Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- 9 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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154 Bt<*(anet Jüdische» Gemeindeblall i Nr. 9 . von -er Weltkonferenz -es Liberalen Iu-entums Wer an der Berliner Tagung vom 18. bi» 26. August teilgenommen hat, wird sie al« eilt große» Erlebnis in der Erinnerung feschalten. Die imposante Versammlung von Hunderten jüdischer Männer und Frauen aus allen Ländern hot nicht wirtschaftlich« oder politisch« Fragen, nicht diese oder jene Mahregel erörtert, sondern eine ganz „unpraktische", rein geistige Angelegenheit zum Gegenstand ihrer Besprechungen gemacht. Jüdische Religion war da» Thema, und die verhaltene Glut jüdischer Religiosität war während der ganzen Dauer der Versammlung spürbar. An manchen Höhepunkten kam sie ergreifend zum Durchbruch, so ganz besonders, als zum Schluß der New Porter Rabbiner Schulmann das imbxa fit anstimmte und dieser Jubelbymnu» vielhundertstimmig durch den Saal . . . de» früheren preußischen Herrenhauses klang. Die Tagung hat die starken religiösen Kräfte des jüdischen Libcralismü» zutage treten lassen, und ihr Ertrag soll die Auswirkung dieser Kräfte sein. Mit Recht hat am Schlüsse der Länderberichte, diese zusammenfassend, Dr. Dienemann betont, dah der groh« Wert der Tagung darin liegt, daß bi« Gemeinsamkeit mit den gleichdenkenden Juden in anderen Ländern die Gefahr der Vereinzelung und die Gefahr der Beurteilung jüdischer Dinge lediglich noch den Derhättnisscn de» Heimatlandes beseitige. Schon das äußere Bild der Versammlung war eigenartig interessant. Neben den führenden Persönlichkeiten de» deutschen Judentums, Theologen wie Laien, trat eine große Anzahl Amerikaner in die Erscheinung, um nur wenige zu nennen: die New Porter Rabbiner Schulmann und Enelow, Professor Morgenstern und Rabbiner Philipfon aus Eincinnati, der Pittsdurger Rechtsanwalt Leo Weil, aus Montreal in Canada der Rabbiner Stern. Weniger zahlreich, aber nicht weniger bedeutend war die englisch« Delegation Llaude H. Montefiore, Miß Lily Montagu, Rabbiner Mattuck, um auch hier nur die führenden Nomen zu nennen. Au» Frankreich war Rabbiner Germäin Lävy, au» Schweden Admiralitätsrat Wolf erschienen, aus verschiedenen Gebieten. Polens. Rumäniens und der Tschechoslowakei waren Vertreter anwesend. L Der feierliche Auftakt war der Festgottesdienst am'Sonnabend Vormittag in der'Reuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Rabbiner Seligmaon au« Frankfurt hielt die Festpredigt. Am Sonntag Vormittag war ein Festgottesdienst in der Synagoge der Jüdischen Reformgemeinde. Zum ersten Male wfhl in Deutschland betrat «in« Frau die Kanzel. In schlichtester Form, aber mit packender Gewalt trug Lily Montagu in deutscher Sprache Gabariten über Individuum und Gemeinschaft im religiösen Leben vor. Die beiden liberalen Synagogenvereine im Norden und in Wilmersdorf hatten bereit» den Freitag-Abend-Gottesdienst festlich ausgejtaltet- Die eigentlich« gjagung am Sonnabend Abend wurde emgeieitek mit einer besonderen Ehrung für den Präsidenten Elaude Montefiore, dem die Urkunde al» A>renmitglied der Vereinigung für da» liberale Judentum und al» Festgabe ein sehr interessante» Sammelwerk überreicht wurde, in dem liberale Theologen und Laien Deutschland» sich in kurzen Abhandlungen zu wesentlichen theoretischen und praktischen Fragende» jüdischen Liberalismus äußern. Au» Montefiore» Antwort sei ebenso wie au^ Schulmann« Diskussionsrede vom Montag das starke Bekenntnis des geistigen Zusammenhang» und der Dankbarkeit für die jüdisch«'Wissenschaft und den jüdischen Liberalismus in Deutschland Hervorgehoden. Die Berichte über di« einzelnen Länder, die von den Rabbinern Enelow über Amerika, Dogelstein über Deutschland, Mottuck über England, Levy über Frankreich, Stern über Eanada, sowie von den Herren Wolf über Schweden, Bregmann über Polen erstattet wurden, boten mehr als nur ein Bild