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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1932-07-01 · 7 (7.1932) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
9 (1932)
Issue
7 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 litflaaei I>»Ische» §<ai;(lal(Ha(t 77 handelt ficj) dabei nicht so sehr um da^ materielle als um das seelische Problem und nickt so sehr bei den Erwachsenen als bei den jungen Menschen. Diese jungen Mestschen davor zu bewahren, seelisch zu zerbrechen und die Heranwachsende Generation gesund zu erhalten, mutz im Vordergründe jeglicher Wohlsahrtsarbeit stehen. Natürlich mühten daneben auch die anderen Arbeiten und Pflichten der Wohlfahrtsarbcit, ' ganz besonders der Jugendfürsorge, erfüllt werden. Arber die unmittelbaren! Ausgaben des Wohlfahrtsausschusses des Landesverbandes hinaus wurde die Frage angeschnitten, inwieweit die I jetzigen Verhältnisse die Gemeinden etwa zu grundsätzlichen Umstellungen 1 in der Handhabung der Wohlfahrtspflege zwingen könnten. Cs wurde verabredet, datz die Entwicklung von einem besonderen Ausschutz beobachtet und geprüft werden sollte. jj Der Ausschuß beschäftigte sich alsdann mit der Verteilung der im I' Haushaltsplan des Landesverbandes für die Wohlfahrtspflege vorgesehene» Mittel. Gegenüber! den tatsächlichen Aufwendungen des Vorlabres sind die einzelnen Subventionen infolge der durch die Herabsetzung i1 des Gcsamtctats gebotenen Einschränkungen meistum ein geringes cr- , mäßigt worden. Die Gesamtsumme, die der Landesverband für WohliJ sahrtssubvcntioncn aller Art zjur Verfügung stellt, beträgt ca. 84000 RM. Fm ganzen wurden davon verwandt jfi 487,50 RM. für Beihilfen zur Verussausbildustg, 59 900 RM. für die deutschen Zcntralorgamsationcn der jüdischen Wohlfahrtspflege, der Rep für einzelne Anstalten und Cinrichtungen mit Reichsbedeutustg. * Ephraim Mdses Kuh 1731—1Y31. Von Rabbinjer Dr. A. P o f n e r, Kiel. Als cin Sohn reicher Estern, dcmj alles Glück der Zukunst sckon in die Wiege gelegt zu sein schim, wurde! Ephraim Moses Kuh im Fahre 1751 in Breslau geboren. Sqin Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der sich des Gedankens freutet aus seinem Sohne einen großen jüdischen Gelehrteck werden zu sehen. Von alles elterlichen Sorgfalt wurden so seine Kindcrjahrc schon umgehen und groß war die Freude das Vaters, als das Kind gute Anlagen zeigte und durch.ein hervorragendes Gedächtnis sich auszeicknete. Cs besscltc schon! das Kind eine ungeheure Wihbcgicrde und cin lebhafter Geist. Gern gab daher der Vater dem Kinde auch einen Meister, der ihn in alles Wissen cinsührcn sollte. Ein Echulmcistcr aus Polen, der frühzeitig in Deutschland den Aufgeklärte» hatte spielen wollen, und der deshalb Berlin vcrlasien mutzte, wurde! in Breslau sein Hauslehrer. Der Vater merkte die freien Meinungen des Lehrers nicht, aber Ephraim erkannte sic wohl. Wenngleich er vieles hier lernte, so war ihm das „Lernen", das der Vater erwartete, dgch verleidet, Ephraim mochte sich ' dem Rabbinerbcruse, wie dct Vater cs gewünscht hatte, nickt widmen. - Cr trat in das Geschäft seines Vaters ein und erwarb sich rasch die Kenntnisic im Rechnen und Dcutschschrciben. die diese Stellung bcansprucktc. Für Schönschrift erwarb er sich eigens einen Lehrer, den er in dieser Fähigkeit so rasch übertras, daß qr eine hervorragend schöne Handschrift besaß. Auch die Kenntnisic frcnzdcr Sprache», des Französischen, Englischen und Italienischen, erwarb er sich sehr rasch und las bald die bedeutendste» Schriftsteller und Dicktet im Original. So slciftig nutzte er di? Stundest des Abends und der Rächt, die ihm zur Mutze werden