Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- 1 (1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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8rt»(auer Jüdische» fflemf Inbeblal f Nr. 1 i S -I . i Die wortvollstc Erwerbung!deS Jahres 1932 war die eines bisher unbekannten (hebräisch und jüdisch-deutsch abgefaßten) KopiebucheS der Vreslatzer Gemeinde aus der Zeit der beginnenden Emanzipation uml 1800. Wichtige Beiträge zur Geschichte der Breslauer Gemeinde liefern uns ferner die vier Kuntreffim (mit Totenverzeichniffen versehene Handbücher für Vorbetev) alter Breslauer Synagogen, die das Archiv 1932 erhielt: der Kuntrcß der „Zülzer Schul", der älteste vorhandene aller Breslauer Synagogen- Kuntressim, geschrieben in BreSlau im 3ahre 1731 (Abschrift); der Kuntreß der 1. Brüdergesellschast, geschrieben im Jahre 1764 in BreSlau (überwiesen von B. Drilling), der Kuntreß der „Krotoschiner Schul" aus dem Jahre 1796 (überwiesen von Herrn Wilbclm Kober) und ein im Jahre 1860 geschriebener Kuntreß der „Zülzer Scbul" (iibcrwiescn von Herrn Hugo Scbiftan). . - Auch die o b e r s eb l e s i s ch e Abteilung wurde im vergangenen Zahre vervollkommnet; neben einem Tntenbuck) auS Kofel (Leihgabe Drilling) erhielt dvS Archiv dank der Freundlichkeit deS Fräulein Dr. G. Brann neben anderen Handschriften aus Zülz OSdas älteste außerbreslauische schlesische Mohelbucb (BeschneidungSregister). Es umfaßt die Zahre 1760 bis 1830 und enthält Eintragungen ans GutteNtag OS. und Umgebung. Dieses Modelbuch ist wegen seinjeS Alters besonders wichtig, da die Mohelbücher für die Zeit bis 1812 die einzige zuverlässige Quelle für männliche Getunten ,abgeben. Dasselbe gilt — wenn auch in geringerem Maße — von Kopien zweier weiterer oberschlesischer Mohelbücher, die gleichfalls im Zahre 1932 erworben wurden und ebenfalls in die Zeit vor 1812 zurückreichen. Damit besitzt daS Archiv der Breslauer Synagogen-Gemeinde wobl die reichhaltigste und wegen ihres Alters wichtigste Sammlung oberschlesischer Mohelbücher auS der Emanzipationszeit. Auch die Beschaffung Posener Archivalien — soweit sie in Deutschland in Privathände geraten waren und ihre Vernichtung daher zu befürchten war — wurden nicht vernachlässigt. Zu den bereits im Archiv befindlichen Akte« auS Rawitsch und, Sarne trat in diesem Zahre eine deutsche Abschrift der Statuten der Chewra Kadifcha in MiloSlaw aüS dem Zahre 1787, 1803 und 1836 (von Herrn Mendel, durch Herrn Venjam. Schneider- BreSlau überwiesen). Neben diese Archivalien behördlicher Herkunft tritt auch das vom Archiv gepflegte Sammelnfamilien- und Personengeschichtlicher Papiere,sowie von Stammbäumen (u.a.vonP. Dobrin und LandgerichtSrat Graetzer). Zu den bereits vorhandenen .^amilienpapieren — unter denen wir besonders auf Nachlaßpapiere des Prof. M. Brann (überwiesen von seiner Tochter), die (von .Herrn Zoseph Deutsch s. A. dem Archiv verschafften) der Familie Goldstücker und der Schriftstellerin Regina Reisser (überwiesen von ihrem Sobne Dr. Emil Reisser) Hinweisen — traten im vergangenen Zabre eine dem Atchiv testamentarisch von Herrn A. Goldstein s. A. vermachte schlesische Autobiographie leines Vaters; ferner wurden dem Archiv geschenkt: von Herrn Rabbiner Dr. Eckstein-Bamberg Papiere auS dem Nachlasse feines Lchwicaervaters, des Rabbiners Tr. Manuel Zoel, und dessen Vaters, ^ainilienpapiere der Familien Deutsch (Geschenk des Herrn Stepban Deutfch-DreSlgu), Landmann (auf Veranlassung des Herrn Rabbiners Dr. Vogelstein dem Archiv überwiesen) und W o l f s o h n (Geschenk deS Herrn Z. Wolffobn-ÄreSlau). Zm Dezember >deS ZahreS 1932 erhielt^ das Archiv ^dank der'Freundlichkeit der Frau S.-R. Dr. Spitz, einer Tochter des ehemaligen Gemeindesyndikus Dr. David .Honigmann, sebr interessante Korrespondenzen und Bilder auS dem Nachlaß ihres VaterS, und auS der Hinterlassenschaft ihres Mannes eine Reibe von Dissertationen schlesischer Mediziner. . Auch Akten einiger jüdischer Vereine fielen dem Archiv zu. Von der Gelegenheit, ihre überflüssigen Akten ins Gemeindearchiv deponieren zu können, machen leider die wenigsten Vereine Gebrauch. In dieser Hinsicht wird viel iin jüdischen Kreisen «esündigt; viele Akten und Dokumente jüdischer Vereine und Institutionen sind in Privatbesih gelangt — es gibt Fälle in denen sie völlig als Privatbesih bebandelt werden und dann beim Altwarenhändler auftauchen. Hingewiesen sei ferner neben den bereits vorhandenen VereinSarchivalien auf die von der I. K. V. A. dem Archiv geschenkweise überlassenen Akten, die besonhers zur Geschichte der TiktinS ziemlich wichtiges Material Inhalten, sowie auf die von der Landschul überwiesenen Kuntressinj und anderen Papiere. Im Jahre 1932 erhielt daS Archiv (dürch Herrn Geh.