Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- 5 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.50 £ lauer Jüdische» Semeladeblalr Nr. 5 keine Zeit scheuen und in voller Menschlichkeit die gebotene Hilfe freundlich und gütig zum Ausdrufk bringen. Nicht die Verleihung eines Preises, sondern die jEhrung sozialer Gesinnung wird heule besonders betont. I Die Gemeinde selbst hat sich mir der Schaffung dieser Stiftung ein Denkmal hoher sozialer Gesinnung gesetzt. j —ch. L Breslauer Synagogen Aus der demnächst erscheinenden ..Geschichte der Juden in Breslau". Bon I>t.' Sy e p p n e r und B. Bsrilling. II. Bon 1453—1701. j Bom Mittelalter fast bis zur neuesten Zei« war Breslau, die Stadt der Märkte und Messen, auch die Stadt der Metz- und Handelsjuden. An den Marktlagen kamen gewöhnlich die fremden polnischen und böhmischmährischen Juden nach Breslau, erledigten dort chre Geschäfte und kehrten — durch das Breslauer Gesetz und die heraynahenden Feiertage ge- ' zwungen — in ihre heimatlichen Gemeinden zuöück. Während der Breslauer Märkte und Massen aber, die viermal jährlich statlsanden, hielten die anwesenden Handelsjuden in ihren Ausspannungen und Gasthöfen, die um den LassallevlatzZfrüher auch Iudenplatz genannt), im Reuscheoiertel, lagen, Metz- und Marktgottesdienste ab, wie sie es auf allen judenreinen Marktorten zu ^un pflegten. In kleinen Stuben versammelten sie sich und hielten dort — von der Obrigkeit unbeachtet — ihre religiösen Zusammenkünfte ab. Bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kamen so die fremden Juden in Breslau ihren religiösen Verpflichtungen nach. Erst seit dieser Zeit ließen sich, vorerst unter den größten Widerständen seitens der Kaufmannschaft und der von ihr beherrschten Stadt, lvereinzelt Juden in den Breslauer Lorskädien, wo sie auch „Schulen" efnrichteten, und sogar in der inneren Stadt Breslau wohnhaft nieder. ' Neben den Münzjuden, deren erster Zacharias Lazarus (um 1656) . stieß, waren es hauptsächlich die schamesse, die; offiziellen Vertreter der auswärtigen Judenschaften, die sich unter den größten Kämpfen ein Aufenthaltsrecht in Breslau erstritten. Dank diesen wenigen „privilegierten" Juden wurden die bisher nui/zeitweiligen Gottesdienste der Breslauer Meßjuden zu dauernden, und die zeitweiligen D«ßsynagogen zu „Judenschulen". Eine Stütze fanden diese gegen den Willen der Bürgerschaft, Zünfte ' und Zechen eingerichteten Betstubeni nur in den großen jüdischen autonomen Organisationen Polens und der kaiserlichen Erbländer Böhmen und Mähren, die ungefähr unteren heutigen „Lanüesverbänden" entsprechen. In den hartnäckigen Kämpfen, die die Kaufmannschaft und der Rat im Bunde mit dem bischöflichen Konsistorium gegen die Abhaltung des-jüdischen Gottesdienstes in Breslau von 1600 bis 1701 führten, wurde nur durch das Eingreifen dieser jüdischen Wa'adim «ü. h. Landtage!, di« mit ihrer schärfsten Waffe, dem Boykott Breslaus, drohten, die Aufrechterhaltung des jüdischen Gottesdienstes in Dre-kau ermöglicht. -1701 schloß der Rat — nachdem'er wieder einmal versucht hatte, die Judenschulen endgültig zu schließen — ausi Furcht vor diesem angedrohten Boykotr mit den in Breslau anweserwen Judenältesten einen Vergleich, der den Juden erlaubte/in ihren Stuben einzeln oder mit »nicht mehr Personen, als in-eine stube herestigehen", still zu beten. Damit war den Juden endgültig gestattet, chre bereits vorhandenen und von einer endgültigen Schließung bedrohtest schulen offiziell weiter zu benutzen, da in ihnen „nicht mehr Personen, stls in eine Stube hereingchen", beteten.; Verschiedenartig waren die in der Zwischen eit eingerichteten Iuden- Schulen. Soweit sie sich aus Meßsynagogen entwickelt hatten — und das waren 1605 bis auf eine alle —. waren sie landsmannschaftliche Synagogen, d. h. solche, in denen gewöhnlich nur Juden eines gewissen Bezirks zusammenkamen, die dort die Gebräuche ihrer Heimatgemeinden treulich wahrten und behüteten; sie wurden giwöhnlich auch von den Heimargemeinden aus verwaltet. 