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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1929-11-09 · 11 (9.11.1929) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
6 (1929)
Issue
11 (9.11.1929)
Date
1929-11-09
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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i a -2 . Breslauer Jüdisches Gemeindeblalt Nr. I I hilft „^uöcnüörjc" im Polksimmde genannt wurde, als Mittelpunkt der jüi ischen Siedlung eine Rolle. Tie kleine Ausstellung, die in diesen Tagen die zahlreichen Gäste sehen kbnnteiH welche die jüdische Geisteswelt zur Feier des Seminars entsandt hatte, beweist, was verständnisvolle Sammeltätigkeit immer wieder schaffen kann, und» wird bosfcntlich auch andere!)rte anregen, dem Breslauer Beispiel zli folgen. gez. Tr. Willst Cohn (Breslau). Oie 75 jährige Jubelfeier -es jüö.-theol. Seminars (Zränkel'fche Stiftung) in Breslau v wurde am 3. November 1929 mit Umsicht und Geschick, die das Kuratorium auszeichnct, und mit geistigen Genüssen, die vom Dozenten^ kollcgium, Freindcn, früheren und jetzigen Hörern des Seminars austzingen, in eimr der Würdx der Anstalt entsprechenden Weise geseiert. Schon am Bierrbend des Vortages bekamen wjr eine große Reihe hervorragender Redei: zu hören. Die akademische Feier in dem stilvollen und vornehm wirke >den Capitol wurde nach einem Orgelvorspiel des Orga- ' nisten an -der weiten Synagoge, Herrn Schaffer, durch eine Ansprache des Kurators, RA. Hans Kober eingeleitet. Er erinnerte an die Idee und die Absicht des edlen Stifters Jaffas Frankels") Mit der Emanzipation fei zu viel Licht in das Ghetro der Juden gedrungen und habe verwirrend - gewirkte Da kabc er als Hort jüdischer Wissenschaft und Religion das Seminar gestif el, alles einzelne dem Kuratorium überlassend. Das berühmte" Dreigetirn, Zacharias Frankel, Gelehrter und Organisator zugleich, der Hist iriker Heinrich Graetz und der Talmudist Jakob Bernays schufen bicses Seminar; dessen Ausbau Muster wurde für alle künftigen Hochschulen jüd scher Wissenschaft. Nach einem halben Jahrhundert glücklichen Schaffe», brachen die Stürme der Kriegszeit und Nachkriegszeit herein, cs ftarlicn die Dozenten Lew», Prof. Brann und Dr. Horowitz,' die finanzielle Grundlage wankte. Da bildeten sich die „Freunde des Seminars" und überwanden mit Opferfreudigkeit die wirtschaftlichen Schwierigkeiten) Aber nicht die Macht des Geldes, es ist der Gäist, der diese.Aiistakl hochhält und Hochhalten wird! Nachdem Frau Dr. Lewin i Cello) und Organist Schösser (Orgel) in tünstlerischer Vollendung das Adagio von Schubert vorgetragen hatten, begann Dozent Dr. I. Heine mann seinen Festvortrag, ein geistiger Hochgenuß, mit einer Würdigung der geistigen Idee des Seminars,' nämlich eine. Jdeenasioziation herzustellen zwischen der jüdischen Wissenschaft und de» philosophischen und wissenschaftlichen Forschungen im Gegensatz zu der früheren Abgeschlossenheit des talmudischen Studiums. Beide Ideen beruhten auf der «pannung zwischen der jüd.-geschichtlichen Eniwukelung und der modernen Kultur. Dieser Anschluß der jüdischen Wissenschaft an die Kultur der Umwekt bewirkte eine gegenseitige Befruchtung, der Jlide brachte hierzu als wertvolles.Element seine eigene Tradition mit: er hatte es nicht mehr nötig, den Anschluß an moderne Kultur und Wissenschaft durch Trennung vom väterlichen Glauben und Famille zu gewinnen. Redner beleuchtet« darauf in geistvoller Weise, die schwierigen Probleme der jüdischen Wissenschaft, wie die der jetzigen Religionswissenschaft überhaupt. Tosender Beifall dankte dem allseitig verehrten Lehrer und Gelehrten. Das von Oberkantor Borin machtvoll gesungeNe Arioso von Haendel, unter Begleitung von Frau Dr. Lewin >Cello> und Herrn Schaffer (Orgel) leitete über zu den. Glückwunsch!