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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1930-04-01 · 4 (4.1930) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
7 (1930)
Issue
4 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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60 Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Nr. 4 Jüdische Tuberkulose-Fürsorge (Beratungsstelle) »«»emiras« »l kam ptt. Raüiumspenüe für öas Israelitische Krankenhaus Breslau .Der amerikanische Philanthrop, Herr Lucius N. Littauer, der zum Andenken an seinen in Breslau geborenen Vater bei dem israetitiichen Krankenhause im Jahre 1928 die „Nathan Littauer-Stiftung" eri richtete, aus deren reichen Mitteln, ein mustergültiges und mit deit nwdernsten Apparaten für Diagnostik und Therapie ausgestattetes Röntgeninstitut errichtet wurde, hat bei seinem persönlichen Besuch im Soinmer 1929 dem Krankenhause eine weitere hochherzige Schenkung zur Beschaifung von Radium überwiesen. Nach jetzt erfolgter Lieferung ist bos israelitische Krankenhaus im Besitz von 115,69 Milligramm Radium-Element bzw. ca. 231 Milligramm Radium-Bromid. Die Einteilung der einzelnen Präparate und die gleichzeitige Anschaffung eines modernen Instrumentariums gestatten den Aerzten der Anstalt die weitgehendste Anwendung der nach den neuesten wissenschaftlichen Forschungen 'o vielseitigen Radium-Heilbehandlung. Möge die erneute ruhmreiche Tat des edlen Menschenfreundes, Herrn Liltauer, j>en Hilfe suchenden Kranken zum Segen gereichen. verufsumschichtung! Die brennende Frage der Berufsumschichtung beschäftigt dauernd die Gemüter. Soviel auch darüber schon geschrieben wurde, soviel Beachtenswertes dabei auch schon gesagt wurde, auf den eigentlichen Kern der Frage sind bisher die wenigsten eingegangen. Beruisumschichtung heißt doch wohl sich umzustellen von sagen wir einmal dem kaufmännischen Beruf zum Handwerk oder eine beliebige mdere Umstellung. Wie-wenige haben da den Mut zu diesem zweifellos licht leichten Schritt. Wenn beispielsweise Deutsche nach der Uebersee auswandern, dann ngroiien sie unbedenklich und ohne Hemmungen jede sich bietende Geiegenheit, um ihr Leben zu fristen. Da konmrt es garnicht darauf an, ob der Betreffende in der Heimat einen „sogenannten" geachteten Beruf bekleidet hat oder nicht. Wenn man aber in der Heimat demselben angeboren hätte, irgend eine „sogenannte" mechanische Arbeitsleistung auszuüben, so hätte zweifellos nicht nyr er, sondern seine ganze Familie dres-als eine ungeheure Herabsetzung angesehen. Selbst der Krieg mit seinen häßlichen Nacherscheinungen hat es nicht vermocht, die falsche Einichäizung der Arbeit in Wekkstatt und Maschinenraum zu beseitigen. Unmittelbar nach dem Krie«, als eine ganze Anzahl aktiver Offiziere plötzlich vor dem Nichts standen, kam es wohl einmal vor, daß der eine oder andere ein Handwerk erlernte, um damit sein späteres Fortkommen zu ermöglichen. Mir selbst sind solche Fälle bekannt, und ich glaub« stn Sinne der Betreffenden zu reden, wenn ich sage, daß sie sich durchaus wohl fühlen und jetzt ihr gesichertes Fsrtkommen haben. Etz gibt viele Tausende junger gesunder Menschen mit guter Schuld bildung, die infolge Zmämmenlegung einer großen Anzahl von kaufmännischen und sonstigen Betrieben, ich erinnere nur an das Banksach, arbeitslos geworden sind und aus Jahr« hinauskeine Aussicht haben in derselben Branche Beschäftigung zu finden. Was soll aus diesen Menschen «erden? Wer von ihnen hat den Mut, Kragen und^Halbschuhe abzulegen und in die Werkstatt oder den Maschinenraum zu gehen, um noch einmal von vorn anzufangen. Und doch ist dies der einzig« Weg, der ihnen übrig bleibt, wenn sie nicht schon in jungen Jahren dauernd