Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 5 (5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wro Breslauer Jüdische» Gemeiudeblalt Nr. 5 voller Ausbildung unserer jüdischen Mädchen. So strebte sie ' danach, den bisher vernachlässigten Beruf der Hausbeamtin zu fördern, indem sie staatlich anerkannte Haushaltungsschulen forderte. Vor wenigen Tagen hat die Breslauer Ortsgruppe des I. F. B. eine solche Haushaltungsschule eröffnet. Sie trägt Paula Ollendorffs Namen, der damit auch rein äußerlich mit dieser Arbeit des I. F. B. verbunden ist. Mit Dank soll es hier ausgesprochen werden, daß ihre Bestrebungen in unserer Gemeinde und besonders bei unserem Borstand volles Verständnis und warmherzige Förderung gefunden haben. Als eine der ersten Synagogengemeinden hat Breslau 'defs Frauen das aktive und passive Wahlrecht gegeben jund eine Fraü — Paula Ollendorff — in ihren Borstand berufen. Gemeinsam mit einem anderen Borstandsmitgliefd leitet-sie seitdem das neugefchaffene Jüdische Wohlfahrtsamt. das vorbildliche Arbeit leistet. Die restlose Hingabe, chit der sie hier tätig ist. kann nur derjenige beurteilen, der-einen genaueren Einblick in die Menge und die Diel-" gestaltigkeit dieser Wohlfahrtsarbeit hat, die sie oft bis nach Mitternacht in Anspruch nimmt. Alle soziale Arbeit muß letzten Endes Erziehungsarbeit sein. Das hat Paula Ollendorff erkannt und darum aus d>r Beobachtung der Settlements, namentlich in London, den Gedanken der Gründung von jüdischen. Jugendheimen gefaßt und mit Begeisterung und Zähigkeit zu verwirklichen gewußt. Unser Breslauer jüdisches Lugendheim ist hie Krönung ihres Lebensmerkes und zugleich ein Beweis für den Weitblick unserer Gemeindebehörden, die trotz aller wirtschaftlichen Nöte ein solches Werk geschaffen haben. Das Heim trägt ihren Namen, ihr selbst und unserer Gemeinde zur Ehre. Die schönen hellen Räume enthalten eine Bibliothek, die der Jüdische Frauenbund für Deutschland Paula Ollendorff als Geburtstagsgabe gebracht hat. Auch das Klavier ist eine Stiftung unseres Bundes. Die Breslauer Ortsgruppe dss -I. F. B. hat in engster Verbundenheit mit ihr einen Paula- Ollendorff-Jubiläumsfonds errichtet, der dazu dienen soll, innerhalb des jüdischen Jugendheims neue soziale Einrichtungen zu schaffen und dessen Verwendung in das Ermesien der Jubilarin gestellt ist. Seit zehn Jahren habe ich ihr persönliches Erleben wie ihr Schaffen für die Allgemeinheit aus nächster Nähe miterlebt. Immer wieder drängt sich mir die Erkenntnis auf. daß es nicht die Leistung an sich ist, sondern ihre einzigartige Persönlichkeit, die aller Arbeit den Stempel ihres Wesens aufprägt. So weiß ich auch, daß der 18. Mai nicht ein Abschluß, sondern nur ein Ruhepunkt ist. Weiter geht es zu neuer Arbeit. Als Führerin auf diesem Wege grüßen wir Paula Ollendorff. ‘ Emmy Vogel st ein. Aus de« Spruche« der Vater Es ist alter Brauch, in den Sommermonaten am Sabbath Nachmittag einen Abschnitt aus den „Sprüchen der Väter"" zu lesen. Dieser Mischnatraktat enthält Aussprüche anerkannter Lehrer aus einem Zeitraum, der fast eist halbes Jahrtausend umschließt. Die Art der Auswahl und Zusammenstellung darf besonderes Interesse beanspruchen, eine Untersuchung darüber ist nicht nur für den Fachgelehrten von Bedeutung. Das Werden der jüdischen Gedankenwelt der nachbiblischcn Zeit läßt sich vielleicht nirgends besser verfolgen, und Uebereinstimmung und Verschiedenheit jüdischen und hellenistischen Denkeüs bietet ein geiftesgcichichtlich überaus interessantes Bild. Es sind Weisheitssprüche von ganz eigenartiger Prägung, Sähe praktischer Lebensklugheit, aber durchweg nicht hausbackene Erfahrungsweisheit, sondern der sittlichen Forderung und Aufgabe, die aus der religiösen Einstellung herauswächst. In dieser Hinsicht sind sie eng verwandt mit dem biblischen Spruchbuch und mit der apokryphischen Sprvchsammlung des Buches Sirach, und doch sind diese drei alten jüdischen Spruchsammlungen nach Inhalt, Art und Aufbau voneinander verschieden. Verhältnismäßig zahlreich sind die Sprüche des großen Lehrers Hillel, dessen Wirken in