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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1928-01-01 · 1 (1.1928) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
5 (1928)
Issue
1 (1.1928)
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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M# JJ. *■ * Nr.!1 ehemali Q«(li ■ rt Indisches liier einem ehemaligen Assistenten Felix Rosen, dem vor Jahre' so schändlich Ermordeten, herausgegeben. Ferdinand Cohn entstammte einer wahrhaft jüdischen, altpatriarchalischen Breslauer Patrizierfamilie. Giern Vater, der „Oel-Cohn", genoß als Kaufmann und in der Gesellschaft ein hohes Ansehen. Dieses Elternhaus bestimmte seine ganze Lebensrichtung und die seiner Brüder: Hermonns, eines bedeutenden Rechtsgelehrten, und Oskars, unter b:m Schrift stellernamen ,Justinus" in den weitesten Kreisen> t ekannt, des Verfassers seinerzeit viel gespielter Possen: «K iritz-Pyritz" (mit Wilken zusammen), „Griechisches Ferec", „Unser Zigeuner", Wohltätige Frauen" usw. Alle drei 2 r ibet waren hochbegabt, Ferdinand Julius aber, wie er mit |e nen beiden für bje damalige Zeit bei Juden ziemlich selten:n modernen Vornhmen heißt —noch in den 30er Jahren hatte )ie preußische Regierung in einem Reskript die Verordnung « ingeschärft, daß Juden sich nur alttestamentarische Bornarim beilegen dürften — war der genialste. Durch seine Eitreckung der Bazillen, .auf der fußend dann sein Schüler Robert Koch seine weltbewegende Entdeckung machte, hat <, si<ch einen Namen für die Ewigkeit geschaffen. Neidlos hat fcer danIbare Jünger stets die Verdienste des Lehrers anerkcnnt. Mt -16 Jahren Miturient, mit 19 Doktor, nachte Ferdinand Cohn sein Rigorosum an der Berliner Universität, wo ev seine letzten Studiensemester verbrachte, n<il die Breslauer Universität nach ihren Statuten jüdischen studierenden daselbst nicht zu promovieren gestattete. Ein Jahr später (1848) wurde auch dieser Zopf konfessioneller X . tbulbfamleit abgelchnitten. Abgesehen von dieser Berliner Studienzeit, ist Eohn stets seiner Heimatsstadt treu geblieken. Selbstverständlich hatte er seines Glaubens wegen au p mancherlei Anfechtungen und große Schwierigkeiten in de, > Karriere zu Überstunden, aber als charakterfester und glauber streuer Jude blieb er fest gegen alle Verlockungen, sich durh die Taufe und Namensänderung die Universitätslaufbahn zu erleichtern. Endlich (1875), mitten in der „liberalen Aera", als sein Name längsj in Fachkreisen einen glänzenden Klang hatte, wurde er an der Breslauer Leopoldina-Universität, an.der er lange Jahxe hindurch als Privatdozent und außerordentlicher Professor gewirkt hatte, zum ordentlichen Professor I ernannt. - Nicht bloß der Mann der Wissenschaft halte diese Ernennung verdient, sondern auch der vorzüglich«! akademische Lehrer. Er war ein vollendeter Redner. Sein Bortrag war klar, durchsichtig, von innerer Wärme durchglüU. Generationen bewundernder Zuhörer: Naturwissenschaf 1er und Medizin :r, aber auch Hörer aus arideren Fakultäte und Laienpubltkum saßen zu seinen Füßen. In der pipulären. Behandlung wissenschaftlicher Fragen in Wort und Schrift stand er einzig da und ist neuerdings auch nicht cmm:I von seinen Nachfolgern auf dem Spezialgebiete, das er beackerte, Curt Grottewitz und Wilhelm Boelsche, erreicht wör ren. In seinem Wesen war er einfach und schickst, stets liebenswürdig und von größter Bescheidenheit, wie sie nur ganz genialen Forschern eigen ist. Er war gleich gros« als Gelehrter, als Mensch und als Jude; als Anhänger S Judentums verkörperte er dessen Ethik und Tradition in seltener Weise. Zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm trotz der schon damchs bestehenden religiösen Zerklüftung von >:: Studentenschaft ein«. Fackelzug dargebracht, an dem sinnliche Verbindungen, sowohl Farbentragende (Corps, Lau!» nannschaften und Burschenschaften) als auch Nichtfarbentrarde und das Gros der Finkenschaft mit seltener Einmütigk; t teilnahmen. Auch« sonst brachte ihm dieser Ehrentag groß«« Anerkennung von allen Seiten. Die Stadt Breslau ernannt« hn zu ihrem Ehrenbürger^' Hatte er doch durch die Bewindung des pflanlzenphysiologischen Instituts, das Jünger t«;, Wissenschaft sogar! aus fremden Weltteilen anzog, sich irr Schlesiens