Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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120 vreslau i c Jüdisches Gemeladeblalk Nr. 9 Schulen gehabt Härten >da ihnen dies unlängst untersagt war), sondern nur in gemieteten Stuben ihre Gebete oerrichteten; 2. oas die Juden beteten, und ob sie — wie die Täuflinge behauptet hält :n — in ihren Gebeten die Christen verfluchen und die Obrigkeit lästeri, und 3, was die noch außen hin auffallendsten Merkmale des jüdisch« n Wochentags-, gottesdienstes — nämlich Zizith^Tallis und die Thorarol e — bedeuten. In einer sehr feinen Weise und voller Objektivität entledigte sich Professor Daniel Springer!— wie der im folgenden ab zedruckte Brief ,eigt — seiner Aufgabe. Am 9. März 1701 konnte er demsBreslauer Rat folgendes Antwortschreiben überreichen: „Hochedele, Gestrenge und hochgebiethende Herren, Meine insonderst respective hoch zu ehrende Herren Herren. Auf Befehl Ihro hochadeligen Gestr. habe ich zu e ich Benahmter wegen der hiesigen ab- und zureisende/, Judenschafft bisher» gehaltenen Gottesdienstes, diesen nach meinem besten Wissen und Gewissen schriftlich verfasseten Bericht Euer Gestr. gehorsambst ePheilen wollen und sollen. Diesen meinen aufrichtigen Bericht von dem statu ecclesiastico (den) kirchlichen Zustands der hiesigen Judenschaft überreichet Einem hochedl: gestr. Rathe der Stadt Breslau, nebst herzlicher Anerwüntschung glück» seeliger Regierung, Osserierung seiner Dienste' und tiefster Empfehlung in dero hohes Patrocinium (— Schuß) Eines hochedlen und Gestrengen Rathes gehorsambster Knecht Daniel Springer. Signatum Bratislaoiae, d. 0. .Martii An. 1701. Dieses Gutachten, das im Breslauer Stadtarchiv (Lose Judenakten, NNN 440 I) aufbewahrt ist, zeugt von der Vorurteilslosigkeit dieses cfjriftp lichen Judenkenners. Ihm ist es in der Hauptsache zu verdanken, wen« in den folgenden Zeiten die Gottesdienste der Breslauer Juden nichk weiter gestört wurden. Wir ersehen hieraus, wie wichtig zuweilen diö Aufklärung über den auf Nichtjuden fremd wirkenden jüdischen Gottesdienst ist. i Pro Imo: Aufs die Frage: ob die hier befindlichen Jl den niemahlen gewisse Synagogen oder Judenschulen gehalten? gebe ich zur Antwort, daß selbete nicht, als wie zu Prchge und im Lande Böhni «n, zu Franckfurlh am Mayn, Amsterdam, in gang Mehren, gantz Gr ß- und Kleinpohlen und Littau Litauen), zu Rom. und in gam 'Italien, von Ihnen zu geschehen pfleget, sondern nur in etlichen gemiitheten Stuben ihre Gebeth verrichtet, Messen abgelesen (=fc Toraoorlesui g abgehalten), das geschriebene Gesetzbuch vomeinem zum andern getragen, die Männer im Zimmer ihren Dienst verrichtet, di» Weiber Haussen >or der Stube stille gesessen und heimlich gebethet, und solchergestalt Selbige ihre Privat conüentiones (.Einzelzusammenkünfte, vollzogen haben. ' .. Pro 2 Do: Aus die Frage, was die hiesigen Juden bethen, ob sie den Herren Christum mit ausdrücklichen gesprochenen, aesc »riebenen oder gedruckten Schimpfreden lästern und der christlichen Obr gkeit fluchen? gebe ich zur Nachricht, daß ich in ihren zu Amsterda n, Prag und Dierenfunh l Dyhernfurkh) gedruckten Gebelhbücyern bis dato noch keine cintzige erplicitam, disertam et apertam formalemque blasphemiam < keine einzige ausdrückliche, deutliche, offenbare und förnliche Gottes läsierungs wieder unseren Herrn Christum oder die chrisi liche Obrigkeit angetroffen. Daß sie auch eine hohe christliche Obrigkeit oerbis o>? prolatis sioe exlernis > durch gesprochene oder äußerliche Redensarten, Glicht vermale degcn, sondern vielmehr im Gegentheil Selbige hoch sexnen, habe ich mit meinen 'Augen nicht allein in dehnen zu Prag und Diehrensurth ge druckten, sondern auch auf Pergament geschriebenen jüd schen Gedeih büchern mit Verwunderung gelesen ein Ebräisches Gedeih vor (= für) die