Wohlsahrtseinrichtungen zur Last fallen wollen. Es kommt die Zeit, und das dauert -gar nicht nüchr lange, die einen Arbeitermangel in Deutschland bringen muß. Darauf weisen alle Statistiken der letzten Zeit warnend hin, denn der Geburtenausfall durch d?n Krieg wird in den allernächsten Jahren ganz deutlich in Erscheinung treten. « Trotzdem es selbst in Zeiten der Hochkonjunktur im Reiche immer noch zirka 600 0V0 Arbeitslose gibt, herrscht doch selbst um diese Zeit ein empfindlicher Mangel an qualifizierten und hochwertigen Handwerkern, e und das ist der wundeste Punkt in her Berufssrage, soweit es sich um das Handwerk handelt. Wentt mast heute noch von dem früheren . goldenen Boden , des Handwerks spricht, so vergißt man dabei, daß die Auswahl des Nachwuchses viel sorgfältiger vorgenommen wurde, als dies leider heute der Fall ist; man vergißt ferner, daß di« Lehrzeit nicht drei oder längstens vier Jahre dauerte, sondern viel länger, und man vergißt weiterhin, daß der junge Handwerksgeselle sich in der Fremde ein großes Maß von Kenntnissen erwerben mußte, ehe er die Berechtigung bekam, sein Handwerk selbständig auszuüben. * ' Freilich, auch im Handwerk haben Technik und neuzeittiche Arbeitsmechoden sehr vieles grundlegend geändert, und trotzdem kann selbst der intelligentest« junge Mensch in drei oder vier Jahren nur die Ansangsgründe eines Handwerks erlernen, es gehört schon der mehrjährige Besuch von Fach- und Kunstgewerbeschulen dazu, um den jungen Menschen weiterzubilden, und wenn die Eltern bereit wären, für ihren Handwerkssohn dieselben Opfer zu bringen, wie für chr« akademisch oorgebildeten Kinder, dann würde es um vieles besser werden, dann würden diese jungen Leute, dieser Nachwuchs, das Handwerk wieder zb einer hochqualifizierten Angelegenheit machen. Dann würde, wenn auch nicht der, goldene Boden, jedenfalls aber die gesicherte Existenz- Möglichkeit für die Zukunft geschaffen sein, und auch das Stehkragen- Proletariat unter den Akademikern würde langsam verschwinden, denn ich bin fest davon überzeugt, daß aus der letzteren Kategorie einegroße Anzahl tüchtiger Handwerker hervorgegangen wäre, wenn hie Eltern damals den Mut gehabt hätten, diese Menschen dem Handwerk zuzcisühren. Gerade jetzt, wo die bange Frage an viele Eltern herantritt, was soll mein Kind für einen Beruf ergreisen, ist es doppelt wichtig, nach allen Seiten hin zu prüfen. Und noch eines kommt hjnzu. Es ist durchaus nicht notwendig, daß das Kind mit vierzehn Jahren die Schule verläßt, um unmittelbar einem Beruf zugeführt zu wej-den. Es ist viel richtiger, wenn die jungen Leute erst mit sechzehn oder siebzehn Jahren oder noch später in eine Handwerksiehre kommen. Es leuchtet wohl jedem Menschen ein, daß ein siebzehn- oder achtzehnjähriger Mensch i» der Regel viel leichter erfaß, und begreift, als ein vierzehnjähriger. Hinzu kommt noch, daß er körperlich besser entwickelt ist, denn auch das muß gesagt werden, das Handwerk von heute stellt nicht nur sehr erhebliche Ansprüche an die geistigen Fähigkeiten seines Trägers, sonder» auch körperlich muß bedeutend mehr geleistet werden. Aus einem geistig und körperlich gekräftiglen Nachwuchs werden sicher gesunde und schasfensfreudig« Menschen hervorgehen. Dann wird man wieder mit Freude den Satz aus den „Meistersingern" sagen dürfen: „Ehret die deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister." Felix Simenauer. Betrachtungen zum ersten Spnagogenkonzert in Breslau ' Warum? — So haben viele gefragt. — Warum ein Synagogenkonzert? — So haben viele von denen gesagt, die leider so zahlreich unter uns zu finden, sind, denn der Jude ist durch seine jahrhundertelang ertragenen Enttäuschungen und Oualen zum Skeptiker geworden. Eine kleine Anzahl aber gibt