1605 gab es in Breslau 7 Judenschulen. 1700: 10. Die meisten waren, wie gesagt, landsmannschaftliche „Schulend. So gab es „Schulen" der Glogauer. Kalijcher, Kkoroschiner, Lemberger, Liiiaer. mährisch-böhmischen und. schlesischen Landsmannschaften. 'Nur eine Prioatsynagoge gab es in jener Zeit, die des Hamburger privilegierten Münzjuden Harlig (Herz, b. "Moses, die sich in einem besonders dazu erbauten Hauke in der Antonienstraße befond. Mil der Zunahme des Handels der Meßjuden Und der Zahl d^r 'ansässigen Juden vermehrten sich natürlich die Synagogen beider Kategorien. Unter habsburgischer Herrschaft blieber' diese Judenschulen Jvon gelegentlichen Plänkeleien abgesehen — unangefochten, so daß sie sich vollauf entfalten konnten. Da es sich bei den lastdsmannfchaftlichen Betschulen auch'um eine Forderung der für'Breslau iunentbehrlichen fremden ..polnischen"/Handelsjuden handelte, schritt wedef die österreichische noch die preußische Regierung gegen sie ein. Nur zuofeilen erinnerte man sich ihrer. So nn Jahre 1726, als das Oberamt den!Rat anwies, den Juden ihr großes Geschrei bei ihren religiösen Andachten zu untersagen. Die preußische Regierung wiederum nutzte die Existenz der Judenscho len. die sie wegen des Fehlens einer großen Synagoge eoncedierte, finanziell aus. Die Judenschulen, die ebenso wie. die Juden! selbst in privilegierte und tolerierte zerfielen, mußten kür dqs Halten wort Beamten ansehnliche Summen au die preußische Regierung erlegen. 1776 gab es 4 „privilegierte" ie/e private, die des Abraham Lazarus Zacharias, i'owie 3lands- Mastnschaftliche: die Landschule, die „offizielle" Synagoge, die Lemberger und Üse! vereinigte wolhynisch-litauisch-Krotoschiner „Schule"), sowie 3 „tolsriefte" Schulen leine private, die des Jacob Aron, und 2 landsmannschaffliche, die der Lissaer und litauischen Juden). Außer diesen „Schulen", die Mit Beamten „privilegiert" waren und dafür den preußischen Fiskist unterstützten, gab es noch zahlreiche beamtenlose Privatschulen, die man ans Grund einer Ordre vom 17. August 1770 duldete. 1 Bis zum 19. Jahrhundert übten diese zum Teil landsmannschaftlichan, zum Teil privaten Synagogen eine wichtige Funktion im Breslauer jüd schein Leben aus. In ihnen und um sie entfaltete sich reges jüdisches Lfben, wie dies aus den weiteren Arbeiten über die einzelnen Synaf gqge», die in dieser Zeit geblüht haben, heroorgehen wird.! I Die Breslauer jüdische Gemeinde allerdings faßte alle diese kleine» Kfeiise und Zirkel in sich zusammen, die ja niemals separatistische Ter» dehjen aufkommen und erkennen ließen. Im Gegenteil — mindestens seif dem Beginn des 17. Jahrhunderts ist eine Gemeindeverwaltung in Breslau nachweisbar, die wie heute alle Breslauer Juden umschloß. Die kleinen Breslauer Judenschulen waren nur Zellen der Gemeinde, aber nicht selbständige Verwaltungskörperschaften. Daher ist es kein Wundes, daß! sie alle gleichmäßig die Breslauer jüdische Gemeinde und sogar zum X4i( die Entstehung der zentralen großen Synagoge des „Storch" unterm, obwohi dies — neben anderen Gründen, wie der Wohnsitzoer^ Buag der Breslauer Juden — dazu beitragen mußte, manche dieser ren Schulen zur Liquidation zu bringen. Einige dieser en existieren noch heute; andere verschmolzen sich und etliche völlig verschwunden. Die historisch bedingten Breslau/ir .