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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1930-03-01 · 3 (3.1930) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
7 (1930)
Issue
3 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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ZS Nr. 3 Btefloxt Jüdisch - Va« Vaterunser Don Rabbiner Dr. Äosephson. Die Nr. 51 der C. D.-Zeitung bringt eine Besprechung von Theodor Kappstein über Josef Delmonts: „Juden in Ketten". In diesem Artikel befindet sich eine Stelle, aus die ich eingehen und die ich berichtigen muh; denn sie beruht auf einem schweren Irrtum und zeigt, welch eine Unkenntnis hinsichtlich unserer Religion in weiten Kreisen unserer christlichen Mitbürger herrscht. Es sei mir gestattet, die dafür inbetracht kommenden Worte Kappsteins hier anzuführen: ,I)ie rührendste Szene ist das Sterben des Kettengefährten. Gregor ist Katholik: er bittet den jüdischen Menschenbruder, mit. ihm zu beten, und als er mit letzter Anstrengung das christliche Daterunser lallt, da spricht es ihm Haschele erbarmend mit und nach, ihm das Sterben zu erleichtern — in jener elementaren Seelenstimmung, die auch die Religionsformen überwindet, als Kinder des einen Vaterhauses." Schon der Ausdruck das „christliche" Daterunser muß bei jedem, der den wahren Sachverhalt kennt, Bedenken erregen. Wohl gilt das Gebet, das mit den erwähnten Worten beginnt, .bei den Christen als das bedeutsamste, weil der Stifter ihrer Religion nach dem Berichte der Evangelien es seinen Jüngern besonders empfohlen und ans Herz gelegt hat. Aber man sollte bedenken, daß nicht bloß die Anfangsworte dieses berühmten Gebetes, sondern auch sein gesamter Inhalt nebst den dazu gehörigen Formen ein echt jüdisches Gepräge tragen. Ja noch .mehr, unsere GlaubensgenoffeN auf dem ganzen Erdenrunde verwenden täglich bei ihrer Andacht fast alle Ausdrücke des ..Vaterunser". Nun könnte.vielleicht von chrisüicher 'Seite der Einwand erhoben werden, es fehle in der jüdischen Liturgie gerade die Hauptstelle: „Wie wir vergeben unseren Schuldigern". Demgegenüber brauchen wir nur auf das Buch Sirach hinzuweisen. Dieses in hebräischer Sprache im Jahre ISO v. Chr. Geb. abgefaßt, vom Enkel des Verfassers 132 v. Chr. Geb. ins Griechische übersetzt, enthält folgende Lehren (Kap. 28. Vers 1—5): „Wer sich rächt, an dem wird der Herr Rache nehmen und seine Sünden wird er wohl auf bewahren. Vergib deinem Rebenmenschen. eine Beleidigung, und wenn du bittest, werden auch deine Sünden vergeben werden. Ein Mensch bewahrt den Zorn gegen den anderen, aber vom Herrn will er Vergebung? Gegen seinen Rebenmenschen hat er keine Nachsicht und bittet wegen seiner eigenen Vergehungen? Er, der doch selbst Fleisch ist, bewahrt den Grimm; wer soll ihm seine Sünden sühnen?" Hieraus! ergibt sich mit unwiderleglicher Gewißheit, daß die edle Gesinnung, die in den Worten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern" ihren Ausdruck findet, schon sehr, sehr lange vor Entstehung des Christentums bei unseren! Vorfahren, den Juden, als religiöses Pflichtgebot galt. Bereits vor mehreren fahren sind die Parallelstellen zum Daterunser, die sich in unseren Gebeten sowie in der takmudischrabbinischen Literatur befinden, von fachmännischer Seite, wenn ich nicht irre, im Austrage des Deutsch-Israelitischen Ge- ' meindebunde», veröffentlicht worden. Muß es demnach nicht auffallend erscheinen, daß ein so kenntnisreicher Mann wie Kappstein, der dazu noch evangelischer Theologe ist, die Meinung hegt, als ob jenes Gebet einen spezifisch christlichen Charakter hätte, während es sich doch ausschließlich in jüdischen Gedankengäygen bewegt? Haschele konnte also, als'sein Freund, der Katholik Gregor, mit letzter Anstrengung das Daterunser lallte, es getrost auf deffen Wunsch mit ihm sprechen; er brauchte nicht zu befürchten, hierdurch irgendwie gegen eine Lehre des Judentums^ ja nicht einmal gegen eine seiner Formen zu verstoßen. Der Akt rühmenswerter Barmherzigkett, den er gegen feinen christlichen Leidensgefährten ausüble, geschah ganz im Geiste der jüdischen Religion. E» war für ihn dabei keineswegs