Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- 11 (11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1?2 Breslauer Jüdisches Gemeindeblaii Nr. U drei Breslauer Rabbiner (1816—1886), Abraham, Salomo und Äedhlje Tiklin. Von Pobb. Dr. H^ppner, Archivar der Gemeinde. (Schluß.) : ( JRod) de iß Tode Rabbi Salomos lebte der Konflikt in der Gemeinde von neüem, und sogar inverstärktem Maße aus. Es hatten nämlich Hie Freunde und Verehrer des Verstorbenen, über 200 Familienväter, an ihrer Spitze: R. I. Loewenstein, S. L. Bamberg, Selig Esaias Goldscheider, Jos. Leipziger, Dr. Laband,j Jos. Fuchs, Jos. Mendel, S. V. Zuckermann. Jacobi Gradtnwitz.jL. Nagelschmidt, David und S. L. SaMostz i . R. Srdaljc Tiktin 2lron Loewy, Sy. Schweitzer, Hirsch Freünd und M. Vielawer, die Zahlung der Gemeinde-Beiträge eingestellt, sich als besondere ^altgläubige" Gemeinde konstituiert und am 24. Mai 1843 den Sohn des^ Heimgegangenen, den bisherigen Kaufmann Gedalje T i k t» n , als Rabbiner aüf Lebenszeit gewählt und vom Vorsteherkollegium die Anerkennung und Bestätigung dieser Wahl verlangt. Dieses wurde aber vom Vorstande oer-' weigert, da er der Ansicht war. daß'jenes Vorgehen und Ver-j halten sowohl gegen die Gemeinde-Statuten oils auch gegen die | Landesgesetze verstoße- und er die Absicht hatte, Dr. Geige: znni - ersten Rabbiner zu machen. Langwierige Verhandlungen zwischen den Vertretern der beiden Parteien fanden dahei statt, Flugblätter') wurden gedruckt, verteilt und zurückgewiesen, angeheftet und abgersssen, und die verschiedensten Behörden, mie^ Polizeipräsidium und Ministerien, wurden in Bewegung ge-! setzt. Ganz besonders die zweite Vrüdergesellschaft (Schochäre hatob, gegründet am 18. Tammus 5553 1793) stellte sich auf die Seite Tiktins. Sie ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitgliede, stellte ihm zu Predigten und Vorträgen ihre Synagoge in der Anton cnstraße zur Verfügung und beschwerte sich, als das Bxeslautr Polizeipräsidium Schwierigkeiten machte, über dieses am 20. Juni 1844 bei der Königl. Regierung. Und in einem Schreiben vom 10. September desselben Jahres bescheinigten die Vorsteher der Sl>nagoge der zweiten Brüdergesellschaft: S. Würckhesm und A. Loewy, daß er ^Gedalje T.) „von einem grpßsn Teilt der hiesigen jüdihchen Gemeinde, namentlich von Demjenigen, welcher sich zu den Synagogen des hergebrachten Ritus hält, zum Rabbiner berufen und bestätigt ') Das ssilugb'lchr vom 7. September 1843 beginnt: „Achtung dem Mönigl. Gesetze! Es> ist zu unserer Kenntnis! gelangt, daß eine An>ahl! von Mitgliedern der hiesigen Israelitischen Gemeinde sich zu einer jörmlich getrennten zvseiten Rellgionsgemcinde am hiesigen Orte vereinigt und besonderes Rabbinat eingesetzt hat. Da sowohl die Trennung von Gesamtgemeiude als auch die Ernennung eines besonderen Rabbinots -bestehenden Gesetzen zuwider ist, so Hallen wir, als die,gesetzlichen treter der hiesigen Israelitischen Gemeinde, es für unsere Pflicht, verehr!. Mitgliedern unserer Gemeinde die betreffenden gesetzlichen ordnungen zr r schuldigen Nachachtung in Erinnerung zu bringen." werden nun angeführt: das Gesetz vom 17. qlprU 1750, eine Versüä vom 17. Iantar 1817, ein Regulativ vom I5i Mai 1800 und das Ge vom 29. September 1730;; und der Schluß lautet: „Wir hegen von loyalen Gestünungen! unserer Gemeindemitglieder als Staatsbürger Hoffnung, daß sie nicht bloß den vorstehenden.Gesetzen getreu und gewissenhaft ncchkomnUn, sondern auch nach besten Kräften unsere Bemühungen unterstützest werden, daß keinem Teil uyjerer Gemeinde der Vorwurf tim r Nichtachtung Königl. Gesetze treffe! Das Staatsgeseiz ist Gottes Gesetz!" '(Aki^nft. I. B. r* 7 ,i im Gem.