Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 10 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i 156 Breslauer Jüdische» Gemeladeblalk Nr. 10 Not lekre geben! Wer ein wenig die Vorgänge in unserer Gemeinde verfolgt hat und insbesondere davon weiß, wie schwer e< fiel, den Etat für das laufende Jahr aufzustellen,' wird auch wissen, daß es ein leider dringendes Gebot harter Notwendigkeit war, alle Subventionen, die die Gemeinde den jüdischen Ben inen und Wohlfahrtsorganisationen, die in ihrer Mitte beste ien, gab, erheblich zu verkürzen. Schweren Herzens nur entsc stoß man sich zu diesen Kürzungen, denn ein jeder wußte, wie alle diese Organisationen mit diesen Subventionen rechneten, w e sie vielfach einen beträchtlichen Teil ihres Etats darstellten. Und dabei bleibt es noch immer fraglich, ob die Gemeinde in der Lage fein wird, selbst die verringerten Subventionen voll auszuzahlen. Andererseits kann man sich wohl denken, daß die Gemeindebehörden in der Auswahl der von ihr un erstützten Organisationen sehr wählerisch waren, daß sie nicht etwa beliebige Vereine, die etwa nur irgend welchen geselligere Zwecken dienen, unterstützte, ^sondern nur solche, die sozic len oder ethischen Bestrebungen dienten. Alle dies« Vereine Und durch die verringerte Subvention in eine meist sehr miß! che Lage; gekommen, da sie schon seit einer Reihe von Jahren nit dieser i Einnahme rechneten. Umsomehr sind sie jetzt auf die kräftige Unterstützung und tätige Mitarbeit ihrer Mitglieder ar gewiesen, die bestrebt sein sollten, den unvermeidlichen Ausfcll wieder wett zu machen, auszugleichen. Statt dessen wird bekannt, daß manche Mitglieder unserer Gemeinde aus einer Reihe sehr! ernsten und sehr sozialen Zwecken dienender Vereine; und Organisationen ausscheiden oder ihre Beiträge zu zc hlen auf-; hören. Professor E i n st e i n hat einmal geschrieber: „In dieser Zeit wirtschaftlicher Depression pflegen viele am i falschen Orte zu sparen, nämlich, indem sie sich ihren sozial! n Pflichten ' . entziehen, statt ihren privaten Bedarf einzuschränken . . Hat er recht? Sollen wir uns diesen Dorwui f machen lassen, daß wir eher die Organisationen und Institutionen darben und zugrunde gehen lassen und mit ihnen die ivn ihnen betreuten Menschen und Dinge, als daß wir in unserem Verbrauch uns einig« Beschränkungen auferlegen? — statt eine Anzahl Zigarren oder Zigaretten weniger zu rauche i, einmal 'weniger ins Kino oder ins Kaffeehaus zu gehen und was dergleichen schöne Dinge mehr sind? Denn im Grunde sind doch die meisten Beiträge für diese Vereine nicht sehr hcch. Aber die vielen Wenig machen ein Viel, — zwar ein bei d, n meisten Wohlfahrtsdingen ohnehin nicht zureichendes Ganze >. Prof. E i n st e i n gab für seine oben zitierten Wort« noch eine Begründung, die hier nicht unterdrückt werden oll: „Wir Juden sind dadurch beständig bedroht, daß vir überall als eine Minorität leben, die sich durch den Komplex chrer Traditionen von der Umwelt unterscheidet. Hieraus erwächst für die Individuen eine Gefährdung teils wirtschaftlicher, teils moralischer Art; wirtschaftliche Gefährdung durch Verdrängung aus Berufen, moralische durch Vereinsamung, die meist zu armseligem Egoismus führt. Gegen diese Schäden hilft uns nur jüdische Solidarität. Wenn diese sich auch vornehmlich durch das persönliche Verhalten von Mensch zu - Mensch auswirken muß, so bedarf es doch zur Abhilfe gegen die krassesten Notstände solcher