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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1934-07-30 · 10 (30.7.1934) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
11 (1934)
Issue
10 (30.7.1934)
Date
1934-07-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Breslauer Silbisches Semeinbeblatt 5 fMiti Hiafchei-e« <h. il. Bialitt9 Die Nachricht vom Tode des großen Dichters CH. N. B i a l i k hat alle, die <rri eine Renaissance des jüdischen Volkes und seines Schrifttums glauben, auf tiefste getroffen. Die jüdische Geschichte hat nicht viele seinesgleichen aufzuweisen. Die Jahrhunderte des Ghettolebens hatten mehr Wert auf die Erhaltung des Ueberlieferten gelegt, als auf die Erziehung zu einem starken Zukunftswillen Die Erlösung der Gemeinschaft und der Menschheit lag allein bei Gott. Aber immer wieder gab es Einzelne, die über den engen Rahmen ihres jüdischen Einzeldafeins hinauswuchsen. Sie wurden das Sprachrohr für die Sehnsucht eines Volkes, zu dem einmal-tye Propheten in einzigartiger Sprache von der Heilszeit, des Volkes und der Menschheit gesprochen hatten. Der Schutt und das Geröll, mit dem die Jahrhunderte des Ghettvlebens die Seele der Juden befleckt hatten, fielen ab, und wenn dann ein solch begnadeter Sänger seine Harfe erklingen ließ, dann war es die alte Harfe Davids, die Sauls Schwermut bannte, und hi« Worte seines Liedes hatten den Zauber der alten Sprache der Propheten. Jehuda Hallewi ist ein solcher Dichter gewesen. Seme Dichtungen rühren darum bis zum heutigen Tage an das Herz jedes jüdisch empfindenden Menschen, und sie sind teilweise Bestand deir jüdischen Liturgie geworden. Wir haben in! diesen Tagen einen solchen Jehuda Hallewi verloren. Bialik ist mehr für uns als der Ausdruck einer Seite des jüdischen Seins. Das ganze Sein des Juden, wie er war und wie er ist, umfaßte er vielmehr in seinem Leben, Wollen und Wirken. In seiner Kindheit lernte er die Enge und Armut des jüdischen Ghettos kennen. Aber die Schule des Talmuds, durch die er ging, erschloß ihm, wie den Generationen vor ihm, den Sinn dieses Lebens, Und aus tiefstem jüdischen Gefühl heraus war er sich dessen bewußt, daß das Lehen selbstgewollter Zurückgezogenheit den ganzen Sinn des jüdischen Seins nicht ausmacht. „An den Vogel", derin das Land der Väter fliegt, wo die jüdischen Bauern den steinigen Boden bearbeiten, gibt er die Grüße und guten Wünsche weiter, die er spricht, wenn er an Erez Israel denkt. Bialik hat das Auskommen des Zionismus von Anfang an in tiefer Bewegung beobachtet. Sein Gedicht „Ach, wie ist welk das Volk!" beklagt die Gleichgültigkeit, mit der weite Kreise der Judenheit an den neuen Bestrebungen vorbeigegangen sind. Als aber auch der politische Zionismus seinem alles umfassenden jüdischen Fühlen nicht genügen konnte, wandte er sich, wie ein Zurückkehrender in die Heiinat, dein alten Lehrhaus wieder zu, dem er einst, getrieben vom Drang in das Leben hinauszutreten, den Rücken gekehrt hatte. So entstanden fein „Ha-mathmid", das den weltabgewaichten Bachur schildert, „Auf der Schwelle des Beth- Hamidrasch" und das Gedicht, in dem er den Quell besingt, . aus dem die Vorväter Kraft für ihr schweres Dasein geschöpft haben. Die Tragödie des Galuths mit seiner ganzen Unzulänglichkeit fand später erschütternden Ausdruck in den" „Toten der Wüste". Und schließlich steht er wie ein alter prophetischer Zuchtredner vor dem schlaff und müde gewordenen Volke. Er geißelt dies« Schlaffheit bei dem Ausbruch des Pogroms in Kifchinew, schreibt die „Lieder des Zorns" und dichtet zugleich das Erntelied der jüdischen jj Bauerir im alt-neuen Land. Und Bialik ist den Weg des jüdischen Dolkserziehers bis zu Ende gegangen. Nicht nur Lied und Hoffnung sollen das Volk auf dem Wege der seelischen und geistigen Wiedergeburt begleiten, sondern auch die Verlebendigung des alten. Schrifttums. Die Erzählungen der Haggada hat er meisterhaft zusammengestellt, sein zusammen mit Rawnitzki verfaßtes „Sefer Haaggada" ist ein Volksbuch im wahren Sinne des Wortes geworden. Wertvolle Dichtungen der nichtjüdischen Welt hat er durch meisterhafte Uebersehungen ins Hebräische für das neujüdische Leben fruchtbar zu machen gewpßt, und als Verleger hat er