Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- 12 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 Nr. 12 i Bl eslauer Jüdischer Gemeindeblatt stehenden Säuglingsheim für die Pflege von Kindern der bei den Unruhen Getöteten und Vcrlcmen verwendet wird. Das Jüd. Kurhospital Bad Salzbrunn bat sich aufgelöst und das bestehende Vcreinsvermvgen zu V-dei Jüdischen Gemeinde Berlin, zu 1/3 der Gemeinde Breslau! überwiesen mit der Auflage, die Betrüge für Unterstützungsbedürftige sowie Kranke zu verwenden, die nach Salzbrunn geschickt werden. Tie Gemeinde Breslau erhält danach nebän einigen wertlosen Wertpapieren 506.57 Mk. in bar und nomi 252 Mk. Ablösungsunleihe-Neubesitz. Herr Ko b e r bittes, die Annahme abzulchnen, weil der Auflösungsbeschluß, geben den er vergeblich gekämpft habe, übereilt sei. Nach feister Ansicht wäre cs möglich, den Perein, durch den Ortsausschuß Breslau aufrecht zu erhalten, diesem könnte dann das Pereinsvermögen zu- .gewiesen werden. Nachdem der Herb Vorsitzende darauf 'hingewiesen hatte, daß bei Ablehnung! Der Annahme das Geld anderwärts heimfälle, zog Herr Kober seinen Antrag zurück, und die Annahme wurde genehmigt, Ten Antrag, die Spende von, 3000 Mk. zum 75 jährigen Jubiläum des Jnd.-theöl. Seminars nachträglich zu bewilligen, befürwortet der Berichterstatter R.-A. N o t h m a n n, knüpft aber daran den Wunsch, daß solche Anträge vorher gestellt werden, bei Eiligkeit notfalls schriftlich durch Umlojuf. Tiesem Wunsche schließt sich der Vorsitzende namens der Versammlung an. Die Abrechnung für die neue Orgel in d!er Neuen Synagoge erläutert Verwaltungsdirektor Tr. Rcchnitz. Tie cigcnt lichen Orgelkosten betragen 51 246.50 Mk., die Gesamtkosten 61 490.81 Mk. Ta aus den Rücklagen istsgefamt 59 700 Mk. zur Verfügung standen, sollen die fehlenden 1 799.84 Mk. dem Baufonds entnommen werden, vier trotz der großen Entnahme für die Alte Synagoge hierzu>noch ausreicht. Tie Versammlung genehmigte dies ohne Aussprache. Tic Abrechnung übc» "die Instandsetzung der Alten Synagoge und die Verlegung des Almcmors trug Tst. Schlesinger voz. Tic gesamtem Kosten betragen 34 5P5.90 Mk. An Pück lagen standen zur Verfügung 16 213 Mk. Ter Restbetrag von I8.3l2.9<> Mk. soll dem Baufonds entnommen werden. Tie Versammlung genehmigte auch dies ohne Aussprache. Ferner wurde genehmigt, das; die Wohnung im dritten, Stock des Hauses'Schweidniper Stadtgraben 28 (Jugendheim) für die Zwecke eines Lehrlingsheims umgcbaut w rd, und die hierdurch entstehenden Mehrkosten für die Einrichtung des Vereins- und Jugendhauses von schätzungsweise 18 000 Mk. dem Tarlehnskonto entnonrmen werden. Tie Versammlung wandte sich darauf unter starker Spannung und vor dicht besetztem Zuhör^rraum den Punkten 11 und 12 der Tagesordnung zu, welche die Pertrauenserklärung der liberalen Fraktion für die Vorsitzenden und die beteiligten Mitglieder der Gemeindekörperschaften und den einen Gemcinücrabbiner anläßlich der Angriffe wegen ihrer Unterzeichnung der ,.Erklärung deutscher Juden" und andererseits die Erklärungen der zionistischenund konservativen Fraktion betr. die „Erklärung der deutschen Indens betrafen. Eingangs gab der Vorsitzende J.-R. Peiser bekanntj daß der Große Rat in seiner Sitzung am Bußtag viele Ständen über den bedauerlichen inncrpolitischen Kampf im Judentum beraten und folgende Resolution gefaßt habe: „Der Rat gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Würde de? jüdischen Namens und das Anset,en der deutschen Juden im Lande und im Auslande es erfordern, daß nicht, zumll in der nichtjüdlschen Oeffentlichkeit, staatsbürgerliche, moralische ynd 'sonstige Wertungen einzelner jüdischer Gruppen erfolgen." In derselben Richtung bewegt sich die der Gemeindevertretung zugeggngene Resolution des Ortsausschusses jüdischer Jugendbünde tn Breslau: . „In letzter Zeit habxn in Breslau sowie nuch im übrigen Deutschlaich die Methoden des -öffentlichen Kancpses Formen angenommen, die dem auch im politischen Kampfe gebotener Anstand widersprechen. Diese häßlichen Angriffe und Verstöße finden die schärfste Mißbilligung der im Ortsausschuß der Jüdischen?ugendbünde zusammengeschlossenen Jugendgruppen aller Richtungei . Di« jüdische Jugend bedauert, daß Juden in ihren gegenseitigen Auseinandersetzungen in Versammlungen und Presse aller Richtungc i sich zu einer solchen Kampfesweise haben Hinreißen lassen. Sie protestiert gegen diese Maßlosigkeit und ist der Ueberzeugung, daß auch eine sachliche Auseinandersetzung niöglich ist." Oberregcerungsrat Marcus weist zur Geschäftsordnung darauf hin, daß der Vorsitzende J.