Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 9 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3970005-7569523-7569671--1328-3971245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
140 Breslauer Jüdisches Gemelndeblakk Nr. 9 Nicht, wer gedankenlos nur das Gegenwärtige sieht, sondern wer in der Gegenwart Vergangenes und Kommendes denkt und erlebt, und wem die kommende Zeit durch Ziel und Aufgabe zur Zukunft wird, nur der lebt in Wahrheit. Ein Schimmer des Ewigen ist dem Menschen als Gottesgabe mit auf den Weg gegeben. Und darum bringt uns kein Fest den Gedanken an die Ewigkeit und an die Weltherrschaft Gottes, kein Fest die menschliche Aufgabe der Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden so nahe wie das Neujahrsfest. Als Tag der Erinnerung weist es auf die Vergangenheit. Wenn wir sie überdenken, so soll im Mittelpunkt nicht unser Schicksal stehen, sondern unser eigenes Tun und Wollen. So wird der Tag der Erinnerung von selbst zum Tage des Gerichts, und der Schofarton führt uns dies eindringlich zu Gemüte. Aber nichts wäre verfehlter, nichts unfruchtbarer und nichts der ganzen jüdischen Ideenwelt fremder als das Haften an der Vergangenheit, als bloße selbstquälerische Reue, als das bloße I,Hätte" und „Wäre". Dies alles ist notwendig, aber nur um der Erkenntnis willen, zur Neuschöpfung des Wollens und der Kraft der Verwirklichung. Die Vergangenheit ist wertvoll,, weil ihre Erkenntnis und die Erkenntnis auch unserer Fehler in der Vergangenheit uns vor Fehlern und Enttäuschungen' in der Zukunft bewahren kann. Aber sie würde uns geradezu vernichten, wenn fie wie ein Bleigewicht uns uiederzidhenwürde. Wir treten in das neue Jahr ein ohne übertriebene Hoffnungen. wir wissen, daß auch jede Besserung nur schrittweise vor sich gehen kann. Wir scheuchen die Sorgen nicht, die auf politischem, wirtschaftlichem, geistigem und allgemeinkulturellem Gebiete einen jeden, der nicht gedankenlos in den Tag hinein lebt, bedrücken. Und dazu die Sorgen, die um des Judentums willen auf uns lasten. Was wir im neuen Jahre für das neue Jahr und von dem nxuen Jahre uns von Gott erbitten, und was wir von ihm erhoffen, das ist in erster Reihe die feste sittliche Kraft, deren wir in so schwerer Zeit doppelt bedürfen. Den neuen Himmel und die neue Erde schafft Gott, wenn wir. als neue Menschen in eine neue Zeit gehen. Hermann Vogel st ein. heute kein jüdisches Kind auch nur annähernd vom Wissen des Judentums etwas in sich ausgenommen haben, sondern die Zeit der körperlichen und geistigen Entwicklung ist auch die Zeit für Vertiefung und Festigung und Erweiterung der Hoistesgnmdlage, die bis dahin gelegt werden konnte. Erinnert euch, ihr Eltern, daß unsere ganze, sehr umfangreiche Literatur in hebräischer Sprache geschrieben und daß unser Gottesdienst in seiner Hauptsache auf der hebräischen Sprache aufgebaut ist. Gebet darum auch euren Kindern die Möglichkeit, die Literatur ihrer Religion ebenso in der Ursprache kennen zu lernen, wie es euch für sie vielfach selbstverständlich erscheint, die Schriftsteller der Antike und erst recht die der chrodernen Zeit in ihrer Sprache verstehen zu können. Darum schicket sie in die Religionsunterrichtsanstalten unser<^ Gemeinde, die für beide religiöse Richtungen vorhanden sind. Die 400 Kinder, Knaben und Mädchen, die jetzt die liberale Religionsunterrichtsanstalt (II)! besuchen, mögen eine stattliche Schar darstellen, entsprechen abrr nicht annähernd der Zahl der ^liberalen Gemeindemitglieder. Der zweistündige nichthebräische Religionsunterricht an den Schälen kann immer nur einen Teil dessen geben, was jüdische Religion zu bieten und für das Leben zu spenden in der Lage ist. Bewahret eure Kinder vor dem Schicksal, das Fleg so meisterhaft zu schildern verstanden hat. erinnert euch vielmehr der eigenen Jugend und des elterlichen Strebens, den Kindern das fielen der Zukunft zu erleichtern. Aber nicht jene Bequemlichkeit, die an Stelle der Religion ein Nichts fetzt und das Kind späteren sicheren Konflikten aussetzt, ist die Erleichterung, sondern sie besteht in dem durch Wissen und Kenntnis erzielten starken Bewußtsein, daß Jude