Hauptstadt ein unsterbliches Verdienst erworben^ Sein Leichenbegängnis I fand daher unter solcher Beteiligustz statt wie es in Breslau noch selten der Fall gewesen wär. Nach dem Rabbiner, dem redegewaltigen Dr. Joel, usti einiigen Universichtskollegen widmete ihm auch sein Freund, der Rechtslehrer und Dichter Feli ^Dahn (der Verfasser von „Kampf um Rom") in gebundene! i Worten einen tiefgefühlten Nachruf. Ferdinand C. selbst wa:! ein formvollendeter Poet, wovon die in seinem Nachlaß t orgefundenen feinsinnigen und stimmungsvollen Gedichte beredtes Zeugnis oblegen. Meist spiegeln sie allerdings m<hr Naturempfinden und philosophisch fpinozistifche Gedanken, i i denen seine Weltanschauung niedergelegt ist, als die rauhe Wirklichkeit wieder. Eines aber können wir uns nicht versagen^ hier zum Schlüsse -unserer Ausführungen über Leben; und Bedeutung Ferdinand Cohns noch kurz zu erwähnen, nämlich die Worte aus dem Lebenslauf des kaum Sechzehnjährigen, als er sichzum Abiturienten- Examen meldete:! „Abstammung und Gesetz, verbieten mir als Juden, die Beamtenlaufbahn einzufchlagen. Hoffentlich bricht auch für Preußen einmal der TÜg der Freiheit und Gleichheit an!" Dr. Carl Pinn, Charlottenburg, Goethestraße 75. . Seelsvrgetätigkei fm Heil- und Strafanstalten kn heil- und Strafapsialten ^ahre 1YL7 Ueber die im Jähste 1927 an den jüdischen Insassen der unserer Stadt und ihrer nächsten Umgebung geübte Seelsorge liegen die Berichte der beiden Ge meinderäbbiner und de« Unterzeichneten vor. Im Allerheiligenho pital war Herr Dr. H o f f m a n n als Seelsorger tätig, der die jüdischen Kranken, deren Zahl etwa 25 betrug, durchschnittlich alle 14 Tage besuchte, während die weiblichen Patienten zudem von der Gemeindeschwester versorgt wurden. Bedürftige Insassen wurden mit Lesestoff und kleinen Unterstützungen bedacht! Berschiedene Patienten kamen nach ihrer Entlassung zum-Rgbbiner und bedienten sich seines Rates. In den anderen Krankenhäusern der Stadt stattete Herr Dr. Dogelstein, wie er in seinem Berichte mitteilt, zu wiederholten Malen Emzelbesuche *ab auf besonderen Wunsch von Jqsassen. Die Heilstätte zu Herrnprotsch wurde von dem Unter- . zeichneten betreut. Rchnatlich, mitunter häufiger, fand ein > Gottesdienst statt, an dein alle nicht bettlägerigen Insassen teily nahmen. Nach Beendigung der Andachtsstunde trugen die Teilnehmer dem Seelsorger ihre Wüpslhe und Anliegen vor und empfingen, außer dem GemeindeblaM der Srinagogengemeinde. Zeitungen und Zeitschriften. (Den freundlichen Spendern sei auch an dieser Stelle hbrzlichst gedastkt!) Die Kranken wurden in den einzelnen Abteilungen ausgesucht. Mit Unterstützung des Herrn Oberarzt Dr. Pawel konnte der bestehenden Anstaltsbibliothek eine —i freilich erst! iin Werden, begriffene — jüdische Abteilung angsgyedert weroen. An der 25-Jubelfeier der Pflegestätte hat guch der Unterzeichnete teilgenommen. (Bergl. Gemeindeblatt 1927, Nr. 9ö Was die Strafanstasten betrifft, so unterstand das Untersuchungsgefängnis. der Seelsorge dep Herrn Dr. Hoffmann, das Strafgefängnis — bis zürn 1. Mai^ wo der Unterzeichnete das Amt des jüdischen Secilsorgers, da^ er bis dahin vertretungsweise mitverwaltete, Endgültig übernahm — der des Herrn Dr. Dogelstein. In der e-rsteren Anstalt fanden, im Hinblick auf _ die geringe Zahl der Häftlinge,.rat gelegentlich Gottesdienste " statt, während die Besuche des Seklsorgers durchschnittlich alle zwei Wochen erfolgten!. sDer Gefängnisbibliothek rpurden für die jüdischen Insassen Bücher überm esen. — Im Strasgefängnis hat Herr Dr. Bogelsteist — unter Ä Ntwirkung von Gefangenen — in derPeffachwochcj einen Festg Ntesdienst veranstaltet. In gleicher Weise hat der! Unterzeichn te etwa in vierzehntägigen -Abständen Andachten abgehalten, t n die sich eine Besprechung mit den einzelnen Insassen schloß, sowie die Verteilung des Gemeindeblattes. Di«! kranken Erfassen wurden im Lazarett, 1 bzw. in der.JrrenabteijlUng besucht. Während des Peffachfestes erhielten die Strafgestnrgenen — ebenso wie die im Untersuchungs- und im Pplizeigefängn!s befindlichen — österliche Verpflegung. Erfreulicherweise ist, wie im Untersuchungsgefängnis — auch hissr ein ganz beträchtlicher Rückgang der

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