solltest, aus. Mitten in dieser strebsamen Zeit starb der Vater; cs war ein großer Schmerz für den Sohn, der seinen Teil des Erbes im Geschäft ließ, aber sich ibm selbst am liebsten entziehen mochte. Cr konnte sich bei seiner Liebe zu fremder Dichtung und hei der Neigung, selbst ein Dichter zu werden, im Geschäfte nickt allzu wohl fühlen, aber er konnte sich auch um des Lebensunterhaltes willen nicht ganz davon trennen. >s 1760 machte Kuh einen Besuch in Berlin und lernte bei dieser , Gelegenheit Moses Mendelssohn und Ephraim Gotthold Lessing, die nur V um zwei Fahre älter-,waren als er selbst, kennen. Cr bedauerte sehr,' solchen Gelebrtenkreis wieder vcrlasien zu müsien. Aber der Onkel Vcitcl Ephraim, cin gutgcstcllter Kaufmann in Berlin, lud ihn ein, in seinen Betrieb cinzutretcn. . 1765 verläßt Ephraim Moses .Kuh Breslau, um nach Berlin überzusicdeln. Mit einem bedeutenden Fabresgebalt trat er in die Goldwarensabrik seines Onkels ein, der „Münzjude" Friedrichs des Großen in Berlin war.! , .Hier kam er sehr bald ist den Kreis um Moses Mendelssohn, dcsien Freundschaft er sich rühmen konnte. Dadurch brach auch seine Dichter- Neigung durch. Gern war er damit beschäftigt, Verse zu schmieden. Cr batte ja auch einen freien Kopf, war aller Räbrungssorgen enthoben und fand Zeit und Lust zu gelehrtem Verkehr, zu geistreicher Unterhaltung und zur Pflege seiner Muse! Seine Charaktekanlage und auch der Amstand, datz er große Crspar- 1 nisie, gemacht, hatte, ließen seine Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit ausarten und süqtbn ibm schweres Anhcil zu. Sein Vermögen wurde ibm oft abgebcttelt, oft auch abgesckwaht. Am schwerste» drückte ihn aber der Fäll, daß ein Angestellter des Beitel Ephraim, dem er das größte Zutrauen geschenkt, mit dem ihn innige Freundschaft verbunden hatte, vor dem er durch den Onkeln gewarnt worden war, ihn hintergangen hatte und ihn noch sreck beschuldigte, um yon ihm nickt belangt zu werden. Solche Antreue-und Andankvarkeit verschmerzte er nie. So hielt cs ihn nickt mehr in Berlin, er verließ Mendelssohn . und Ramler, ging von Nicolai fort, um nur mit seinen Büchern, den wahrsten Freunden des Lebens, uistberzureiscn, um seinen Schmerz zu vergessen. >! Mit seinen Koffern, die seine Bücher enthielten, reiste er durch Holland, Frankreich, Schweiz und Italien und landete schließlich wieder in der Heimat, in der Vaterstadt Breslau. , Von 1768 bis 1771 reiste er so umher und gab all sein Geld aus/ Bei seiner Rückreise durch Sachsen mußte er seinen Leib verzollen und dafür fast noch den Rest seiner Barschaft hingcben. Aus diesen Akt schrieb er folgendes kleine Gedicht: Der Zöllner in E. und der reisende Jude. Z. Du, Jude, mußt drei Taler Zoll erlegen. I. Drei Taler? Soviel Geld? Mein Herr, weswegen? Z. Das fragst du stock? Weil du cin Jude bist. Wärst du cin Türk", ein Heid', cin Atheist^ So würden wir nicht einen Deut -begehren; Als einen Juden müsien wir dick scheren. F. Hier ist das Geld! — Lehrt euch dies euer Christ? Bettelarm sah er die Heimat wieder. Fn Deutsch-Lisia ließ er seine Brüder zu sich kommen, bat um ihre Anterstützung und. war nur schwer dazu zu überreden, nach Breslau mitzureisen. Aber schließlich ist er wieder in Breslau undlebt von der Gnade seiner Brüder. Hier lebte er nun ganz der Dichtung, die von dem Andank, den er erfahren hatte, von dem Mitzgeschick, das ibn nun verfolgte, erzählen mußte. Cr verfiel häufig in schwere Apathie und Melancholie, um so mehr, als ihm das Leben in Breslau nickt leickt-gemacht wurde. Der aufgeklärte Iugendlchrcr,. die Jahre der Wanderungen batten ihn bisweilen von den Bräuchen der Väter