Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- 12 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Breslauer Jüdisches Gemefndeblakl 212 standen hat. .Wie eigenartig mußte das deutsche Volk, das so schwer leidet, von Jhirem Aufruf berührt fein, der verlangt, daß das jüdische Volk in Palästina ju neuem Glanze geführt werden soll. Beide Aufrufe bezeichnen das Judentum als das Primat; daraus folgt, daß die deutschen Belange als sekundär betrachtet werden. Das mußte, bei unseren deutschen Mitbürgern ein Kopfschütteln Hervorrufen, die als Deutsche eine Synthese von Deutschtum und Judentum fühlen. Uber Einzelheiten der Gegenerklärung braucht man nicht zu rechten. Mein Bekenntnis zu Palästina stehf fest. Ohne Palästina ivüre das Judentum ajuf einmal ärmer; denn dort wird in harter, idealer Arbeit und in ein« großartigen Romantik Großes und Bewundernswertes geschaffen. Diese meine Einstellung haben sicherlich auch viele Unterzeichner, aber das hat mit dcb politischen Einstellung nichts zu tun. Niemand hat eine solche Schimpfkanonade in der zionistischen Presse erwartet. Redner verliest einige Kraftstellen aus den Schmähartikeln der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland." Ich muß allen denjenigen, die ein solches Blatt protegieren, den Vorwurf machen, daß sie gegen die Einheit der Juden und gegen die Einheitsgemeinde arbeiten. Sie müssen sich schon gefallen lassen, daß man dieses zuchtlose Blatt an ihre Rockschöße hängt. (Sehr gut!) Vor allen Dingen konnte man nicht erwarten, daß in, Breslau in einer öffentlichen Versammlung hochverdiente Männer und Frauen in unerhörter Weise beschimpft werden konnicn, ohne daß die Leitung dagegen einschritt. Das ist zuchstos, unverantwortlich und eine Sünde gegen das Judentum. Tic Gcwitterstimmung der heutigen Versammlung soll zur Reinigung führen. Feinde haben wir ringsum, und doch bekämpfen wir ,uns untereinander, indem wir uns unsere guten Absichten gegenseitig absprechcn. Das geht nicht. 'Nur wenn wir diesen Kampf aufgeben, werden wir unsere Gemeinde wieder zur Einheitsgemeinde im besten Sinne gestalten. i R.-A. I a c o b s c h n verliest hierauf die nachstehende Erklärung der konservativen und zionistischen Fraktion der Gemeindevertretung: „In einer Annonc!, die in cii.igen Tageszeitungen Deutschlands erschienen ist, hat eine Anzahl van Raumannianern und liberalen Juden gegen die Erweiterte Jewish Agency und gegen das jüdisch Ausbauwerk in Palästina Stellung genommen. . Die Annonce erhebt gegen die Unterzeichner des Ausrufs „Hilfe durch Ausbau" den Votwurs der „Irreführung", beschuldigt die Anhänger des Paläftina-Aufbaus einer Gefährdung der religiös-sittlichen Aufgabe des Judentums, nimnit für die Gegner des Palästina-Aujbaus in Anspruch, sich „als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes" zu betrachten und unterstellt damit den zionistischen und nichtzionistischen Anhängern jdes Paläftina-Auibmis einen minderwertige» Patriotismus. Die Annonce träg u. a. die Unterschrifken des Vorsitzenden des Vorstandes, des Vorslar des der Gemeinevertretung und des liberalen Gemeinderabbiners der Synagogen-Genxinde Breslau. ' Bei älter Anerkennung des Rechtes freier Meinungsäußerung stellen wir fest, daß die Genannten die durch ihre Aemter begründeten Pflichten vorletzt haben, und begründen diese Feststellung wie folgt: Das Judentum al- Gesamtheit ist durch Form und Inhalt der Annonce vor aller We!t herabgeivürdigt worden. Es ist eine Versündigung an der jüdisihen Gesamtheit, in der Forni von Zeitungsinseraten den innerjüdhchen Kampf zu führen und ein ausbauendesjüdisches Werk vor der nichtjüdischen Oessentlichkeit anzugreisen. Die ' in der Annonce enthiltenen Verdächtigungen der Anhänger des Palästina-Aufbaus sind Material für antisemitische Ausheszung. Die in Palästina erscheinend arabisch-nationalistische Zeitung „Felestin" hat die Annonce abgedruckt und sie als Material zur Hetze gegen die palästinensischen Juden verwendet. So haben ein Gemeinderabbiner und die Vorsitzenden der beiden Körperschaften der Synagogen-Gemeinde Breslau anstatt pflichtgemäß di« Interessen aller Ger xindemitglieder und des gesamten Judentums unparteiisch zu schützen, das Ansehen deutscher Juden und insbesondere auch der Syiragogen-Gemeinde Breslau beeinträchtigt und aus Mangel an politischer Voraussicht der palästinensischen Iudenheit mitten in ihrem schwersten Kampfe Sct-aden zugesügt." und macht persönlich auf die Begründung'von R.