die letzten Jahrzehnte vor der christlichen Zeitrechnung fällt. Aus ihnen sei heute nur ein Satz herausgehoben, der für jüdische Lebensauffassung kennzeichnend ist: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist denn für mich? llub bin ich allein für mich, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt, wann dann?"' Wer etwa in diesem Spruch Bekenntnis und Aufforderung zu selbstsüchtiger, eigennütziger Lebensgestaltung, zu rücksichtslosem Verfolgen des eigenen Vorteils und zur Ausnutzung der Kräfte anderer im Dieyste der eigenen Interessen, die Verteidigung schrankenloser Interessenpolitik und der Dienstbarmachung der Gesamtheit > sieht, der hat diesen Sah nicht verstanden. Das Mißverständnis ist nur bei denjenigen entschuldbar, der von Hillel nichts weih und die lautere Größe dieses Charakters nicht ahnt.. Der Spruch enthält vielmehr die Forderung tätigen Lebens, der Selbsterziehung, 'i>cr Herausarbeitung der eigenen Persönlichkeit und der Selbstverantwortung, spricht von ' Recht und Pflicht der Persönlichkeit und von der Notwendigkeit der Einordnung und Unterordnung des Einzelnen in und unter die Gesamtheit. Nurj eigne persönliche Arbeit und Leistung bringt den Menschen vorwärts, nur sie gibt die Freude am Leben, deren wir wiederum bedürfen, um schaffen zu können. Und der Wert^unserer menschlichen Persönlichkeit ist abhängig von der Leistung unserer Srlbsterziehung. Aber alle persönliche Leistung muß zwei Gesichtspunkte berücksichtigen, daß die Kraft des Einzelnen, und wäre er der Größte, nicht ausreicht, um Großes zu schaffen, daß es vielmehr der Zusammenfassung i der Kräfte in menschlicher Gemeinschaft Sedarf, und daß der Mensch, so wertvoll auch der Geringste ist,, nicht um seiner selbst willen da ist, sondern ein Gsted der großen menschlichen Gemeinschaft ist. Dem Gedanken, hen Aristoteles in seinem bekannten Wort vom Menschen als Gemeinschaftswesen ausspricht, gibt der alte -jüdische Weise in seinem Spruch Ausdruck. Die Kraft der eignen Persönlichkeit gewinnen wir aus der Gemeinschaft. Was Famille, Vaterland, religiöse Gemeinschaft uns geben, wird oft nicht ausreichend gewürdigt, weil es von manchem erst erkannt werden würde, wtznn es fehlen würde. Das aber weist wieder auf die Pflicht gegen diese Gemeinschaften, *foie wiederum wie der Einzelne als Gemeinschaftspersönlichkeiten in der großen menschlichen Gemeinschaft stehen, die uns Ausgangspunkt und Ziel ist. Der dritte Teil von Hillels Ausspruch bedarf kaum einer Erläuterung. Er enthält die Forderung rastloser Arbeit. Das Leben ist in stetem Flüß. Wer die Zeit verliert, ohne sie in dem eben angegebenen Sinn zu nützen, der verschwendet ein Gut, das Gott ihm gegeben hat. Die Menschen der Gegenwart wissen sonst den Wert der Zeit sehr wohl zu schätzen. Der alte jüdische Weise mahnt, daß wir nicht nur um des äußeren Nutzens, sondern um des Wertvollsten willen, unserer menschlichen, religiös sittlichen Persönlichkeit willen, die Zeit unseres Lebens nützen. Sein Wort berührt sich eng mit dem des Psalmisten: „Unsere Tage zählen, das lehre nur recht erkennen, daß mir ein weises Herz gewinnen." Bekanntlich überseht Luther: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden." , Die UebersehuckZ ist unrichtig und widerspricht ^jüdischer Auffassung. Nicht daß wir sterben müssen, soüdern daß wir leben und diesem Leben Inhalt und Sinn geben sollen, ist die Erkenntnis, um die der Dsalmist betet. Und der Ertrag dieser Erkenntnis ist nicht Klugheit, sondern jene höchste Lebensweisheit, die . die heilige Schrift die Weisheit des Herzens nennt. D o g e l st e i n. die feierliche Einweihung -es Beate-Guttmann-heims fant> am 27. April 1930 in Gegenwart der Vertreter verstaatlichen und städtischen Behörden sowie der Körperschaften der Synagogen^Semeindr and anderer jüdischer Korporationen statt. Nach einem Harmoniumvorspiel von Organist Schösser und einem Gesangsvortrag von Fräulein Haas vom Stadttheater Breslau („Die Allmacht" von Schubert) hiett Gem.-Rabb. Dr. Hossmann di« Weiherede. (kr betonte das hervorragende Wirken des Jüdischen Frauenbundes, der