sein. Eharaktergröße und Menschenachtung bedeutet, daß Jude sein, Friedensliebe und Völkerversöhnung erstrebt. Vielleicht trägt dann ein neu geknüpftes Geistesband zwischen Eltern und Kindern mit dazu bei, die vielfach verschlungenen Pfade und dunklen Wege, die eine heutige Jugend oft führerlos zu gehen für notwendig und geeignet hält, zu entwirren und zu erhellen und zurückzuführen das Herz der Väter zu ihren Kindern und das der Kinder zu ihren Vätern. Rabbiner Dr. Sänger. Zur Erinnerung Die Zeit der Vorbereitung für den. p-O'H EV, den Tag der Erinnerung, scheint mir geeignet, ein Wort der Erinnerung hier auszusprechen. Es sei an alle die gerichtet, denen Judentum mehr ist als eine Religion, die sich auf drei Tage des Jahres beschränkt und mehr ist, als nur eine von Zeit zu Zeit sich wiederholende Aufforderung, der' Toten zu gedenken. Mein Wort gilt denen, denen Judentum das Leben bedeutet, denen jüdische Religion Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpert. Diese Glaubensgenossen möchte ich an die Pflicht jöer religiösen Erziehung ihrer Kinder erinnern. Ihnen allen möchte ich aus der modernsten Literatur das Buch von Edmond Fleg „Ein kleiner Prophet" zur Lektüre empfehlen, ■ um aus der Schilderung der Gegenwart die Vergangenheit zu verstehen uüd die Zukunft vorzubereiten. : Wie rührend und wie traurig zugleich ist die Hilflosigkeit des jüdischen Kindes, das sich al- „Jude" beschimpfen lassen muß und nicht recht weiß, was ein Jude ist, das älter geworden, von jüdischen Zeremonien hört und sieht und von niemandem seiner Umgebung eine befriedigende Antwort erhalten kann, das dann in seiner Verzweiflung in den Beichtstuhl eines katholischen Priesters flieht und von diesem die Worte hört: „Sei ein Jude, mein Kind, sei ein Jude!" So klinge auch die Mahnung der Eltern, sei Jude, mein Kind! Aber'Jude sein, heißt von Judentum wissen, und Wissen erfordert Lernen. So lange es kein anderes Rüstzeug gibt gegen die Geißel des Mittelalters und der Gegench^rt, gegen Judenhaß und Judenfeindschaft — und es wird nije'ein anderes Mittel zur Aufklärung und Geisteserleuchtung! geben — so lange sorgt ihr Eltern, die ihr in diesen Tagen, eures Elternhauses und eurer Jugend euch erinnert, für die Geistesbildung eurer jüdischen Kinder. Mit 13 Jahren kann Die freie jüdische Volkshochschule eröffnet am Sonntag, den 26. Oktober, vormittags 11 Uhr. im großen Saale der Lessing-Loge, Agnesstraße 5, ihr 23. Halbsemester. Den Bemühungen des Vorstandes ist es gelungen, für den Eröffnungs-Vortrag Herrn Professor Dr. Martin B u b e r zu gewinnen, der über den „Ursprung des Messianismus" sprechen wird. Herr Professor Buber wird außerdem an zwei darauffolgenden Abenden, d. i. am 27. und 28. Oktober, in der Lessing-Loge einen Vortrags-Zyklus über „Frühzeit und Krisis des jüdischen Messianismus" halten, der sicher großem Interesse begegnen wird. Im übrigen verweisen wir! auf das in dieser Nummer al>- gedruckte Vorlesungs-Verzeichnss, das den Mitgliedern des Vereins noch gesondert zugeht. j t < verkaufs-flusstelluüg jüdischer Künstler « Noch vor den Feiertagenwirdlin den Räumen des Lessing-Hauses, | Agnesstraße 5, eine Berkauss-Ausstellung von Werken in Breslau leben- , der jüdischer Künstler eröffnet werden. Die dort zur Ausstellung ge- | langenden Oelbrlder, Aquarell« und Madierungen werden^ Wen geeignete Geschenke für sich und andere sein, und ihr Erwerb wird den jüdischen Künstlern, die besonders schwer unter der Not der Zeit zu leiden haben, Ansporn zu neuem Schassen gebe». Natürlich wird die Ausstellung nicht bloß den Mitgliedern der im Lessinghause tagenden Logen, sondern allen zugänglich sein. Bei der Eröffnung, deren Zeitpunkt noch bekanntgegeben werden wird, wird ein bekannter Kunstsammler und Kunstkenner sprechen. Herzliche Bitte Zu den vielen, die unter der Ungunst der Zeit besonders zu leide» haben, gehören auch die jüdischen Restaurateure unserer Gemeinde. Bedenket sie bei den mannigfacheri Möglichkeiten, die sich -in der Familie bieten, und helfet ihnen in ihrem Daseinskampf zur Aufrechterhaltung oon Einrichtungen, die irr der jüdischen Groß-Gemeinde selbstverständlich sind.