Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- 2 (2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt 2 rr- GemeinÜevertreter-Sihung vgm 26. Januar 1933. Bericht von Dr. Rechnitz. Der Vorsitzende gedenkt in warmen Worten der um unsere Gemeinde hochverdienten Herren Sanitätsrat Dr. Freudenthal und Sanitätsrat Dr. Horn somit des um das Judentum hochverdienten Prof. Dr. Sobernheim-Berlin. Die Versammlung ehrt die Toten durch Erheben von den Plätzen. Daraus übernimmt det Alterspräsident Peiser den Vorsitz zur Reuwähl des Präsidiums der! Gemeindevertretung. Gewählt werden als Vorsitzender Peiser (lib.), als erster Stellvertreter Iacodsohn (V.P.), als zweiter Stellvertreter Schlesinger lkons.). Die Herr«» nehmen die Wahl an. Zum ersten Schriftführer werden an Stelle von Sildermann (W. P.) vorgeschlagen die Gemeinbcvcrtretcr Havda (W. P.) und Wolss (Nö. P.). Unikowcr (W. P.) erhebt Widerspruch, datz entgegen der parlamentarischen Gepflogenheit ein Fraktionswechsel eintreten soll. Gewählt wird Hadda (W. P.) mit 13 Stimmen gegen 9 Stimmen, die aus Wolss fallen. Als zweiter Schristsührer wird Wolfs zur Wiederwahl vorgeschlagen, der jedoch ablchnt. Daraps werden die Herren Grünberg (O. I.), Foerdcr (M. P.) Und Rosenstein (lib.) vorgeschlagen. Rosenstein wird gewählt. Die Gewählten nehmen die Wahl an. Rach Mitteilung der eingegangenen Schriftstücke und Anträge »verdcn die Grabpslegestistungen Locwy, Nleidner und Regina Schlesinger angenommen sowie genehmigt, dasi die bisher vom Magistrat verwalteten Stiftungen Simmel und Schweitzer in die Verwaltung der Synagogen- ' Gemcinoe übernommen werden. — Den Verwaltungsbericht mit 14 Punkten trägt der Vorsitzende Peiser vor. Bei der Mitteilung über die Austritte erwähnt F o e r d e r (M. P.), dah ein Konzertmeister des Stadttheatcr-Orchcsters bereits vor 10 Jahren zur evangelischen Kirche übcrgetrcten, dagegen jetzt erst aus dem Judentum ausgetreten sei, und zwar offensichtlich aus materiellen Rüäfichten. Es soll auf die christlichen Kirchenbehurden eingewirkt ^werden, dah sie niemand ins Christentum ausnehmen, der nicht vorher aus dem Judentum ausgetreten ist. Bei ' der Mitteilung über die den „Kameraden" gewährte Beihilfe wünscht Meyer (V. P.) Auskunft, ob sich eine der Gruppen paritätisch ausgetan habe. Davidsohn (lib.) erklärte aus eigener genauer Kenntnis, dah dieses Gerücht unrichtig sei. Ferner wird genehmigt die Erhöhung des Beiträges für den Preußischen Landesverband auf 35 228.— Mk. gegenüber . dem Ctatsanfatz von 30 000.4- Mk. Die Erhöhung ist zwangsweise eingctreten durch die beschlossene Erhöhung des Beitragssatzes von ", io auf lü io Prozent. I Von den übrigen Mitteilungen wird ohne Aussprache Kenntnis genommen. Aus den Bericht des Vorstandsmitgliedes Goldschmidt wird geneh7 migt, dah bei den künftig zu belegenden Feldern aus Friedhof Cosel Denkmäler nur bis zu 1,50 Meter Höhe (bisher 1,60 Meter) zugelassen >v erden. Darauf begründete Lux (V.P.) den Antrag seiner Partei, dem Jüdischen Arbeitsnachweis in Breslau eine Beihilfe von 1000.— Mk. zu bewilligen. Die Einkünfte des Arbeitsnachweises seien durch die Kürzung der Subvention der Gemeinde und Logen und durch erheblichen Schwund von Mitgliederbeiträgen stark gesunken. Die Gehälter seien seit Monaten rüäständig. Das Geld sei zur Fortsetzung der Arbeit, die nicht zu entbehren sei, unbedingt erforderlich. Vom Vorstandstisch erklärt Herr Gehcimrat Goldfeld es für unmöglich, im lausenden Etat die Bewilligung dieses Betrages unterzubringen. Es sei aus die Steuergulschcine hingcwicsen worden. Diese Einnahmen würden aber anderweit gebraucht; es käme daher nur eine Bewilligung im neuen Etat in Frage. Spitz (lib.) hält den Arbeitsnachweis für unbedingt erforderlich. Er beantragt Ucbcrwcisung des Antrages an den Etatsausschuh. , Jacobsohn (V.P.) hält den Arbeitsnachweis, der nunmehr die öfsentliche Anerkennung gesunden habe, für die einzige Möglichkeit, der Benachteiligung der jüdischen Arbeitnehmer