Wohlfart Ihro K. u. K. Maj., derohohen Familie uid ansehnliche Kaps. Herrn Ministrorum, welches befindlich in ihrem allgemeinen Ge bethbuche, gedruckt zu Diehrenfurt durch den in Ach's Eruüi orum Lipsien sibus gelobten Rabbi Sabbetai Baß), Anno Mundi 5450 1600), daß ist vor 10 Jahren, in sorma 1 quartä (4fol. 75, auf der andern Seite nach dem Morgenfegen am Sabbath. Selbiges Gebeth ist v ir langer Zeit von den Juden selbst aus ihrem eigenen Trieb abgesafset, und auf alle Säbbathe und in andern Feyertagen allhier in Breslau o m ihrem vor- ' geitelleten Lectpre (Borbeter) gantz laut abgelesen, und den Volcke vor gebethet worden. Es lautet aber in teutscher Sprache, wie hernach folgt: Der Gott, -welcher den Himmel und die Erde und dehr > gantzes Heer erschaffen hat: der unsere Väter, den Abraham, Isaac unl Äaacob, den Mosen und Aharon, David und Salomp und alle gebene >eyete Könige gesegnet hat: derselbige seegne auch tinsern Herren, de, aus hohem ^tamm entsprossen i>t,' den hochberllhmten römischen l laiser, Herrn Leopoldum, Ihn und alles was er hat: Seine Herrlichkeit und sein Horn werde erhöhet, sein Thron werde groß, -und sein Reich fte ge hoch, noch höher und auss allerhöchste: Gott der Herr bewahre ihn, und lasse ihn aus aller Angst und Not bey dem Leben bleiben. Er sich e und bringe die Völker unter ihn; es sollen seine Feinde unter seine Fußsohlen fallen, und in allem, wohin er sich wenden wird, sey er glücksel g: Gott gebe selbigem ein weises und verständiges Hertz, umb Recht und Gerechtigkeit, Gürte und Barmhertzigkeit auszuüberk, wie auch güthig rnd autthätig gegen alle zu seyn: Gott, der Herr, erhalte selbigen bey lem Leben in Gesundheit des Leibes und der Seele eine lange Zeit bey utten Tagen. Er sey glückselig, und es gehe ihm wohl in allen seinen Ziegen und in allen seinen Kriegen: Er, sein Saame' und der Saame seir es Saamens, sampt allen seinen Räthen, allen Obristen seiner Heerschaai en und allen seinen Kriegsoölckern, allen und ieglichen mit ihren Rahme i. In seinen und unfern Tagen werde dem Jehuda geholffen, und Jsr rel wohne in Sicherheit: Es komme endlich gen Zion der Erlöser: Also ey der Wille der Allerhöchsten, und wir sprechen hierzu: Amen. Pro 3 tio et ultimo: Auf die Frage, was denn 1 die weißen Schnürlein am Kleide, 2. das weiße Tuch und 3. die Role Pergament bedeuten? antworte ich kürlstich: 1. Die zusammengedrehte > und Herabhangenden Schnüre sind ihnen ein Gedenkzeichen der göttl chen Befehle, werden bey ihnen Zi.zis, das ist Cincennus genennet, nehn en solches ex laus» Numerorum Cap. 15 o. 37 u. 38. — 2. das weiße G« wand ist eine große Decke aus subtiler Wälle oder Haaren gemacht, w iche sie umb das Haupt und Hals wickeln zur Jeith ihres Gedeihe» und andern Fällen. Heißen es Tallis, eine Decke. — 3. Auf dem zusamn engewickelten Pergament sind mit sonderbahrer Dinte, Feder, Heiligkeit, Gebeth und Kleidung die fünf Bücher Mosis in Ebraeischer Sprache, mit höchstem Fleiße, ohne unvorsichtige Zusammenstoßung der Buchstaben geschrieben zu sehen. Die Stein'sche Reform unü üer »Iuüenstaat" von Rabbiner i. R. Dr. Josephsohn, Breslau.! Hundert Jahre sind seit dem Tode des Freiherrn vom Stein vest-! strichen, der sich unsterbliche Verdienste um unser Vaterland erworben hat. War er es doch, der mit gleichgesinnten Männern, während Preußen noch unter dem Druck der Franzosenherrschaft seufzte, durch weise Maßregeln eine bessere Zeit für dessen Bevölkerung anbahnte. Er hatte richtig erkannt, daß nur, wenn alle in demselben schlummernden! Kräfte, die bisher in ihrer Entwicklung gehemmt waren, zu einer gedeihlichen Entfaltung gelangten, die Befreiung vom fremdländischen 30^' erzielt werden könnte. Darum hielt er es für erforderlich, Reformen im' ganzen Staatswesen einzuführen, Gerechtigkeit allen Schichten des Volkes ohne