der äußeren Geschichte und Organisation des Liberalismus. Sie führten vielmehr namentlich in der ausführlicheren Fassung, in der sie im Druck Vorlagen, in das Werden und die inner« Entwicklung de» jüdischen Liberalismus. Den Höhepunkt - der Tagung bildeten die Vorträge de» Sonntags. Rabbiner Baeck aus Berlin hielt das Generakreferat „Die Botschaft de» liberalen Judentum» an den Juden von heute". In der ihm eigenen feinsinnigen, die Gegensätze scharf herausarbeitenden Weise, die auch di« Gefahr de« Mißverständnisses nicht scheut, sprach er von den Juden als den großen Nonconformisten, forderte er nicht das Zeitgemäße, sondern' da» Ewige, forderte er für den Liberalismus nicht ein Minimum, sondern ein Maximum -an Judentum, wie» er auch auf die geschichtlichen Fehler der Reformbewegung hin, zeigte dabei die große Ilmwandlung, die mit dem Heraustreten au» dem Ghetto gegeben war. Noch unter dem tiefen Eindruck dieser Rede legte Montefiore in einem Referat über die Bedeutung de» liberalen Judentums für da» religiöse Leben die Notwendigkeit de» Liberalismus für die Erhaltung de» Judentums dar. Rabbiner Philipson auch Eincinnati referierte über religiöse» Leben de» Einzelnen und der Gemeinschaft. Dabei klangen Gedankengänge an und wurden weitergeführt, wie sie in Miß Montagu» Predigt und in Montefiore» Referat vorkamen. Da» letzte Referat über den Einfluß de» liberalen Judentums auf die sozial« Arbeit hielt Rabbiner Lehmann von der Jüdischen Reformgemeinde in Berlin. Der Montag brachte di« Diskussion üt>«r diese Referate und in drei Sektionen Verhandlungen über die Verwirklichung der Botschaft de» liberalen Judentums. Die Sektionen behandelten die Fragen Göttesdienst, häusliche» Leben und Jugend. Di« Referate wie die Diskussionsreden der Tagung ließen die außerordentliche Weite des Liberalismus in: die Erscheinung treten. Jüdischer Liberalismus ist eben nicht ein enger und engherzig festzelegter Standpunkt, sondern die Auffassung der jüdischen Religion, di«, da» Ewige bewahrend, ö» in steter Umbildung lebendig erhält. Sv weit in Einzetfragen di« Meinungen auseinandergehen: über dies« Grundlage sind wir uns alle einig. Darum bietet und fordert der Liberalismus für jede religiös« Anschauung und Richtung nicht etwa Duldung, sondern Achtung und Anertennung. Für da» Judentum gilt nach liberaler Auffassung ha» Goecherovrt „geprägte Form, die lebend sich entwickelt". In kurzer feierlicher Vollversammlung fand die Tagung, während deren durch mancherlei gastfreundliche Veranstaltungen den Delegierten Gelegenheit geboten war, einander persönlich näher zu treten, ihren Abschluß. Mit großem Beifall wurde die überaus herzliche Einladung begrüßt, die nächste Tagung in Amerika zu veranstalten, mit großem Beifall aufgenommen. Sin wertvoller Ertrag der Berliner Tagung ist die zuversichtlich« Sewißhe-t, daß die großen religiösen Gedanken de» Judentum» auch in unserer scheinbar so wenig geistigen Gegenwart die alte Straft bewahrt haben, sind die Ilederzeugung, daß die Religion des Judentums uns für Gegenwart und Zukunft ebenso wertvolles Gut bleibt wie in vergangenen Tagen. Hermann Vogel st ein. 60. Geburtstag von Professor Dr. G. Gottstein Am 12 September feierte Prof. Dr. Georg G o t t st e i n. Primärarzt an der chirurgischen Abteilung des Israelitischen Krankenhauses zu Breslau, seinen 60. Geburtstag. Sein Vater, der hier s. Zt. bekannte Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenleiden Pros. I. Gottstein, ließ seinem Sohne eine ausgezeichnete medizinische Ausbildung im In- und Auslande zuteil werden. Gottsteins wissenschaftlicher Name ist verknüpft mit seiner 13 jährigen Tätigkeit an der hiesigen chirurgischen Unioersttätsklinik, unter o. Mikulicz, der den jungen Assistenten wegen seines Fleißes und seiner Gaben hochschätzte und seines Vertrauens in besonderem Umsange für würdig hielt. Hatte er doch in ihm einen gewissenhaften Mitarbeiter gesunden, der mit dem Meister der Chirurgie zusammen ganz neue Pfade beschritt, so die Spiegeluntersuchung der Speiseröhre. Mikulicz selbst Hut ein Vorwort zu dem Gottstein'schen Werke, dem Forschungsergebnifle ihrer Zusammenarbeit, geschrieben. Er sah aber auch in dem ausstrebenden Forscher den künftigen Leiter des Israelitischen Krankenhauses, und obwohl Mikulicz Gottsteins Ernennung zum Primärarzt nicht mehr erlebt hat, hat er doch in feinen Briefen wiederholt Gottstein als den geeigneten Nachfolger des leider früh kranken Reinbach bezeichnet. 