der Wanderbewegung unter den Juden zu erfreulichen Ergebnissen geführt. Dr. C z e l l i tz e r schloß seine interessanten Ausführungen mit dem Hinweis auf die seit dem Jahre 1933 eingesetzte neue Wanderung vieler Juden, die die spätere Familienforschung vor neue Aufgaben stellen wird. Kurt Schwerin. ★ Im Anschluß an den Vortrag von Dr. Arthur Czellitzer wurde in einem Zusammensein eine schlesische Ortsgruppe der Gesellschaft für jüdische Familienforschung gegründet. Zum Vorsitzenden wurde Prof. Dr. Ing. Alfred Grotte (Breslau), zum stellvertretenden Vorsitzenden Fabrikbes. Hans H. Pinkus (Neustadt OS.) gewählt. Schriftführer ist Gerhard B e t t - s a k (Breslau), Schatzmeister F e l i x P e r 1 e (Breslau). In den weiteren Vorstand wurde Rabbiner Bernhard Brilliirg (Breslau), Max Krieg (Liegnitz), Bankdirektor Arthur L o e w y (Glogau) und Georg Wiener (Oppeln) gewählt. Weitere Vertreter werden aus Beuthen OS., Gleitvitz, Hindenburg und Ratibor in den Vorstand entsandt werden. weil er i fl, nicht weit wir ihn sammenhäitz ey ordnen wir die «glaubte, «rsihrene, angeschaute enschen zug wandte Seite des ernst zu n'hmen ist, wie das und der T >d find das Raturinmaliges, u udeutbares, F r r i - 9 Geschieht»; eheimnis. Wir sind iden vermögen: wir erfahren so das Urgsheimnis unseres -Seins: dann erkennen und nehmen wir das Schicksal als Fügung Gottes und beugen uns ihm. Freiheit und Bestimmung» philosophisch Gegensätze, find im Ablauf der Geschichte aufeinander angewiesen und miteinander verknüpft, eins sind sie letztlich. Das heißt: In der Geschichte waltet nicht dos Schicksal (das Fatum), es gibt keinen -Schicksalsstern für Israel. (!s kennt -keinen Glauben an ein Verhängnis, kennt keine Rolle, die alle künftige Geschichte Israels enchält und.nur abzurollen braucht. Der Mensch wird vielmchr von Gott hereingerusen in den Vorgang der Weltgeschichte, der so zu einem dialogischen wird und kein unabwendbares Schicksal ist. Die Wahrheit der Geschichte ist ein Tun von Gott aus den Menschen hin und «in Tun und -Lassen und Unterlassen des Men-chen auf Gott hin. Wir werden je und -je von der Situation angesprochen: Du, halte der Stunde stand! (5s ist nirgends ausgezeichnet, aber Du weißt, was die Stunde -von Dir erheischt! — Diese Anredle bezieht sich auf alle Menschen: jeder nimmt an seinem Platze, zu seinem Teil -oeranlwortend an der Stunde der Geschichte teil. Diese dialogische Anschauung von. der Geschichte, die uns zu eigen ist, bedeutet zugleich, daß jede Macht der Geichichte, daß alles unter dem Gewicht dieses dialogischen Geschehene zwischen Gott und dem Menschen steht. Keine Macht bestimmt von sich aus! Gott als einziger wacht über der Geschichte und weist allen Mächten, den Siegern und den Kämpfern, den wirklichen Platz am Rande der Geschichte zu. Gott hat Sanherib, König von Assyrien, zu einem