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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1928-03-01 · 3 (3.1928) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
5 (1928)
Issue
3 (3.1928)
Date
1928-03-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Breslauer Jüdische» Gemelndeblatk 43 Breslauer Erinnerungen (Aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts.) Bon I. Ka st a n. Mit liebenswürdiger Erlaubnis des bekannten Verfassers! und des Bcrrm» für jüd. Geschichte und Literatur bringen i wir nachstehenden Aufsatz, der^ allseitiges Interesse siiioen ' bürste. Er Ist abgedruckt au» dem Jahrbuch 1925 de» . Verein» s. Geschichte und Literatur (Verlag Dt. Pappelauer, Berlin C 2. Neue Ariedrichstratze Nr. 59)/ da» wegen feiner wertvollen wissenschastlichen Aussätze, seiner würdigen ' Ausstattung und seines wohlseilen Preises von '450 Mk. warn» empfohlen werden kann. Die Schriftleilung. (Dergl. Nr. 4/1926 und Nr. 4/1927 des Gemeindeblatte».) (Schluß.) Ein sehr großer Teil der alteingesessenen tonangebenden Familien hielt sich indessen trotzdem zur Tiktin'schen „Tempel"- Schul, teils aus Pietät gegen die Borfahren, teils weil gerade diesen höchst ehrenwerten Gemeindemitgliedern die von Geiger durchgeführten Neuordnungen. zu radikal erschienen. Zu diesen Familien gehörten Jonas Lippmann aus Königsberg. Schreiber, Freund, dessen jüngstes Sohn Wilhelm späterhin zum Abgeordneten und zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung gewählt werden und als Ehrenbürger der Stadt Breslau sterben sollte. Ailch M. B. Friedenthal, Reb Mordeche Dow, wie er zumeist genannt wurde, das Urbild zu dem Bankier Ehrenthal in Gustav Freitags „Soll und Haben" hielt sich, wenigstens äußerlich zu den Tiktinianern. Zu jener Zeit, von der hier die Rede ist. hatte sich M. B. Friedenthal bereits längst von seinen Geschäften zurückgezogen, um sich ausschließlich seinen hebräisch literarischen Neigungen zu widmen. Er hat auch verschiedene Werke und Abhandlungen in bebräischer Sprache abgefaßt. Daher war es nur ganz selbstverständlich, wenn jeder arme jüdische Wanderliterat auf seiner Subskribenten - Suche in Breslau zuerst den reichen Reb Mordeche Dow mit seinem Anliegen beehrte. Dieser jedoch gehörte nicht gerade zu den Mäcenas-Naturen, und gab er schließlich, so gab er nach den Worten des Lessing'schen Derwisch so unmild mild, daß der Empfänger ebensowenig wie der Geber eine Freude empfinden konnte. Eines Tages klopfte wieder einmal solch ein armseliger Bruder in Apoll an Friedenthals Tür. Das Gespräch verlief in streng literarischen Geleisen. Endlich rückte der Hauswirt die Frage heraus: „Wißt Ihr ein Wort im loschon ha kodesch (heilige Sprache) mit vier Kamez (langes a, bei uns u ausgesprochen)." Ais . der Gefragte nach längerem Besinnen keine Antwort gefunden, nannte Friedenthal das Wort „Huruchumu", der Aasgeier, und bemerkte dazu: „Behalt's für Euch; es kann Euch einmal etwas einbringen". Und mit dieser Geldanweisung auf unbestimmte Sicht ward der Bittsteller entlassen. Einige Zeit darauf meldete sich der so schnöde abgefertigte Bittsteller wieder, um Abschied zu nehmen. Als das Gespräch die erwartete Wendung genommen fuhr der Gast mit der Frage heraus: „Reb Mordeche Dow, wißt Ihr ein Wort im loschon ha kodesch mit vier Patach?" (Kurzes a). Als nun Friedenthal die Antwort schuldig geblieben, platzte der Gast mit dem Worte heraus: ,^)akadachath" (das Fieber) „Behalts auch vor Euch?" Sprache und schlug die Tür eiligst hinter sich zu. Das große Ereignis jener Zeit war die Eröffnung des Fränckel'fchen Seminars „der jüdisch'theologischen Fakultät." Zunächst hatte es den Anschein, al» sollte diese so folgenschwere Tatsache gar keinen ersichtlichen Einfluß auf das innere Leben der Breslauer Gemeinde ausüben. Die unbeugsame und unbelehrbare Orthodoxie nahm von dem „Rabbinerseminar" gar keine Notiz. Sie wußte sich mit dem der. neuen Schöpfung zu Grunde liegenden Gedanken auch nicht entfernt abzufinden. Gleichwohl mußte sie mit einer Persönlichkeit wie Zacharias Frankel wohl oder übel doch rechnen. So geriet sie ganz unwillkürlich in eine gewisse Unsicherhest. „Er ist ein Mißnagged (Gegner) von Geiger." Das war ihr allerdings von Anfang an Nar und beruhigte. sie einigermaßen. Worin jedoch die eigentliche Bedeutung