Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 7 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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110 Breslauer Jüdisches Gemeindeblakt Nr. 7 sei, daß die Interpellation beraten werde. Alle Anregungen von R.-A. Nothmann seien bereits im Wohlfahrtsamt mit bestem Erfolge durchgeführt. Es bestände Arbeitsnachweis, Berufsberatung, produktive Fürsorge mit Berufsumschichtung. Mittelstandshilfe. Der Arbeitsnachweis bekäme demnächst den Fachbeirat aus prominenten Persönlichkeiten der Wirtschaft und arbeite nach Gewinnung einer besonders geeigneten Persönlichkeit jetzt mit großem Erfolge. Auch die körperlich und geistig geeigneten Auswanderer werden in jeder Weise unterstützt: besonderen Dank müsse sie hierbei dem Hilfsverein der Deutschen.-Juden aussprechen. Die Umschichtung sei recht schwierig, und sie stehe nicht an, offen zu erklären, daß die Arbeitslosenunterstützung hierbei hinderlich sei. Wie sie an einem typischen Falle darlegt, weigern sich die Jugendlichen einen anderen, zunächst schlechter bezahlten Beruf zu ergreifen, weil sie Arbeitslosenunterstützung bekämen. Die Vorschläge von R.-A. Nothmann bezögen sich aus lange Sicht. Wir wollen aber sofort Hilfe bringen: denn die Not sei so groß, daß wiederholt im Wohlfahrtsamt Verzweifelte ernstlich mit Selbstmord gedroht haben. Die meisten HUfsbedürftigen wollen kein Geschenk, sondern nur Darlehen; denn jeder hofft, einmal das Geld zurückgeben zu können. Diese erfordern große Mittel, und wir müssen daher an anderen Stellen sparen. Daher werden dieses Jahr Beihilfen für Badereisen nicht mehr gedes Wohlfahrtsamtes geschildert hätte, als wenn gegen dieses ein Borwurf erhoben worden wäre, und gegen Dr. Schlesinger, der die Vorschläge von M.-A. Nothmann bemängelt habe, weil sie nicht für die Gegenwart, sondern nur, für die Zukunft gelten, bis dahin aber die Leute verhungert fein würden. Die Zionisten sähen aber die Dinge unter größeren Ausblicken. Natürlich könnten diejenigen keine positiven Vorschläge machen, die nicht im Wohlfahrtsamte Mitarbeiten. Er habe Verständnis für die seelische Not der Mitarbeiter im Wohlfahrtsamt: aber dann sollte man eben jüngere Kräfte hereinnehmen, die Lust und Nerven für die Arbeit hätten. Herr Wolffsohn verteidigt die Ausführungen von Woyda in der Jüdisch-liberalen Zeitung, der nichts anderes verlange, als R.-A. Nothmann am Schluffe seines Referats, nämlich die seelische Stützung durch die Religion. Er warnt vor jedem fabrikatorischen Unternehmen der Gemeinde, das lediglich den schwerkämpfenden Gemeindemitgliedern Konkurrenz machen würde. Die Erfahrungen mit solchen Betrieben seien anderwärts nicht gut. Er begrüße es, daß in voller Oeffentlichkeit von dem Sprecher der konservativen Fraktion die zionistische Partei aufgefordert worden sei, das Geld für Palästina zur Linderung der Not in Deutschland zu verwenden. — R.-A. Jacobsohn weist demgegenüber darauf hin, daß der Palästinaaufbau etwas zu Wege gebracht geben. Emen sehr großen Uebelstand habe R.-A. Nothmann^Hat^ was allen Wohlfahrtsämtern nicht gelungen ist, nämlich an-t-1 *■— die berufliche Umschichtung der Juden, und daß die Spender für Palästina deshalb in keiner Weise bei Spenden für die hiesigen wohltätigen und kulturellen Einrichtungen gegenüber den anderen Spendern zurückblieben, was die SpenderNften ergäben. Er bedauere, daß die Interpellation als eine Partei fache angesehen werde; das fei nicht beabsichtigt gewesen, ebensowenig wie eine Kritik des Wohlfahrtsamtes: denn wir erkennen an, daß beim Wohlfahrtsamt enorm viel geleistet wird , aber wir stimmen mit Frau Ollendorff darin überein, daß noch mehr geleistet werden müsse. Aber dort kann naturgemäß nur an den Symptomen herumkuriert werden, nicht aber etwas getan werden, was die allgemeine Entwicklung aufhalte. Nach weiterer Aussprache beantragt Herr Gins eii zinsloses Darlehen von 5000 M. an die Jüdische Mittelstandshilfe aus den Mitteln der produktiven Fürsorge zu geben zwecks Stützung von Existenzen aus dem Mittelstände. G e h. Rat Goldfeld bittet, den Antxag wegen der Mittelbeschaffung in der geheimen Sitzung zu beraten. Angenomm m wird der Antrag des Referenten R.