Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 11 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. II Btolanet Jüdische» Gemeindeblatt 153 1 l zumal nach des Gatten Tode zu ihr? Der Magnet bestand in ihrer Herzensgröße und — Güte. Sie war empfänglich für alles Gute und Schöne, was sie als gut erkannt hatte, unterstützte sie, soweit ihre Kräfte reichten. Unzähligen armen Künstlern hat sie geholfen und zwar derart, daß sich die Empfänger der Wohltat nscht zu schämen hatten, ganz zu schweigen von den zahllosen armen Landsleuten und Glaubensgenossen, von denen keiner undcschenkt von ihrer Tür giiig. Sie gab weit über ihre Mittel, und die Linke I sah nicht, was die Rechte tat . . ." Diesen Aeuherungen tiefer Empfindung uiöchte ich aus Eigenem «in Geringes beisteuern, wenngleich ich nicht weiß, ob ich in seinem Sinne handle. Ich hatte dem Meister zu seinem Geburtstage mit Glückwünschen meine Biographie über Ludwig Traube gesandt, dessen Frau eine Kusine der Gattin*) Liebermanns war, und ich erhielt unmittelbar darauf einen ausführlichen Dankbrief, geschrieben von der Hand, die uns die Msistern'erke schuf. In der ihm eigenen gütigen Art schreibt er u. a.: „Auch ich erinnere mich seiner Persönlichkeit noch lebhaft, zumal ich im Jahre 1872 oder 73 einige Wochen in Scheveningen fast täglich mit ihm und seiner Familie zusammenkam, wo er von seinem anstrengenden Beruf ausruhte und — die lateinischen Klassiker las. Trotz der allseitigen Anerkennung und Berühmtheit, deren er sich erfreute, war er skeptisch, ja sogar traurig über die Grenzen, die dem Arzt gestellt seien, der höchstens prophylaktisch dem Kranken helfen könne: welche melancholische Stimmung vielleicht in der hereinbrechenden Krankheit seiner Frau begründet war und auf mild, der ich damals noch auf der Kunstschule in Weimar studierte, einen tiefen Eindruck machte." — „Was mir aber besonders an Traube imponierte" — so beschließt der Künstler diese -bedeutsame Charakteristik — „war die Schlichtheit seines Charakters und seine Bescheidenheit, die bedeutende Männer nur zu oft veririissen lassen." I» diesem Urteil über den großen Menschen Traube zeichnet uns der Künstlep fein Selbstbildnis. Dieser große Deutsche ist ein treuer Jude. Das inacht uns seine reiche, geschlossene Persönlichkeit doppelt »vert. Es fügt zu dem Gefühl bewundernder Ehrfurcht für den überragenden Gestalter die Gefühle des Stolzes und der Liebe füc de», der unser ist. Michael Fraenkel. die Etatssorgen beschäftigen die Gcisteindckörperschaften und den eingesetzten Sparausschuß fortgesetzt. Haupteinnahmequelle für die Geineinde war bisher stets die Kultussteuer, die in Höhe von 14% Zuschlag zur Reichseinkommensteuer erhoben wird. Diese Kultussteuer dürste aber im Jahre 1932/33 einen geradezu katastrophalen Rückgang erfahren, weil Industrie, Handel und Gewerbe, von denen bisher der größte Teil der Kultussteuer ausgebracht wurde, im Jahre 1931 meist mit viel geringerem Verdienst, vielfach sogar ohne jeden Verdienst gearbeitet haben, also Einkommensteuer nicht zahlen werden. Alle Sparmaßnahmen, selbst so einschneidender Natur wie sie bisher vorgenommen worden sind und noch in Aussicht stehen, können bei einem Gesaint-Zuschuhsvll von rd^. 850 000 Mark im besten Falle etwa l00 000 Mark Einsparungen bringen. Dies kann den voraussichtlichen Rückgang der Kultussteuer nicht ausgleichen, zumal sämtliche Reserven der Gemeinde bereits am l. April 1931 aufgebraucht waren. In ähnlicher Lage sind auch bicl d>clftlicf)cn Gemeinden. Cs ist daher in der Arbeitsgemeinschaft der drei hiesigen Religionsgesellschaften ernstlich erwogen worden, den gesetzlich zulässigen Zuschlag zur Dermögeirssteuer auch in Breslau einzuführen. Man ging davon aus, daß bei der jetzigen Wirtschaftslage gerade recht vermögende Kreise mangels einer Einkommensteuer Kirchensteuer überhaupt nicht zahlen, jedoch neben ihrem teilweise nicht unerheblichen Verbrauch eine inäßige Kultus- oder Kirchensteuer sehr gut aufbringen können. Es wäre sozial ungerecht, wenn diese Streife keinerlei Kirchensteuer zahlen, dagegen ihre zahlreichen, nicht allzu üppig besoldeten Angestellten ihr, wenn auch geringes Scherslein für ihre Religion beitragen. Betont sei ausdrücklich, daß nach gesetzlicher Vorschrift der Zuschlag zur Vermögenssteuer auf einen etwaigen Zuschlag zur Einkommensteuer anzurechnen ist, so daß praktisch nur eine von beiden Steuerarten, nämlich die höhere, zu erheben ist. i Allerdings --sprechen auch