Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 10 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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138 Breslauer Jüdisches Gemeindeblatk Nr. 10 B'Handlung Abwegiger gen und undsätzlich gendlichen aisfgezeigten nung und G, Ir mellen Behandlung des Jugendlichen. Ein Schema der jft nicht gegeben und bei den vielfältigen Typen jugendlicher Einerseits und bei den verschiedenen pädagogischen Auffassufr Eigenschaften der Erzieher andererseits auch unmöglich. ~ nuß sich natürlich jede Bindung des Erziehers mit dem ind jede Auseinandersetzung mit chm im Rahmen der 'herapie der Entspannung und der allniählichen Arbeitsgewöl lekozialifierung halten. Soweit der Jugendliche nicht seine Lehrzeit im Heim iurchmacht >dcr besondere Umstände Unmöglichkeit der Arbeitsbeschafsun, i Berufsinfähigkeil, seine 'Anstaltsentlassung hindert, wird er nach neu« bis zwölf Monaten vom Heim beurlaubt. Eine Perufseignunzsprüfung »urch das Arbeitsamt Berlin-Mitte stellt die Berufsdiagnose. Durch Vernittlung jüdischer Institutionen erhält der Jqgendliche eine Stellung zugewiesen. Ilm dem Jugendlichen den Uebergang ins normale Lel en zu er-! fnüglichen und vor allekn, um ihn auch weiterhin erzieherisch .zu beeinflussen. beugt das Heim in Berlin ein Uebergawgsheim für 3 2 Jugend- I lichc unter Leitung eines Erzieherehepaares. Bon hier au > soll der Jugendliche den Sprung ins geordnete, gormal« Leben mager | , Jugendheim Wolzig ist noch nicht zwei Jahre alt. Bon Erfolgen zu sprechen wäre daher übereilt. Er Hai aber i ist entscheidend — gezeigt, daß alle Lerwahrlolungserschei! Jugendlichen nicht all 'ein Ding -für sich, sondern nur als tieferliegender Ursachen zu betrachten sind. Es hat gezeigt, .Ziehung ohne körperliche Strafe und mit einem Minimum disziz L. Gewalt durchaus, möglich i»>. Es hat. soweit Ich beobacht! für viele Jugendliche körperlich und geistig durchaus fördernd und ich glaube, daß die Erfjügsziffern Wolzigs itn Berhältnis Anstalten höher liegen wird. Die Hauplschwierigkeik liegt auf dem Gebiet der Arbeitstel und sozialen Sicherung. Wo geeignete Arbcht herbeischaff Arbeit ist notwendig, sollen nicht bei dem soeben als saniert Heim entlassenen Jugendlichen wieder die ältest Gefahren d haben es ja auf jeden Fall mit schwachen Persönlichkeiten zu jede Belastung etwa durch' langfristige Arbeitslosigkeit beso hängnisvoll werden kann. Die Arbeit muß auch oernünfitg werden, soll nicht der Wille zur Arbeit sofort herabgesetzt, we Arbeit herbeischasfen. die auch den Wünschen und der Eb Jugendlichen entspricht, soll nicht die 'Arbeitsfreude föforl Kera >g, werden? Wie kann schlimmstenfalls während etwaiger Arb i >der bei unzureichender Bezahlung in der Lehrstelle der Lep iaht des Jugendlichen ausreichend gesichert werden? Es immer wieder gesagt werden, daß nur eine ausreichende >inen dauernden Erziehungserfolg sichern kann. Es ist durcta: ich, daß in vielen Fällen die Lebenshaltungskosten für eir stügendlichen das normale Maß erheblich überschreiten müs Problem der Arbeitsbeschaffung und der sozialen Sicherung zerade jetzt und rllr absehbare Zeit kaum lösbar .zu sein ui >cn dieser Lösung in entscheidender Weise das Problem der rikriorgeerziehukig abhängig.' Es bleibt nur die Hoffnung . . H e.r'b e r l L e w i n. Sozialpädagogisches -eminar jBreslau. - 7 Duden auf eigener Scholle Bemerkungen zur Grundsteinlegung in Groh-Gagloch. Bon Professor Dr. Franz Oppenheimer. Die jüdische Siedlung in Deutschland, bei alten Stellen und allen Parteien viel diskutiert, tritt eigentli h jetzt erst durch die Arbeit des RJS <Reichsbund für jül ifche Siedlung in Deutschland! in ein wirtlich praktische- Stadium. . , Am 21. Juni wurde in der Siedlung Groß-k aglow bei Cottbus der Grundstein zu den elften zehn jüdi chen Siedj ■ lungen gelegt, die bereits im Oktober bezogen w »rden. Aus diesem Anlaß werden die Ausführungen »es Herrn Professor Dr. Franz Oppenheimer, der bekannt ich zu den größten Autoritäten auf diesem Gebiet nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslandgehört, unsere Leser besonders interessieren. Das deutsche Judentum hat von jeher mit oft großailiger Freigebigkeit We^ke der Religion und der Philantropie begründet und unterhalten: Synagogen, aber auch Waisenhäuser, Altersheim, Krankenhäuser, Anstalten für Blinden- und Taubstummenfürsorge usw. Aber das reicht heute nicht mehr aus, um unsere Gemeinschaft zu erhalten. die von der Rot der Zeit ganz besonders bedroht ist. Heute haben wir mit einer schweren Krisis auch der Gesunden u >d Arbeitsfähigen zu rechnen, und die neue Rot ruft nach neuen Mit eln. Eines dieser Mittel, und vielleicht von allen das wirksamste, ist die Berufsumschichtung durch die Siedlung, die Verwurzel ing, der in den Städten Heimat- und erwerbslos gewordenen mit kein Lande, dem Wurzelboden aller völkischen Kraft. Der erste Schritt auf diesem hoffnungsvollen Wege findet in diesem Monat statt. Am 21. Juni wurde;>!> der Siedlui g Groß- Gaglow bei Cottbus der Grundstein gelegt, ein Grundstein jüdischer Renaissance in Deutschland und als solcher ein Markstein in der Geschichte unserer Gemeinschaft. Es ist kein Werk der Religiosität und -keines der T hilantropie, jund ist dennoch beides zugleich, weil es beide« dient. definitiven und das iftungen an Wirkung daß EriHlinarifcher n konnte. gewirkt u anderen. schaffung n? Und aus dem Herr. Wir ün, denen chders verbezahlt den. Wo ring des gemindert itslofigkeik ensunteriiuß dabei Sicherung us mögen solchen n. Das erscheint doch ist modernen dr >1 ui d i I Was h a t nun das deutsche Judentum von der lüdischen Siedlung zu erwarten? Durch die Verstadtlichung der Bevölkerung in Deutschland hat unsere jüdische Gemeinschaft besonders gelitten. Bis Ende der sechziger Jahre lebte die Hauptmasse der jüdischen Bevölkerung in kleinen Städten und vielfach in Dörfern. Hier.entfaltete sich ein gesundes Gememde- . leben, erfüllt mit reichen Traditionen. Oer Jude mar hier der Natur ’ noch nahe, oft mar er Landwirt, viele Familien hatten einen Garten, den sie selbst bearbeiteten, oder er war Biehhalter, hatte Weidewirtschaft etc. Eine sittlich und leiblich gesunde Menschheit wuchs heran. Aus diesen jüdischen Kleingemeinden schöpften die Gemeinden der größeren'Städte ihre Kraft und vererbten uns geborenen Großstädtern die Zähigkeit ihres Körpers und Geistes und die Achtung für die sittlichen Gebote und die Familie. Hier in den Kleinstädten und Dörfern fand jüdische Religion, jüdische Tradition und jüdische Eigenart ihre Pflege. Durch die Berstadtlichung der deutschen Juden ist dies z» unserem Schmerz anders geworden. Wir wollen nicht darüber streiten, ob das deutsche Judentum zum Lerschwinden verurteilt ist. Wenn wir auch einen. Prozeß in dieser Richtung erkennen, der durch Wirtschafts not, Geburtenrückgang und Taufe verursacht wird, so sehen wir doch andererseits eine starke Renaissance des jüdischen Bewußtseins gerade in der Jugend, die unserer Zukunft ist. Die jüdische Siedlung soll unserer deutsch-jüdischen Jugend Helsen, ihr soll sie dienen, ihr die Mög- . lichkeit eines aussichtsreichen Berufes, einer selbständigen Existenz geben. Unsere erste neue jüdische Landgemeinde wird Groß-Gaglow sein, in ihr soll jüdisches Leben neu erblühen, fie_ fotl eine Wiege sein für Menschen von gesundem Leibe und gerader <oeele, die ihrem Bolkstum und ihrer Religionsgemeinschaft zur Ehre gereichen werden. Wir wollen Groß-Gaglow zu einer Mustersiedlung machen. Die von uns hier ein geschlagene Methode der Siedlung geht über die sonst übliche der Sied lungsgesellschaften weit hinaus. Während diese ihren Siedlern