dieses großen Gelehrten bestand, davon hatte sie sticht die leiseste Ahnung:'konnte'sie auch gar nicht haben. Allein es warf doch andererseits sehr kennzeichnend, daß die ersten Breslauer Zöglinge des Seminars just der Falk'schen Hamilie entstammten! Wenn auch sonst nicht die geringste Berührung zwischen den orthodoxen Kreisen und der Getehrtestgruppe um lZacharias Frankel sich anbahnte, der Bann war durch den Eintritt jener Elemente aus der Familie des „Dyhernfurtl^r Raws" gebrochen. Abraham Geiger jedoch, den man wohl den David Friedrich Strauß der Juden nennen darf, teilte mit diesem auch das gleiche Schicksal völliger Vereinsamung!. Selbst eine so mildabgeklärte Persönlichkeit wie die Salomon Nissens, dessen tiefgegkünhete, weitausgebreitete Gelehrsamkeit nur von seiner Herzensgüte und Bescheidenheit übertroffen wurde, vermied jede Annäherung an den vielgeschmähten Reformer. Don orthodoxer Beschränktheit, von polterndem Glaubenseifer ebenso weit entfernt' wie von radikaler Denkweise» behauptete Salomon Nissers der eine verblüffende Wesensähnlichkeit mit Lesftng's „Nathan" offenbarte, eine selbständige Mittelstellung. f Er war eist feiner Kopf, ein feiner Geist, dem eine zarte Jronih, eine leise Skepsis zu Gebote stand; er stellte sein unifasiendes in den entlegensten Gebieten der' rabbinischen Literatur heimisches Wissen allen bereitwilligst zur Verfügung die bei ihm anklopften und um Rat ersuchten. Allein es gebrach ihm an jener mutvollen Entschlossenheit, ohne die eine literarische Tat niemals zu Stande kommt. Und so hat er denn auch wirklich keine sichtbaren Spuren seiner regen geistigen Tätigkeit hinterlasscn. Eine einzige leise Hindeutung auf das Wesen und Wirken SalomoN Nissens findet sich in Graetz „Geschichte der Juden" und zrstar in einer Einleitung zu einem Teile des bändereichen - Werkes. Hier stattet er seinen wärmsten Dank einem gelehrtest Freunde ab. für die ihm stets bereitwilligst geleistete Hilfe, her es ihm aber streng verboten hätte, seinen Namen zu nennen. Dieser allzeit hilfsbereite Gelehrte.aber war kein anderer als eben Salomon Nissen. Friedsam sanft, wie fein Lebest, war. auch sein Ende. Die Nachricht von dem Tode des Weisen verbreitete sich naturgemäß sehr rasch. Einer der Ersten, her in das Trauerhaus eilte, war Graetz. Als er bei der tiefgebeugten Witwe sich nach dem literarischen Nachlaß ihres chatten erkundigte, sagte sie, mit von Tränen unterdrückter Stimme: .'.Alles von her Hand meines Mannes Niedergeschriebene, habe ich, auf ausdrückliches Geheiß meines Manne», chenige Tage vor seinem Tode verbrennen müssen." Graetz war, wie «r selbst versicherte, bei dieser Mitteilung wie zerschmettert. Salomon Nissen war nämlich, wie , aus manchen Gesprächen hervor- - zugehen schien, während seiner letztes Lebensepoche religiösmystischen Anwandlungen! nicht unzugänglich geworden, er mochte manchmal von Zweifeln an her Berechtigung seiner kritischen Methode ergriffen worden fein: Und so wollte er, denn diese Denkmale seines kritischen «Scharfsinns für immer vernichtet wissen, um an der Derbveitung seiner Ansichten irgend welchen Anteil zu haben. > I Nach dieser kurzen, ober vielleicht nicht unwesentlichen Abschweifung, nehmen niir den Fasten unserer Erzählung wieder auf. Die glänzenden Namen der an das sogenannte Fränckelsche Seminar in Breslau berufenen Gelehrten, nämlich außer dem bereits genannten Zucharias Frankel. Jacob Beryays, einer der schastssinnigsten und gelehrtesten Philologen nicht bloß seiner Zeit, Heinrich Graetz. der Mathematiker Zuckermann, hatten eine große Anzahl von Zöglingen, namentlich aus dem Osten und Eüdosten Europas, noch Breslau hingeldckt. Diese, meistens einseitig talmudisch»Mpulistisch ausgebildet, sollten erst mit sten erforderlichen Gymnasial-Kenntnissen ausgerüstet werden, um gleichzeitig neben den Lehrkursen am Seminar auch diä Universttätsvorlesungen besuchen zu können. Da gab es denn zuweilen die ergötzlichsten Szenen, sobald Jacob Pernays einem jener aus Osteuropa herübergewandenen Talmitdjüngeri' auf den Zahn fühlte, und es sich meistenteils ergabt daß sie vom klassischen Altertum wenig oder garnichts wußten. Der große Ariftoteliker geriet darüber des öfteren ln eine Helle Verzweiflung. Und Graetz r■*

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