Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- 8 (8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Breslauer Jüdisches Gemeindeblall Amtliches Blatt der Synagogengemelnde zu Breslau ' SchNstl^tung: DeavaWtngsvtreUor Dr. Otafmife, Breslau. Wallstratze 9 I Druck und Anzeigen-Annahmr: Druckerei Th. Schätzt» ÄMengese»1chaf«, Derlag: Büro der «»nagogengemeind«. Breslau. 2vaNstr.9 / Tel.2»üii/ir > Breslau 3, Neue Sraupenstratze Nr. 7 / Fernsprecher r<«SS u. 2«4S9 Anzetgenpret«: Die 6 gefd. 9RtlItmttcr-.3cHe öfter fteren ^aum 16 Vfg. — Bel lanfnAcnj Aufträgen Baftatt. Flk die unter dem Namen de« Berfassera erscheinenden Artikel und die Berelnsnochrichten übernehmen wir nur die preffegesetzliche Deranlworltm, 6. Lahrg. ) August 1929 Rr.S Mofes Mcndclslohn Zur zweihundertsten Wiederkehr seines Geburtstages (6. September 1729». Von Hermann Vogel st ein, Gemeinde-Rabbiners . „Es gibt Namep, in deren Klange sich uns die höchsten Sinn nach zweihundert Bestrebungen der Menschheit verkörperit, so daß sie unserer Seele mehr sagen, als der künstlichsten Rede zu sagen gelingen würde. In dem Namen eines großen Mannes wird uns der Gedanke lebendig, dessen Ausdruck seine Persönlichkeit, dessen Darstellung sein Lssben und Wirken war." Gabriel Rießers vor säst hundert Jahren von Lessing! gesprochenes Wort dürfen wir zur Zweihundertjahrfeier der Geburt Moses Mendelssohns wiederholen. Nicht das j Einzelne in dem Wirken und den Werken Mendelssohns sichert ihm dauerndes Gedenken, sondern „der Gedanke, dessen Ausdruck seine Persönlichkeit, dessen Darstellung sein Leben und Wirken war", dessen Auswirkungen dauernd spürbar bleiben. Es ist Sitte geworden, Jahrhundertfeiern zu begehen, sie entsprechend der Bedeutung der Persönlichkeit, der sie gelten, auszugestalteü. Aber man beurteilt oft die Bedeutung der Persönlichkeit nach dem äußeres Glartz der Feier, und für viele, westn nicht für die meisten, ist eine solche Feier nichts weiter als eine festliche Stunde mit mehr oder . minderer innerer Bewegung und Erhebung, aber ohne jede Nachwirkung, ohne daß der Gedanke der Feier, der Gedanke, dessen Ausdruck die Persönlichkeit des Gefeierten war, sich in ihrem Leben auswirkt. Solche Feier, mag sie noch so prunkvoll sein, ist wertlos: sinnvoll ist sie nur, wenn wir fragen: Was bedeutet die Persönlichkeit uns? In welcher inneren Beziehung steht sie zu uns und zu unserer Zeit! So aber muß uns gerade die Mendelssohnfeier als etwas Gegenwärtiges bedeutsam sein. Kaum irgend eine der Schriften Mendelssohns übt heute noch lebendige Wirkung aus. Die geistige Einstellung unserer Zeit ist eine wesentlich andere als die der Mendelssohnschen, und die Größe Mendelssvhns ist nicht so überragend, daß diese geistige Fremdheit überwunden würde. Was er auf dem Gebiete der Aesthetik und der literarischen Kritik geleistet hat, gehört der Geschichte jder Wissenschaften an und kann aus ihr gar nicht weggedacht'werden. Aber diese Bedeutung ist doch nur einem verhältnismäßig kleinen Kreise wirklich erkennbar. Das aber ist das Eigenartige gerade in dieser geschichtlichen Persönlichkeit,^ daß nicht ihre einzelnen Leistungen, sondern ihr Jahren lebendige Be Mendelssohn ist vollauf nur zu verstehen auf des Aufklärungszeitalters des 18. Jahrhunderts. mit Recht die verstandesmäßige Berflachung biefer Zeit, die Uebersteigerung des B^rstandesmäßigen. Aber die große! Einwirkung der Aufklärung biete des Lebens ist kaum zu lüber schätzen, weil sie sich nicht bildung wissenschaftlichen deutung hat. j dein Gtunde Man fädelt auf alle Gequf die Um- Denkens beschränkt,- sondern dfe gesamte geistige Einstellung der Menschen umgestaltet hat. - Nur zwei Gebiete sei! n in unserem Zusammenhang erwähnt. Die Humanitctsidee hat den > Begriff-des Staates u id seiner Bürger umgestajltet. Der aufgeklärte Despotismus hat den Ständestaat des- Mittelalters zr>ar scheinbar weiterbestehen lassem tatsächlich aber zerschlagen, und die Prokl nnierung der Menschenrechte durch die V erfassung dek^ nordamerikanischen Union und bald darauf durch die französische Nationalversammlung spricht so r<cht eigentlich nur aus, was /dies Jahrhundert geistig geschaffen hatte. Ihre ur ausweichliche zwangsläufig^ .Folgewirkung mußte die Befreiung . der » bisher unterdrückten Menschenklassen sein. Di/ Aufhebung der Leibeigenschaft und di? Emanzipation der Juden folgten mit gleicher Not--' Wendigkeit. Es ist völlige Derkenstung > der geschichtlichen Entwic lung, wenn man die Emanzipation so darstellt als etwas, was gegeben werden konnte oder nicht. al< etwas, was die Juden aus rein äußeren Gründen sehnsüchtig! begehrt und teuer.' vielleicht zu teuer erkauft, hätten.; Das Zweite ist die Umbildung der Idee der Religion?) So wenig wsr den Theismus jener Zeit, seine Auffassung der'' Bernunftreligion als richtig anzusehen vermögen, so ungeheuer groß ist die dauernde Einwirkung dieser Auffassung auf die Gestaltung des gesamten Leben? der neuen Zeit. Diese beiden Seiten feien heisvorgehoben, weil hier die Persönlichkeit! Mendelssolms in ihrer Gegenwartsbedeutung für uns Juden kenirtlich w rd. Denn an den Namen Moses Mendelssohns knüpft sich der Eintritt der Juden in die moderne Kultur. Niemand wird leugnen, daß diese Wandlung) die so plötzlich wirksam wurde, von schweren Erschütterungen des Judentums begleitet war und manche zum Teil schweren Schäden im Gefolge hatte. Aber niemand wird Resen Schrttt Nach einer Origjnal-Nadierung -von Werner E. A. Hoffman»; au» dem Kunstverlag von Wolvgcmutl' & Lissncr, J'crlän SW. 4S.