Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- 3 (3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3970005-7569521-7569592--0734-3970685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
44 Bie»(anet Jüdisches Gemeindeblatt Nr. mußte mehr als einmal Len Zorn seines übelgelaunten Kollegen besänftigen, und ihn mir b;m Trost beruhigen: Diese jungen Leute würden schon mit >em Lateinischen und Griechischen fertig werden. Er, Bernayi, möge nur über die sprachlichen Barbarismen nicht gleich außei Fassung geraten. Und Graetz hat meistenteils unt seinen Vl raiesagmige» Recht behalten. Wie unter den dainoftge t Lehn rn am Seminar eine Gelehrtenganiitur sich zusammenfand wie später niemals wieder, so zeigte sich auch unter den .Zöglingen eü'.e ungewöhnlich große 6ci)l guter Köpfe, die <u frohen Hoffnungen Deranlassung gaben. Und auch nach dieser Richtung hin sind jene damals gehegten Hoffnungen nicht enttäuscht würden. Aus der großen Zahl jener Seminaristen «rügen hier einzelne besonders markante Gestalten herausgegriffen sein. Don den aus dem Osten Herübergewanderten iel zunächst der Ungar Benjamin Szold in die Augen. Er verriet auf den ersten Blick den Typ des echten Magyaren. Seine dun!elgelbbraune Gesichtsfarbe, die sprühenden schwarzen Aug >N, das tief stumpfschwarze, dichte Haupthaar, ein leichter, gleichfarbiger Bart, der ungewöhnlich lebhafte Gesichtsausdn ck — alles das mußte auffallen. Er war aber auch ein ge stig hoch veranlagter Mensch und seine ungemein große Kmntnir des gesamten hebräischen Schrifttums verschaffte ihm unter seinen Kollegen wie unter seinen Lehrern sofort eine sehr geachtete Stellung. Szold ist später an eine der größten jidischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten > berufen wordrn und hat dott seelsorgerisch und literarisch eine weithinr« ichende Wirkung enrsaltet. Eine enge Freundschaft verband ihn von Anfang an mit dem gleichfalls aus Ungarn stammenden Joseph Perles. Dieser bildete das ergänzende Gegenstück zu dem Erstgenannten. Sprühte Szold Feuer und Funken, so erschien Perles besonnen. zurückhaltend, mehr in sich ge ehrt. Beide indessen waren in gleichem Maße tüchtig ausge iistete Hebraisten und Talmudisten (Perles starb 1894 als Rrbbiner in München). Aus dem Hannoverschen stammte >acob Freudenthal, ein Dertretcr echter niederdeutscher Geistesan. Er hielt sich abseits von dem studentischen Leven und Treiden, vertiefte sich von Anfang an in seinem weitausoespannten Studien, hatte wenig Umgang mit seinen Seminarkollegen, rxrr dagegen ein Lieblinyrschüler des großen Philologen Jccob Bernaus und es schien Ichon damals fast so gut wie au.gemacht zu sein, daß Freadenthal für eine andere als die ral'binische Laufbahn bestimnit sein mochte. Er ist ja auch, wie bl ckannt, zunächst Dozent am Seminar geworden und hat später alt ordentlicher Professor der spekulativen Philosophie an der Br blauer Universität bis zum Ende seines Lebens (1907) gewirkt. Hier soll kein Urteil über die großen Leistungen Freudenthals als Aristoteliker und Spinoza-Forlcher abgegeben, sondern mir einiges zur Veranschaulichung feiner Persönlichkeit angel ührt werden. Neben ihm sei Hermann Cohens (1842—1918) gedacht, der, wie Isaak M. Jost und Ebajim Steinthal, aus den Anhaitischen slamnite. Welche Bedeutung er späterhin als schöpferischer Philosoph und als Verfechter des Judentums erlangt »at, darüber bedarf es für die Leser dieses Jahrbuchs keines weiteren erläuternden Wortes. Aus dem nordwestlichen Der tschland kam der bildschöne Güdemann, der später berühmt« Wiener Oberrabbiner (geft. 1918). Auch Heinemann Vogelfein (1839—1911) verdient hier genannt zu werden. Er wußte das ernste Gebaren eines Zöglings des Fränckekschen Seminars mit dem heiteren studentischen Treiben eines Mitglieds der Burschenschaft Arminia auf das glücklichste zu vereinigen. Ein jüdischer Armine werden die heutigen Leser kopfschüttelnd fragen? Ja, in jenen Jahrzehnten war der deutsche Antisemitismus nämlich noch nicht erfunden. Dogelstein war ein Mensch von unerschöpflicher Herzensgute und hat als vorbildlicher Seelsorger seines Amtes in Stettin gewaltet, wo f in Name noch heute in Ehren gehalten wird. Am Schluß, aber nicht an letzter Stelle, fei des in Oberschlesien gebürtigen Phil pp Ploch (gest. 1923 in Berlin) gedacht. Er war. was man ein^n feinen Kopf zu »ennen pflegt. Geistig vielseitig angeregt, liebte er es, eigene Weg« zu gehen. Einer leisen Skepsis nicht unzugänglich, hat «r sich schließlich doch mit seinen Amt> pflichten des Predigers einer gemäßigt liberalen Gemeinde in Posen abzufinden gewußt. Damals trieb er mit Vorliebe rein philosophische Studien, und es möge mir verftattet fein, zu sagen, daß