entfernt. Säin religiöses Verhalten erregte in den überlicferungstreuen Kreisen Breslaus Änstoß, er wurde angeklagt, es konnte ihm aber nichts Tatsächliches nachgcwicsen werden.' Dock er litt unter solchem Gcwisienszwang und mied die jüdische Gesellschaft. Aber sein Verkehr mit Richtjudcn erregte ebenfalls Anstoß und brachte ihn selbst in eine reckt unangenehme' und schwere Lage. Ein Breslauer Geistlicher — ähnlich wie Lavater bei Mendelssohn — ließ ibm folgendes Gedicktcken zugchen: Liebster, bester Kuh! Warum bleibest du Rur allein beim Vater ftcbn. Willst du nicht zu dem Sohne gehn? Darüber war Kuh sehr verärgert. Dies, vcranlatzte ibn, sick von dem Verkehr mit Nichtjuden ebenfalls los.zusagen. So suchte er die Einsamkeit und zog sich fast ganz von der Welt zurück. Dadurch artete seine Schwermut in Wahnsinn aus. Er mußte von Wächtern umgeben werden, denen er zu entspringen suchte, um sich ei» Leides zuzufügen. Secks Fähre dauerte dieses schwere Leiden, nur selten von lickten Zeiten durchbrochen, Cr ertrug sein Schicksal, ließ wieder Menschen zu sich kommen, wenn auch mit Auswahl, und fand wieder den Weg zu de» Musen. Wicwobl er die Kritik der Zeit fürchtete, -wollte er dock versuche», seine Dichtungen der Welt zu übergeben. Zunächst holte er aber Lcssings Urteil cin. Dieser verwies ihn an.Mendelssohn. Aber der Philosoph süblte fick nickt berufen, einen-Dichter zu heurteilen. Zwar fand er viele kleine Gedicktcken „wirklich gut"! aber er wollte dennoch kein Kunst ricktcr sein. Trotzdem sandte ihm Kuh später noch cin Gedickt, welches Mendelssohn sehr änderte, und das! dann unter- Mendelssohns Namen veröffentlicht wurde. Das erregte wieder Kuh sehr, und er brach sämtliche Beziehungen zu Moses Mendelssohst ab. Cr suchte sich einen anderen Kritiker, er trat mit dem Dichter Ramler in Verbindung. Ramler feilte wobt an den Gedickten und übergab sie dann dem KricgSrat Dobm, der in Berlin die Zeitschrift „Deutsches Museum" beräusaab. Fm Fanuarbekt dieser Zeitschrift cVschiene» 1784 die ersten Gedickte Kubs. Auch weiterhin wurden viele Gedickte in dieser Zeitschrift herausgegeben. Die Aebersctzunqen zu Martial, die Kuh angcfcrtigt batte, fügte Ramler seiner eigenen Martial- Ausgabe an. Auch in anderen Gedickten waren nun Epigramme und Gedickte Kuhs zu lesen. Auck-aus dem Hebräischen übersetzte er Sentenzen und Sprichwörter. An seinem 50. Geburtstag batte er schon Abschied pon deir Musen genommen. .1786 rührte ihn der Schlag und lähmte ihm die reckte Seite und die Sprache. Cr.trug sein Leiden mit Geduld und in Ergebenheit. Am 1. April 1790 verschlimmerte fick die Krankheit. Rock in diesem Zustande war er hilfreich und verteilte sein Geld an arme Studenten Am 5. April 1790 erlöste ihn der Tod. Aus dem Friedhof in der Claasienstraßc in Breslau') wurde er bcigesctzt. Die Inschrift für seinen Grabstein batte er sich selbst versaßt Sie lautet: ' . - ' i „Hier ruht der Dichter °Kuh, Den das schnöde Glück, Bald auch der Sckurken Tück' Geneckt; hier bat er Rub." Aber sie findet sich aus seinem Grabstein nickt, vielmehr ein hebräischer Vers, den er auch versaßt,, und der ungefähr des gleichen Inhaltes ist. „ . Bcrtbold Auerbach bat in seinem Roman „Dichter und Kaufmann" Ephraim Moses Kuh cin schönes, wobl unsterbliches Denkmal gesetzt. Seiner in diesem Fahre zu gedenken, da_ 200 ^abrc seit seinem Geburtstage vergangen sind, ist eine Dilickt der Dankbarkeit und zeigt zugleich, wie früh Philosophen und Dichterin die deutsche Literatur sich wollten einreihen lasien. ", *) Vgl. A. Heppncr, Jüdische Persönlichkeiten in" und ans Breslau s. A.

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