Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 12 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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IS2 QkiUki JEbische» Se»«i>»«»I»ll Nr. 12 Ickwerk sein, und daß die beiden Aufgaben des Aufbaues Persönlichkeit und der Bindung des Einzelnen an und in religiöse Gemeinschaft nur im Zusammenwirken von Schule Haus erfüllt werden können. Es bedarf keiner Ausführung, daß Gemeinden, Unterricht Haus oft durch ein Auseinanderklaffen oder durch Mangel an gutem Willen oder rechter- Einsicht oder durch Nachlässigkeit ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden sind, ja bisweilen gänzlich versagt haben. Für den Kundigen bedarf es auch keiner Ausführung, welche Schwierigkeiten sich auch heute noch einem erfolgreichen Religionsunterricht entgegenstellen. Durch Unsere Zeit geht ein Suchen und Sehnen, aus der sinnverwirrenden Vielgestaltigkeit des Lebens zu einem einheitlichen Lebensstil, zu einem Sinn des. Lebens zu gelangen, zu einer wirklichen Gestaltung der eigenen Persönlichkeit und einer sinnvollen Einfügung in das Leben der Gemeinschaft. Daß vielen der gegenwärtigen Menschen dieses Suchen und Sehnen fremd ist, daß sie in den Tag hinein leben und alles ernstere Nachdenken durch die Unrast des Lebens, durch Beruf und Zerstreuung betäuben, ändert nichts an dieser Tatsache. Aber die Generationen, die ohne überhaupt oder ohne tiefer von der Religion erfaßt zu sein, aufgewachsen sind — das gilt mit nicht gar zu großen Unterschieden von allen Richtungen . im Judentum — finden sich noch nicht in dem Gedanken zurecht, daß ihren Kindern ohne eine einigermaßen gründliche religiöse Bildung nicht nur ein wesentliches Bildungselement, sondern darüber hinaus etwas fehlt, was der menschlichen Persönlichkeit ssrst ihren festen Halt gibt. Es sei hier an das bekannte Goethewort erinnert. daß die Zeiten, in denen die Rwigion — Goethe sagt „der Glaube" — herrscht, glänzend, herzerhebend und fruchtbar für Mit- und Nachwelt sind, alle Epochen dagegen, in denen der Unglaube einen kümmerlichen Sieg behauptet, vor der Nachwelt verschwinden. Die Wahrheit dieses Wortes wird in unserer Mitte noch immer nicht genügend erkannt und anerkannt. So hat der jüdische Religionsunterricht mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis er bei den Schulverwaltungen und den Schulaufsichtsvtchörden die volle Anerkennung als gleichberechtigter Unterrichtsgegenstand gefunden hat. Erst neuerdingsist er bei der Reifeprüfung an den höheren Schulen dem Relegionsunterricht der christlichen Konfessionen gleichgestellt worden, und ganz kürzlich bei der Neubearbeitung der Lehrpläne für hie höheren Lehranstalten in Preußen ist. zum ersten Male voin Unterrichtsministerium auch ein Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht veröffentlicht worden. Aber weit größer find die Schwierigkeiten, die dem Religionsunterricht von den Eltern der Schüler bereitet werdem Dieselben Eltern, die sorgfältig die sonstige Ausbildung ihrer Kinder in allen Wiffensfächern überwachD, die für die körperliche Kräftigung durch Turnen und Sport Sorge tragen, ihre Kinder zur Pflege und zum Verständnis von Musik und bildender Kunst erziehen, kümmern sich nicht um den Religionsunterricht. Oder sie machen noch besondere Schwierigkeiten, indem sie chre persönlichen Wünsche, gleichviel ob sie berechtigt sind oder nicht, der Ordnung des Unterrichts voranstellen. Die Beispiele aus der Praxis bds Unterrichts sind geradezu zahllos, und ich versage es! mir Fälle vorzubringen, weil es mir geradezu beschämend zu! sein scheint, diese Dinge öffentlich zu erörtern.! Jeder