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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1931-05-01 · 5 (5.1931) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
8 (1931)
Issue
5 (5.1931)
Date
1931-05-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Lreslauer Jüdisches Gemeindeblall Nr. S 68 =* richtig.bei bet Frage der Eheschließungen einsehen. Diese Ansicht mag vielleicht vor d^m Kriege eine gewisse Berechtigung gehabt haben. Heute trifft sie zweifellos nicht mehr zu. Die Geburtenzahl wird allein von dem Willen der Heiratenden abhängig gemacht, anderenfalls wäre es nicht möglich, baß bei den Juden trotz ziemlich gleichdleibender Eheschließungen eine viel geringere Geburtenzahl beim Vergleich der letzten 50 Jahre festgestellt werden nmß. Bei der Gesamtbevölkerung zeigt die Kurve der Ehen sogar eine starke Zut nähme, dennoch ist die Geburtenzahl absolut und relativ zurückgegangen. Bei den Juden können die- Ehen auch nur absolut als in gleicher Höhe angesehen iverden, relativ sind sie hingegen stark gefallen. Denn im Jahre c 1880 wurden bei einer jüdischen Bevölkerung von >7 445 Seelen 108 rein jüdische Ehen gezählt (6,1 •/„,). im Jahre 1925 bei einer Bevölkerung von : 25 240 125 Eben (5,4*/oo)- Die Mischehen sind, aber in jeder Hinsicht,! absolut und relativ betrachtet, stärk angestiegen. Don 12 in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dis auf 62° im^Iahre.1029. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie noch weniger fruchtbar sind als die rein jüdischen Ehen und ferner, daß die Kinder, die ihnen entsprießen, überwiegend dem Ehristentum zugesührt werden.' i ' (Fortsetzung folgt)! 1! Sie Zeieühofsschänöung in Trebnitz i. Schief. j hat durch Verurteilung der angeklagten Nationalsozialisten, des i achtzehnjährigen Konditorgehilfen Gerhard Weiß zu drei j Monaten Gefängnis und des sechzehnjährigen Kaufmanns-! lehrlings Kurt Schreiber zu zwei Monaten Gefängnis, feine! Sühne gefunden. Bemerkenswert waren die Ausführungen! von N.-A. Foerder, Breslau) der die als Nebenkläger zu-! gelassene Synagogengemeinde Trebnitz vertrat, und von J.-R.! Peiser, Breslau, der als Geschädigter des Grabes seiner Mutter! und für einen anderen Geschädigten. auftrat. Die C.-D.- > Zeitung bringt in der Nummer vom 2-1. April 1931 hierüber i einen ausführlichen Bericht. - Wir brachten in der Januar-Nummer 1931 des Gemeinde-! blattes einen Brief des Eo. Oberkirchenrates vom 16. Dezember J 1930 zum Abdruck, den Herr Michael Fraenkel, Breslau, auf; feine Vorstellungen wegen der 'Friedhofsschändungen erhalten hat- In diesem beklagte der Ev. Oberkirchenrat diese : Schändungen aufs tiefste und stellte in Aussicht, diese Vorgänge! in einer demnächst stattfindenden Besprechung mit den Führern! der Kirchenprovinzen zur Sprache zu bringen. In Verfolg ■ dieses Schreibens hat Herr Michael Fraenkel nunmehr die nachj stehende Mitteilung erhalten: Evangelischer Oberkirchenrat. k). O. I 6711. Berlin-Charlottenburg, 30. März 1931. Zebenstraße 5. us das an den Herrn Präsidenten unseres Kollegiums gerichtete l und an uns abgegebene Schreiben vom 23. März d. I.; Entsprechend unserem letzten Schreiben vom 16. Dezember 1930 - haben wir die bedauerlichen Vorgänge in einer mit den Herren Generalsuperintendenten und Konsistorialpräsidenten im Februar d. I. abgehallenen Konferenz zur Sprache gebracht. Wir dürfen vertrauen, daß auch von diesen Stellen alles Gewiesene geschehen wird, um nach Möglich- - keildie beklagten Friedhofsschändungen zu verhindern. , Wegen der in Ihrem Schreiben erwähnten letzteil Vorfälle in Lchrießheim haben wir. Abschrift Ihrer Eingabe dem Evangelischen , 'Oberkirchenrat der vereinigten evangelisch-protestantischen Landeskirchen