-A. Nothmann, einen Ausschuß zu bilden aus Mitgliedern des Vorstandes und der Gemeindevertretung sowie hervorragenden Vertretern der Wirtschaft zwecks Beratung üb^r örtliche und allgemeine Hilfsmaßnahmen. In der Geheimen Sitzung wird nach Darlegung der Geldverhältnisse der Gemeinde das Darlehen von 5000 M. an die Jüdische Mittelstandshilfe bewilligt. Ferner wird beschlossen, Herrn Organisten Schäfser vom 1. Oktober 1930 ab als Beamten mit den vollen Bezügen seiner Gruppe anzustellen und den Dajan Herrn Rabb. Dr, Cohn auf sein Gesuch zum ( 1. April 1931 in den Ruhestand zü versetzen. überhaupt nicht erwähnt, nämlich die Wohnungsnot. In d?r gestrigen Beratung ist deswegen vorgeschlagen worden, das Kapital dör Oestreicher-Waisenhaus-Stiftung zur Errichtung eines Wohnheimes für die arme Bevölkerung zu verwenden, allerdings müßte der Stiftungszweck zunächst geändert werden. Wenn das Wohlfahrtsamt nicht bloß der Kritik, sondern der Mitarbeit sicher wäre, wenn die Kritiker nur diese schwierigste wichtigste Tätigkeit der Gemeinde kennen lernen wollten, so würden sie ganz anderer Ansicht werden. Wir begrüßen die Aussprache über die Wirtschaftsnot auf das lebhafteste.^ Mit Recht ist gesagt worden, daß die Frage eine Frage der Erziehung ist zur Arbeit, zur Hilfe und zum Gemeinschaftsgefühl. — H er r Preuß, Vorsitzender des Ausschusses für produktive Fürsorge, legt als Mann der Praxis dar. wie wesentlich anders die Praxis fei als die Theorie des Herrn R.-A. Nothmann. Die produktive Fürsorge habe vor einiger Zeit Frauen und Jünglinge zur Beratung über ihre Berufsumschichtung eingeladen; aber jeder habe an jedem Berufe etwas auszusetzen gehabt. Die älteren Erwerbslosen werde man überhaupt nicht umschichten können. Die Arbeitgeber, die selbst schwer um ihr Brot zu kämpfen hätten, versagen bei der praktischen Hilfe, bisweilen allerdings auch unnötig, wofür Redner Beispiele gibt. Herr D a n z i g e r wünscht in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Krankenhauses,, daß R.-A. Nothmann sich erst beim jüdischen Krankenhaus erkundige, ehe er unberechtiglie Vorwürfe erhebe. Dr. Schlesinger vermißt in dem sehr interessanten Referat von R.-A. Nothmann jeden positiven Vorschlag. Solche seien gestern nach eingehender Beratung, an der seitens der zionistischen Partei niemand teilgenommen habe, beschlossen worden. Dabei ' ist gesagt worden, die Mitarbeiter und Beamten des Wohlfahrtsamtes möchten sich am liebsten in jeder Stunde hinsetzen und heulen, weil sie nicht wisien, wie sie den vielen Hilfsbedürftigen helfen sollen. (Sehr richtig!) Mit der theoretischen Abhandlung von R.-A. Nothmann werde den Armen bestimmt nicht geholfen. Wir müssen Geld schaffen, Geld und wiederum Geld! Es werde vielfach gesammelt: man dürfe aber das gesammelte Geld nicht verzetteln. Daß enorme Summen für Palästina gegeben werden, sei gewiß sehr schön, aber in der Zeit, wo unsere Brüder und Schwestern in Deutschland solche Not leiden, sollte man für Palästina nur das Notwendige geben. Er bitte die Mitglieder der zionistischen Partei, in diesem Sinne zu wirken. —R.-A. Lux stellt dankbar fest, daß die öffentliche Besprechung bisher niemanden gehindert habe, seine Meinung zu sagen. (Zurufe: Doch!) Er wendet sich gegen Frau Ollendorff, weil sie die sehr anerkennenswerte'Tätigkeit Ge-entliche Generalversammlung üer Israelitischen Kranken-Verpflegung«-Anstalt und veeröigungs- Gesellschast (Therora Kaölscha). Die ordentliche Generalversammlung der Chewra Kadifcha fand am Sonntag, den 29. Juni, vormittags 10)4 Uhr, im großen Saale der Lefsing-Looe hiersekbst statt und war von zirka 140 Mitgliedern besucht. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Adolf Domziger, eröffnete die Generalversammlung, dankt« den Erschienen«« und begrüßte den Kommissar der Synagogen^Semeinde, Herrn Geheimrat Goldfeld, dem rr auch für sein Interesse, das er den Wohltätmkeitsanftalten der Thewra Kadischa stets entgegenbringt, dankt«. Herr Danzlger stellt« dann noch fest, daß die EinlÄning zur Generalversammlung ordnungsmäßig erfolgt ist, und daß auf Grund der veröffentlichten Tagesordnung Anträge aus Sem Kreise der Mitglieder nicht gestellt worden sind. Lu Punkt 1 der Tagesordnung brachte sodann Herr Verwaltungs» direktor Levenbach den Verwaltungs- und Geschäftsbericht für die Iahte