Unterschied des Ranges und Standes zuteil werden zu lassen und' Mißbräuche, die jeden vernünftigen Fortschritt hemmten, abzuschafsert. So erweiterte er die Rechte der Bürger und Bauern, beschränkte die' llebermacht des Adels und der Großgrundbesitzer und war schließlich, wie Dr. Jsmar Freund ihn treffend genannt hat, der Wegbereiter fiiH die Emanzipation der Juden in Preußen. Bekanntlich muhte er vor de» Nachstellungen Napoleons Deutschland verlassen und einige Jahre alb! Flüchtling in St. Petersburg verleben. Während dieser Zeit (am 11. März 1812) erließ sein Amtsnachfolger und politischer Gesinnungsgenösse, der Staatskanzler v. Hardenberg, das Edikt, das die staats-' bürgerliche Gleichberechtigung der Juden aussprach. 1 Darum halten wir. wie als Deutsche, so auch als Bekenner des- Judentums das Andenken dieses edlen, vortrefflichen Mannes hoch in! Ehren.! Sein glorreiches Wirken, dessen Segnungen noch in unsere Zeit hineinreichen, verdient umsomehr gepriesen zu werden, als er ungeheure Schwierigkeiten und Widerstände zu bekämpfen hatte, ehe es ihm gelang, seine volksbeglückenden Ziele zu erreichen. Denn diejenige Gesellschasts!- klasse, die bis dahin in Preußen eine bevorrechtete Stellung einnahm, griff die von ihm beabsichtigte Neuordnung der Dinge aufs heftigste ay, aus Furcht, es könnten ihre Interessen hierdurch beeinträchtigt werdest. Ja, es geschah damals etwas Merkwürdiges, was zu ernstem Nachdenken anregen muß, weil es ein Helles Licht wirft auf eine Eigenartige Erscheinung im gegenwärtigen Deutschland. Es machten sich nämlich anti-. semitische Regungen gegen die Bestrebungen Steins geltend, weil ex ■ Freiheit und Gleichberechtigung für alle Bewohner zu Staatsgrundsätzey erhoben wissen wollte. Schleuderte doch schon im Jahre 1808, also vier Jahre, bevor das Edikt über die Emanzipation der Juden in Preußen erlassen war, der Vertreter üer mächtigen reaktionären Partei, o. d. Marwitz, gegen ihn den Vorwurf, er wolle das alte ehrlich!« brandenburgische Preußen in einen neumodischen Judenstaat verwandeln. Dies ergibt sich aus der im Jahre 1807 von Hugo Preus verfaßten Schrift: Die Junkerfrage. Seite 27 befindet sich dort nämlich die Stelle:; „Aber für diesen modernen Staat hatten sie (die Junker) auch bereits einen trefflichen nom de guerre, der noch heute in einer Zirkusoerfammlung des Bundes der Landwirte tosenden Beifalls sicher ist. In einem I jener von Marwitz Unterzeichneten Proteste findet sich die entrüstete 1 Frage: „ob man das alte ehrliche brandenburgische Preußen in einen neumodischen Jodenstaat verwandeln wolle?! Da haben wir's! Der moderne Staat ist ein Judenstaat, den die große Reform anstrebt. UM , jenen Vorstoß ganz zu würdigen, muß man bedenken, daß dazumal selbst das bescheidene Emanzipationsedikt von 1812 noch gar nicht erlassen war? Wenn daher heutzutage antisemitische Journalisten oder Volkstversammlungsredner, die den Staat durch die Bezeichnung „Judeyrepublit" beschimpfen, sich vor Gericht herausreden wollen mit der Beihauptung, sie gebrauchten den beanstandeten Ausdruck nur aus dersi Grunde, weil angeblich seit der Novemberrevolution 1918 der Einfluß deir Juden in Deutschland zu sehr überhand genommen habe, werden sie durch den Hinweis auf ihren Gesinnungsgenossen v. d. Marwitz widerlegt. Denn, sofern das von ihm ausgegebene Schlagwort für die Zeisi in der er lebte, überhaupt noch einen Sinn haben soll, kann es nur darin bestehen, daß die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die damals durch die französische Revolution in der ganzen Welt bekannt geworden waren, auf Grundsätzen des Alten Testaments beruhen. Es sei in bezug hierauf an folgende Stellen unserer Heiligen Schrift erinnert: j 1. Ihr sollt Freiheit ausrufen im Lande für alle seine Bewohner. 3. Mose Kap. 25, Vers 10. (F r e i h e i t.)