-A. Spitz folgende .Gcgenausführurgcn: Es ist richtig, daß die Jewifh Agency eine politische Agitation beschlossen hat. Es blieb denjenigen, die sich daran nicht beteiligen wollten, überlassen, einen Humanitären Ausruf zu erlassen./ In dem Ausruf stand das fchtvere Verbrechen, daß die Repräsentanten des Judentums der ganzen Welt sich in Zürich zur erweiterten Jewifh Agency zusammengefunden haben. Es ist ein unbeachtliches Moment, daß ein kleiner Teil der deutschen Juden sich hieran nicht beteiligt hat. Es handelt sich daher vielleicht um ein Fehlgreifen im Ausdruck, aber in ihrer Gegenerklärung ist von einer „Irreführung" die Rede. Man hat uns ferner den Vorwurf minderwertigeil Patriotismus gemacht und einer Gefährdung des Emanzipationswerkes der deutschen Juden. Ahs völliger politischer Verständnislosigkeit äst diese elende Erklärung erlassen. — Ter Vorsitzende unterbricht wegen' dieses Ausdruckes den Redner, worauf dieser gegen ihn )en Antrag stellt, gemäß 8 18 der Satzung den Vorsitz abzugehen. DieserAntrag wird abgelehnt.— Niemals ist den Juden, fährt'Redner, fort, von Deutschen ivegen des Palästina-Aufk aus der Vorwurf des mangelnden Patriotismus, gemacht. worden; das blieb den Juden vor behalten. R.-A. Spitz Hai auch die Gelegenheit mißbraucht, Propaganda gegen den Bezug der hiesigen Jüdischen Zeitung zu machen (Lachvü!) Wir wenden uns mit unserer Resolution nur gegen die Vorsitzenden der beiden Körperschaften und gegen den Gem^inderabbiner. weil diese Männer zur un parteiischen Führung ihre: Ämter eingesetzt find. Ich nnrß mich auch gegen di^.Behauptung von Rabbiner Dr. Vogelsteiu wenden, daß er bisher das Werk des Aufbaues nicht gestört habe; denn er hht von jehm; eine große Aktivität gegen das Aufbauwerk entfältet. Hierher gehört auch der Brief an. den Vorsitzenden des Pro-Palästina.-Komitees Graf Bernstorff, dessen Schlußsätze der Redner aus dem Gedächtnis zitiert. Ein solches Vorhalten verstößt gegen die Solidarität' bes Judentums, und j deshalb verdient ein solcher Gemeinderabbiner nicht das! Vertrauen. Wir haben geglaubt, daß nach der achtstündigen/Debatte im Rat des Preußischen Landesverbandes die Uytcrzcich, er ihr Unrecht, eiüsehen lvürhen. Sie können nicht i verlangen, daß wir nach . Ihrer Kriegserklärung Frieden nachsucheu. Ten Frieden werden Sie auch nicht nach dieser /Resolution haben. Tr, ' Schlesinger erklärt namens bc*i konservativen Fraktion, es falle ihm schwer.- gegen einen Mann zu reddn, der Rabbiner ist und nicht an wesend sei. Tie Etklärung der JewislsAgency enthalte forinell eine Unrichtigkeit, aber es hätte genügt, wenn diese einfach richtig gestellt-worden wärc^ Sätze wie: „Wir betrachten uns als Glieder des Deutschen und nicht des jüdischen Volkes" hätten nicht gesagt/werden dürfen, auch, wenn sie richtig wären. Es tue ihm weh, daß Geheimrat Goldfeld und Justizrat Peifcr den Aufruf unterschrieben hätten; denn Geheimrat Goldfeld bringt jedes Mitglied der Gemeinde die größte .Hochachtung tind Verehrung entgegen, weil Dr über jede Parteilichkeit erhaben sei. Dasselbe gelte von Justizrat Peifcr. Er habe daher erwartet, daß die beiden Herren erklären würden, sie hätten nicht unterschrieben, ^venn sie gewußt hätten, daß eine arabische Zeituüß den .Aufruf antisemitisch" ausnutzen würde. „Nur der wird weise, dör durch Wahrheit reisf." J.-R. Perser erwidert sofort, daß er wohl überlegt genug sei, zu wissen, was er unterschreibe. Die Erklärung sei kein Angriff gegen das Judentum. Die Ausrufer hätten den Zeitpunkt überlegen müssen. Wäre nicht diese Araber-Politik getrieben worden, so wäre das Unglück nicht eingetreten. Mit Ihrem Aufruf haben Sie einen Schlag ins-Gesicht vieler deutscher Juden geführt. Mit unserer Gegenerklärung nzutzten am taten das OniUriiim ®auw VlUIUI IIIIII infolge sein* kostentose« tatii gaginObir Patarsclorff tatiktai Augenprfitag ■5"