ich mit ihm hinter die Denkgeheimnisse eines Eartesius und Spinoza zu kommen, eifrig bemüht war. Geistige Erholung suchte l und fand er vor den 64 Feldern des-königlichen Spieles, in dem er es zu einer hohen Meisterschaft gebracht hatte. Sie alle sind bereits in jenes Land hinübergegangen, von dessen Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. Nur einer erfreut sich noch des rosigen Lichtes, Michael Holzman. In ungeschwächtcr geistiger Frische, auch körperlich rüstig, genießt er nach einem reichgesegneten, arbeitsvollen Leben sein wohlverdientes oiium cum clignitsie. Was er für die Entwicklung des jüdischen Schulwesens in Berlin geleistet hat, ist mit unverwelklichen Schriftzeichen auf den Tafeln der Geschichte dieser Gemeinde eingegraben. Michael Holzman ist sich sein ganzes Leben lang als ein. man möchte sagen, leidenschaftlicher Verfechter dessen treu geblieben, was er als recht erkannt hatte. Auch in seinem Ruhestande ist er unermüdlich tätig. Möge ihm diese seltene Gabe des Geschickes noch lange vergönnt sein! n Vuckbefprechungen H Hermann Cohens: „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte". Unter diesem Titel erscheint soeben eine zweibändige Sammlung aus dem Schatze Cohen'schen Denkens. Herausgeber sind,, im Austrage der Hermann Cohen-Stiftung der Akademie für die Wissenschast de» Judentums. Pros. Albert Görland und Pros. Ernst Cassirer. Die Schriften bilden eine schöne gemeinverständliche Ergänzung zu den schweren Büchern Cohen'scher Systematik. Die vier Teile: Systematisches, Politisches und Zeitgeschichtliches, Persönliches. Rezensionen, enthalten neben manchem bereits verstreut Gedrucktem auch viel Ungedrucktes und Verschollenes. So die längst vergriffene und viel gesuchte Abhandlung! Das Prinzip der Jnsinitesimal-Methode und seine Geschichte. Der Akademie-Verlag, Berlin W. 35, Lützowstraße, hat das zweibändige Werk gediegen ausgestattet. „Auf rauhem Wege", Jugendcrinnerungen eines deutschen Professors. Verlag Alfr. Töpelmann, Gießen. 1927. Preis geb. 7 Mark. Der ungenannte Verfasser — vermutlich jetzt deutscher Universitäts. Orientalist — hat, von ostjüüischer, ganz strenggläubiger Herkunst, schon, als Knabe alle die körperlichen und geistigen Schmerzen durchkostet, die sogar den Mann noch bedrücken, nicht ungestraft!m dunklen Keller Pechateuch und Talmud studiert, polnisch, jiddisch, deutsch gelernt in fast mittelalterlicher Umgebung (vgl. Dybuk des Habima-Theaters). voller Aberglauben. Mystik und dergl. Seine Flucht, Poiener Gymnastaizeit, Entbehrungen, fein Aufstieg vom Hebräischen zum Arabischen, Phönizischeu, Syrischen erleben wir greifbar mit, geschildert mit beißender Satyre, ja mit Galgenhumor. Die frische Art, sein Leben zu meistern, allerlei Intimitäten des ostjüdischen „Milieus" zeigen, daß uns westdeutschen Juden polnisches und russisches Judentum ein wahrer Jungbrunnen fein können durch seine ungebrochene Lebensbejahung, Schlichtheit in Sitten und Ansprüchen, geistiger Regsamkeit. Darum ist diese» recht fesselnd« Buch für uns deutsche Dekadente" Juden ein unbestechlicher „Spiegel", der uns unsere Gebrechen erkennen läßt und dem ob alle» besten, was aus chm zu lernen, ein recht großer Leserkreis sehr zu gönnen ist. Buchh olx. Aimü Pailliöre: „Da» unbekannte Heiligtum". 1927. Verlag der Heine-Bund. jüd. Buchgemeinde, Berlin W. 57, Pallasstroße 19- Preis gebunden 6 Mk. (Mitgliedsbeitrag für 4 Jahres-Pflichtbände bei jährlicher Vorauszahlung 14 Mt.) Mit Dorwott von Rabbiner Dr. L. B a e ck. Die Besprechung dieses eigenartigen Buches rrfordett m. E. viel mehr an Platz, als verfügbar. Es behandelt die Entwicklung» nicht den Uebertritt eines rechtgläubigen Katholiken zum Judent u m hin. Doch nicht um diesen reinen demütigen Jüngling herum gruppiert sich alle», vielmehr um eine große Idee. Dies« betrifft keineswegs die Bekennerwerbung unter anderen Bekenntnissen, vielmehr die jedem Juden gar bedeutsame Frage, was sein Judentum wohl der Welt zu verkünden vermag, welche» sein jetziger und künftiger Platz hienieden wohl ist. Wie festelnd liest sich die Ergrissenheit des Jünglings durch den jüdischen Gottesdienst, wie die Erörterung betr. den Blaubensübertritt». die tiefgründige Auseinandersetzung über den „Roochismus"! Laut Vorwott ist „dieses Buch keine Bekehrungslchrift. sondern ein religiöser Mensch erzählt sein tiefstes, allmähliches Erleben, sein innerstes Erfahren, was alles zu ihm gesprochen". Der Versaster sagt Juden und Christen manches Gute und vor allem'Wahre in besonderer Form. Ich wünsch» diesem wertvollen Buche den wohlverdienten weiten Leserkreis, zumal es in durchweg anziehender Att große jüdisch« Probleme erörtert, dabez jedem verständlich bteibt. Bz.