Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Breslauer Jüdisches Gemeiudeblakt Nr. Familien kommt in der obigen Summe nicht zum Ausdruck. Sie liegt in der allgemeinen Wohlfahrtspflege. Ebenso oberflächlich und mißverstündlich spricht er über die Initiativ« in praktischen Wegen der Berufsausbildung. Das Breslauer Jüdische Wohlfahrtsamt ist bahnbrechend gewesen in der produktiven Fürsorge. Der Verfasser hätte sich nur die Mühe geben müssen, früher erschienen« Berichte im Gemeindeblatt zu lesen. Er hätte aber auch wissen müssen, welche ungeheuren Schwierig, ketten nicht nur das hiesig« Wohlfahrtsamt, sondern alle Gemeinden bei der Berufsumschichtung und Berufseingliederung finden. Die Angriffe gegen eine große Frauenorganisation werden von dieser beantwortet werden. Wir haben nur noch ein Wort über die mißfällige Art zu sagen, mit der die steuest« Schöpfung der'Gemeindeverwaltung besprochen wird, und die ja glücklicherweise nicht in so weit« Kreise dringt, daß di« Freude, die di« gesamte Gemeinde an dem „Jugendheim" hat, irgendwie davon beeinträchtigt wird. Auch hier spricht der- Artikelschreiber unbelastet von jeder Sachkenntnis. Um eines herauszugveifen, sei erwähns, daß den Lehrlingen selbstverständlich nicht nur ihre Schlafräume, sondern eine große Anzahl von Räumen zur Verfügung stehen. Er übersieht auch, daß das Jugendheim nicht nur der organisierten, sondern vor allem der Nichtorganisierten Jugend zur Verfügung steht, die das Heim am schmerzlichsten entbehrt. Und deshalb kann di« Gemeinde die Verwaltung des Jugendheims nicht, wie der Verfasser wünscht, irgend einer Organisation der Jugend übergehen, sondern sie muß sie sich selbst Vorbehalten, wie es bei allen anderen Ausschüssen der Fall und durch 8 33 der Gemeistdesatzung geboten ist. Am Schluß wirst der Verfasser zwei Einrichtungen durcheinander, ohne Kenntnis der ganzen Sachlage. Er vermengt Zusluchtshaus und llnterkunft für Durchreisende. Er muß genau wissen, daß die Frage des Zuiluchts Hauses fast dauernd die Fürsorgeausschüsse beschäftigt und daß mtt Rücksicht auf die großen Schwierigkeiten erst jetzt ein« Lösung in Aussicht steht. Er weiß auch und verschweigt es, daß neben den Unterkunsts räumen für durchreisende junge Mädchen ein solcher für junge Männer >is vor kurzem vorhanden war, eine Einrichtung, die sich nicht bewährt hat Wir würden auf die unsachgemäßen Ausführungen des Artikels nicht eingegangen sein, wenn ttus nicht besondere Moment« dazu bestimmt i hätten. Der Schlußsatz „Wandlungen?" beweist, daß der Verfasser zwar „Wohlsahrtswesen" sagt, aber „Polittk" meint, während es dem hiesigen Jüdischen Wohlfahrtsamt glücklicherweise gelungen ist, jede Politik auszuiibalten durch die überparteiliche Zusammensetzung der Ausschüsse. Darum müssen wir auch den Vergleich mit Berlin zurückweisen. Dabei sei beiläufig bemerkt, daß die Ausgaben der Berliner Gemeinde für Wohltahrkszwecke im Jahr« 1929 nur 28% des Haushalts gegen etwa 33% in Breslau betragen. Der zweite Grund dafür, daß wir überhaupt antworten, liegt in der aus der Luft gegriffenen Behauptung, das Jüdische Wohlfahrtsamt befände sich in einer Krise. Davon kann keine Rede sein, es muß vielmehr ausdrücklich betont werden, daß es chm trotz der Häufung und der gesteigerten Schwierigkeit der Wohlfahrtsfälle gelungen ist, sein« Ausgaben in den Grenzen des Haushalts vollkommen zu erfüllen. Ein dritter Grund bestimmt uns dazu, zu antworten: Der Artikel des Verfassers hat böse Früchte getragen. Ein hiesiges Wochenblatt benutzt den Artikel, um unter der sensationellen Ueberschrift .