Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 4 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Breslauer Jüdisches Gemeindeblatl 61 Professor vr. Isaak Heinemann Mit herzlicher Freude haben weite Kreise unserer Gemeinde von Ser Ernennung des Dvgenten am jüdisch-theologischen Seminar Herrn Dr. Äsaak Heinemann! zum Honorarprofessor an der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität Kenntnis.erhalten. Aus diesem Anlaß geben wir eine Skizze des Entwicklungsganges des Gelehrten. Herr Prof. Dr. Heinemann ist 1876 'in Franksurt a. M. geboren, wo sein Vater s. A. ehrenamtlich Dajan der Frankfurter Gemeinde war. Durch seinen Vater wurde er in das Studium der Grundschristen des Judentums, Bibel und Tatmud, eingesührt, und wurde hierdurch das Judentum seine seelische Heimat. Das Studium der klassischen Altertumswissenschaften an den Universitäten Straßburg, Göttingen, Berlin beschloß er mit einer chon der philosophischen Fakultät Berlin preisgekrönten Arbeit über Kolon 1896. Kurze Zelt hat er auch am Rabbinerieminar in Berlin studiert. 1897 legte H. die Prüfung pro sacultate docendi ab und war dann als wissenschaftlicher Lehrer in Frankfurt a. M. an höheren Schulen tätig, bis er die wissenschaftliche Leitung des Heinemannschen Privatlyzeums in Franksurt o. M. übernahm. Fast 20 Jahre konnte H. sich nur unterrichtiich (Deutsch und neuere Geschichte) betätigen, bitz die Aufforderung des bekannten Philonsorschers, Prof. Leopold Cohn, Breslau, zur Mitarbeit an der von ihm veranstalteten Phiionübersftzung ihm die Möglichkeit gab, zu seinen Lieblingsstudien und damit zur Wissenschaft zurückzukehren. Im Jahre 1910 erschien, von ihm übeirsetzt und eingeleitet, Philons Schrift über die Einzelgesetze, und damit lMe H. sein Arbeitsgebiet gefunden, auf dem er bedeutende wissenschaftliche Leistungen schaffen sollte, da gerade hier seine klassischen und jüdischen Studien in fruchtbarer Weise sich vereinigten. Die Derufuisg an das jüdisch-theologrsche Seminar im Jahre 1919vornehmlich als lDozent für Religionsphilosophie des Altertums und Mittelalters gab chm die wissenschaftliche Muße und die Anregung des Lehramtes zu veriiester Arbeit auf dem Gebiet des Hellenismus. Nach dem Tpde Prof. Cohns übernahm er di« Fortführung der Philonllebersetzung und veröffentlichte selbst Philons allegorische Erklärung des Gesetzes und Philons Schrift über di« Landwirtschaft und über Noahs Pflanzung. Den Abschluß seiner Philon- 'tudien bildet die Arbeit über Philons griechische und jüdische Bildung, die zum Teil in der Festschrift zum 75 jährigen Bestehen des jüdischtheologischen Seminars' und im Jahresbericht des Seminass für 1929 erschienen ist. Die Philonstudien führten ihn zu der zentralen Gestalt des hellenistischen Geisteslebens, zu Poseidonios, dem er ein zweibändiges Werk widmete. So setzt H. in bedeutsamer Weise die ' hellenistischen Studien fort, die seit Bernays und Freudenthal ein bevorzugtes Arbeitsgebiet der Dozenten unseres Seminars sind und auch von diesen an verschiedenen! Universitäten lehramtlich vertreten wurde. Aber auch der jüidischen Religionsphilosophie des Mittelalters und weltanschaulichen Zeitfragen wandte H. seine wissenschaftliche Arbeitskraft zu. „Die Ährä von der Zweckbestimmung des Menschen im griechisch-römischen Altertum und im jüdischen Mittelalter", Breslau 1926, seine Schrift übpr den „Völkerbund im Lichte des Judentums", über .Leitsragen im Lichte jüdischer Lebensanschauung", die Broschüre ..Vom jüdischen Geist"' und eine Reih« von Aufsätzen in der Monatsichrist