eine umfangreiche Tätigkeit entfaltet. Und als im Rausch der Arbeit in Erez Israel die jüdischeil Pioniere die alten Formen oft nur zu gering einschäßten, da hat er auch diese Formen neu zu beleben gewußt, und die Institution des „Oneg Schabbath" geschaffen. So steht CH. N. B i a l i k vor uns als dergeistige Führer, dem nichts Jüdisches fremd ist. - Und darum hat er jedem von uns etwas zu sagen. Er war die Verkörperung des jüdischen Seins und Strebens schlechthin, das sich unauflöslich an die große Vergangenheit gebunden weiß und von ihr träumt und in ihrer Sprache dichtet, das aber auch den Zukunftswillen besingt, und aus ihm heraus di« Kraft findet zu schöpferischer Tat. —er. < ■ » Am 25. Juli widmeten die Breslauer .3 i o n i ft i f A c Vereinigung und der Misrachi Breslau dem Dabin gegangenen im großen Saal der Leflinglogc eine Gedächtnisfeier, die beim Breslauer jüdischen Publikum größtem Interesse begegnete, so daß der Saal bis zum letzten Platz gefüllt war. Die Trauer rede hielt Semipardozent Dr. R a b i n. Das Cl mole rächamnn würde von Kantor Topper gebetet. Musikalische Darbietungen umrahmten Gedenkrede und Gebet. Wir bcdaltcn uns vor, aus die ,Trier »och. näher einzugchen. Dr Juden (von bolcntlich beku Denkmäler Vereins jüdis, Beständen deck» Das Arcp der schlesischen der Staats bürst der naturalisier erwerben. Dl 1812 in Schl« i gewohnt Haber, schaft erworben Gebiet dieser Die 10 nutzlos verstri ist wohl im Ar der wahrschei sicheren Stufen: bin kamen, u» register wurdest, Aufwand von register dazu Familiengeschi daran gedacht Emil Reisscr, der sein Interesse für das Archiv wieberrdete) soistie von Photos jüdischer Grabsteine und anderer n Josef Dogelhut). Dankbar gedacht sei auch des s Museum e. V., der einiges von feinen archivalischen Archiv übergeben hat. ' io konnte zu der bereits vorhandenen Staatsbürgerliste Juden vom Jahre 1812 vor kurzem noch di< Abschriften erliste der Westpreußischen Juden vom Jahre 1812 und ten Juden des Großherzogtums Posen vom Jahre 1826 Archiv Ist also imstande, bei den Familien, die im Jahre ien oder Westpreuhen bezw. 1826 in der Provinz Pose»» festzusttzllen, ob sie damals die preußische Staatsbürger- Haben bezw. ob eine Familie überhaupt damals schon im »rei Provinzen gelebt hat. Lahre, aus die heute das Archiv zurückblicken kann, sind nicht Der größte Teil der Breslauer Akten uird Arch alten hiv deponiert. Ein großer Teil sonstiger schlesischer Akten, rlich der Vernichtung anheimgefallen wäre, fand seinen haltsort in Breslau. Alle Akten und Archivalien, die dort strden katalogisiert und verzeichnet. Die Breslauer Iudenum sie überhaupt benutzbar zu machen, unter großem Mühe und Fleiß, geordnet uird alphabetische Nachschlagegstschaffen. Wenn heute die jüdisch-schlesische Heimat- oder hte mit Erfolg betrieben werden kann und »venn heute werden kann, sich mit der Geschichte der schlesischen Juden (UPI ’dX: oder der Breslauer Judenheit zu befassen, so nur dank der Eristen; des Breslauer Gemeindearchivs. Es wäre zu wünschen, daß der Vergrößerung der Bestände bald auch die iwtrvendige Erlveiterung des Raumes folgt, da ohne dies ein wirklich nutzbringendes Arbeiten im Archiv unmöglich ist. Dann »vird das Archiv auch in der Folgezeit ein treuer Hüter seiner Schätze im Dienste des Judentums und der Judenheit sein. Prof. $tfo Marburg 75 Jahre Der bekannte Führer der Zionisten, Professor Otto Marburg, beging am 20. Juli seinen 75. Geburtstag. In dem Glückwunschartikel, die die Jüdische Rundschau ihm aus diesem Anlaß widmet, heißt er: Profesior Marburg, der heute in voller Rüstigkeit unter uns seinen 75. Geburtstag feiert, ist eine von der ganzen zionistischen Welt verehrte Gestalt, die aber weit über die zionistischen Reihen hinaus Sympathie und Respekt genießt. In diesem'Manne verkörpert sich eine der besonderen Eigentümlichkeiten des Zionismus: Marburg, abhold allen Ueberschwenglichkeiten, scheinbar ein Mann der Ziffer und der nüchternen Sachlichkeit, ist doch zugleich «in Mann tiefen G«f ü h fs und einer unendlichen Lieb« zu der Sache, der er sich gewidmet hat. Praktischer Realismus, gepaart mit Phantasie und Liebe, das ist Zionismus. t

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