Badens in Karlsruhe zugehen lassen. An Herrn Michael Fraenkel *- in Breslau. Für den Präsidenten gez.: Hundt. Eine Massenkundgebung! mit dem Thema: „Nationalsozialismus, Judentum und Vaterland" veranstaltete am 9. Mai 1931 die Ortsgruppe Breslau des Centraloereins i deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im großen Saale des Konzert- , Hauses. Die Spitzen der Behörden und eine große Anzahl geladener i Persönlichkeiten aus der Beamtenschaft sowie eine ungeheure Menge! Gemeindemitglieder waren erschienen. Hunderten konnteauf polizeiliche j Anordnung kein Einlaß mehr gewährt werden. Der Vorsitzende der > hiesigen Ortsgruppe, Rechtsanwalt Dr. Tarnowski, betonte in seiner Be-!-grüßungsansprache, daß der Centraloerein nur abwehren nicht angreifen : wolle, aber die Auswüchse der Angriffe gegen uns Juden und die Schändung der jüdischen Friedhöfe, die das Ansehen Deutschlands in der j ganzen Welt herabsetzen, können wir nicht ruhig hinnehmen. — Als i erster Redner sprach Polizei-Vizepräsident Dr. W e i h, Berlin, über de»! Nationalsozialismus, insbesondere über die politische Seite. Er erinnerte j daran, daß Fürstbischof Bertram den Nationalsozialismus als ein Wahn- ' gebilde bezeichnet habe. Wenn Politik die Kunst sei, das Mögliche zu erreichen, so sei die Politik der Nazi die Kunst, bas Unmögliche zu ver- : .sprechen. Der „Erfolg" bei der Reichstaaswaht sei. lediglich «in Ab-; bild des kranken Wirtschaftslebens. Abgesehen davon, sei der Erfolg j zürückzuführen auf die Organisation, die Propaganda und die Disziplin der Nationalsozialistischen Partei. Hiervon könnten alle Parteien lernen bis auf die Propaganda, die bei den Nazis nach den eigenen Zugeständnissen ohne Skrupel geführt wird. Redner bespricht die Parteiorganisation, über die er reichlich Erfahrung besitzt. Die Disziplin der Partei sei beispiellos, werde aber ihren Untergang herbeiführen, wenn auch nicht-heute und in den nächsten Wochen; denn schließlich kann eine Partei in dem aufgeklärten Deutschland nicht aus Kaoavergehorsam, sondern nur auf einer sittlichen Idee aufgebaut werden. An dieser fehlt es bei dem Nationalsozialismus ebenso wie an Köpfen. Theorie und Praxis des Parteiprogramms sei grundverschieden. Darin stehe der Latz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz". Er selbst wolle in dieser Beziehung kein Werturteil abgeben, sondern lasse die Nazis selbst sprechen. Hitler hat vor Gericht ausgesagt, der S.-A.-Führer Etennes habe sich jeden Gang gut bezahlen lasten. Stennes wirft Hitler vor, daß er sich in seinem braunen Hause in München einen fürstlichen Palast eingerichtet und auf Kosten der notleidenden «.-A.-Leute in Wohlleben schwelge. Der Nazi-Gruppenführer in Neu-Stettin habe für 1500 Mark sich den Polen als Spion angeboten. So sieht in der Praxis der Grundsatz vom 'Gemeinnutz aus. Mit aller Macht wehren wir uns gegen den Parteigrundsatz, daß wir Juden nicht Volksgenossen sein können. Das deutsche Volk werde mit dem Nationalsozialismus fertig werden, und ebenso wir Juden, die wir schon schlimmeres im Lause der Jahrtausende überwunden haben, mit dem Antisemitismus. — Ministerialdirektor Dr. S p i e ck e r, der Zentrumsabgeordnele und frühere Reichspressechef, betont, daß die Gottesgläubigen jtets die besten Staatsbürger gewesen seien und nicht die Gottlosen. - Er erinnert weiter ■ an seine Tätigkeit vor zehn Jahren als Abstimmungskommissar in Oberschlesien. Damals gab es keinen Streit der Stände und Konfessionen. 