^Jüdische Wohlfahrt am Pranger" in gehässigster Weis« nicht nur die Gemeind« und das Wohl-! fahrtsamt, sondern eine einzelne Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben dem ' Dienst an der Allgemeinheit gewidmet hat, anzugreifen. Es verlohnt.sich nicht, auf dies«, wie aus andere verleumderischen, gehässigen und unsachgemäßen Behauptungen einzugehen. Hier gibt es nur eines: „Niedriger hängen!" Es gibt keine „peinlichen Affairen" und kein Geheimhalten im - Jüdischen Wohlfahrtsamt und in der Gemeindeverwaltung. Ihre Arbeit liegt für jeden, der sie kennen lernen will, offen da. Indem wir entschieden Verwahrung einlegen gegen di« unsoziale und unreligiöse Verhetzung, die mit solchen Artikeln erzielt wird, bedauern wir noch einmal, daß eine jüdisch« Zeitung sich bereit finden ließ, ohne Nachprüfung und Rückfrage über Einrichtungen und Verhältnisse zu sprechen, die die ganze Gemeinde betreffen und die sie nicht kennt, und daß sie anderen Artikel- - schreibern durch dieses unrichtige Material Gelegenheit gibt, di« Einrlchi tungen der jüdischen Gemeind« Und des Wohlfahrtsamtes, die den Not- ■ leidenden Hilf« bringen, zu verdächtigen und zu schmähen. Wir verwahren! uns dagegen im Interesse der- Ehre unserer Gemeinde, der Ehre unserer j Einrichtungen und der Ehre unserer Mitarbeiter.! Breslau, 14. März 1930. Der Vorstand der Synagogengemeinde. . Goldfeld. W a l d st e i n. H o f f m a n n. Dr. Bach. Dr. B o ß. j Dr. Goldschmidt. Kalisch. Koppenheim. Ollendorsi Dr. R o s e n st e i n. Sander. Dr. S ch a ch t«l. von üer Breslauer Ortsgruppe ües Jüdischen Frauenbundes (Fortsetzung Tätigkeitsberichts Die Vorsitzende berichtete über die Tätigkeit der Beratungsst e l l e, die jeden Montag im Repräsentantensaal der Synagogengemeinde ihre Sitzung abhält. Die verschiedenen Kommissionen, die heute ganz selbständig arbeiten, verdanken ihren Ursprung der Beratungsstelle. Reben der Arbeit der einzelnen Komnriffionen sind der Beratungsstelle zahlreiche Aufgaben geblieben. Die Gemeindeschwester nimmt an.den Sitzungen der Beratungsstelle regelmäßig teil und berichtet über die von ihr de- > arbetteten Fälle. 8t« hat in der Zeit vom 1. Mai bis 31. Dezember; 1929 1600 ambittmrte Fälle und über 800 Fürsorgebesuche erledigt. Die ' Zufluchtsstätte auf der Büttnerstraße hat durchreisend« Frauen und Mädchen vorübergehend beherbergt und außerdem zwei jungen Mädchen für längere Zeit Unterkunst gewährt. Das Kleinrinderheim ln Krietern ^Reserentin Frau Ioh. Lohn) hat seit dem 1. 4. 1929 siebenundvierzig Kinder, darunter acht auswärtige an 7379 Verpflegungstagen betreut. Di« Belegschaft in den Sommermonaten überschritt 30 Kinder, von denen durchschnitttich zehn der Säuglingsabteilung angehörten. Seit AprU des vergangenen Jahres ist die Höhensonne in Betrieb gesetzt, di« wunderbar auf die EM- Wicklung der Kinder wirkt. Das Kuratorium hat einen Erweiterungsbau in Aussicht genommen. Die Kinderfürsorge (Reserentin Dr. Alice Oppenheimer) arbeitet auf den Gebieten der Wirtschafts-. Gesundheits- und Lrholungsfürsorge, Dereinsoormundschast. Sie orientiert die bei ihr Hilfe Suchenden über die verschiedenen Fürsorgeeinrichtungen und setzt sich selbst im' Interesse der Bittsteller mit den Behörden in Verbindung. Es ist ein seit Jahren bestehender Brauch der Kinderfürsorge, daß sie sich zur Zeit des- Chanukkahfestes mit Logen und Wohltätigkeitsvereinen in Der»j bindung setzt und eine regelrechte Bekleidungssürsorge organisiert. Aus diese Weise wurden im Dezember 208 unbemittelte jüdische Kinder durch Vermittlung der Kinderfürsorge mit warmen Sachen eingekleidet. Die Erholungsfürsorge ist in erster Linie prophylaktischer Art. Wir verweisen in Fällen von Erkrankungen an unsere Vertrauensärzte, die die- Untersuchung und Behandlung notleidender Kinder unentgeltlich vornehmen. Wir danken auch an dieser Stelle den Herren Dr. Erich Breslauer, Dr. Alfred Cohn und Dr. AlfrÄ> Landsberger für ihre unermüdliche Mitarbeit. Schwächliche Kinder wurden ick Erholungsheime nach Flinsberg, Kolberg, Kissingen, Krummhübel. Hirschberg oder in Heilstätten nach Wyk. Dürrheim und Oberschreiberhau verschickt. Die Vereinsvormundschaft