entgegenzuarbeiten. Für solche notwendigen Ausgaben müsie Geld da sein. Goldfeld weist auf den Unterschied hin -wischen Ausgaben, zu denen die Gemeinde rechtlich verpflichtet sei und freiwilligen Beihilfen. Ausgaben ohne Deckung müsie der Vorstand ableynen. Wolfs (MP) erkennt die Notwendigkeit des Arbeitsnachweises an, deswegen könne aber geprüft werden, ob nicht I Ersparnisse zu machen find. Spitz schlicht sich dem an. Grünberg (O. I.) wünscht baldige Bewilligung ohne Ucberwxisung an den Ctatsausschuh. Schlesinger (sons.) hält die Tätigkeit des Arbeitsnachweises für äußerst produktiv und wünscht Bewilligung des Geldes aus^ den Titeln, bei denen Ersparnisse gemacht worden find. Goldfeld verweist aus den Fehlbetrag des lausenden Etatsjahres von etwa 150 000.— Mk. Der Verwaltungsdirektor erläutert diesen Fehlbetrag dahin: Der im Etat eingesetzte Fehlbetrag von 50 000.— Mk. dürfte auf 30 000.— Mk. gesenkt werden. Dagegen sei auf der Cinnahmeseite bei den Steuern mit einer Mindereinnahme von 120 000.— Mk. zu rechnen, so dah insgesamt 150 000.— Mk. Fehlbetrag zu erwarten seien. sWie die Deckung des nächsten Etats beschafft werden soll, sei noch ganz »»klar. Rach weiteren Ausführungen der Gemeindevertreter Lux, Meyer, Spitz und Unikowcr wird schließlich beschlossen, 500.— Mk. sofort zu bewilligen und die Bewilligung von weiteren 500.— Mk. dem Vorstand zur Berücksichtigung vorzulegen. Dieser Beschluß bedarf natürlich noch der Zustimmung des Vorstandes. Darauf interpellierte F o e r d e r (M. P.) wegen der A n k ü n d i - gung dcr Spezial -Gottesdienste. In letzter Zeit seien wiederholt Ankündigungen in den profanen Zeitungen über besondere Gottesdienste erschienen. Gegen diese Gottesdienste habe er als religiös-ltberaler Jude nichts einzuwenden, dagegen erachte er die gehäuften Ankündiaungen in den Tageszeitungen teils vom Vorstand, teils von privaten Vereinen, wie Ili und Iüdjsch-Liberaler Verein, in Verbindung mit Hinweisen in dem redaktionellen Teil für eine gegen di« Würde des Gottesdienstes verstoßende Reklame und eine vermeidbare Vcldausgabe. Redner legt Material vor, aus dem sich u. a. ergibt, baß der gleich« Gottesdienst in derselben Zeitungsnummer an drei verschiedenen Stellen bekannt gemacht wurde. Vom Vorstand erwidert Bach: Die Veröffentlichungen in den Tagesblattcrn entsprechen den Wünschen vieler Gemeindemitglieder. Sie find größtenteils nicht von der Gemeinde, sondern von den Unterzeichneten Vereinen bezahlt, aus. deren Entschlie- Hungen der Vorstand keinen Einfluß habe. Nöan sollte dieser Sache nicht die Wichtigkeit einer Interpellation beilegen. Spitz mein», im Interesse der Gottesvienste könne man mit Bekanntmachungen nicht genug tun. Er sehe darin keine unwürdige Reklame. — Nach einem Schlußwort von F o e r d e r wird sein Antrag aus Einschränkung der -Bekanntmachungen mit allen gegen 2 Stimmen abgelehnt. Daraus begründet Lux die Interpellation der Jüdischen Volkspartei über die Verhältnisse bei der Peah. Er verliest die an den Vorstand gerichteten Fragen und dessen Antworten. Die Auskunst des Vorstandes sei korrekt, aber doch nur formell. Äcach der Feststellung im Vereinsregister sei die Peah ein merkwürdiges Gebilde. Sie habe nämlich nur einen Kops, den Vorstand, aber keinen Körper, nämlich keine Mitglieder. Wichtiger als die juristische Form sei das Wirtschaftliche. Rund 12 000.— Mk. Einnahmen stehen nämlich Ausgaben gegenüber von 9000.— Mk. für Gehälter, 737.— Mk. für Heimarbeit und 2500.— Mk. für Löhne von Hilfsarbeitern, wobei für die Lehnender Holzspalteanstalt die Gemeinde die Hälft« .mit 650.