-Rat Goldfeld) Akten deS AereinS „ErwerbShilfe für jüdische Frauen", sowie (von Herrn Heinz Scheftelowih) Akten deS „Jung-Jüdischen WanderbundeS". Neben den Archivalien enthält daS Archiv noch eine ca. 60 Nummern zählende Bildersammlung (von Personen und Gebäuden,^ Friedhöfen, Grabsteinen von historischem Interesse), sowie von Klischees zur BreSlauer jüdischen Geschichte und eine Siegelsammlung. Wie diese Zusammenstellung der im Jahre 1932 durch eigene unh fremde Bemühungen erworbenen Archivalien und Dokument« erkennen läßt, scheint die Kunde von der Bedeutung und dem Wert dieses Archivs allmählich in immer weitere Greife zu dringen. Es ist zu hoffen, daß hiervon besonders alle diejenigen erfaßt werden, die noch Archivalien und Handschriften (z. B. Chewrabücher, Kuntressim, Mohelbücher) als tote Schätze zu Hause hüten, anstatt sie der sicheren Hut deS Archivs zu übergeben, wo sie auS ihrem Schlafe erwachen und zu reden beginnen. 1 ' Ich glaube, mit nichts Besserem diesen Bericht schließen zu können, als mit den Worten, die der vor kurzem verstorbene bekannte Berliner Journalist Dr. I. Kaftan einer BreSlauer Dame im Jahre 1927 (nach einem im Archiv befindlichen Brief) schrieb: „AuS solchen alten vergilbten Papieren strömt unS ein ganz eigener Duft entgegen. Man blickt in eine weit entlegene Zeit zurück und man vergegenwärfigt sie sich unwillkürlich, indem man sie in Gedanken wieder lebendig aussteigen läßt. Aber man fragt sich andererseits auch, waS schließlich auS solchen brieflichen lleberbleibseln werden wird? Da kautet denn die auf tausendfacher Erfahrung beruhende Antwort: Sie gehen spurlos zügrunde. Das aber ist nach vielen Richtungen hin eine recht bedauernswerte Tatsache. Erst neuerdings hat sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf derartige anscheinend belanglose Reste auS verklungenen Zeiten hingelenkt und man hat damit begonnen, dieselben in öffentlichen Archiven zu sammeln. Ich erlaube mir daher. Ihnen, hochverehrte Frau, diese Anrcgung zu unterbreiten in der bestimmten Annahme, daß sich in der BreSlauer Gemeinde ein derarfiges Archiv befindet".! Lhakm Nachmann Vialik der größte hebräische Dichter, vielleicht nicht nur unserer Tage, iffain S. Januar 1033 (10. Tewet) 60 Jahr alt geworden. Das Judentum hat aus verschiedenen Gründen allen Anlaß, den großen Dichter zu feiern, einmal als Schöpfer herrlichster hebräischer Lieder und Lyrik, dann als Erneuerer des jüdischen Volkstums und der hebräischen Sprache. In seinem großen und tiefinnerstcn Gesang findet die schmachtende Seele des Judentums in allen feinen Leiden und Hoffnungen, das religiöse Sehnen und die äußere Bedruckung ergreifendsten Ausdruck. Zu Ehren Bialiks gibt das Fentral-Komitee des Verbandes hebräischer Schriftsteller in Palästina in Tel-Avio, Postfach 50, eine Gesamtausgabe seiner Werke heraus und fordert alle jüdischen Institutionen auf, diese Jubiläumsausgabe anzuschaffcn. Ferner läßt das Zentral-Komitee eine Jubiläumsausgabe von „Mosnaim" und ein „Bialik-Buch" erscheinen, ein großes literarisches Sammelwerk, an dech die hebräischen Schriftsteller sich mit ihren besten Schöpfungen beteilige» wtrdcn. lkhanokkafeirr kn Herrnprolfch. Ani Mittwoch, den 2S. Dezember 1032, veranstaltete das jüdische Wohlfahrtsamt in der Heilstätte Herrnprotsch eine Lhanukkafeicr, verbunden init einer Einbescherung. Nach dem Ächtezünden und einem mit tiefein Empfinden dargebrachten Gesangsvortrag des Kantors Wartenberger hielt der jüdische Seelsorger der Anstalt, Rabbiner Dr. Halpersohn, eine zu Herzen gehende Ansprache, in der er den Charakter des Festes vorwiegend als einen familiären tennzeichnetc, als ein Fest, das zur gegenseitigen Hilfe rufe und mahne. Die . Rede klang in den Wunsch aus, daß die Zeit nahe sein möge, wo alle Menschen, gleichviel »'eichen Bekenntnisses eine große Familiengemeinschaft! bilden, um einander Schutz und Förderung angedeihen zu lassen. Bei bei anschließenden Kaffeetafel ergriff Anstaltsdirektor Feige das Wort, wobei er die Ausführungen des Geistlichen seinerseits bekräftigte und sie nach verschiedenen Richtungen ergänzte. Weitere Ansprachen wurden von Direktor Gläser und Inspektor Neumann gehalten. Musikalische und deklamatorische Vorträge beendeten die weihevolle Feier.