Organisationen, die kontinr ierlich und systematisch arbeiten." Und darum sollte man gerade.jetzt diesen Organisationen, die irgendwie den Nöten der Zeit abhelfen, sie lir dern und mindern wollen, sie leichter tragbar machen wollen, die Treue bewahren. Ja, die Not dieser schweren Zeit soll« lehren, ihnen noch mehr zuzuwenden als bisher. Denke nur ein Jeder daran, wie viele es gibt, denen es noch erheblich schlechter ergeht als Ihm, und denen nur durch die Institutionen und Organisationen der Wohlfahrt ein wenig geholfen werden kann. Laßt diese nicht im Stich, ^gebt gerade jetzt ein Vieüaches von dem, was ihr früher zu wenig gabt . . . i Dr. Hugo Schachtel. Gemeinöevertreter-Sihung am 24. September 1931. Bericht von Dr. Rechnitz. Aach Verlesung einiger Mitteilungen berichtete D a y e (lib.) über ben Rechnungsabschluß 1930/31. Es ergaben sich Ersparnisse vi n insgesamt 43 000.— M. bei den Hausbalten der Religionsschulen, der hi Heren Lehranstalten, der Bibliothek, der Badeanstalt, der Zweiggottesdienste, des Bestattungswesens und der Allgemeinen Verwaltung. Dagegen Mehrausgaben bzw. Mindereinnahmen von insgesamt 40 000.— M. bei denGrundstücken, den Synagogen, dem Woblfahrtsamt und dem Schlachtwesen. Der rechnungsmäßige Bestand von 12 '164.18 M., der auf den Verkauf der Wertpapiere des Betriebsfonds zurückzuführen ist, soll auf neue Rechnung vorgetragen werden. — Nachdem Schlesinger (kons.) Aufklärung über die veränderten Etatszahlen beim Wohlfahrtsamt und der Badeanstalt erhalten hat, wird der Abschluß genehmigt. Bayer trägt darauf den Kassenrevisionsbericdt vor, der zur Kenntnis genommen wird unter Wahl der Hrrren Meyer (D. P.), Bayer (lib.) und Silbermann <W. P.) zu Rechnungsprüfern. — 'Om DerwaltüngsberiGt gibt der Vorstand u. a. Kenntnis, daß die Sigismund Mamlok-Stiftung und'die Albertine Iasie-Stiftung im Rechtsmittelverfahren erfolgreich von Steuern fteigestellt worden sind. An die Statistik über die Beerdigungen, Trauungen, Einsegnungen, Geburten, Austritte und Ileberkritte knüpft sich eine längere interessante Aussprache. Der Vorsitzende Peiser (lib.) verliest den Artikel von Dr. Herbert Philipsthal in der Liberalen Zeitung wegen der Bemerkring in der Gemeindevertretung über die langweiligen statistischen Artikel. Nothmann (D. P.) beleuchtet die traurigen Folgen des Geburtenrückganges für das Judentum. Er regt an, das Verhältnis zwischen Geburten und Todesfällen sowie zwischen Erdbcstattungcn und Verbrennungen statistisch zu bearbeiten. — Verwaltungsdirektor Rcchnitz erwähnt, daß er die Todesfälle und ihre Ursachen in den letzten 3 Jahren statistisch bearbeitet habe. Es hätten sich dabei aber unvcrnreidbare Fehlerquellen herausgestellt. Es empfehle sich nicht, das geringe Material einer Einzelgemeinde zu verwerten. Wolfs (M. P.) wünscht die Ausdehnung der Statistik auf jüd. Wanderungsgewinn und Verlust. Horn (lib.) führt den Geburtenrückgang aus die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse zurück. Bei Besserung dieser Verhältnisse würden auch die Juden sich wieder vermehren. Der.Rückgang sollte daher nicht zum Anlaß genommen werden, Gemeindeeinrichtungen abzubauen. — Auf Wunsch; von Frau Prager (D. P.) geben Goldfeld und R e ch n i tz Auskunft über die Maßnahmen zur Beeinflussung der Austretenden. Von den weiteren j Mitteilungen im Verwaltungsbcricht nimmt die Versammlung Kenntnis.! Der Vorsitzende verliest hierauf eine Anfrage betr. Bauvorhaben der; Ocstrcichcr-Stiftung. Rcchnitz