—'Mk. dazugcbe. Dieser Zustand befriedige nicht. Cs sei wohl gut, wenn-die Peah 5 Angestellten und 2 Abholern dauernde Beschäftigung gebe, aber das sei doch nicht der Zweck. Es liege im Interesse der Pcpu»arität der Peah, sich unter Aussicht der Gcmemde zu stellen und ihren Wirtschastsbetricb »m Einvernehmen mit -dieser zu regeln. Deshalb beantragt die Volkspartei, die Peah möge sich unter Aufsicht stellen. — Vom Vorstand erwidert Freyhan, der Vorstand habe keine Miglichkeit, aus den Etat und die Geschäftsgebarung der Peah cinzuwirken, solange sie sich nicht selbst unter die Aufficht der Gemeinde stelle, zumal die Peah keine Subvention erhalte. Gewiß sei die Peah ein eigenartiger Verein, denn sie erhebe keine Vereinsbeiträgr. Die Gehälter sur die Angestellten seien keine Vcrwaltungskosten, sondern es handele sich um die produktive Tätigkeit, aus wertlosen Brocken Werte zu schassen. Die Peah sei nach Vodelschwingh schcm Muster errichtet, Arbeit und nicht Almosen zu ' geben. Cr selbst gehöre zu ihren Gründern, und nach ihrem Muster sei später die Stadtmission eingerichtet worden. Oberster Grundsatz sei stets, Arbeit zu schassen. Deshalb sei ohne Rücksicht aus die Wirtschaftlichkeit die Anschaffung einer Holzspaltemaschine abgclehnt worden. Die ganze Arbeit des Vorstandes sei ehrenamtlich. Das Wohlfahrtsamt wäre gar nicht in dir Lage, einen solchen Betrieb in eigene Regie zu nehmen, ganz abgesehen davon, dah dieses mit sehr viel Mehr kosten arbeiten würbe. Wenn die Peah einen dahingehenden Antrag stellt, werde der Vorstand die Aussicht nicht ablchnen. Lux erwidert, er habe von einer Eigennützigkeit des Vorstandes der Peah nicht gesprochen. Die Peah müsse aber sö arbeiten, daß möglichst viel Arbeitslöhne ausgegcben werden. Der Betrag für Arbeitslöhne zur Instandsetzung der Sachen sei aber verhältnismäßig ering. Geklagt werde auch darüber, dah ein großer Teil der Sachen, an nichtjüd»jche Kunden abgegeben werde. Grzebinasch (D.P-) verweist aus die Erregung der Erwerbslosen im Zuhörerraum und stellt richtig, daß die Grundsätze der Peah keine Bodelschwingh'sche Idee, sondern eine jüdische Dorschrist seien. Das Statut der Peah sei veraltet. Foerder wünscht, daß eine öffentliche Körperschaft sich nicht zum Echo unkontxollierbarcr Gerüchte mache. Die Annahme des Antrages der Volkspariei schasse - einen Präzedenzfall. Man könnte dann von jedem Verein, der eine Subvention erhalte, verlangen, daß er sich unter Aussicht stelle. Das würbe den Antragstellern nicht angenehm sein, »venn cs einen ihnen nahestehenden Verein bctrcssc. Nach den Satzungen dürfe die Peah Sachen an Bedürftige ohne Unterschied der Konfession abaeben. Cr wolle jeden Druck aus die Peah vcrmeiden. Grünberg sicht in der Peah nicht irgend einen Verein, sondern diejenige jüdische Organisation, der die Gemcindcmitglicder ihre abgelegten Sachen zukommen lassen können. Cs werde ihr vorgcworsen, daß sie die besseren Sachen an Zwischenhändler verkaufe und die vom Wohlfahrtsamt Hingeschickten keine geeigneten Sachen mehr vorsinden. Ob diese Gerüchte richtig find, wisse er nicht, man müsse aber etwas tun, um unrichtigen Gerüchten vorzubeugen. Jäpobsohn stellt fest, daß,, kein Vertreter der Volkspartei irgend etwas Unrechtmäßiges oder' Eigennütziges gegen die Peah behauptet habe, aber manches sei nicht zweckmäßig, z. V. daß die Generalversammlung nur alle 5 Iabre stattfinde und der Vorstand auf 5 Jahre gewählt werde. Die Stellungnahme von Foerder verstehe er nicht. Die Peah sollte sich unter Aussicht stellen und sich eine demokratische Satzung geben. Der Antrag Lux und Gen. wird darauf angenommen. Die Interpellation über den Fall von Pros. Cohn und die Unruhen an der Universität Breslau begründet Meyer (V-P) in einem längeren Vortrag. Er wünscht, daß der Vorstand sich nicht bloß mit Verwaltungssach«, beschäftigt, sondern auch mit dem, was"sich draußen abspielt. Die Gemeindektrperschasten werden sich daran gewöhnen müssen, zu politischen Situationen Stellung zu nehmen. Beim Fäll Cohn handelt es sich nicht so sehr um die Person des Prof. Cohn, sondern um vitale jüdische Interessen. Cs handelt sich darum, was man uns Breslauer Juden zu bieten wagt, und was wir dazu zu sagen habenrWir hätten dem Senat der Universität klaüfiüchen müssen, daß als Mittler nicht ein Univerfitätsprofessor geeignetsei/ dessen Vorfahren dem Judentum i