- Ansprachen, die Regierungspräsident Dr. I a.« n i ck e, zugleich im Manien des Kultusministers und des Oberpräsidentrn eröffnete. Etz folgten' der Rektor der hiesigen Universität, Geh. Rat Ehrender gl, zugleich im Namen der anderen Hochschulen, Rabb^ Pros. Dr. Winter- Dresden als ältester Schüler, Stadtschulrat Dr. Louterbach für den Oberbürgermeister und den Magistrat der Hauplstadt Breslau Herr Hugio ,L «~H e r für die Notgemeinschäft „Freunde des Seminars". Gemeinde- Rabbiner Dr. B o g e l st e i n für die Breslauer Rabbiner, Geheimer Justizrat Goldfeld für di« Synagogengemeinde Breslau, wobei ed: dem Kurator R.-A. Kober eine Ehrengabe der Gemeinde in Gestalt einep Schecks überreichte, Kammergerichtsrat Wolfs für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und die in der Arbeitsgemeinschaft zusammengefaßten anderen deutschen Landesverbände, Dr. Jsmar Freund für den Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin, R.-A. Dr. Klee für die Repräsentanten-Versammlung der Gemeinde Berlin, Rabbiner Dr. B a e ck - Berlin für den Deutschen Rabbiner-Verband, des, Großlogen-Verband und den deutschen Distrikt des Ordens Bne britH, Rabbiner Dr. E l b o g e n für die Hochschule für die Wissenschaft deg Judentums und die Freunde des Rabbiner-Seminars Berlin, Rabbiner Dr. Blau- Budapest für die Franz-Josef-Landesrabbiner-Schule in Budapest und die Hebräische Universität in Wien, Pros. Dr. Guttmann- Derlin für die Akademie der Wissenschaft des Judentums und für die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, und schließlich der älteste Hörer des Seminars. Cand. theol. Dr. phil. Laupheiisier, für die jetzige Hörerschaft. Am Abend fand ein großes Festessen in dev Hermann-Loge statt. *) Literatur: Dr. I. R a b i n : Jonas Fränkkl, in Schles. Lebensbilder, Band III, Verlag Wilh. Gottl. Korn in Breslau 1928, und Michael F r a « n k « l: Jonas Frankel, in der für die Heinrvtskunde so verdienstvollen Monatsschrift „Ser Sberschlesier", Oktober 1929, Verlag von Karl Sczodrok-Colonnowska. Y auch hier außer Gesangsvorträgen von Oberkantor Borin zahlreiche Reden (ich zählte insgesamt IS), darunter von Vertretern des Auslandes Rabb. Dr. I a f f ö - London, Ober-Rabb. Dr. S ch o r r - Warschau, Rabb. Dr. L'i t t m a n n - Zürich, Frau Pros. Margulies - Florenz. R. „Lon-olenzbefuche Sankenverbeten" Seit vielen Jahren lesen wir bei den Todesanzeigen gerade unserer Glaubensgenossen fast regelmäßig die im Titel dieser Bemerkungen angegebenen Worte. Seit dieser Zeit staune ich über diese so allgemein üblich gewordene Sitte, denn — ich muß es zur Ehre dieser Trauernden annehmen — man weiß nicht, daß dieser Wunsch mit echt jüdischen Gefühlen, mit der Ausübung wahrer Wohltätigkeit, nicht das geringste zu tun hat. Man scheint ganz allgemein nicht mehr zu wissen, daß die Tröstung der Trauernden ein schwerwiegendes religiöses Gebot ist, das der Freund und Gemeindegenosse erfüllen soll, vorausgesetzt, daß di« Trauer im Hause und in den Herzen der Hinterbliebenen kcbt. — Noch ist es allgemein üblich, daß man den Trauernden im Gotteshaus« empfängt mit der allbekannten, so sehr zu Herzen gehenden Formel: „Gott tröste dich mitten unter dem Reste der um Zion und Jerusalem Trauernden". Ein jeder hat Freunde, Bekannte und Angehörige genug, deren Besuch ihm nicht nur angenehm, sondern geradezu eine Voraussetzung selbstverständlicher Art sein mühte: denn nicht nur in der Freude, sondern erst recht in der Trauer kann uns die Freundeshand, das Freundeswort erheben und besänftigen. Nicht allein wollen wir sein in unserem Schmerze, nicht schweigen wolle« wir von den Toten, sondern gerade dadurch, daß man viel von ihm redet, daß man seinen Verdiensten die so oft im Leben unterlassene