es doch noch, die die Notwendigkeit erkannt haben, unseren immer nur allzubereiten Gegnern (Wie Richard Wagner und seinen Anhängern) immer wieder zu beweisen, daß wir in der kurzen 'Zeit seit der Emanzipation nicht nur weniger bekannte Tonsetzer hervorgebracht haben, sondern daß wir große Genies, wie Meyerbeer, Mendelssohn, Halevi, Bizet, Rubinstein, Mahler, Schönberg. Korngold, Bloch und andere, die ihrer Zeit den Stempel ausgedrückt haben, mit Stolz zu den Unsrigen zählen dürfen. Biel« behaupten, alle die oben genannten Komponisten seien gar keine Komponisten jüdischer Musik. Jüdische Musik gebe es heute überhaupt nicht mehr; die sei längst, damals bei dem Untergang des jüdischen Volkes, oerlorengegangen, heute — vollkommen in Vergessenheit geraten, verschollen. Und Mahler schreibt eben nur deutsche Musik, Bizets Carmen ist voll von spanischem Kolorit und Rubinstein's Musik klingt rein russisch. Richtig! — Jeder produktive Künstler ist seiner seits wiederum ein Produkt der Einflüsse seiner Umgebung, des Klimas, der Erziehung, der Kultur, kurz gesagt all der Faktoren, die auf ihn dort einwirken, wo er die größte Zeit seines Lebens und seiner künstlerischen Entwicklung verbracht hat. Nur darf man bei diesem psychischen Prozeß das Eine nicht vergessen, das wichtigste Element, dieses nicht Feststellbare, Undesinierbare, was aber gerade bei der Musik jüdischer Komponisten das charakteristische ausmacht, nämlich: Dos rein Jüdische!! Dieses durch Jahrhunderte, Jahrtausende Vererbte! Dieser Niederschlag der Summe aller Leben seiner Vorfahren ist es, der ihre Musik durchflutet, die in ihren Tönen zittert!-- Deshalb muß man angesichts dieser Gegenströmungen, dem Bor stand der Synagogengemeinde, insbesondere dem unermüdlichen und zähe an seinem Borsatz feschaltenden Herrn Sanitätsrat Dr. Bach für das Zustandekommen dieses Konzertes dankbar sein. Verbunden mit dem wohltätigen Zweck, Gelder für das neu gegründete Jugendheim der Gemeinde zu gewinnen, war dieses -Konzert ein Auftakt zu einem eigenen Musikleben der Breslauer jüdischen Gemeinde. Ein Sichbewußttverden der Verpflichtung, endlich auch hier in Breslau der lang« vergessenen jüdischen Musik neues Leben zu geben. Man hatte ein reichhaltiges und interesiantes Programm zusammengestellt und als Zugkraft Hermann Schey aus Berlin engagiert. Er sang „Dem Unendllchen" von Schubert, die Arie „Es ist genutz" aus dem Ellas von Mendelsohn, und in der zwetten Hälfte des Programms „vier biblische Gesänge" von Dvorak. Das übrige Programm bestritten Herr Oberkantor Joses Borin, Herr Organist Erich Schaffer und HerrKapellrneister Benno Pulvermacher mit dem Chor der Neuen Synagoge. Herr Oberkantor Borin sang .jüdische Melodie" von Rimski- Korssakow und „Elohenu" von Gottschall (in hebräischer Sprache). In dem .Orgelkonzert Nr. 2" von Händel sowie in dem Opus 37 Nr. 2 „Präludium und Fuge" von Mendelssohn ließ uns Herr Schäffer die neue Orgel der Neuen Synagoge hören. Zwei hochinteressant« Ausgrabungen, „Psalm 137" und „Psalm 67" (hebräisch gesungen). Kompositionen des um das Jahr 1600 in Mantua lebenden jüdischen Komponisten Salomone Rossi sowie Psalm 100 von Mendelssohn hatte man als ä-capella-Gefänge des Chores ausgesucht. Den Beschluß bildete die Keduscha von Dunajewski für Chor, Soli und Orgel. Der Austakt ist nun getan! Und wenn auch der pekuniäre Erfolg vielleicht nicht so, wie man es sich gewünscht hatte, ausgefallen sein sollte, so wollen wir doch hoffen, daß die auch weiterhin geplanten Synagogenkonzerte folgen werden. Erst dann, wenn diese Konzerte eine ständige Einrichtung geworden sind, haben wir der jüdischen Kunst gegenüber unsere voll« Pflicht erfüllt. Hans Krieg.

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