Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 1 (1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3970005-7569524-7569678--1399-3971310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Breslauer Jüdische» Gemeiadeblalt Nr. 1 Hierauf erstattet HerrGins eitlen ausführlichen Bericht über die Beratungen des Notstands-Äusschuffes. Bor diesem habe zunächst Frau Ollendorff?|ne Uebersicht über die um-, fangreiche Tätigkeit des Wohlfahrtsaijntes gegeben, welche die höchsten körperlichen und seelischen Anforderungen an die hier Tätigen stelle. Die'weitere Aussprache im Ausschuß habe den Aufruf im Gemeindeblatt veranlaßt, dessen Ergebnis geradezu kläglich gewesen sei. Es müßten andere Mittel gesucht werden zur Behebung der Kreditnot, die in ungeheurem Maße ge^ wachsen sei. Der auf der Persönlichkeit des Darlehnsnehmers beruhende Kredit fei bei dem jetzigen Großbankwesen und der hiermit verbundenen Unpersönlichkeit der Geschäftsführung . nicht mehr möglich. Die hierfür geeigneten Privatbanken seien leider iin Aussterben. Der Notstands-Ausschuß sehe in der Selbsthilfe der Kreditsuchenden mit gegenseitiger Garantie, also in einem Zusammenschluß auf gezüissenschaftlicher Grundlage,' den geeigneten Ausweg, wofür Borbilder, namentlich jm Ausiande, unter den Juden vorhanden -feien. In Berlin beständen bereits zwei jüdische Genossenschaftsbanken. Wenn deren Eriolge auch nicht gerade ermunternd feien, so lägen doch iu Breslau die Verhältnisse durchsichtiger, auch sei die Werbung von Mitgliedern hier leichter. Eine solche Bank sei allerdings kein alleiniges Heilmittel; man müsse aber den Versuch wagen. Der Ausschuß schlage daher vor, die Gründung einer Genossenschaftsbank im Kreise von Interessierten zu erörtern. Der Borstand habe ein zinsloses Darlehen von 50 000 Mark in Aussicht gestellt und damit Verständnis für diese Bestrebungen ge- * zeigt. I.-R. Peiser schildert die furchtbare Not unter den Kemeindemitgliedern und fordert zu ernster Kraftanstrengung auf. Die Hilfe könne nicht in Form der Wohltätigkeit gebracht werden, weil diese etwas Beschämendes habe. Die Kreditsuchenden wollen kein Almosen, können aber andererseits bei der, Struktur der Banken Kredit nicht erlangen. Es fei allerdings der beachtliche Einwand gemacht worden, daß die Spesen groß seien und trotz kaufmännischer Arbeit Verluste entstehen müßten. Aber dem widerspräche der Erfolg vieler Genossenschäften, überdies rechne er auf die Hilfe potenter Gemeindcinitglieder. HerrHoffmann vom Vorstand berichtet, daß auch der Vorstandsich über die unbedingte Notwendigkeit einer Krehithilfe einig sei, dagegen nicht-über den Weg hierzu. Die' Gebinde habe leider keinerlei Mittel und müßte diese sich selbst erst im Wege des Kredits beschaffen. Die Zinsen und Tilgungsraten müßten im Etat trotz aller Anspannung unter-' gebracht werden. Die dankenswerte Information des Herrn Bankdirektor Silbermann vom Notstandsausschuß über die jüdischen Genossenschaften in Berlin spräche nicht für eine derartige Gründung; denn obgleich Zinsen von über 12 Prozent genommen würden, seien jährliche Verluste unvermeidlich geblieben. Dabei seien erhebliche Kredite eingefroren und nicht einmal abgeschrieben worden. Die Spesen werden auch in Breslau mit nzindeftens 20 000 Mark jährlich anzusetzen sein, was bedenklich sei. Die Mittelstandshilfe mache schon einige bankmäßige Geschäfte, insbesondere die Wechselgirierung, was der hauptsächliche Zweck der Genoffenschaft sein soll. Man könnte daher die Mittelstandshilfe durch Schaffung einer Bankabteilung ausbauen, was eine wesentliche Spesenersparnis bedeute. Mit dieser Anregung habe der Vorstand die Sache a» den Notstandsausschuß zurückverwiesen, und er bitte, mit der Gründerversammlung zu warten, bis dieser Vorschlag geprüft sei. Herr Kw der hält die Breslauer Verhältnisse für bester als die Berliner, bittet aber auf jeden Fall die Erwägungen zu beschleunigen, damit die Hilfe nicht zu spät komme. Herr Wolffsohn erklärt die jüdische Not als die des Mittelstandes überhaupt. Es sei Pflicht der Gemeinde, sich der Notleidenden anzunehmen. Gegen eine Genossenschaftsbank spräche der große Unkostenetat. Wenn auf geschäftlicher Grundlage gearbeitet werden soll, so müßte ein Anteil mindestens 500 M. betragen, und die Zins- ,und sonstigen Bedingungen so schwer fein, daß der jüdische Kreditsuchende zu denselben Bedingungen, auch anderwärts Kredit erhalte. Bei einem Aufbau auf ge-i meinnütziger Unterlage muffe man mit einer jährlichen Unter-> bilanz von 10 000 Mark rechnen^ die gedeckt werden müsse.