Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- 12 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I V I Nr. 12 Breslauer Jüdische» Semelnbeblatt 5 ———— -————■ I. — —! ... »I > ' tadle Niveau vorausgesetzt und womöglich das Empfinden dafür verloren haben, welch ungeheure Arbeit erforderlich war, um den jetzigen Status zu erreichen. Ich bin der Meinung, daß die zünftige Rritif, sofern sie aufbauend wirken will, sich besonders in unserer heutigen Situation zuerst einmal dafür einzusetzen hat, dahj diese primitivste Erkenntnis Allgemeingut werde. Der Abend war in der Tat ein bedeutender künstlerischer Gewinn. Dieses Kulturbund-Orchester hat sich schnell zu einem zuverlässigen Klangkörper emporgearbeitet, dem man nun schon eine ganze Anzahl gewichtiger Merke der Musikliteratur anvertrauen darf, ohne auch stur die geringste Inkongruenz zwischen Wollen und Volldringen befürchten zu müssen. Zumindest in technischer Hinsicht liegt" heute keine Veranlassung zum Widerspruch mehr vor; bis zur unscheinbarsten Phrasierung ist alles wohlüberlegt und aufs gewissenhafteste ausbalanciert. , Äe "Linie des Geis ig-Aesthetischen ist freilich, wie dieses Konzert bewies, noch 'echt uneinheitliche Man würde das kaum wahrgenommen haben, wenn uns>nicht diesmal das schon rein äußerlich fthr interessante Programm die Bekanntschaft mit allen drei Dirigenten des Kulturbundes vermittelt hätte. Ohne sie gegeneinander ausspielen zu wollen:, hier wirkt sich die Persönlichkeit dessen, der die Führung innehat, am entscheidendsten aus die Wiedergabe des Werkes aus.! Wir hörten zunächst anstelle der ersten Symphonie von Brahms, die ohne einen triftigen Grund vom Programm abgeseht worden war, Beethovens Erste. Michael Taube hat für dieses noch stark von der Grazie des Rokoko inspirierte Werk nicht immer die wünschenswerten Impulse. Vieles gelingt ihm, auch dank der ständigen inneren Spannung der Musiker, ausgezeichnet, aber das meiste von alledem, was wir gerade an diesem symphonischen Erstling Beethovens so lieben, bleibt unerschlossen. Das Finale wurde fraglos zum künstlerischen Höhepunkt. Es folgte, als eine gewisse Sensation für manchen - unter den Zuhörern, das Es-dur-Konzert für zwei Klaviere von Wolfgang Amadeus Mozart, und zwar mit 'Taube und Rosenstock als Solisten. Selten haben zwei Dirigenten eine pianistisch so durchgereifte, von einem ungewöhnlichen Nüancenreichtum erfüllte Leistung geboten, die auch nicht einen Augenblick an das typische Kapellmeisterspiel erinnerte. Mit denkbar höchster stilistischer Neue wurde das köstliche Werk nachgeformt, und auch in den verhältnismäßig brillanten Kadenzen fand sich keine Uebersteigerung. An dem starken Beifall, mit dem das ' Publikum die beiden Künstler bedachte, hatte das von Intendant Dr. .Singer äußerst diskret und dabei doch ungemein temperamentvoll geführte Orchester berechtigten Anteil. Der Abend, den Intendant Dr. Singer mit einem Hinweis auf das gemeinsame Ziel des Jüdischen Musikvereins und des Kulturkreises zu Btcslau eröffnet hatte, wurde mit Beethovens dritter Leonorcn-Ouvertüre beschlossen, die Generalmusikdirektor R o s e n st o ck wie aus einem Guß erstehen ließ. Seine Art der Orchesterleitung bestach auch diesmal wieder durch die Klarheit und die Logik seiner Bewegungen. Alles an ihm ist von Energie erfüllt; nicht der geringste Zeitbruchteil, in dem das enge Berbundensein mit dem Orchester nachließe. Was wir hörten, war unmittelbares Empfinden, neues, stürmendes Leben, prachtvolles Aufklingen musikdurchdrungcncr Inner-— . lichkeit. Man bereitete Rosenstock lebhafte Ovationen, die er taktvoll auch auf seine Kollegen und das Orchester übertrug. - Martin Ha u s dorff. Felix Theilhaber 50 Jahre Der bekannte Schriftsteller, Sozialhygieniker und Statistiker Felix TheilhabeQ, begeht an, 5. September seinen 50. Geburtstag. Theilhaber ist von Beruf Arzt. Gr nahm al» türkischer Feldarzt bereits am Tripoliskriege 1911 teil, später am Balkankriege und selbstverständlich im Weltkriege in der deutschen Armee. Er hat eine groß« Reihe von Werken geschrieben, von denen wohl „Der Untergang der deutschen Juden" 1 (I9ll) am bekanntesten geworden ist. Sonst nennen wir noch: „Die Juden f im Weltkrieg" (1916), „Jüdische Flieger im Weltkrieg" 1919), „Ein Brevier j mit Herzt-Worten" (1921), „Dein Reich komme. Ein chiliastischer Roman" (1922) und „Schicksal und Leistung, Juden in der Rutschen Forschung und Technik" (1921). Die Aufhebung -es oberschlesischen