Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- 16 (31.10.1934)
- Date
- 1934-10-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3970005-7569528-7569740--2102-3971961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 16 Breslauer 8Q bische» Semeindeblatt 5 kennzeichneten Verengerung, sondern in viel roeii erem Sinne zu fassen ist, dafür ist der beste Beweis die Tat'ache, daß ein so konservativer Mann wie Zacharias F Zankel die Reform fordert, und daß Samson Raphael Hirsch, der Begründer der orthodoxen Richtung mit seiner Parole^ der Verbindung von Thora und moderner Kultur ein Reformer ist. Es ist das Verhängnis des Judentums, und es liegt "zugleich etwas geschichtlich Großes darin, da; der Aebergang von ghettohafter kultureller Abgeschloss mheit zu modernem kulturellen Leben sich nicht allmähliH, in organischer Entwicklung, sondern plötzlich vollzog, noch dazu in einem überwiegend verstandesmäßig einges ellten Zeitalter. Ueberaus unerfreuliche Erscheinungen, di« hierdurch bedingt waren, mußten den Widerstand glä ubiger Anhänger des Alten zur Starrheit versteifen. Wir verstehen heute kaum mehr die Kämpfe, die in Geigers erste Breslauer Jahre fielen, um deutsche Predigt und knutsche Gebete, um äußere Ordnung im Gottesdienst, un das Ornat des Rabbiners u. ä. Daß in diesekl Kämpfen, die hier in Breslau schließlich zur Zerreißung der Gerreinde führten, auf beiden Seiten gesündigt worden ist, wild kein ruhiger Beobachter verkennen. Ein großer Teil von Geigers Lebensarbeit, namentlich auf dem Gebiete der amtlichen Wirksamkeit, ist in den mehr als 23 Jahren seines Breslauer Rabbineramts geleistet worden. Als 22jähriger ist Geiger 1832 Rabbiner in Wiesbaden gewesen, Ende 1839 hat er sein Amt in Breslau ängetreten, wo er begeisterte Anhänger u ld erbitterte Gegner hatte, 1863 folgte er einer Berufen,; nach seiner Vaterstadt Frankfurt, 1870 nach Berlin. Er war ein glänzender Prediger; der die Glut religiöser In, erlichkeit in klarer, schöner Sprache der Gemeinde zu geben wußte, ein Lehrer, den seine Schüler noch nach Iahrz chnten mit hoher Verehrung nannten. Er hat hier die Rel gionsunterrichtsanstalt der Gemeinde' begründet und g kleitet, aus dem von ihm gegründeten Lehr- und Leseverein ist unsere Gemeindebibliothek hervorgegangen, wie sein«' Dortragskurse die Einführung in jüdisches Wissen gaben, die heute durch eigene Organisationen vermittelt wird. Nichts wäre verfehlter, als in allen Einzelheiten an seinen Anschauungen und Maßnahmen festzuhalten. Hat - er selbst doch in manchen Dingen seine Meinung gehandelt. , Das Wintecljilfsmect ecßcetft fidf aud) auf not leidende Judenl Die im Vorjahre werden aus den Mitteln des Winterhilfswerkes wiederum auch notleidende Juden hetreut. Es ist selbstverständliche Pflicht der deutschen Juden, zum Winterhilfswerk nach besten Kräften beizusteuern. wir appellieren auch an dieser Stelle an den so oft bewährten Opfer- und Gemeinschaftssinn unserer Glaubens- und Schicksalsbrüder. Ge-t füe das Wtntec/jtffsweet 1^34)35 des Veutfdjen Voltes, die geäffte fojlale Aufgabe des Tages! Auch wir religiös Liberalen stehen ihm mit voller Freiheit gegenüber, mit der schöpferischen, anerkennenden Kritik, die er selbst geübt und gefordert hat. Aber wir stehen aus seinen Schultern, auf dem Boden; den er mitgeschaffen hat. Doch auch die konservative Richtung hat allen Anlaß, trotz der Verschiedenheit der' Anschauung mit, dankbarer Anerkennung aus ihn zu blicken. Die Probleme sind heute vielfach andere, das Wirsen der großen Männer seiner Vergangen-, heit ist Besitz des Gesamtjudentums. So ist und bleibt Abraham Geiger unser. Sitzung