Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Breslauer IMsches Gemeindeblatt Amütcheö Blatt der Synagogmgemeinde zu Breslau «chttMewrug: BnwalUmgSvtrrNor vr. Rechntd, Breslau, WaNstraße - I Druck und Anzrtgrn-Annahme: Druckerei Th. «chcchbl AlllevgeselHchaft. Vertag: Lid» der Sv»agoge«gemrl«ve. Breslau» Mallftr.» I Xri.Mftll/12 | Breslau 3» Reue »rmOenstnche 3h. 7 / Aernst«cher 2*408 «. Mit Wir die unter dem Ramm des Derfagers erscheinenden MSel und die DereiqBnachrlchi» llberaehmen wir nur Mejmffcgcfcfclk&e DrrantworUmU 7.3aftr0. März 1930 3ft. 3 V«ri« Wenn man in dpr Sixtinischen Kapelle in Rom mit dem Spiegel in der Hand! das herrliche Deckengemälde bewundert, das die Esther-Szerst darstellt, oder an Handels Oratorium „Esther" denkt» dar 1720 erschien, oder Racine» viel» bewundertes Drama ^.Esther" liest, das er im Jahre 1689 auf Bitten der Frau von Maintenon geschrieben hat. dann möchte man fich auch für unsere Zeit Männer dieses Geistes wünschen, um mit ihrer Hilfe leichter die fast gehässige Einstellung zu überwinden, wie sie dem Purimfest und seiner im Estherbuch niedergelegten Geschichte gegenüber auf nichtjüdischer Seite heute beliebt ist. Selbst Gunkel, ein Mann von wiflenschaftlicher Größe und von gewollter Objektivität, faßt feine Stellungnahme zum Estherbstch in die Worte zusammen: „Don sittlichen und religiösen■ Ideen ist nicht die- Rede, sondern ganz einfach von dem Egoismus einer Ratton, die sich unter unwürdigen Verhältnissen um jeden Preis behaupten will, wes» halb die Schrift auf jeden Nichtjuden einen abstoßenden Eindruck machen muß . ,|." In aller Objektivität darf man indes" sagen, daß das Estherbuch al» ein Volksbuch, wie wir auch andere in der Bibel haben, auf einer durchaus stattlichen Höhe steht, wenn auch über seine Aufnahme in den Kanon der Bibel bi» in da» 3. nachchristtiche Jahrhundert noch Streitigkeiten bestanden. Wahrscheinlich lagen -die Gründe fijr diese in rein äußerlichen Dingen, etwa darin, daß der Gottesname im Buche nicht erwähnt ist. Selbst ein so großer jüdischer Gelehrter wie Zunz nimmt noch im vorigen Jahrhundert an dem Fehlen des Gottesnamens Anstoß. 187 mal — so schreibt er in der Z. D. M. G. Bd. 27, S. 669 — hat der Verfasser Raum für und 26 mal für aber" nicht einmal für denNamen Gottes. Er sucht dafür eine Erklärung in der allerdmtzr^bestrittenen Annahme esnes nicht rein jüdischen Ursprunges des Purimfestes. Ein weiterer Grund für diesen wissenschaftlichen " Streit wird in der gleichfalls nicht feststehenden Annahme gesehen, daß die Entstehung des Buches außerhalb Palästinas vor sich ging. Indessen hat das Buch bei den Juden doch bald Anklang gefunden und seine Forderung, alljährlich des Er eigniffes in Persien, überall wo Juden wohnen, zu gedenken, ist zu einem religiösen Gebot geworden. Gerade die Jahrhunderte des Druckes ließen diesen | Tag zu einem großen Freudentage werden, dessen Freudenäußerungen nicht durch 'die einschränkenden Gesetze der von der Thora gebotenen Festtage begrenzt waren. Aber wir stellen auch gern fest, daß man in unseren Tagen so wie dem Ehanukkahfest auch dem Purimsest eine größere Bedeutung beizumessen beginnt, und daß man neben seinen religiös-ethischen Werten auch seine geschichtliche und soziale Bedeutung heraushebt. ) Die Siegesfreude über die Besiegten und die im Estherbuch und dann auch im Gebet mit gewisser Genugtuung wiederholte Feststellung der Hinrichtung