für Gesch. und Miss, des Judentums, deren Herausgeber er' ist. sind Zeugnisse des wditen Radius seiner wissenschaftlichen Interessen and seiner dem Leben zugewandten geistigen Kraft. Was H. dem Seminar als Lehrer bedeutet, der neben seinem speziellen Arbeitsgebiet noch Homiletik und eine Reihe judaiftischer Disziplinen zu Vertreter hat, kann hier nur angedeutet werden. Weiteren Kreisen aber ist H. c ls zündender Redner bekannt, der durch seine Predigten und Vorträx e in der Synagoge des Seminars, in der Volkshochschule, den Logen seinen Hörern Weihestunden bereitet. So sreuen wir u,s mit dem Kollegen und Freunde über die verdiente Anerkennung, d e ihm aus Anregung der Altphilologen und aus Antrag der philosophischen Fakultät durch Erteilung des Lehrauftrages für die Geistesgeschichte des Hellenismus zuteil geworden ist und wünschen ihm von Herzen ein weiteres segensreiches und erfolgreiches Wirken an seiner alten Stätte im Seminar und in seinem neuen Wirkungskreise an unserer Heimatsuniversität. Dr. Albert L e w k o w i tz. Pros. vr. Siegfried INarck, ein bekanntes und verdienstvolles Gemeindemitglied aus alter Breslauer Familie, bisher außerofdentlicher Professor, ist zum ordentlichen Professor!ür Philosophie und Sozialrecht als Nachfolger von Prof. Königswald an der hiesigen Universität ernannt worden. Wir freuen uns, daß dieser bedeutende Forscher, dessen ausgezeichnete Vorträge z. B. in der Jüd. Volkshochschule stets sine große Anziehungskraft ausüben, weiter in unserer Gemeinde wirken wird. Den 80. Geburtstag feiert am 28. April 1930 die verw. Frau Adelheid Rathke geb. Hecht, Berliner Straße 7. 1 it feierte am 20. April früher in Posen. Den 75. Geburtstag Frau Sarah Kempe, Freiburger Straße 38, Eine segensreiche Einrichtung hat die Frauengruppe des Aentralverbandes jüdischer Handwerker, Ortsgruppe Breslau, auf Anregung ihrer zweiten Vorsitzenden, Fra» H i r s ch l i k, Anfang des Jahres 1929 dadurch ins -Leben gerufen, daß sie jüdischen Haushaltungen Sammelbüchsen übergab, deren Ertrag den Waisenkindern in der Israelitischen Waisen-Lerpslegungs-Anstalt, Gräbschener Straße 61/65, zugute kommen soll. Die Frauengruppe hatte die ersten zwanzig Büchsen aus eigenen Mitteln angeschasft. Im Laufe des Jahres - konnte die Zahl der Buchsen_ durch Beihilfen von Herrn und Frau Chranchach und von anderen gütigen Spendern auf 200 gebracht werden, die bereits alle in jüdischen Familien ausgestellt sind. Daß der Gedanke der Büchsensammlung richtig war, und daß die Familien verständnisvoll und'gütigen Herzens der Büchsen gedachten, beweist das Ergebnis bei der Leerung der Büchsen. Gegen Schluß des Jahres 1929 konnten denselben über 1000 Mark entnommen werden. Für das Geld wurden Kleider, Schlafdecken, Schuhe, Bett- und Leibwäsche für die Zöglinge des Waisenhauses gekauft, und auch ein sehr gelungener Ausflug, der den Kindern viel Vergnügen machte, wurde ermöglicht. Obige Anschaffungen resp. Ergänzungen verbrauchter Sachen waren dringend nötig. Der Vorstand hätte dieselben bei den, jetzt recht knappen Mitteln der Anstalt ggrmcht oder Nur in beschränkkem Maße beschössen können. Anläßlich der Chonukkähseier. des Waisenhauses wurden alle Gegenständ« dem Hause übergeben. Der Dank des Vorstandes, der sich einer lastenden Sorge enthoben sah, und di« Freude der Kinder waren groß. _ Dieser in kaum einem Jahre erreichte schone Erfolg ermutigt, aus dem «ingeschlagenen Wege weiter sortzusahren. Will man jedoch ein« . wirkliche dauernde Hilfe für die Waisen erreichen,' so sind 200 Sammelbüchsen g«r zu wenig. Sicherlich gibt es viel mehr Familien in unserer Gemeinde!, die sich an dem guten Werk gern beteiligen wollen. Die Zahl der Büchsest^muß beträchtlich wachsen. 