^udenfchulen" sind eben ein Opfer der Entwicklung geworden: andere Körperschaften nehmen heut« ihre Stelle im Bewußtsein der Juden ein.. Aber nichtsdestoweniger verdient auch die Epoche der .Zudenfchulen" in; B rieslau eine unbefangene Würdigung, da sie in der Zeit des jüdischen Ghettodaseins, der Zurücksetzung und Erniedrigung, die Kristallisations-; pumte der Breslauer Judenschaft bildeten, um die sie sich schart«, die ihst damals das einzige Licht in der sie umgebenden Finsternis boten, und ihyest die ewigen Werte des Judentums reichten und übermittelten.; j [OueUcn: Brann, Geschichte des Landrabbinats in Schlesien,' Brill ing : „Der Kampf des Waadarba arazoth um die Zulassung des jüdiifchen Gottesdienstes in Breslau (noch unveröffentlicht): Heppner:! ,.Z»r Jahrhunderffeier der Storchfynagoge": ferner Akten des Gemeinde«.! Schot- und Staatsarchivs.!! l ßue öen Anfängen üer Gemeinöebibliothek. '! (90 Jahre jüdische Bibliothek in Breslau). ' j | Von Dr. B. W e i n r y b , Breslau.!! i Bald nachdem Abraham Geiger als zweiter Gemeinderabbiner nach! Breslau! gekommen war (1840), begannen die Gegensätze zwischen dem orthodoxen und dem liberaleren Teil der Gemeinde schärfer hervorzutreten. Die Gegner der Reformer versuchten zunächst, bei den Behörden eine ' Ilngüsltigkeitserklärung seiner Wahl durchzusetzen, und der orthodorf , Rabbiner Tiktin wollte feinen jüngeren Kollegen überhaupt nicht anierkanren. Zu Beginn des Jahres 1842 kam es zu einem kleinen Zu- , famstenstoß und ein heftiger Schriftenkampf entbrannte, an dem sowohl die Nich Rabbiner, ihre Anhänger und dir Gemeinde selbst, wie auch sogar tjuden teilnahmen. In diese für die Breslauer jüdische Gemeinde unrpl ige und bewegte Epoche fällt die Gründung des „Lehr- und Leseveröiils", der die Grundlage der jetzigen Gemeindebibliothek bildete. Geitzer, der schon früher seine „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdisch? rlogie" herausgegeben hatte, und an die Stelle des alten „Lernens!" c uf der Grundlage der entstehenden jüdischen Wissenschaft begründete Kenntnis des Judentums setzen wollte, suchte hiep in seinem Wirkungskreis — in Breslau — den Gemeindemitgliedern eine solche Kenntnis zu ermb« lichen. Außerdem galt es wohl hier, wo' die Liberalen um ihre Existenz zu kämpfen hatten, dem konservativen Judentum mit seinen Institutionen ähnliche entgegenzusetzen. Im „ersten Bericht über das Wirkstn des jüdischen Lehr- und Lesevereins in Breslau" wird die Ei'lstehystg des Vereins folgendermaßen begründet: „In unserer mehr forschenden und sichtende^ Zeit, in welcher die jüdische Literatur eine neue Epoch; beginnt, dem ganzen jüdischen geistigen Leben ein neuer fester Bodtr gewonnen werden soll, muß es das Anliegen eines jeden Ein- Öti fein, selbst zur Bildung eines llrtheils . . . gelangen, einen r ilick über den äußeren und den Inneren Zustand der Judenheit sich verschaffen zu können." Aber die -chriften, die diese Kenntnis rerjmittel i sollten, seien so zahlreich, daß der Einzelne sie kaum besitzen könne. Sie Initiative zur Gründung ging, wie dort heroorgehoben wird, von M. Breslauer aus, der ein jüdisches Lesezimmer eröffnen wollte. Ursprünglich (1841) sollte die Neugründung „Verein für jüdische Interessen" heißen, dessen Aufgabe es sein sollte, den Mitgliedern das Lese» der st u erscheinenden Literatur über Juden und Judentum zu ermögliche». (In den Statuten des Vereins heißt es, daß hier „die Gelegenheit aeboser werde, sich mit den literarischen Erscheinungen im Gebiete der Juden ums bekannt -zu machen und deren Verständnis sich zu erwerven"):. Bald -eigte sich aber ein stärkeres Interesse und die Spenden an Geld wif an Bichern vermehrten sich ständig. Der Kommerzienrat Jonas Fränckel überlilß dem Verein in dem Hause, in dem sich das Hospital lund dif Waistilanstalt befanden (Antonienstraße) ein entsprechendes Lokal. Der Gemfinderiorstand (Ober-Vorsteher-Kollegium, übernahm das Protektorat über >sten stieuen Bereich bestimmte einen seiner Mitbegründer, Dr. Güns mich. tum Komminar. gab für das neue Lokal Tiiche' und andere Mobe i