'Kein Jude sei damals dem deutschen Vaterlande untreu geworden. Ilm so schmerzlicher sei die Ueberhebiichkeit, mit der bestimmte Gruppen sich allein als national und die anderen als unzuverlässig ansehen und sie sogar in Gleiwitz an der Abstimmungsseier nicht haben teilnehmen fasten. Die Katholiken wüßten am besten die Empfindungen der Juden zu beurteilen, da sie selbst jahrzehntelang den Vorwurf haben hinnehmen müssen, national unzuverlässig und von einer außerdeutschen Macht abhängig zu sein. Er erörterte in formvollendeter tiefgründiger Darlegung die Gründe für die politischen Gärungen der Jetztzeit mit dem lieber sluß aik Produktion auf der einen Seite und Hunger und 'Not aus der anderen. BEnwernswert sei das deutsche Volk, das die Schrecknisse des Krieges, die 'JW der Inflation und die Erschütterung der Deflation ertragen habe und doch seinen Feinden von gestern die Hand zur Per söhnung biete. Die erbitterten und eMtäuschten Menschen verfallen leider den hochtrabenden Phrasen und Illusionen. Durch Ruhe und Festigkeit wird die Regierung das von Fiebern geschüttelte Volk zum besseren Ende führen. Der Radikalismus ist die Ueberstürzung an sich gesunder Ideen. Diese müssen von Volk und Regierung in ruhige Bahnen der Forientwicklung gelenkt werden. Als letzter sprach der Syndikus des E.-V. Dr. Alfred Wiener schmerzlich bewegt als alter Frontsoldat, der 4'A Jahre im Felde gestanden hat, über die moralische Vergiftung und Parteizersplitterung Deutschlands. Damals im Felde habe man so etwas nichl gekanm. Auf einmal sei der Kamerad nicht mehr Kamerad, der Volksgenosse nicht mehr Volksgenosse. Die maßlose Hetze, die in der Nazi-Presse gegen die Juden getrieben werde, gehe nicht diese allein an, sonder» das deutsche Volk. Mit der Abwehr führe der C.-V. nicht bloß die Sache der Juden, sondern des deutschen Vaterlandes, dessen hohes Ansehen in der Welt so furchtbar durch den Antisemitismus gelitten habe. Die Juden seien jederzeit mit Gut und Blut für ihr deutsches Vaterland eingetreten. 12 000 Juden haben ihr Leben im Weltkriege gelassen. Die deutsche Wissenschaft sei ohne den Anteil der deutsche» - Juden nicht denkbar. Einstein habe aber recht, wenn er sagt: „Ist meine Lehre richtig, so ist es eine deutsche Errungenschaft, ist sie falsch, so ist es eine jüdische Sache." Die überschwenglichen Worte, mit denen i die gewiß nicht judensreundliche „Deutsche Allgemeine Zeitung" den Goetheforscher Gundolf rühme als den Schöpfer einer deutschen Geistes- ' tat, enthalten nichts davon, daß er Jude fei. Die Erzählung von den kühnen Reisen des Afrikaforschers Emin Pascha, die in allen Lesebüchern die deutsche Jugend begeistert, verschweigt, daß er der jüdische Arzt Dr. Schnitzer aus Reiste gewesen ist, und viele der schönen Lieder, die Deutschlands Jugend ^nd Studenten so gerne singen, stammen von dem Lehrer Jakob Löwenberg aus Hamburg. Helene Meier mit den ' blonden Zöpfen, die Weltmeifterin im Fechten, werde als germanischer Urtyp gefeiert, wenn sie auch die Tochter unseres C.-V.-Mitgliedes San- Rat Dr. Meier aus Offenbach ist. Aber' wenn der kleine Bankier Coh» - eine Unterschlagung begeht, dann sind alle Juden Betrüger. Wir Juden wollen unsere Religion, unsere Geschichte und unsere Tradition bewahren und hoch halten, deswegen bleiben wir Deutsche, weil wir eben Deutsche find. (Stürmischer Beifall.) Redner schloß mit dem | Vortrag der dritten Strophe des Deutschlandliedes mit dem Hinweis, daß Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland not- I wendig seien, und mit dem hebräischen Psalmwort, dem Frieden, dem inneren Frieden, nachzujagen. R. Oie Jahresversammlung öes hilsevrieins öer Deutschen Juöen am 19. April 1931. Die diesjährige Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen 1 Juden, die am Sonntag, den 19. April, unter dem Vorsitz von Dr. James Simon im Hotel „Kaiserhof" zu Berlin stattsand, nahm als 30. Jahres-

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