- FrauRabin tritt für den Vorschlag Peiser auf Einberufung einer Versammlung zwecks Gründung einer Genoffenschaft ein. Herr Hoffmann warnt nochmals vor einer solchen Verisammlung, die in einer gewiffen Hurrastimmung Beschlüsse fasten könne, die sehr eingehender sachlicher Prüfung bedürfe^; er sei auch erst Feuer und Flamme für die Genoffenschaftsbank gewesen, bis er das ausgezeichnete Referat von Herrji Bankdirektor Silbermann gehört habe. Die GenoffeNschafts!- bank „Iwria" in Berlin arbeite zwar nach guten geschäftliches Grundsätzen, dafür gebe-sie aber auch nur gegen solche Unterlagen Kredit, daß die Kreditnehmer auch anderwärts Kredii erhalten hätten und zu solchen Bedingungen, die für den Mittelstand nicht tragbar seien. Beim Schlußwort faßt Herr Gins das Für und Wider gegen die Genossenschaftsbank zu fammen und bittet um die Ermächtigung, eine Gründungsversammlung einzuberufen und diese zu,gründen, falls de: Weg der Genossenschaft als gangbar erkannt wird. Der Vorschlag Gins wird von der Versammlung angenommen. Ueber den Verwaltungsbericht referiert Herr I.-R. Peiser. Es wird Kenntnis genommen von der Erledigung des Prozesses auf Löschung der Grunddienstbarkeit auf Fried^- hof Claassenstraße durch Erteilung ^dieser Löschung seitens deb Beklagten und von der Neuorganisation des Jüdischen Arbeits Nachweises und zugestimmt der Wahl des Fräulein Gerichtsaffeffor Peiser in den Jugendpflegeausschuß als Vertreterin der i^ichtorganisierten Jugend. Der Vorsitzende I.-R. Peiser erhebt sich darauf zu einer S ch l u ß a n s p r a ch e an die Gemeindevertretung, die auf Grund der Einheitslistenwahl im Januar neu gebildet wird. Er wolle von den Worten Leffings „Der Fleißige dürfe sich seines Fleißes rühmen" keinen Gebrauch machen, wirft aber einen Rückblick auf die fünfjährige Tätigkeit der Versammlung und die geleistete Arbeit. Er gedachte der verstorbenen Mitarbeiter. Tage der Freude wechselten ab mit Tagen der Kämpfe und der schwersten Arbeit. Das ernste Wollen und das gemeinsame Streben habe sich zum Vorteil der Gemeinde ausgewirkt. Sein besonderer Dank galt denjenigen, die nicht mehr in die Gemeindekörperschaften zurückkehren, insbesondere dem Gemeindeältesten Waldstein, der nach jahrelanger Arbeit im Vorstände eine Wiederwahl nicht mehr angenommen habe, aber hoffentlich im Vorstände und allen Ausschüssen in seiner Eigenschaft als Gemeindeältester weiter wirksam Mitarbeiten werde. Geheim rat Goldfeld vom Vorstände dankt allen für die gemeinschaftliche Arbeit in dieser schwierigen Zeit. Nur wer täglich in der Gemeindearbeit tätig sei, gewinne einen Einblick über die zu überwindenden Schwierigkeiten: die Gemeindevertretung erhalte alle Vorlagen schon wohl' vorbereitet. Er freue sich, daß unsere Gemeinde durch die gei> meinschaftliche rastlose Arbeit vorschweren Schlägen bewahrt worden sei. Die Zrieöbofskck'änövng in Trebnitz gab Herrn Michael Fraenkel in Breslau Veranlassung, sich wiederum an den Ev. Oberkirchenrat zu wenden unter Bezugnahme der Zuschrift an ihn, die wir in der Januar-Nummer 1929 des Gemeindeblattes abgedruckt haben. Er hat in der Eingabe darauf hingewiesen, daß behördliche Maßnahmen meist wirkungslos blieben, die Täter aber vorwiegend Jugendliche seien, daher bereits in der Schule durch Religionslehrer und Lehrer auf sie eingewirkt werden müßte. Der Ev. Oberikirchenrat hat hierauf Herrn Michael Fraenkel wie folgt geantwortet: Evangelischer Oberkirchenrat. Derlin-Charlottenburg 2, 16. Dez. 1936} , E. O. I 8350.; 1 Wir können nur wiederholt versichern, daß wir die in Ihrem schreiben vom 11. November 1930 berührten Vorgänge aufs tiefste beklagen. ■ i Wir beabsichtigen sie in einer demnächst stattsindenden Besprechung mit den Führern der Kirchenprooinzen jur Sprache zu bringen, bemerken aber ergebenst, daß die Hauptaufgabe, wie Sie selbst mit Recht bemerken» der Schule zafallen wird. gez. K o p l e r.! >