nötig, vorerst noch irgendwelche Religionsformen überwinden zu müssen. Stimmen doch Judentum und Christentum in der hohen Wertschätzung des „Daterunser" vollkommen überein. (I <Bemelabe6(aff -f.. 3nm Konzert fn -er neuen Spaagoge am 6. JlprU 1930 E» wird in weiten Kreisen der Synagogen-Gemeinde gewiß begrüßt werden, daß man sich nach vieljähriger Pause mtschlofsen hat, wieder ein öffentlicher Konzert in der neuen Synagoge zu veranstalten, dessen Reinertrag der jüdischen Jugend zugute kommen wird. Den äußeren Anstoß dazu gab die neue Orgel, deren wundervoller Klang zwar an jedem Sabbath zu bewundern ist, auf der aber auch einmal Werke erklingen sollen, die in größerem Rahmen dieser.Königin der Instrumente" Gelegenheit geben werden, ihre klanglichen Schönheiten Unter der Hand des ständigen Organisten Erich Schäffer in klassischen und neuzeittichen Werken zu offen- Haren. Bei der Auswahl der Komposittonen war grundlegend naßgebend, daß es sich um ein Konzert in einem jüdischen Zotteshause handelt. Daher stehen auch Werke jüdischer Komponisten im Vordergründe. Aber man hat ohne Engherzigkeit elbstverständlich auch zu solchen Werten nichtjüdischer Meister >egriffen, die ihrem Charakter nach in einem Gotteshause ergingen dürfen, besonders dann, wenn, wie für Orgel, von üdifchen Meistern wenig Erstrangiges geschaffen wurde. So teht neben Felix Mendelssohn-Bartholdy Präludium und Fuge op. 37, 2, O-dur) das Orgelkonzert Nr. 2 8-dur von Händel. Bei der Chormusik, die der verstärkte Chor der neuen Synagoge unter BennoPulvermacher ausführen wird. Handelt es sich dagegen durchweg um jüdische Komponisten. ^Neben dem deutsch gesungenen Psalm 100 (Jauchzet dem Herrn alle Helt) von Mendelssohn steht hier eine Keduscha für Chor, Soli und Orgel des bereits dahingegangenen russischen Komponisten Dunajewsky und die ebenfalls hebräisch gesungenen Psalmen 137 (al naharok babel) und 67 (lamnazeach binginoth) von SalomoneRossiHebreo (das Hebräische in sephardischer Aussprache). Rossi ist der bedeutendste jüdische Komponist der italienischen Renaiflance, sein Wirken am Hofe der Gonzaga in Mantua für die Jahre 1587—1628 nachgewiesen. Einer der einfallreichsten und feinsten Vokal- und Instrumentalkomponisten seiner Zeit (zahlreiche Bände Madrigale und Sonaten sind bekannt), war er zusammen mit Monteverdi am Ausbau!der eben erfundenen Oper beteiligt. Daneben hat er auch ein jBuch. „Haschirim" betitelt, für die Synagoge geschrieben, eine Sammlung von 33 3—8 stimmigen a capella-Gesängen, die |ber Pariser Oberkantor Naumbourg mit Vincent d'Indy neu j herausgab. Davon werden also zwei Psalmen gesungen Der Stil Rossis wird nach seinem größten Vertreter als „Palestrina-Stil" bezeichnet, es ist jene wundervolle abgeklärte j Chorkunst, die feinste Blüte des Mittelalters, die in ihrer Reini heit, Größe und klassischen Schönheit gerade heute wieder ganz! besonders im Vordergründe des Interesses steht, da die neue! Musik unter anderem auch da wieder angeknüpft hat. Die Aufj führung der so selten gesungenen Rassischen Psalmen ist 'durch- ‘ j aus als musikalisches Ereignis zu werten.! _ Oberkantor Borin wird solistisch mit zwei ebenfalls hier völlig unbekannten hebräischen Gesängen erfreuen: einer jüdi schen Melodie des russischen Komponisten RikolaiRimsky-; Korssakow (1844—1908) auf einen Text aus dem »flohen - Liede" und eine Vertonung des Sabbach-Gebetes: Äohenu I welohe awoffenu von G o t t s ch a l l, dem Dirigenten einer i Synagoge in Budapest. Es wird ohne Zweifel interessieren.' einmal andere Melodien zu bekannten Texten zu hören, als sonst hier dazu gesungen werden. Die größte Anziehungskraft aber dürste Hermann Schey- Berlin ausüben, der in Breslau bestens bekannte meister-; haste Konzert- und Oratoriensänger, zu deffen Ruhm nichts mehr zu sagen ist. Er singt geistliche Gesänge von D v o f a f, .Dem Unendlichen" von Schubert und die Arie „Es ist j genug" au» dem „Elias" von Mendelssohn.! Ein zahlreicher Besuch ist zu wünschen und zu erwarten im ' Hinblick auf den wohttätigen Zweck, aber auch in Ansehung des werwollen Programms. Dr. Oskar Guttmann.

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