Hamans und seiner Söhne möchte ich nicht als eine Verletzung des Thoragebotes von der Nächstenliebe bezeichnen, sondern als eine menschlich begreifliche Freude über eMlgreiche Notwehr. Denn nur von solcher kann doch wohl die Rede sein, lehn man indessen bedenkt, daß das Ereignis 2000 Jahre und mehr zurückliegt, dann dürfen die, die jene Zeit miterlebt haben, in der man zum Zeichen der Freude über Tausende gefallener „Feinde"' seine Häuser geschmückt und den Schülern einen schulfreien Tag gewährt hat, während man zu gleicher Zeit nicht weniger Tausende eigner Söhne und Bäter und Brüder-und Gatten zu beklagen hätte, sich wahrlich nicht zu Richter aufwerfen über jene Juden, die man morden wollte, und die ihr Leben mit allen Mttteln zu verteidigen suchten, und dann nach geglückter Verteidigung ihrer Freude spontan Ausdruck gegeben haben. Wenn Mordrchai vor Haman sein Knie nicht gebeugt, dann kann der Jude aller Zeiten von diesem auf- " rechten Mann und starken reljgiösen. Charakter lernen, und wenn Esther auf den Rat ihresjErziehers die ihr gebotene Möglichkeit, ihrem jüdischen Dolke eine Helferin zu sein, annahm, dann dankte ihr dafür nicht nur d» damalige Jüdenheit, sondern in gleichem Maße danken ihr^hje Glaubensgenossen aller Zetten für das Beispiel der Selbstverleugnung und der Ohferbereitschaft, das sie gegeben, da sie ja niemals voraus wissen konnte, ob ihr Plan gelänge. Für den Geist der Frömmigkeit dieses Buches spricht auch die Forderung, Wohltätigkeit in besonderem Maße an diesem Freudentag zu üben, so wie es auch dann in Israel allgemein religiöser. Brauch geworden ist. So hat Man also, wie immer in Stunden der Freude, auch der sozialen Pflichten gedacht, die das Judentum seinen Bekennern auferlegt, und fordert Liebe des einey für den andern. Jedem, der an solchem Tage in unseren Kreis käme, müsse das Recht gewährt werden, an unserer Freude stilzunehmen. Die Geschichtlichkeit des Estherbuches und damit des Purimfestes wird besonders von protestantisch-theologischer Seite angezweifelt. Da versteht es Jampel in seinem Werke „Das Buch Esther", 'Frankfurt a. M. 1907, ausgezeichnet, den Nachweis zu führen, daß mindestens ebenso viele nicht minder große Gelehrte für die Geschichtlichkeit de» Buches eiMreten. Jampel verweist auf die Ausgrabungen, die Dieulafoy, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Paris, in den letzten 1% Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in Persepolis und Susa im Auftrag der französischen Regierung hat anstellen lassen, mit dem - Ergebnis, .'daß die topographische Uebereinftimmung zwischen den Schilderungen des Estherbuches und der Wirklichkeit außerordentlich überkAschend sei. Wir lesen im Talmud Ieruschalmi: Alle biblischen Bücher werden dereinst in Bergeffenheit geraten, mir nicht der Pentateuch unl das Estherbuch. Wenn wir auch hoffen, ja beinahe dessen gewiß sein dürfen, daß diese Zeit wohl doch nicht kommen wird, so nennen wir aber mit dem Talmud an, daß das Estherbuch bei allen Generationen des Judentums ein Buch der Anregungen sein wird;' die aus den Eharakteren seiner Persönlichkeiten fli« Herr, und der Reuerweckung eines Gottvertrauens, das damals i der schwere Zeiten hinweggeholfen hat. und auch uns für unsere Zeit solche Kräfte leihen möge. Und wie damals, so möger sich auch an uns die Worte bewähren: n*?5Cni nn tnw -noir Freiheit und Rettung möge den Juden werden. Rabbiner Dr. Sänger. i