berichtet über die bisherigen Bemühungen zur Erlangung der I. Hypothek. Vielleicht gelinge cs im Frühjahr 1932 so viel j Stiftungsmittel flüssig zu machen, daß auf die Hypothek verzichtet werden! könne. — Eine weitcre Anfrage wollte wissen, was gegen die Not im Winter' unternomnien werde. Frau Ollendorff berichtet über die geplanten Notstandsmaßnahmen. Es ergehe ein allgemeiner Aufruf der Behörden, der hoffentlich viel Spenden einbringen werde. Ferner sollen aus Legatsmittcln Kohlen in größerem Umfange verteilt werden. Für erwerbslose Männer sei die Einrichtung einer Wärmehalle mit Teeküche vorbereitet, des'weiteren eine Kinderspeisung im Jugendheim eröffnet. Für erwerbslose junge! Mädchen werden Koch- und > Haushaltungskurse mit Bewirtung ab-I gehalten werden. Auch sonst werde die produktive Fürsorge sich die Ausbildung für einen Beruf besonders angelegen fein lassen. Leider müsse man noch eine erhebliche Zunahme der jugendlichen Erwerbslosen befürchten,! man werde diese besser zusammenfassen müssen. Nothmann wünscht' Auskunft über die neuen Toynbeehallen und über die Kontrolle der Besucher zwecks Vermeidung von Doppelbeanspruchung. Bach teilt mit, daß das^ Wohlfahrtsamt bisher 10 000 Ilnterstühungsfälle bearbeitet habe, ein erschütterndes Bild der Notlage unserer Gemeindemitgliedcr. Horn wünscht,! daß in erster Linie für Wärmehallen für die Jugendlichen gesorgt werde, die kein Heim haben. Den anderen und auch den Erwachsenen mit Heim solle inan lieber Kohlen oder Bargeld zur Lebenshaltung geben, damit das Familien^ leben in der Wohnung nicht aufgelöst werde. Frau Ollendorff ver-! weist auf die Veröffentlichung in der letzten Nummer der Berliner Illustrierten! Zeitung. Auch bei uns soll Essen nach Haus verabreicht werden, damit die! Hausftauen einen netten Tisch für die ganze Familie in der Wohnung bereiten können. — Schließlich genehmigt die Versammlung auf den Bericht von Wolfs den Antrag des Vorstandes, den Preis der Grabstellen in der neuen! Mittelreihe auf 600.— M. festzusehen und die Gebühren für den Winterschutz der Gräber um etwa 15% zu senken. I In der Geheimen Sitzung wurde die Anstellung des Herrn Dr/ Weinryd als Bibliothekar für die ausgeschiedene Bibliothekarin Fräulein Menken genehmigt. Ferner wurde zugestimmt, «ine Bürokraft und einen Auffeher ohne Ersatz abzubauen. Die Vorschläge zur Zuwcchl in den Re-i daktionsausschuß wurden dagegen dem Vorstände zur nochmaligen Erwägung zurückgegeben. Jugendheim Wolzig. > Aus dem Wege zu einer neuen Form der Fürsorgeerziehung. I Den Versuch der Anwendung neuzeitlicher Erziehungsmethoden in der Fürsorgeerziehung hat das „Jüdische Jugend- und Lehrheim" in Wolzig gemacht. Von der Organisation des Heims und seiner heilipädagogischen Arbeit soll hier zunächst gesprochen werden. Von den heute noch vorhandenen Mängeln auch der modernsten Praxis der Fürsorgeerziehung und von den Möglichkeiten einer völligen Sanierung ad» wegiger Jugendlicher soll am Schluß die Rede sein. Das in der Mark Brandenburg in dem landschaftlich schön gelegenen Dörfchen Wolzig neu erbaute Jüdische Jugend- und L e h r h « i m ist am 28. 11. 1929 eröffnet worden» nachdem das veraltete (baulich wie pädagogisch) jüdische Erziehungsheim in Repzin seine Pforten geschloffen hatte. Das Heim untersteht der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Leiter des Heimes fft der Kinderarzt und ehemalige Leiter des Jüdischen Waisenhauses zu Kowno Dr. Hans Lubinski. j