'Dies ist aber nur durch freiwillige Spenden zum Ankauf weiterer Büchsen zu erreichen. Die Verwaltung derBüchsen hat Frau Hirschlik, Reuschestraße 11/12, gütigst _ übernommen. JDi« Büchsen werden Familien, deren charitatioer Sinn bekannt ist, kostenlos übergeben. Sfe können natürlich auch direkt bei Frau Hirschlik angefordert 'werden. An Festtagen, Geburtstagen und ^rgleichen werden die Büchsen herumgehen oder aus der Tafel stehen; es wird sie wohl jeder beachten und eine kleine Gabe opfern. Hier machen Brinkel Brot. Wenn auch nur 400 Büchsen vorhanden sind, und es ergibt jede wie im Jahre 1929 im Durchschnitt fünf Mark, so ist ein Ertrag von 2000 Mark erzielt, eine Summe, die das Leben der armen Waisen freundiicher und freudiger gestalten kann und deren Ausbringung von keinem als Last empfunden wird. Auch werden diese Büchsen die Kinder der Familien, bei denen lie stehen, .zum Wohltun anregen. Sie werden hören, daß manche ihrer Altersgenossen kein Elternhaus haben, keine gütige Mutter, die sie liebkost, keinen Vater, der für sie sorgt, und werden lernen, von dem, was sie reichlich haben, ein Weniges für die Bemitleidenswerten abzugeben. Die Spenden zur Anschaffung von Büchsen werden von Frau Hirschlik persönlich oder auf Postscheckkonto 75 983 unter Nennwort „Büchsenspende" dankend entgegengenommen. Frau Hirschlik hat allein den Schlüsiel zu den Büchsen und össnet dieselben jedes Vierteljahr. Jüdische Persönlichkeiten in und aus Breslau b“l •> Don Rabb. Dr. H e p p n e r, Gem.-Archioar. (Fortsetzung.) Klüger Herm., Dr.. geb. 15. 8. 1840 in Warschau, besuchte das Vresl. Rabb.-Sem., amtierte als Rabb. in Warschau und Lodz, wurde aber, da sein Vater die. deutsche StaatsanPhörigkeit besaß, aus Polen ausgewiesen und wandte sich daher um 18ffö nach Breslau, wo er ein Vierteljahrhundert als Relig.-Lehrer an einereigenen Schule sowie an Gymnasien und an der Taubstummen-Anstalt tätig war: äuch schristst. trat er vielfach hervor, und es seien hier nur genannt seine Arbeiten - „Die Jud. in der babyl. Gefangenschaft", ,Lion u. Akropolis", „Die Welt des Taubstummen" und „Friedr.. Delitzsch, der Apostel der neu babyl. Religion". Dr. Kl. starb in Breslcui am 57 7. 1920 und ist auf Friedh. Cosel, beerdigt (Jüd.-lib. Z.). k Kober Josef, geb. 26. 4. 1852,. begründete mit 22K- Mähren 1877 die Firma Jos. K., war Repräs. d. Syn.-Gem. Breslaü und über 20 Jahre im Dienste derselben: er starb am 18. Chefchwan 1927. — Auch sein jüngster, ihm im Tode vorangegangener Bruder Aron (gest. 1921) war eine starke Stütze des cjesetzestreuen Judentums. Körner Mos. aus Flatow (W.-Pr,), hebr. Schriftsteller, ein Nachkomme d. R. Jomt. Lipm. Heller, war Vf. verfch. Schriften und starb in Breslau 74 Jahre alt am 12. Kislew 1836: 4r ruht auf dem Friedh. Claassenstraße Nr. 1548/ In der von ihm edierten, von H. Miro ins' Deutsche übers, und in Breslau bei Sulzbäch 1837 gedrückt. hz:* nb:o des „Tossas. Jomtob", deren Ertrag er letztwillig der hies. J.-K.-B.-A. überwies, spricht er mit großer Verehrung von Jak. Schreiber, dem Vorst, der und seinem Sohne Moritz., Krakauer Motitz Dr., geb. '1853 in Nikvlsburg (Mähren», besuchte von 1876—83 das Breslauer Rabb.-Seminar, war Rabb. in Pasewalk, Lauenburg und Leobschütz und von 1897 bis zu s. Tode am der Mark. Fuchsschen Fam.-Stistung in Breslau. lieber s. Veröffentlichungen siehe Bräun. Gesch. d. ,Sem., S. 175.