ist vor einigen Jahren vom Amtsgericht Breslau dem jüd. Wohlfahrtsamt übertragen worden und wird seither, soweit sie Kinder unter 14 Jahren betrifft, von Herrn Bürodirektor Glaser im Verein mit der Kindersürsorgerin ausgeübt. Im vergangenen Jahre sind zirka 15 neue Mündel unter die Vereinsvormundschast gefallen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß di« Kinderfürsorge im vergangenen Jahre 250 bis 300 Fälle vierteljährlich behandelt hat, die im ganzen Jahre 7644 Einzelbearbeitungen erforderten. Das Kinderlandheim in Bad Flinsberg (Dezernentin Frau Emmy Vogelstein) hat im vergangenen Jahre 138 Kinder in vierwöchentlichen Kurperioden und 96 erhölungsbedürstige Damen aus allen Teilen des Reiches in durchschnittlich dreiwöchentlichen Kurperioden mit gutem Erfolg verpflegt. Auch im verflossenen Jahre wurde mehreren Praktikantinnen Gelegenheit gegeben, sich in Wirtschaft und praktischer Kinderpflege auszubilden. Außerdem waren ausgebildete Kräfte und ein Senrinarist für die Knabenkolonie engagiert. Die nachgehende, örtliche Erholungssürsorge für Kinder wurde während der Sommermonate aus einem Teil des Grundstücks des Kleinkinderheims Krietern durchgesührt. In eine Kurperiod« wurden durchschnitttich 20 Kinder ausgenommen, die Liegekuren machten, sich in leichter Gymnastik übten und an Spiel und Gesang sich ergötzten. Zwischendurch wurde das aus Milch und Semmeln bestehende Vesper verabreicht. Die individuelle und sachgemäße Betreuung der Kleinen in Licht und Sonne hat zu einem guten Erfolg geführt. Die Vortragskommission (Reserenttn Frau Lily Liegner) hat auch im vergangenen Jahre ein interessantes und anregendes Programm ausgestellt und durchgeführt. Frau Paula Ollendorff sprach über die Weltkonferenz jüdischer Frauen in Hamburg und über die Jubiläumstagung in Berlin, Dr. Willy Cohn über die Geschichte der Juden der Stadt Breslau, Dr. Grete Steinberg über moderne, jüdische Künstler. Im Dezember fand eine Chanukkahfeier unter Mitwirkung der Jugend statt. In Aussicht genommen ist ein Vortrag von Dr. Alfred Cohn über jüd. Philosophen und eine Purimfeier in musikalischem Rahmen. Ueber die Braut aus st attungskasse berichtete Frau Anna Simonsohn. Frühehe und Bevölkerungspolitik wird heute mehr denn je propagiert. Auf der anderen Seite stehen dem die großen Schwierigkeiten materieller Natur entgegen. Der Brautausstattungskasse ist es in 33 Fällen gelungen, diese Schwierigkeiten mit überwinden zu helfen. Don diesen Fällen gehören 15 in das letzte Tätigkeitsjahr. Außer Geldunterstützungen, die hauptsächlich zur Anschaffung von Möbeln verwendet werden, werden Wäschestücke und Wirtschaftsgegenstände an jüdische Bräute ausgegeben. Der Mädchenklub (Referentin Frau Lisbet Cassirer) hat Kurse in Gymnastik, Gesang, englischer Sprache und Schneidern eingerichtet. Um die geistige Anregung, die den jungen Mädchen im Klub vermittelt wird, auch auf deren Eltern auszudehnen, veranstaltete der Klub allmonatlich einen Elternabend. Die dafür gewonnenen Rednerinnen sprachen über Themen literarischer, juristischer oder religiöser Art. Theaterabonnements ermöglichten den Mädchen den Theaterbesuch zu ermäßigten Preisen. Ausflüge führten In die Umgegend Breslaus. Das Laubhütten- und das Chanukkahsest wurden feierlich begangen. Einer Anzahl Klubmädchen konnte im Sommer ein mehrwähentlicher Erholungsaufenthalt im Kinderlandheim Flinsberg ermöglicht werden. Der jüdische Jünglingsbund (Reserentin Frau Hulda Sänger) veranstaltet seine Heimabende im jüdischen Waisenhaus. Die Frettagabende werden zwecks Erreichung einer größeren Weih« von einen, Theologen geleitet. Die anderen Heimabende werden mit kurzen Bor- ' trägen rechtlichen, medizinischen und allgemeinen Inhalts ausgefüllt. .An zwei Abenden der Woche wird Sport 'getrieben. Die Theatergruppe hat 26 Mitglieder. Im Sommer fanden Ausflüge und Führungen statt. s