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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1930-07-01 · 7 (7.1930) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
7 (1930)
Issue
7 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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108 Breslauer Jüdisches ©eraeinöeblatt Nr. 7 Dus -er Werkstatt unserer jüdischen Wohlfahrtspflege (mit Tätigkeitsbericht öes Jüdischen Wohlfahrtsamtes für 1929/30) Don Bürodirektor Glaser. Die Wirtschaftslage der Gegenwart und das hierdurch hervorgerufene soziale Elend lenkt die Aufmerksamkeit weiter Kreise mehr denn je aus die Fragen der Sozialpolitik, der allgemeinen Wohlfahrtspflege und der sozialen Fürsorge. Auch der jüdischen Wohlfahrtspflege wird naturgemäß eine größere Aufmerksamkeit geschenkt. Diese an sich erfreuliche Erscheinung zeigt aber auch, daß Aufgaben, Umfang und Methoden vielfach gänzlich mißverstanden werden. Einmal finden Zahlen und statistische Angaben, aus dem Zusammenhang gerissen, eine nicht zutreffende Beurteilung, andererseits wird die jüdische Wohlfahrtspflege nicht nur von Bedürftigen, sondern auch von vielen anderen Gemeindemitgliedern immer noch als reine Unter st ützung angesehen. Durch das Vorwort Zu diesem Bericht soll — soweit dies überhaupt in einem Artikel möglich ist — versucht werden, die wesentlichsten Grundzüge unserer Wohlfahrtsarbeit in kurzen Zügen klarzulegen. Bereits in dem vorjährigen Bericht ist einleitend kurz darauf hingewiesen worden, daß die Darstellung der Wohlfahrtspflege in Zahlen kein wirkliches Bild von den tatsächlichen „Hilfeleistungen" geben kann. Sicherlich sind die verfügbaren Mittel eine Nicht zu unterschätzende Hilfsquelle für unsere Arbeit. Jedoch muß von vornherein der irrigen Auffassung entgegengetreten werden, als ob „Unterst ü tz u n g e n" allein zu helfen vermögen oder durch sic eine Notlage behoben werden kann. Niemals kann sich mit ..Unterstützungen" die Fürsorge für den Hilfsbedürftigen erschöpfen. Solche an sich recht bequemen Wege würden dazu führen, daß die Mittel schnell aufgebraucht und statt Nutzen ein nie mehr gut zu machender Schaden entstehen würde. Die Auffassung der modernen Wohlfahrtsarbeit hat sich glücklicherweise gewandelt, auch in unseren Reihen. Man gibt nicht mehr gedankenlos Almosen, sondern man versucht, den Hilfsbedürftigen wieder in das Wirtschaftsleben einzuordnen. Gewiß sind die gegebenen Möglichkeiten bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage begrenzt und schwer. Wir müssen daher jeden einzelnen Fall ganz individuell behandeln und alle Hilfsmittel heranziehen, die irgendwie erschlossen werden können. Dabei hat sich der Kreis der Hilfsbedürftigen in ungeahnter Weife erweitert, während er in der Dorkriegszeit im wesentlichen aus das Proletariat begrenzt war. Die Zunahme von Not und Elend in den Reihen der Menschen, denen es früher gut gegangen und die selbst Wohltun geübt haben, ist geradezu erschreckend. Für diese Bedauernswerten Wege der Hilfe zu finden, gehört mit zu unseren wichtigsten, aber auch schwersten Aufgaben. Diese Hilfe hat — es soll dies einmal ausgesprochen werden — in Inhalt, Form und Umfang nichts mit der Abwehr der üblichen Bettelei zu tun. Daraus ergibt sich, daß man bei individuell geübter Fürsorge nicht lediglich aus den vorhandenen Ausgabezahl-n Schlüsse ziehen kann. Diests Verfahren gibt keine wirklichen Aufschlüsse über die geleistet Arbeit. In der sozialen Arbeit können Zahlen nie den ffift von „Leistun g« n" ergeben. Ein richtiges Bild der Leistung erhält man nur, wenn man nicht den „Fall", sondern den Menschen als solchen erfaßt, das heißt der Einzelfall kann rjur durch intensive Kenntnis aller Vbrgänge, Wege, Vermittlungen und Verbindungen beurteilt werden. Selbst bei der Werftung unserer ergänzenden Monatsunterstützungen kann man!dies feststellen. Hier muß unter anderem in Betracht gezogey werden Alter, Krankheit, die Anzahl-der Familienmitgliedes deren Einnahmen usw. Vor allen Dingen müssen aber auch die Beträge, die sie von anderen Stellen (von Stadt und Staat, Organisationen, Verwandten usw.) erhallen, berücksichtigt werden. Hier sprechen also für die H^e der Beihilfe von vornherein eine ganze Reihe verschiedenster