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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1927-11-18 · 11 (18.11.1927) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
4 (1927)
Issue
11 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Qrctlaacc Jüdische» 6<a<i«k(tUH. Nr. 11 172^ 2Ilil bet heutigen Nummer wirb bas Gemeindeblatt nicht mehr burch Kreuzband, sondern direkt durch die Zeitungs-Wertriebsstelle der Post versandt. Sollten durch die erstmalige Postzustellung Unregelmäßigkeiten eintreten, so bitten wir, dies in unserem Büro, Wallstrah« 9, zu melden. Ebenso bitten wir die. Haushaltunggvorltände. uns gesl. Mitteilung zu machen, rpo unnötigerweise mehrere Rünsmern geliefert werden, da jede Numnier Geld kostet. - i Endlich ersuchen wir im Interesse der pünktlichen Zustellung, uns von jeder Wohnungsänderung baldigst Kenntnis geben zu wollen. Dberschlesten Don Dr. D. Braunschweiger, Oppeln. Abdruck aus der Sondernummer der L. V-Zeitung „Unsere Mitarbeit an der deutschen Kultur" mit gütiger Erlaubnis des Verlages. ' Es ist nicht Zufall, daß di« Gegenden Deutschlands, die zuerst durch die römischen Truppen mit Kultur durchsetzt! wurden, auch-zugleich den fruchtbaren Boden für das Wachstum der ersten jüdischen Gemeinden abgaben. Gewiß ist ein großer Unterschied zwischen dem Westen Deutschlands, wo bereite im vierten Jahrhundert urkundlich! nachgewiesene jüdische Gemeinden aufblühen konnten und wo unter den Karolingern das ge'stig« und kulturelle Leben auch unter den Juden ein goldenes Zeitalter erlebte, und dem oberschlesischen Osten, von dem noch «in Goetf» sagen konnte, daß «r fern einer jeden ftultur sei. Aber gerade in der auch heute noch vielfach verkannten Ostmark Oberschlesiens ist! deutlich zu erkennen, wie tief miteinander verwurzelt in den jüdischen ^Gemeinden deutscher Sinn und deutsche Kultur ruhen. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß in all den Städten, die in den letzten Jahrzehnte» in Oberschlesien ihr mehrfache« Jahrhundertjubiläum begehen konnten! mündliche und schriftlich« Ueberlieferung Rühmliches von den dortigen' Judengemeinden aus alter Zeit zu berichten wußten, so au» Ober'glogaua Zülz und anderen. Schon di« älteste Urkunde au» dem qahre 1126 berichtet bemerkenswertenoeise, daß die Juden dort, wo! sie zuerst erwähnt werden, al» Ackerbauer und Landwirte ihr Brot suchten, während sie sicher schon in de» vorangegangenen Jahrhunderten als wichtige Fgktoren für die" Vermittlung de» Handel» zwischen Osten und Westen zu gelten haben. Dies« Tcstsache ist um so wichtiger, als sie von einer Zeit erzählt, in der dl« deutsch« Besiedlung de« bisher slawischen Ostens noch hum begonnen hatte. Verfolgungen und andere Ursachen batten die Juden dann zeitweise au» Oberschlesien weggeführt, aber im 16. Jahrhundert wurde durch die nach Oberschlesien «inwandernben Juden äll das Gewerbe dort eingeführt, das sie bisher anderwärts betrieben hatten. So ufußten sie sich nützlich zu machen als Inhaber von Brennereien, Salzsiedereien, Ziegeleien und Eisenhämmern, und selbst Pottasche und Schießpulver wurde von ihnen hergestellt. So beziehen sie in den Diensten de» oberschlsischen Adels, der sie als fleißiges und betriebsames Element auf seinen Gütern willig aufnahm, die Dörfer Oberschlesicns. Die im ganzen Lande Zerstreuten versuchte man sogar im Jahre 1641 durch einen Juden iSalomon Mandel nicht nur in Oberschlesien, sondern in ganz Schlesien unter einem Judenprima» und Landevrabbjner zu einigen; ein Versuch, der Kleider nicht gelang. Als Friedrich der Groß« durch die schlesischen Krieg« Oberschlesien dem drandenburgisth-preußischen Staate angliederte, war er! mit den dort angetroffenen Judenverhältnissen nicht einverstanden. Seinen sozialen Anschauungen gemäß war jeder Stand für eine Berstfsart bestimmt, unb seiner Ansicht nach eie Juden nur für den Handel. Im Jahre 1774 sollten die Juden dieser Ansicht entsprechend bis auf wenige Ausnahmen die Dörfer verlassen und nstr in den Städten Handel betreiben. Die Verhältnisse »OTPrf