Schächtverbots Seitens des Büros des Synagogengemeinbeverbandes der Provinz Oberschlesien wird mitgeteilt: „Auf Grund einer mit der Reichsregierung getroffenen Vereinbarung wird vom 27.August 1924 ab ln Oberschlesien wieder geschächtet werden können. Das Abkommen ist indes, worauf mit Rücksicht aus vielfache Anfragen aus dem Reich« hiermit ausdrücklich hingewiesen wird, lediglich dazu bestimmt, die Bedürfnisse der jüdischen Minderheit im Abstimmungsgebiete nach Koscher-Fleisch zu decken. Die Schichtungen sind deshalb kontigentiert, und der Berechnung der Kontingente ist ausschliehlich der Bedarf der jüdischen Bevölkerung in Oberschlesien zugrunde gelegt. Irgendeine Versorgung der Juden im Reiche mit Koscher-Fleisch kommt daher auf Grund dieses Abkommens nicht in Frage." > Jur Durchführung der Schechita im oberschlesischen Abstimmungsgebiet meldet das Isr. Familienblatt noch Nachstehendes: Zur Schächtung von Großvieh wurden die!Schlachthöfe in Beut h e n und Gleiwitz freigegeben, während die Schächtung von Geflügel in sämtlichen Gemeinden des Abstimmungsgebietes erfolgen darf. — Das Kontingent wurde aus dem durchschnittlichen Fleischverbrauch der Gemeinden des Abstimmungsgebiete» für die Jahre 1920, 1921 und 1922 errechnet- Zur Ileberprüfung des ^Kaschruth wurde «in gemeinsamer Ausschuß der Synagogengemeinden Beuchen, Gleiwitz und Hindenburg gebildet, dem folgende Herren angehören: Rabb. Prof. Dr. G o l i n s k i, Arnold Wiener und Gottfried A l t m a n n (Beuchen); Rabb. Dr. Ochs und Hugo K a l l m a n n (Gleiwiß); Rabb. Dr. K a a tz (Hindenburg). > Der Synagogen-Gemeindeverband hat strenge Konttollmaßnahmen geschaffen, die darüber wachen werden, daß keinerlei Versand durch die Fleischer über das Abstimmungsgebiet hinaus erfolgt. l Jüdische Schüler an Fachschulen Di« für den Besuch von höheren Schulen geltenden Bestimmungen erhalten nach einem Erlaß de» Preußischen Unterrichtsministers, an den da» Fachschulwesen nunmehr verwaltungsmäßig übergegangen ist, auch für die gewerblichen, kaufmännischen und hauswirtschaftlichen Fachschulen Geltung. Danach wird die Zahl der für den Besuch von Fachschulen zuzulassenden n i ch tarischenStudie »enden und Schüler in Zukunft mit 1,5 o. H. der Gesamtzahl der Besucher dieser Fachschulen festgesetzt. Angehörige ausländischer Staaten bleiben auf jeden Fall von der Berechnung ousgeschaltet. Palästina im Film - Der Film „Das neue Palästina“, hergestellt unter Leitung von Dr. Jod eil, gelangte am 4. August in der Lessingloge für die Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde zur Erstaussichrung in Breslau, nachdem er schon in anderen deutschen Städten mit großem Erfolge über die Leinwand gegangen war. Der Saal war ausoerkaust. Die Aufnahmen sind namentlich zu Anfang etwas dunkel ge. raten uiü> damit für den Blick geiegenllich unklar. Ader mag man übettiies auch inhaltlich im einzelnen manche Einwendungen zu machen haben, alles in allem stellt Dr. Jodells Filmschöpfung ein anerkennenswertes Werk dar: wir haben in ihm einen recht beachtlichen Rester des unbeugsamen, tatendurstigen jüdischen Aufbau» willens in Palästina vor uns, eine Produktion. In zwei Teilen wird uns das neue Palästina, mit gelegentlichen Abschweifungen in das alte urü> älteste, gezeigt. Der e r st e Abschnitt beschäftigt sich in der Hauptsache mit Tel A w i w und dem dort in mächtigem Wellenschlag pulsierenden, heiß atmenden Leben; gelegentlich werden Abstecher auch nach anderen Zentren des südischen Palästina sowie aufs Land unternommen. Wir tun einen Blick in die Hauptstraßen der kaum 25jährigen Stadt mit ihrem hastenden Getriebe, wir werden bekannt gemacht, mit den ruhigeren Boulevards und dem fröhlichen und packenden Strandleben, wir schauen in Bankpoläste, Verwaltungsgebäude, Jndustriehallen, Handwerksstuben, Ge'chäftsläden, und erfahren vieles Wissenswert« über die Siedlungen und die jüdische Larckiwirtschaft. Der zweite Teil führt uns dann durch ganz Palästina nach Haifa, Akko, durch bekannt« Kolonien, nach Tiberias mit seinem See, hinein ins Syrische, dann nach Gaza, bis wir klopfenden Herzens Jerusalem erblicken. Die heilige Stadt wird uns ausführlich vor Augen geführt, leider indes werden im DAiekerstil die Sehenswürdigkeiten zusammengchtellt, nicht aber im Hinblick auf di« Ziele des Films gewogen. Wir hätten auf manches Bild aus dem nichtjüdischen Jerusalem verzichtet, wenn uns dafür das Mische eingehender zu Gesicht gebracht worden wäre. I > i