-Archio.) nM ein der den Perden Per- (Es ung setz den die worden ist, daß er mit Vorwissen des Königl. Polizeipräsidiums und der Königl. Regierung alle Funktionen eines solchen ansübt und für den erwähnten Teil der Gemeinde ein anderer Rabbiner am hiesigen Orte nicht existierst." Dieser Erklärung schlossen sich an und Unterzeichneten dieselbe: 1. der Vorstayd der Landschul (G. Cajsirer und Seelig E. Goldscheider), 2. der Wolliner Synagoge (I. Postier und Simon Pasch), 3. der Raphael'schen Betschule (Meijer Davidsohn), 4. der Zülzer Synagoge (Seelig Mohr), 5. der neuen Glogauer Schul (N. Wohlfahrth), 6. der Lissaer Synagoge (Alexander Schlesinger und Wolfs Löwy), 7. der Synagoge im Seylerhof (N. N. Lobethal und A. Pulvermacheri, 8. der Friedländer'sthen Synagoge (Salomon Simmel und E. Friedländer). 9. der Lemberger Synagoge (David Goldstücker und Pinkus Rokeach» und 10. der alten Glogauer Synagoge (M. B. Treuenfels). Doch dieses alles nützte nichts! Es erging am 26. Oktober ein Schreiben der Minister des Kultus und des Innern an das Oberoorsteher-Kollegium, die Stelle eines zweiten Rabbiners auszuschreiben und es dem Herrn Gedalje T. freizu stellen, sich ebenfalls um diesen Posten zu bewerben. Letzteres geschah aber nicht; denn es werden als Bewerber nur genannt: Distriktsrabb. Dr. Adler-Kissingen, Distriktsrabb. Mos. Guttmann-Redwitz, Prediger Jak. Oberdorfer-Wandsbeck, Landrabb. Dr. Dav. Einhorn-Hoppstädten, Rabb. Salomon Rosenthal-Zirke, Kreisrabb. M. Munk-Lessen, Rabb. Dr. Jos. Klein- Stolp, Rabb. Dr. Herxheimer-Bernburg und Lokalrabb. Hirsch B. Fassel-Proßnitz. der bei der Wahl am 25. Februar 1845 mit 51 von 55 abgegebenen Stimmen gewühlt wurde. Weshalb Fasiel die Stelle nicht angenommen hat, konnte nicht festgestellt werden, und auch Ludwig Geiger in seinem Buche: Abraham Geigers Leben in Briefen (Berlin 1878, S. 113) weiß darüber nichts zu berichten. Wir wissen nur, daß Gedalje T., nachdem auch die mit ihm im Februar 1845 gepflogenen Verhandlungen wegen Uebernahme des Krotoschiner Rabbinats nicht zum Abschluß gekommen waren, weiter als Rabbiner der „Altgläubigen" in Breslau fungierte, erst am 1. Juli 1856 als Rabbiner der Synagogen-Gcmeinde mit einem Jahresgehalte von 1000 Talern übernommen wurde und als solcher bis zu seinem, am 7. Ab 1886 erfolgten Tode amtierte.') — Gedalje Tiktin, geboren 1810 in Czenstochau, war ein Schüler des R. Chajim Auerbach. Verfassers des C2re '1=-p) und heiratete am 29. Nissan 1832 Marianne Bornstein. Aus diese' Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.') Am 30. Januar 1854 wurde ihm der Titel „Königl. Landrabbiner in Schlesien" verliehen, und wenn die Majestäten nach Breslau kamen, wurde auch Tiktin zum Empfang und zur Tafel geladen; später erhielt er den Roten Adlerorden IV. Klasse. Mit den kirchlichen Würdenträgern, dem Fürstbischof Dr. Förster und dessen Nachfolger Dr. Herzog, lebte er in bestem, beinahe freundschaftlichen Einvernehmen. Am 23. April 1857 feierte er. seine silberne Hochzeit, am 21. Oktober 1872 starb seine Frau, und am 18. Februar 1874 ging er eine zweite Ehe ein mit Frau Eva Schapiro geb. Klaczko, die am 3. März 1891 in Rom * verstarb und die hiesige Israelitische Kranken-Verpflegunas Anstalt zur Universalerbin ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens machte. — Gedalje Tiktin besaß kein geringes talmudisches .Wissen. Schon den 22 jährigen Jüngling nennt der bekannte Raphael Fürstenthal: sV“'.n und Sn:, einen scharfsinnigen und bedeutenden Mensche»,') R. Juda Schlesinger,") 5) Aktenst. I. G. r. 6 und I. S). r. (Gedalje Tiktin); ferner: Tiktin'sche Nachlaßakten (Gem.-'Archiv). *) Lewin, Lissa S. 234. *) Die Töchter starben nnverheiralel zu Lebzeiten des Vaters, und, von den Söhnen starb der eine, Salomon. als Kaufmann in Dresden, 'während der andere, Prof. Dr. Heimann (Hariton) Tiktin (geb. 1850). früher Lektor der rumänischen Sprache an der Berliner Universität und Verfasser verschiedener Werke, in Berlin im Ruhestände lebt. ‘) In dem, ihm zur Hochzeit gewidmeten, bei Löbel Su( Breslau gedruckten hebr. Liede htt t?. - •) Dieser muß ein bedeutender Gelehrter gewesen sein; denn auch der Berliner Rabbiner Elchanan Rosenstein ließ seinem Sohne, dem frühzeitig verstorbenen Dr. Abraham R.. die mr.-t (Rabbinatsdtplom) von R. Juda Schl, ausstellen. tlzbach in ( I