Momente mit. Es kann unter Umständen eine mäßige Unterstützung als recht hoch und eine hohe Unterstützung — bei oberflächlicher. Beurteilung — als niedrig angesehen werden. Eine Anwendung von Durchschnittszahlen bei diesen Unterstützungsempfängern könnte bei den verschiedenen Kategorien zu ganz falschen Schlüssen führen. Es müssen also bei der Bemessung der monatlichen Zuschußunterstützungen immer die gesamten Einkommens- und Lebensverhältnisse in Betracht gezogen werden. Bei einem sehr großen Teil der laufenden Beihilfen handelt es sich um Menschen, die dauernd Unterstützungsempfänger bleiben, weil sich ihre Lebenslage infolge hohen Alters, durch Krankheit und dauernde Erwerbsunfähigkeit nie mehr ändern kann. Andere wieder erhalten Monatsbeihilfen nur vorübergehend, solange ihre Notlage anhält. Bei» solchen zeitweisen Notständen treten wir im allgemeinen nicht gern mit Monatsunterstützungen ein, weil diese — wie die Erfahrung lehrt — auf den Empfästger demoralisierend wirken. Er gewöhnt und verläßt sich auf diese Hilfe und findet nicht mehr den Weg ins Leben, zur Arbeit und zum eigenen Unterhaltserwerb zurück. Wir müssen.auch oft — so hart das vielleicht im'Augenblick klingen mag — die Monatsbeihilfe entziehen, wenn zum'Beispiel andere Wege, die Not zu beheben, vorhanden sind. Man kann also aus den Angaben der Statistik allein nicht folgern: „Jeher Monatsempfänger erhält durchschnittlich diesen oder jenen Betrag." Das ist nicht nur nach dem Vorhergesagten, sondern auch schon heshalb ein falscher Schluß, weil zu den Moinatsunterstützungen oft noch viele andere Leistungen hinzutreten (Sonderbeihilfen. Kleidung, Mazzoth, Kohlen, Brot. Speisuntz, Lebensmittel. Hilfe für die im Haushalt lebenden Kinder uslp.). Der Einzelfall kann nur mach eingehendem Studium beurteilt werden; nur dann kanil man ermessen, um welche .Hilfe" es sich handelt. Für die einmaligen Unterstützungen jund die sonstigen geldlichen Aufwendungen treffen die gleichen Boraussetzungen zu, und zwar in erhöhtem Maße. So haben wir eine ganze Reihe von Fällen aufzuweisen, in denen eine Unterstützung überhaupt nicht in die Erscheinung tritt. Hier hat es sich vielfach nur darum gehandelt, eine Beratung oder Betreuung auszuüben. Solche Fälle erfordern große Aufwendungen an Zeit, Mühe und Arbeit; sie schaffen aber dem Hilfsbedürftigen Werte, die keiner Unterstützung iU Geld, mag sie auch noch so hoch sein, gleichkommt. Geldmittel den in Not geratenen Menschen zu geben, ist im Augenblick manchmal notwendig, aber nie ist das die richtige Hilfe; Aufbauen. Vorbeugen und heilen muß der Grundsatz einer; sachlichen Fürsorge bleiben. Bei den jetzigen Wirtschaftsverhciltniffen versagen leider mitunter alle Versuche dieser Art Hilfeleistung. Ganz besonders ist dies der Fall, wenn die Hilfesuchenden uns zu spät aufsuchen und ihre Angelegenheiten schon verfahren sind. Aber auch dem Hilfsbedürftigen, dem nur durch Unterstützung geholfen werden kann, verhelfen wir zu seinem Rechte, indem ihm alle Stellen, die in Betracht kommen, durch unser Eingreifen erschlossen werden. Die Beratung der Hilfsbedürftigen sowie die Bearbeitung der vorher angegebenen. Möglichkeiten erfordern einen bedeutenden Teil! unserer Kraft und Zeit. Di»». Werte aller dieser Hilfeleistungen übersteigen um ein Vielfaches die baren Aufwendungien für Unterstützungen einschließlich der sachlichen Kosten, Subventionen und dergleichen mehr. Diese nicht zu entbehrenden bedeutenden Werte, ohne die unsere Hilfsbedürftigen überhaupt nicht mehr existieren und leben könnten, müßte man eigejttlich, um ein einigermaßen vollkommenes Bild unserer Fürsorgearbeit zu gewinnen, in Zahlen umsetzen und sie unseren Ausgaben zuschreiben. Aber diese Art der Fürsorge, die eingeweihte Kreise übrigens kennen und schätzen, läßt sich überhaupt in Zahlen nicht umsetzen und ausdrücken, auch schon deshalb nicht, weil viele Bedürftige uns nur einmal, andere wieder recht oft in Anspruch nehmen müssen. Es kann ein Fall mit 10 RM. einmalig als erledigt, ein anderer mll 100 RM. und mehr als lange noch nicht abgeschlossen gelten. Daher ist es nicht gut möglich, das gesamte Gebiet der Fürsorge in Ausgabezahlen zu zwängen.

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