des Ueieats dee Heidfsvecttetung Am 14. Oktober fand eine Sitzung des Beirates der Reichsvertretung statt. Der Vormittag wurde von Erörtwuugen übe« organisationsfragen ausgefüllt; es wurde im wesentlichen iber di« Frage der Vergrößerung des Präsidialausschusses der Reich»»«! tretung diskutiert. Am Rachmittag hielt Herr Dr. Lallmann ein Referat über Schul- und Bildungssragen. Herr Dr. Franz Meyer gab eine Darstellung der Grundlagen für die Tätigkeit de» Zentralau! Ichusses und ging aus die Frage des jüdischen Nachwuchses und das Problem der Jüdischen Varlehnskassen ein. Hebet die zukünftige Stru tur der Reichsoertretung kamen verschiedene Ansichten zum Ausdruck. Zum Schluß wurde eine Entschließung Marburg hariburg angenommen, in der der Reichsoertretung der Dank für ihre bisherige Tätigkeit und das vertrauen de» Beirat» ansgesprocher wurde. De» weiteren wurde ein neunköpfiger Ausschuß bestellt, der sich mit der ferneren Organisation der Reichsvertretung und der Frage einer Erweiterung des Präsidialausschusses befassen soll^ Auch die Einsetzung eine» haoshaltsausschusse» wurde beschlosien. weiterhin wurde ein Vorschlag des Präsidenten. Herrn Dr. V a e ck. 15 neue Mitglieder für de» Rat durch den obenerwähnten neunglledrigen Ausschuß empfehlen zu lasten, und diese Liste dem- Präfidenten zur Bestätigung zu überreichen, angenommen. Au» der Mitte des Beirats brachte Herr Stadtrat a. D. L e ß. Breslau, den Dank der Tagungs-Teilnehmer für die Arbeit de» Präsidium» de» Ausschuste» und für die Beamten der Reichsvertretung in herzsichen Worten zum Ausdruck. Mit den besten wünschen für die weitere Arbeit schloß Herr Präsident Baeck die Sitzung. Giftes Jtbonnementstoi geet Am Sonntag abend begann im überfüllten Freunhes a a l die Reihe der acht Abonnementskonzerte, die uns Spitzenleistungen in den verschiedensten Zweigen der Musik vermitteln sollen. Das Intereste des Publikums für diese Veranstaltungen ist so stark, daß der Entschluß gefaßt wurde, einen weiteren Zy> lus mit aleichem Programm einzurichten. Wenn die Leitung des Mufikvereins dieses erste Kow ert dem Chor vorbehielt, so darf man darin; unabhängig von onstigcn Erwägungen, zweifellos auch ein Vertrauensvotum für Werner Sander erblicken, dem wir besonders aus dem Gebiet bei Vokalmusik wertvolle Eindrücke verdanken. Die bei den Synag »genkonzerten geleistete Arbeit bildete in gewistem Sinne sogar die Keimzelle für den Musikverein, der nun zum Träger des Breslauer jüdischen Kunstlebens geworden ist. Sander hatte dem ersten Teil des Abends dadurch eine!reiZvolle Rote verliehen, daß er, unter Heranziehung des Soliste«, einen des Jüdiftyen Tttußtoeeeins kurzen lleberblick über die Entwicklung der synagogalen Musik zu geben versuchte. Man vernahm sieben Gesänge, von denen in Breslau nur das „W'schomru" von Birnbaum bekannt sein dürste. Stilistisch gehören Rossis herrliches „Schir hammaalot" und Rittangels „Ki lo naeh" eng zusammen. Dann zeigte sich mehr als deutlich der Bruch zwischen der alten und der neueren Zeit in den Ergüssen der Sulzer, Weintraub, Schorr und Birnbaum. Als ein Beispiel für die zeitgenössische Synagogenmufik sollte Salowon Almans „Sefirat haomer" gelten; aber auch hier trat der Einslust der Romantiker überaus stark in Erscheinung. Der Chor zeigte sich dew großen Anforderungen, die diese Werke ohne Ausnahme stellten, dank der gewiflenhaften Vorarbeit Sanders durchaus gewachsen. Man spürte die kräftigen Impulse, die vcm Dirigenten ausgingen und die gerade der in ihrem Charakter oft so mißverstandenen Synagogenmusik zugute kamen. Wenn in bezug auf tonliche Ausfeilung noch ein paar Wünsche