Religionsunterricht soll nicht nur einige Kenntnis dex Lehren und der Geschichte der Religionsgemeinschaft vermitteln, sondern auch zur Teilnahme an dem religiösen Leben der Gemeinschaft erziehen. Dieses religiöse Gemeinschaftsleben kommt am sinnfälligsten zum Ausdruck nn Gemeindegottesdienst. Ein Religionsunterricht, der die Jugend nicht dazu befähigt, wenigstens mit einigem Verständnis und innerer Anteilnahme dem Gemeindegottesdienst zu folgen, ist ein Torso. Daraus schon ergibt sich die unabweisliche Notwendigkeit, daß unsere Jugend zumindest so viel — oder vielleicht richtiger so wenig — Hebräisch lernt, als zum Verständnis des Gottesdienstes erforderlich ist. Wenn wir in allem anderen, was wir unsere Kinder lernen lassen, keine übermäßige und unnötige Belastung sehen: sollte dies gerade das Bedrückende fein? Die Zeit, die für den Religionsunterricht zur Verfügung steht, reicht nicht aus, um eine sprachwissenschaftliche Kenntnis oder eine praktische Fertigkeit im Gebrauch der hebräischen Sprache zu ermöglichen. Und eine solche Kenntnis würde ohnehin über den Zweck des hebräischen Unterrichts im Rahmen des Religionsunterrichts hinausgehen. Wer seinen Kindern dies geben will, mag sie privat unterrichten lassen. Aber die Kinder von jedem Unterricht im Hebräischen fern halten wollen, würde bedeuten, daß man ihnen ein wesentliches Element jüdisch-religiöser Bildung entzieht, und daß man die Gemeinschaft schwächt. Unsere Gemeinde hat zum Teil unter großen Schwierigkeiten und unter sehr erheblichen Opfern den Religionsunterricht im Einvernehmen mit den Schulbehörden geordnet. An den meisten höheren Lehranstalten für Knaben und für Mädchen, an mehreren hiesigen Volksschulen ist er eingerichtet. Darüber hinaus suchen die Religionsunterrichtsanstalten für beide religiösen Richtungen mit ihren Zweiganstalten im Süden — die Religionsunterrichtsanstalt II auch mit ihrer Zweiganstalt in der Odervorstadt — unserer Jugend religiöse Kenntnisse zu vermitteln. Die Gemeinde wie alle, die an dieser Arbeit beteiligt sind, sind sich der großen Aufgabe und der Verantwortung für die Zukunft vollauf bewußt. Für jeden Hinweis, für jeden guten Rat sind wir dankbar. Aber wir erbitten und müssen fordern von den Eltern verständnisvolle Unterstützung und nicht Hinderung unserer Arbeit, Hemeinsinn und nicht Eigenbrödelei. Nicht gegen einander, sondern zusammen müssen alle Kräfte wirken, um die Zukunft aufzubauen. Spielzeug für üie jüöische Kinderstube Wer vor kurzem in der Ausstellung „Das jüdische Haus" die sehr schönen Kultgeräte der Kunstgewerbestube Freudentbal gesehen hat, die vor allem durch ihre geschmackvolle Ausführung ins Auge fielen, wird sicherlich mit ebenso viel Frestde die Dinge betrachten, die das Herz unserer Kinder erfreuest sollen. Gerade jetzt in der Zeit vor Chanukkah zerbrechen sich viele Eltern den Kopf: Was schenke ich unserem Kinde? Die Wahl ist sonst immer schwer, denn die Spielzeuge sollen doch nicht nur preiswert und hübsch sein, sie sollen vor allem ^unsere Kinder spielend belehren und dadurch Haus und auch Schule einen Teil der Erziehungsarbeit abnehmen. Daher kann man der Kunstgewerbestube Freudenthal nur dankbar fein, daß sie uns so reizende Dinge beschert, die unter der Menorah das jüdssche Kind mit großer Freude erfüllen werden. , | Die größeren der Kinder werden das hebräische Lotto, das reizende Bilder mit hebräischer Upterschrift aufweist, gern benutzen. denn es bringt ihnen, oft zum ersten Male, die Möglichkeit, auch Worte zu lernen, die nicht nur in der Gebetssprache Vorkommen und ihnen daher für den Alltag auch das Geborgensein in der Sprach^ unserer Väter vermitteln.