Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 11 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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152 yrerlaue r Jüdische» Gemeiadeblakk Nr. II Max Liebermana. Die Kunst ist unendlich sie ist die Welt. Li ie die Welt; ebermann. Am 2ü. 3 it I i not 34 Jahren erblickte Max Li> bermann das Licht der Welt. Dieser große Künstler durfte sticht Präsiden! der „Königlichen" Akademie der Künste rocrden und erst infolge der Stac tsumwälzung fiel ihm diese Würde von selbst zu und gegen alle Tradition wir» er von Jahr zu Jahr wiedergcwählt. — Als Wilhelm II. sich der Einsicht inann ein großer Maler sei, nicht mehr verschließen konnte, fast« er: „Aber een Anarchist ist der Kerl doch!" Dieses Urteil über den Mensch n war ebenso falsch wie sein früheres über den Künstler. Max Liebcrmann ist nichts desgleichen, sondern bei entschieden freien politischen Anschauunccn im Leben durchaus konservativer Patrizier, eine Verbindung, die in den iltcn jüdischen Familien, und wohl nicht nur in denen Berlins, ebenso hau äg ist, wie in den Hansestädten oder im europäischen Westen. — In^di csen jüdischen Familien Berlins winden und lverdcn dis auf: den heutigen Tag die Einfachheit, Ilnauffälligkcit und Geordnetheit der Lcbcnsführun; festgchalten, wie sie dem altpreußischcn Adel und Beamtentum eigen n aren. Daran hat kein Reichtum etwas geändert. 'Eine solch^ Familie warm die Lieberinanns. Der Großvater, Josef Lieberntann, war im Jahre 1324 aus Märkisch Fricdland nach Berlin eingewand rt und hatte schieden teilnehmen. Man kennt den rührenden Brief der Mutter Heines;, in dem sie in jiddischer Sprache und hebräischer Schrift ihre Kinder beschwört deutsch zu bleiben. — Ort den gebildeten Schichten war ein Deutschtum im höchsten Sinne, Zusammenhang mit der Kultur des Volkes, feinen größten Leistungen auf geistigem Gebiet, seinem Denken und Fühlen selbstverständlich. Wenn Dummheit später den Juden das Deutschtum glaubte absprechen zu können und es eine „5 t utfchkunde" für Schüler gibt, in der Liebermanns Name nicht einmal genannt wird, so hat Wilhelm von Bode darauf die klare Antwort gegeben, als er ihn an feinem 70. Geburtstage den „d e u t s ch e st e n" Künstler nannte. — On den Biographien Llctejrmanns wird fast immer der Vorteil betont, den seine Herkunft ihm brächte: die Unabhängigkeit des Sohnes aus reichem Hause. Diese Auffassung Ist nur bedingt richtig. Liebermann hat bittere Zeiten durchniachen müssen. Der Vater war alten Stiles, jene merkwürdige Mischung von Liebe zu dbu Kindern und starrer Hausherrschaft, die gerade bei Juden sehr häufig war. Begabte Söhne hatten das zu werden, was ein Vater wollte, um Ehre und Lohn zu erwerben. Künstlerschaft galt damals in solchen Familien nicht ' viel. Ein Ausbleiben des Erfolges war beinahe ein Verbrechen des Sphulcs und etwas, woran der Vater am tiefsten litt. Man kann sich heute kaijm vorstellen, wie Liebermann damals beschimpft wurde. Anton v. Werner gab den Ton an auch für die Kritik. Liebermann war der Maler des Häßlichen, der schmutzigen Farben, „der Kotmaler", wie ihn ein Kritiker naiuste. . Wie mußte das'auf diesen Vater, auf die ganze Familie wirken! : Liebermann arbeitete mit eisernem Fleiß, er hielt unbeirrt au feister f künstlerischen Ileberzeugung fest, seine Auffassung drang durch, seine Werke wurden in allen Galerien prämiiert und angekauft, die gesamte Kuststwclt > anerkannte ihn als überragenden, einzigartigen Künstler.! Max L i e d e r m a n n i st der führende M e i st c r lind j der bedeutend st c Nepräsenkank des Impressionismus in Deutschland. I , Der Gebildete kennt die überragende Bedeutung Liebermanns als! Künstler, aber nicht jeder kennt seine Schriften, und hierauf hinzulveiken sei mir gestattet. Nur ein Berufener wird über diese in Verbindung mit seiner Künstlerschaft ihm vetliehene seltene Gabe als Literat zu urteilen wagen;^man muh die Forderung aussprechen, daß die Gedanken, die Liebermann uns vermittelte, Gemeingut des deutschen Volkes iverden. Allles, j was er schrieb, übt einen ganz besonderen Reiz aus — ein Moment tritt' überall deutlich hervor — die geradezu rührende Bescheidenheit unddiesGröße des Menschen. — Ein paar Beispiele: Aus seinem, Buche über Josef Israels. „Aber als ich mich nun an die Arbeit machte, sah ich ein, daß ich Israels viel zu sehr liebe, rim über ihn schreiben: zu können. Denn'man kann eigentlicb nur über die Schwächen eines Künstlers' schreiben . . . Ilm aber einem großen Künstler gerecht zu iverden, müßte man seine Kunst in Worte fassen können; man müßte mit Kunst schreiben. Nur ein lyrischer Dichter könnte Israels ganz gerecht werden, denn Israels Malerei ist ein Farbe gewordenes Gedicht; ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne einfältig; alles Gemüt, Empfindung und nochmals! Gemüt . . . Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation und seiner Nasse^ versenkt sich Israels in die Natur, dorthin, wo sich die Aeußerungeni des: Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden j. . . Israels ist kein Ilebermensch und — was heutzutage seltener — er will keiner sein. — Mensch-sein genügt ihm." — Aus seinen „Gesa m in eilte Maschinen, die Schriften" über Familie B e r n st e i n: „Frau Bernstein war! 'A. eine Fabrik für bedruckte Kattune begründet njlit englischen eine sühne Neuerung bedeuteten. Ec wurdel Kommerzieniat und stellte eher häßlicb als hübscb zu nennen: utlcb'starker Magnet zoa nun ibrc Freu ide', sich bei einer Astdicnz Friedrich Wilhelm III mit den Worten t or: „Majestät, ich bin derjenige, der dix Engländer vom Kontinent vertrieben hat" (nämlich in der Kattunbranche). I Der Vater baute den Betrieb aus u id erwarb das echt altberlinische Großbürgerhaus neben dem Brandenburg- Tor, in dem der Maler auch jetzt residiert und de» Traditiosten getreu lebt. Der Großvater mütterlichseits, Haller, war Juwelier und Inhal er der Firma Haller und R a t h e » a u. Die Familif war zur Z< it des großen Kurfürsten äiis Wien nach Berlin gekommen, —f De» Kindern dieses Kreises wurde jede Möglichkeit zur Ausbildung gegeben.' Grundlage u ar die deutsche humanistisch?. Bildung, an der ja die Juden s^it Moses Mendelssohn ent Di« Abbildungen sind inii freundlicher Genehmigung de» Verlag. I.Kaufsmann, Frankfurt o. M., dem in diesem Verlege erschienenen Buch« von Dr. Arthur Galliner über Max Lieberinann (Heft I der jüdischen Jugendbücher«!) entnommen. J ’i