1902 wird G. Privatdozent, 1906 übernimmt er den Primärarztposten. Und nun beginnt eine Zeit des Aufstiegs für diese junge Abteilung, die er mit -seinem organisatorischen Talent und seiner ärztlichen Kunst zum Ansehen bringt. Neben dem damaligen Leiter der inneren Abteilung, dem unvergeßlichen Geh. Rat Sandberg, ist der gute Ruf, den das Israelitische Krankenhaus in den Kreisen der Kranken und der wissenschaftlichen Welt genießt, vornehmlich Gottsteins Verdienst. Er sorgt dafür, daß die chirurgischen Assistenten hier eine Ausbildung erlangen, die ihnen an den Universitätskliniken erschwert oder neuerdings kaum mehr möglich.ist: er dringt darauf, daß seine Mitarbeiter sich wisienschaftlich betätigen und so den Ruf des Krankenhauses und ihren eigenen Namen in der wissenfchastlichen Welt begründen: er veranstaltet, selbst Vorstandsmitglied der Breslauer Chirurgischen Gesellschaft, an seiner Abteilung wissenschaftliche Sitzungen, deren hohes Niveau geschätzt wird. Er ist selbst Mitarbeiter und Mitherausgeber der bedeutendsten chirurgischen Zeitschriften, in denen er auch seine Forschungsergebnisie niederlegt. Sie betreffen die verschiedensten Gebiete der Chirurgie, besonders die Erkrankungen der Luftröhre, des Magens, des Mastdarms, der Blase und der Nieren. Manches unentbehrliche Instrument und mancher allein Heilung bringende Eingriff trägt den Namen Gottsteins. Trotz seiner ausgedehnten wistenschaftlichen Betätigung findet er aber stets Zeit für seine Kranken, denen er ein aufopferungsvoller Helfer ist. Da kennt Gottstein keine Rücksicht für sein« Person und verlangt die gleiche Pflichterfüllung unerbittlich von feinen Mitarbeitern, denen seine Art daher mitunter herb erscheinen mag. Aber sein taktvolles und im Grunde freundliches Wesen ist den ihm anvertrauten Kranken Labsal und Trost, seine sorgfältige, minutiöse, nicht auf elegante Außenwirkung berechnete Art des Untersuchen? und Operierens hat vielen Hilfe und Rettung gebracht. Möge der Sohn unserer Gemeinde in unveränderter Rüstigkeit weiter wirken ack multos annos. W. B. Den 80. Geburtstag feiert am 2. Oktober Frau Regina Rosenbaum, Augustastraße 95, und am 9. Oktober der Privatgelehrte Dr. phil. David Haus ^n, . Sonnenstraße 34. H Buchbesprechungen ZI A. Katz: „Der wahre Talmudjude". Die wichtigsten Grundsätze des talmudischen Judentums über das sittliche Leben des Menschen, übersetzt und in 70 Kapiteln systematisch geordnet. Vierter Neudruck. Verlag M. Poppelauer. Berlin. Preis 3 R.-Mk. Zum 70. Geburtstage des Verfassers, des in den literarisch interessierten Kreisen unserer jüdischen Gemeinschaft wohlbekannten und noch in gutem Gedächtnis stehenden Schriftstellers und Schriftleiters Albert Katz, hat deffen Tochter, die in Berlin als Lehrerin wirkt, das zum ersten Male vor 35 Jahren erschienene Buch ihres Vaters „Der wahr« Talmudjude" in eiNfr neuen — nunmehr der vierten — Auflage herausgegeben. Das Werk hat bereits sowohl der Verbreitung der Kenntnis vom Talmud als auch insbesondere besten Ehrenrettung große Dienste erwiesen, gibt es doch in sorgsamer, aus den Quellen schöpfender Uebertragung die sittlichen Grundgedanken und Kernlehren des Talmuds in übersichtlicher Zusammenstellung wieder. Trotz der inzwischen heraurgekommenen. gewiß ebenso verdienstlichen Schriften von Bernfeld. Främer und Strack ihre Bedeutung behalten. Sie sei besonders Lehrern und Predigern zur Anschastung bestens empfohlen. Halp.