nur Haus und Boden zur Verfügung stellen, die Siedlungsanwärter ihre Stellen erst bei der Uebernahme beziehen, arbeiten bei uns die Anwärter bereits im Lohnverhältnis viele Monate vorher und legen auf Kosten der Siedlungsgesellschast vier Morgen ihrer Gärtnerstelle mit bestimmten Kulturen an. Bon den zehn Morgen, die jeder Siedler erhält. werden zwei Morgen mit Spargel und je ein Morgen mit Himbeeren und Erdbeeren, außerdem bestimmte Obstsorten angepslanzt Diese Methode hat für uns und den siedler folgende Vorteile: 1. Während der Anstellungszeit des Siedlers haben wir die Mög- - lichkeit, ihn auf seine Eignung zu erproben, ihn besonders für die Kulturen, die er zu betreuen hat, auszubilden, ihn zur Selbständigkeit zu erziehen. Ungeeignete Elemente, die diese. Probezeit nicht bestehen, werden ausgeschaltet resp. ihre Ansiedlung auf ein Jahr zurückgestellt. 2. Die Siedlungsanwärter hoben den Vorteil, sich mit den Bodenverhältnissen vertraut zu machen, sie arbeiten an dem 'Ausbau ihrer stelle unter Leitung erfahrener Fachleute in dem Bewußtsein, daß die für die Einrichtung'der Stelle getroffenen Anordnungen und Anbaute» Sie richtigen sind. Das Risiko'für sie bezüglich der Investitionen ist ausgeschlossen: mit gewissen Einkünften aus den von der Gesellschaft angelegten Kulturen können!sie bereits im ersten Jahre rechnen. 3. Die Siedlung geschieht unter bestimmten einheitlichen Gesichts punkten. Da vier Morgen mit Kulturen angelegt werden, vermeiden ' wir, daß jeder Siedler anbaut, was er will, und wir erreichen andererfeit, daß die einzelnen Kleinbetriebe, genossenschaftlich, zusammengeschlossen, sich zu einem Großbetrieb ausgestalten, des einheitliche Kulturen einheitlicher Sorte und Qualität in großen und - ungefähr be limmbaren Mengen auf den Markt bringt. Die Siedler -werden Ab schlüsse mit Großabnehmern tätigen können, wie mlt Warenhäusern, Fabriken und selbst Berbrauchern, so zum Beispiel Krankenhäusern. Altersheime etc., und wir denken dabei an unsere jüdischen Institutionen dieser Art, denen wir durch Belieferung auch gewisse Vorteile werden geben können. 3. Die Siedler übernehmen somit eine fertig eingerichtete Gärtner stelle von zehn Morgen Größe, mit Haus, elektrischem Licht, Zentral Wasserversorgung,' Beregnungsanlage, sie übernehmen bei den zehn Morgen einen komplett eingerichteten intensiven Gärtnereibetrieb von vier Morgen, deren Güte der Anpflanzungen sie kennen. Jede Gärtnerstelle wird etwa 20 000 Mark kosten: bei einer vor gesehenen Anzahlung von 3000 Mark hat der Siedler etwa 17 000 RM. Lasten zu verzinsen und zu amortisieren, die der Staat in Form -von Hauszinssteuer und Rentenbankkredit zu mäßigen Zinssätzen gibt. Die Rente beträgt nur etwa 700 Mark, entspricht also dem Betrage, de», der städtische Arbeiter. Kleinkaufmann oder Kleinhändler allein für Wohnungsmiete zu zahlen hat. Die Existenzmöglichkeit des Siedlers ist gewährleistet. In wenigen Jahren wird unsere Siedlung inmitten einer großen Dorfgemeinde vierzig bis fünfzig jüdische Familien zählen, von Gärtnern, Bauern, Geflügelzüchtern, aber auch von Handwerkern und Geistes-, arbeitern. Auch die letzteren werden etwas Boden erhalten und somit neben ihrem Hauptberuf als Bäcker, Schneider, Schuhmacher oder Lehrer etc. im Nebenberuf Landwirtschaft und Gärtnerei betreiben und mit dem Boden verwachsen. Das deutsche Judentum hat sich seit mehr als einem Jahrhundert bemüht, einen Teil von uns zur produktiven Arbeit, zum Handwerk And zur Landarbeit zurückzuführen. In Landschulen und speziellen Bereinen sind viele ausgezeichnete Kräfte herangebildet worden — so in Ahlem — aber es hat sich gezeigt, daß nur wenige von ihnen dazu gelangten, in Freitheit und Selbständigkeit ihrem selbst gewählten Beruf zu leben. Das wollen wir ihnen jetzt ermöglichen. Wir helfen hierdurch nicht nur