-R. Peiser, da er selbst zu d!en Unterzeichnern der „Erklärung deutscher Juden" gehöre, niach § 18 der Gemeindesatzung an der Leitung der Versammlung verhindert sei, weil er persönlich beteiligt sei. J.-R. Peiser weist diese Ansicht zurück mit dem Hinweis, daß hierbei nur an eine materielle Beteiligung gedacht sei, und in Berlin dsther Kammergerichtsrat Wolfs, der auch zu den Unterzeichnern gehört, die Verhandlungen geleitet habe. Er erteilt darauf Herrn R.-A. Spitz das Wort zur Begründung der nachstehenden Resolution der liberalen Fraktion: „2ie liberale Fraktion der Gemeindevertretung hat mit Be-! dauern und Empörung davon Kenntnis genommen, daß innerhalb der Gemeinde gehässig« und herabsetzende Angriffe gegen die Vorsitzenden! und hochverdienten Mitglieder der Gemeindekörperschaften und eine» der Gemeinderabbiner gerichtet worden sind, weil sie die als Antwort! auf den Aufruf der Jewish Agency erschienene „Erklärung deutscher! Juden" unterzeichnet haben. Die Fraktion beklagt es insbesondere auss | tiefste, daß auch Mitglieder der Gemeindevertretung sich an diesen j Angriffen aus Männer und Frauen, deren rastlose Tätigkeit für das > Wohl dcr jüdischen Gesanttheit ihnen auss genaueste bekannt ist, be- : teiligt haben. j Sie weist den Anspruch derjenigen, welche es den Führern der Genreinde verwehren wollen, einer in den öfjenllichen Tageszeitungen erschienenen, von ihnen als falsch und irreführend erkannten Darstellung an den gleichen Stellen entgegenzutreten, als eine Verletzung des Rechtes der freien Meinungsäußerung aus das bestimmteste zurück. - In der Erwartung, daß die in unqualisizierbarer Weise An! gegriffenen bei. ihren Maßnahmen und Entschließungen sich auch in : Zukunft lediglich von ihrem Gewissen und ihrer Ueberzeugung leite» lassen werden, spricht sie ihnen ihr uneingeschränktes Vertrauen aus." R§.-A. Spctz führt etwa mis:! In dcr letzten Sitzung haben wir. erschüttert die Worte d^s Vorsitzenden über die traurigen Vorgänge in Palästina aijlgehört und einstimmig beschlossen, nach unseren Kräften zu helfen. Schon damals sind wir erst nach schwierigen Verband lungen zu der einstimmigen Bewilligung gelangt, weil die A^t der Aufforderung, nämlich durch den Ausruf „Hilfe durch Aufbau" dem Willen vieler nicht entsprach. Man hätte die Hilfe für die unschuldigen Opfer sozial-humanitär anfziehcn können, habe es aber vorgezogcn, mit politischen Fanfaren, nämlich mit verstärktem Aufbau und unter Anführung dcr jüdisch-nationalen Aufgabe, die Hilfsaktion einzuleiten. Tiescs Vorgehen war nicht klug. Man hätte zunächst abwarten sollen, bis die Erregung in Palästina sich gelegt hat. Gerade die ersten Sätze des Ausrufes „Hilfe durch Ausbau" haben die Leidenschaften aufgewühlt und Schaden angcrichtet. Tiefe Sätze bedeuten nichts weniger als die Behauptung, daß die Judenheit der ganzen Welt für den nationalen Ausbau in Palästina eingetreten sei. Tas ist nicht richtig und mußte den Verfassern bekannt sein. Tie Liberale Vereinigung für Deutschland und der Zentralverein, die bedeutenstend Organisationen in Deutschland', haben sich nicht angeschlossen, wie Redner durch Verlesung der ablehnenden Begründung des C.-V. nachweist. Allerdings sei die Abstimmung den einzelnen persönlich freigestellt worden. Ein so ruhigckr Maim wie Stern habe sich vergeblich bemüht, eine gemeinschaftliche Basis für den Liberalen Verein zu finden, leider habe man auf dem nationalen Aufbau bestanden. Ter Ausruf sollte mit seiner unrichtigen Anojabe den Eindruck erwecken, als wenn alle Kreise hinter der Jewish Agency ständen. Tas brauchten sich diese Kreise nicht gefallen zu lassen, weil cs sich um eine politische und nationale Erklärung und nicht um eine humanitäre handelte. Taher kam es zu der bekannten Gegenerklärung der deutschen Juden. Sie sehen in dieser Erklärung nur aus den letzten Satz, übersehen aber, daß diese Erklärung lediglich die Antwort auf Ihre politische Erklärung, insbesondere auf die unglüch'eligen Anfangssätze, ist. Aus reiner idealer Ilberzejugung haben sich diese Männer und Frauen zu dcr Erklärung gänötigt gesehen. Wenn sie bemängeln, daß der Aufruf in nrchtjüdischen Zeitungen gestanden habe, so weise ich darauf hik, daß der Misrachi-Aufruf, aus dem gleichen Geiste geboren, inj den Tageszeitungen u. a. in der Breslauer Zeitung ge-