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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1929-08-01 · 8 (8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
6 (1929)
Issue
8 (8.1929)
Date
1929-08-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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132 Breslauer Jüdisches (Bemeiudeblaft Nr. 8 zurückgetan wünschen, niemand wieder in das Ghetto zurück wollen, das ihm den Zutritt zu allen Bildungs- und Betätigungsmöglichkeiten außerhalb des spezifisch jüdischen Gebietes verwehrte. 1 Seit dem späteren Mittelalter sind die Äuden, die bis dahin an dem Leben der nichtjüdischen Umwett teilgenommen hatten, immer mehr von der Kultur der Umwelt ausgeschlossen, immer enger in die Ghettowelt eingeschlossen worden, bis sie es selbst nicht mehr anders kannten und kaum anders wollten, bis 'sie, die sonst erbarmungslos Gequälten und Gedemütigten, ihren Stolz darin fanden-, sich gegen die Außenwelt abzuschließen. So wurde, jede Beziehung zu der nichtjüdischen Umwelt verdächtig: man sah in ihr schon die Absicht der Abtrünnigkeit. Hierfür sind zwei Vorgänge charakteristisch, die beide der friderizianischen Zeit angehören. In den vierziger IahreN des 18. Jahrhunderts wurde ein jüdischer junger Mann aus Berlin ausgewiesen, weil er am Hellen Tag mH einem deutschen Buch über die Straße ging. Und als Mendelssohns deutsche Üebetsetzung der Thora angekündigl war und die erste Probe — mit hebräischen Lettern — erschienen war, sprachen 1779 mehrere angesehene deutsche Rabbiner den Bann über dies Buch und über jeden,, der es benützen würde, aus. Es geht nicht an, diese Maßregeln als Äeußerungen „bornierter" Orthodoxie abzutun. Wir müssen und können sie geschichtlich verstehen. Um so deutlicher hebt sich von diesem Hintergründe Mendelssohns Persönlichkeit ab. Er hat der Welt den Beweis erbracht, daß man als Jude, fest im Judentum wurzelnd, vollen Anteil haben kann an der Kultur der Zeit, daß das Judentum nicht eine kulturlose oder gar kulturwidrige Religion ist, sondern in vollem Einklang mit der allgemeinen Weltkultur sich selbst zu behaupten imstande ist. Die hervorragendsten Geister der Zeit haben dem jüdischen Buchhalter Moses Mendelssohn als dem „Sokrates von Berlin"' ihre Ehrerbietung bezeigt, und als er Lavalers wemg taktvollen Bekehrungsversuch mit vornehmer Ueberlegenheit bestimmt und taktvoll zurückwies, wurde ihm weithin Beifall zuteil. An seine Person knüpft sich die Wandlung des Toleranzbegriffs, an die Stelle der Toleranz des Mitleids trat --- auch dem Judentum gegenüber — die Toleranz der Ehrfurcht, die Lessing in seinem „Nathan"' zur Darstellung gebracht hak. . An seine Person knüpft die Reform und der Liberalismus im Judentum an, die Kümpfe um die Gestaltung des Judentums und seines religiösen Lebens. Aber es wqre gänzlich verfehlt, wollte man Mendelssohn einseitig für die Reform in Anspruch nehmen. Alle Richtungen des Judentums der Gegenwart gehen auf Mendelssohn und die vyn ihm repräsentierte geistige Haltung zurück, die Orthodoxie nicht weniger c^s der Liberalismus. Denit das kennzeichnet zum Unterschiedvon der oben angedeujeten alten die neue Orthodoxie seit dem Chacham Bernays und Samson Raphael Hirsch, daß sie die Verschmelzung und Verbindung von Judentum und Kultur fordert. An seinen Namen knüpft sich die rechtliche Emanzipation dxr Juden, obgleich er selbst in diese Kämpfe nur wenig eingegriffen hat. Seines jungen Freundes Christian Wilhelm Dohm Buch „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden", in dein Mendelssohns Geist spürbar ist, ist in seinen grundlegenden Gedankengängen auch heute noch nicht veraltet. Seine Schriften sind zu seiner Zeit viel gelesen und bewundert wqrden, die deutsche Prosa hat er in ausgezeichneter Weise gemeistert. Aber seine Werke, auch der „Phädon' und die „Morgenstunden", sind unserer Zeit doch fremd geworden. Lebendige Bedeutung hat von seinen Werken „Jerusalem"". Und es ist imeresiant, daß diese lebendige Bedeutung teilweise einer irrigen Anschauung Mendelssohns zu verdanken ist. Er hat das Judentum nicht als geoffenbarte Religion, sondern als geoffenbartes Gesetz» bezeichnet; freilich