Gerechtigkeit widerfahren läßt, daß man die Tugenden des Entschlafenen preist, zieht sicher der Trost in das Herz der Trauernden ein. — Und nun wird der Wunsch kund gegeben: Kommt nicht zu mir, bleibet zu Hause mit euren Reden, ich weiß allein, war ich verloren habe, ich brauch« keinen Trost von anderer Seite. — Das ist Egoismus im übelsten Sinne des Wortes, das ist Leugnung eines religiösen Gebotes, das ist Beiseitesetzung alles natürlichen Empfindens. Ich habe, wie oben bemerkt, immer gestaunt, wie dieses nicht zu empfehlende Vorbild so allgemeine Nachahmung fand, noch mehr aber staunte ich, daß sich bis jetzt meines Wissens keine Stirnme gegen solche Auffassung erhob. Ich will zugeben, daß der Besuch von Menschen, die der Familie im Leben fern standen und die lediglich eine Anstandspflicht oder eine Formalität erfüllen möchten) nicht gerade angenehm zu sein pflegt: aber mit der Bemerkung „dankend verbeten" werden auch Näherstehende zurückgeschreckt und der Trauernde bleibt allein. Wie oft würde ein Besuch zu solcher Zeit auch Heil und Segen durch Rat und Hilfe in anderen wichtigen, gerade gegenwärtig so Ausschlag gebenden Beziehungen schassen können. — Ich weiß, daß diese meine Auseinandersetzung Anlaß zu Widerspruch geben kann und wird, mein Empfinden sagt mir aber: es ist vom Standpunkt unserer heiligen Religion aus ein Unrecht, solche Beinerkungen zu machen und zur Nachahmung in wenig erwünschtein Sinne anzuspornen. Pielleicht bekomme ich aber von mancher Seite bei dieser meiner Auffassung Aufmunterung, damit die Sitte c‘S=k nin: wieder auslebe. Rabbiner Max Ellguther, Neisse. Oie jüdische Volkshochschule eröffnete ihr Wintersemester 1929/30 am Sonntag, den 10. November 1929 in^ feierlicher Weise. Nach einem Orgelvorspicl durch Herrn Organisten Schäffer gedachte Dr. Lewkowitz in seiner Eröffnungsrede der zehnjährigen Wiederkehr der Gründung der jüdischen Volkshochschule und entwickelte die Idee dieser Gründung. Nachdein die Tore des Ghettos sich geöffnet hätten, habe den Juden die europäische Kultur osfengestanden, wie bei der Mendelssohn-Feier näher dargelegt worden sei. Vielen erschien es damals paradox, außerhalb des Ghettos zum Judentum zu stehen. Ihnen mußten erst die Augen geöffnet werden für die Ewigkeitswerte des Judentums und ihre Bedeutung für die Kultur der Umwelt. So sei es notwendigerweise zu einer religiösen Erneuerung gekommen und mit dieser zur Gründung von Rabbinerseminaren und wissenschaftlichen Anstalten. Später habe der Ausbruch des Antisemitismus einmal zu Organisationen der rechtlichen Abwehr geführt, andererseits aber zu einer volkstümlich wisienschaftlichen Verbreitung der jüdischen Lehre in Gemeinschaftsarbeit. Eine solche Sammlung der Geister sei - die jüdische Volkshochschule. Ihre Gründung sei damals besonders gefördert worden, durch die Lessingloge und ihre .geistigen Führer, insbesondere Max Aschner, Dozent Dr. Bernays und Sally Cohn. Dank gebühre diesen Männer» für die Leitung, allen Förderern für die finanzielle Unterstützung, den Dozenten sür ihre bereitwillige Mitarbeit und schließlich den Hörern für das trotz der schwierigen Zeiten entgegengebrachte Interesse. Daraus las Frau Else Lasker-Schüler, - lebhaft begrüßt, aus eigenen Werken vor, insbesondere eine Anzahl hebräische Balladen und Lieder, von denen „Das Gebet", „Der Versöhnungstag", „Ein Lied an Gott", „Abraham und Jfaac^, „An mein Kind". .Zakob" und „Das Abendlied" wegen ihrer bilderreichen, schönen Sprache, ihrem ergreifenden tiefen Inhalt und durch den innerlichen Vortrag eine tief« Wirkung auf die zahlreiche Zuhörerschaft ausübten. Nach einer kleinen Pause trug die Dichterin noch ihre Erzählung „Der Wunderrabbi von Barcelona" vor. R. i

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