erhebliche Gründe gegen die Einführung eines Zuschlages zur Vermögenssteuer, die teilweise auf finanztechnischem Gebiete liegen. Die Arbeitsgemeinschaft der drei Religionsgesellschaften wird daher zunächst die erforderlichen Erhebungen veranstalten. _ R. *) Martha, geb. Marckwald au» Märkisch Fciedland — Tora Traube, geb. Marckwald, au» Märkisch Friedland. Zalsche Sparsamkeit! Eine Reihe von Feststellungen, die wir' mit Bezug aus die Benutzung von Synagogenplätzen während der hohen Feiertage dieses Jahres machen rmchten, gibt einem Mitgliede unserer Gemeindekörperschaften Anlaß zu folgenden feilen, die wir mit der Bitte um ernsteste Beachtung'durch alle, die es angeht, veröffentlichen: Merkwürdige Gefühle wurden in uns wach, als wir in einer unserer letzten Sitzungen der Gemeindevertretung eino Reihe von Namen nennen horten, deren Träger an den hohen Feiertagen in den hiesigen Gemeindesynagogen zum Gottesdienst erschienen waren und Sitz- oder Stehplätze benutzt hatten, ohne eine Einlaßkarte zu besitzen, ma. W., ohne den vorgeschriebenen Preis für den von ihnen eingenommenen Platz entrichtet zu haben. Es war erstaunlich, was für Namen da genannt wurden! Männer von Ansehen waren darunter, auch solche akademischen Standes, die es wohl als schwere Beleidigung empfinden und entsprechend zurückweisen würden, wollte man sie bei anderen Gelegenheiten des „Nafsauerns" bezichtigen. Ein jeder weiß, daß wir leider das Ideal, jedem Gemeindemitglied einen Synagogenplatz unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, selbst in normalen Zeiten nicht erreichen konnten, daß vielmehr die Gemeinde zur Deckung ihrer Ausgaben auf den Ertrag der Vermietung der Synagogenstellen angewiesen war. Doppelt und dreifach ist sie es aber heutzutage, da die Sorge für die HilfT- und Erwerbslosen all« Gemüter belastet. Die unbefugte Benutzung der Plätze enthüll also, abgesehen von der darin liegenden Unredlichkeit, einen bedauerlichen Mangel an sozialem Gefühl. Wir glaubten, daß dies den Beteiligten wenigstens nachträglich zum Bewußtsein kommen würde und haben ihnen deshalb in den letzten Wochen unter Feststellung der Tatsache ihrer Anwesenheit beim Gottesdienst nachträglich Platzkarten zu ermäßigtem Preise übersandt. Aber wir haben uns getäuscht: fast alle lehnten die Einlösung ab, manche glaubten sogar, die Nachforderung mit einer gewissen Empörung zurückweisen zu dürfen. Der eine beruft sich darauf, seine Frau habe ja einen gemieteten.Platz inne, er selbst ser nur kurze Zeit dagewesen und glaube, „dieses Recht als Steuerzahler" unentgeltlich beanspruchen zu können! Ein anderer meint, er habe gesehen, daß sein, früher benutzter Platz unbesetzt gewesen sei und habe sich eben aus alter Anhänglichkeit wieder auf ihm niedergelassen. Ein Dritter findet es „merkwürdig", daß ihm Karten übersandt werden, „die doch nach Ablauf der hohen Feiertage ihren Wert verloren haben" usw: Menschen von Taktgefühl, denen es bei anderen Gelegenheiten für teuerste Plätze in den vordersten Reihen reicht, gewinnen es über sich, uns derartiges zu unterbreiten. Ja ein Gemeindevertreter machte sogar die Mitteilung, seine Frau se) von ihrem ordnungsmäßig gemieteten Platze in der Neuen Synagoge von einer Dame heruntergewiesen und auf das Dorzeigen ihrer Platzkarte dahin beschieden worden, sie. die Dame, habe eben schon früher diesen Platz benutzt und glaube deshalb, einen Anspruch auf seine weitere Innehabung zu besitzen! Alle gerecht und billig denkenden Gemeindemitglieder — vielleicht nachträglich auch mancher der hier Gemeinten — werden mit uns das Verfahren dieser „Nassauer" verurteilen und, was an ihnen liegt, dazu tun, um weiteren Schädigungen unserer Gemeindefinanzen durch derartige Manöver vorzubeugen. trenne -ich nicht von -er Gemein-e. Don Oberrabbiner Dr. Carleba ch-Altona. Die Not der jüdischen Gemeinden ist groß. Dielt von denen, di« -ihre Geber waren, sind verarmt, sind Empfänger geworden. Ihre Wohlfahrtspslichten sind ins Unermeßliche gestiegen. Die Sorge für Waisen und Witwen, für Alte und Kranke, für die körperliche unb*3 geistige Entwicklung mittelloser Jugendlicher nehmen den Hauptteil ihrer Etat» in Anspruch. 1 Da» Wirtschaftsleben hat zugleich unerhört schwere Formen angenommen. Der Mensch bedarf mehr denn je für sich und sein« Kinder geistige Stütze, Anregung, Seelsorge, Betteuung. Die politische Leidenschaft ist zudem unter dem Druck der Zeit mehr und mehr gestiegen. Die jüdische Ehre bedarf des Rechtsschutzes.