fügt er hinzu, in dem Sinne, kn dem das Wort Religion gewöhnlich gebraucht wird. Es ist hier nicht der Ort, aufzuzeigen, aus welchen beiden Wurzeln diese irrige Anschauung emporgewachsen ist.. Nur das sei festgestellt, daß dieser Irrtum Mendelssohns sich in allen Richtungen des Judentums des 19. Jahrhunderts zwar verschieden, aber zugleich fruchtbar und verhängnisvoll ausgewirkt hat. Eine andere dort vertretene Anschauung ist aber und bleibt dauernd gültig, die Unterscheidung des Gemeinschaftscharakters von Staat und Religion. Der Staat gibt Gesetze, verlangt Handlungen und erzwingt sie, die Religion gibt Gebote, verlangt Gesinnung und kennt keinen Zwang. Jede Gewaltmaßregel widerspricht dem Charakter der Religion. Kein Geringerer als Kant hat voller Bewunderung anerkannt, daß Mendelssohn seine Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt habe, dergleichen sich keine andere rühmen kann, und zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und so 'hell vorgetragen habe, daß auch die Kirche daran werde denken müssen?) Es ist kein Zufall, daß die Wandlung des Relfgionsbegrjffs zuerst von dem jüdischen Denker, der so fest in seinem Judentum wurzelte, mit der Forderung der Freiheit detz Denkens in Einklang gebracht wurde.; Erst spät hat Moses Mendelssohn ein Patent als preußischer Schutzjude erhalten. Die Berliner Akademie hatte ihm für eine Arbeit den ersten Preis zuerkannt, während Kant damals nur den zweiten Preis errang. Aber als die Akademie ihn zu ihrem Mitglied wählte, hat Friedrich der Große den jüdischen Philosophen eigenhändig von der Lifte gestrichen. Wir werden uns auch zur Jahrhundertfeier vor Ueberschätzung seiner Werke und seiner geistigen Größe hüten.! "Aber mit Freude begrüßen wir, daß die Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Gemeinschaft mit der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums die Zweihundertjahrfeier mit einer kritischen Gesamtausgabe von Mendelssohns Schriften begeht. Und in tiefer Dankbarkeit und Verehrung gedenken wir dieses Mannes, dieser reinen Seele, dicfes im edelsten Simte des Wortes wahrhaft Frömmelt, dessest uns bewußt werdend und bleibend, daß wir ihn nicht zu einer Größe der Vergangenheit machen dürfen, fondern alH Verkünder einer geistigen Zukunft verstehen und ehren wollen.» ') lieber die Idee der Religion bei Lessing und Mendelssohn hat kürzlich Ernst Cassirer in der Festgabe zum zehnjährigen Bestehen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums eine überaus seihsinnige Abhandlung oerössentlicht.! *) Kant an Mendelssohn am 16. August 1783: s. Jmmanues Kants Werke, Band IX (1918), S. 233 f. 3) Cassirer a. a. O., S. 41. * * '* Die Freie Jüdische Volkshochschule und die in ihrem Vorstande vertretenen Organisationen oeranslasten am .Sonntag, den 8. September, 11 Uhr vorm, pünktlich, anläßlich des 200. Geburtstages von Moses Mendelssohn im Stadt-Theater eine Mendelssohn-Feier. Programm: Ouvertüre der .Zauberflöte"" von Mozart. Festvortrag des Herrn Seminardozenten Dr. Albert Lewkowiiz. Aufführung des 2. Aktes der .Zauberslöke durch die Opernkräste des - Stadt-Theaters. Eintrittskarten: 1,10 Mk. einschl. Steuer erhältlich ab 19. d. Mts. in der Lessing-Loge, Buchhandlungen Hainauer, Bücherdiele. Brandeis. Brautausstattung Wer jemals in sozialer Arbeit gestanden, leidet unter dem bedrückenden Gefühl einer fast unlösbaren Aufgabe, dem Mißverhältnis von Not und Abhilfemöglichkeit, dem Elend, das mit Krankheit und Alter, mit Ärmut und Wohnungsenge, mit Arbeitslosigkeit und Unfähigkeit, mit der Verlassenheit der Jugend und ihrer sittlichen Verwahrlosung verknüpft ist. Angesichts der Schwierigkeit, bereits vorhandener übergroß angewachsener Not abzuhelfen, taucht immer wieder der Wunsch nach prophylaktischer Arbeit auf, Vorkehrungsmaßregeln zu treffen, die dem Uebel den Lebensboden und die Ausdehnungsmöglichkeit entziehen. Existenzmöglichkeiten geben, die Jugend in geordnete Verhältnisse bringen, Familien auf gesunder Grundlage einer geordneten Häuslichkeit aufbauen, das sind vornehmliche Ziele und Bestrebungen moderner sozialer Arbeit.

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