stärker als der Wille eine» Menschen, und war es auch der eines so mächtigen Fürsten. Im Gegenteil — Friedrich der Grosße erkannte, daß. bei der Hebunz de» wirtschaftlichen Lebens nach dem Siebenjährigen Kriege und der Begründung vieler Industrien, eine Devölk«»>gsschicht wie die Juden nicht außer acht gelassen werden konnte. Name«ich bei der Begründung und Förderung der Lederindustrie erteilte die königlich preußische Breslauer Krieg»- und Domänenkammer manchem Iudejn die Konzession,! worüber die I»b«lschrist der Lederfabrik Haase in Rybstik (verfaßt von Db. Zivier, 1416) wertvolle» Material mitteilt. Diese Beteiligung der Jpden am Wirtschaftsleben Oberschlesiens, da» jc» bi» in, die Gegenwart Neben der Landwirtschaft hauptsächlich auf die Industrie ^eingestellt ist, zeigt sich in erhöhtem Maße dann in der zweiten Hälfte he» 14. Jahrhunderts, wo die Beteiligung jüdischer Industrieller an der Wirtschaftsentwicklung Oberschlesiens Zeugnis dafür ablcgte, daß jüdisch« Tüchtigkeit den wirtschaftlichen Fortschritt der deutschen Heimat zu fördern wußte und jüdischer Unternehmun.'kgeist und Kulturgedeihen des Vaterlandes eng verbunden sind. Die Oberschlesiennummer der „<£. D,-Zeitung"! vom 13. September 1924 weiß «u» der Hand de» Dr. Freund (Berlin, früher Gleiwih) Interessantes hiervon zu erzählen, wie bej der Schaffung der Eisenwerke, der Hütt/n, auf dem Gebiete de» Kohlenhandels, der Schaf ung der Schmalspurbahnen und vielem anderen die Juden in erster Reih« standen. Aber die Juden wußten nicht nur zu schaft m uüd da» von den Vätern Ererbte zu halten, sondern in bedrängter Zeit zeigten sie, daß bei dem Kampfe um die vberschlesische Erde nach dem W« Kriege die Juden in diesem Kampfe ihren Mann zu stehen wußten. Gar ma «he» könnte erzählt werden von der vertraulichen Arbeit, die während der! frtedensverhandluNgen und nacb dem Versailler Diktat im Ringen für die Abstimmung und in der Besatzung»- und Abstimistungszeit von Juden geleistet wurde. Wer es selbst miterlebt hat, wie ist den Abstimmungstagen von nah und fern die Juden heranströmten, in der Abstimmungszeit heute fast ausgestorbene Gemeinden sich durch die Menge der heranströmenden Abstimmungsberechtigten neu zu beleben schienen, der weiß! daß in den Herzen jener da» Dichterwort lebendig geworden war: „Ich bin geboren, deutsch zu fühlen, bin ganz auf deutscbes Denken eingestellt. Erst kommt mein Volk, dann all’ die anderen vielen, erst meine Heimast dann die Welt". Aber auch in dem nunmehr abgetretenen Ostoberschleswn weiß man, daß die Volksgenossen! jüdischen ©tauben» es in erster Reihe sind, die durch alle Widrigkeiten und Anfeindungen hindurch ihre Anhänglichkeit ans Deutschtum bewahren und mit diescm Freud und Leid teilen. Und wenn es auch nicht immer die Kopfzahl der jüdischen Deutschen ist, die hierbei ausschlaggebend ist, so doch ihre starte soziale Stellung und ihre vielfach führende Position sn vielen intellektuellen Berufen. So maNcbe deutsche Minderheitsschule in Ostoberfchiesien möchte in Frage gestellt sein, wenn nicht die Juden in dem Kampfe für die Erhaltung deurscher. Külturwerte in erster Linie stehen würden. Nur ein minimaler Ausschnitt aus der Geschichte der oberschlesichen Juden ist e», von denen diese Zeilen erzählen. Aber auch diese wenigen Tatsachen zeigen uNe, wie eng verbunden in dieser Ostmark lebendige» Judentum in den einzelnen Gemeinden ist mit der Pflege der von den Vätern ererbten deutschen Kuttur und deutschen Geistes. Diesen Zusammenhang weiter zu wahren soll dankbare Aufgabe der in dem Landesverband Oberschlesiens de» Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdiswen Glauben» geeinten Juden sein. Gründung einer Arheiterkoloni« für jüdische Durchwandere«. Am Sonntag, den 25. September, trat der gesamte Vorstandder Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, in Berlin N 24, Augustasträße 17, aus Einladung der Leipzig-Loge, Arndtstraße 1, unter Vorsitz von Herrn Eugen Caspar y-Berlin zusammen. Der Hauptpunkt der Tagesordnung war der Diskussion über die praktische Durchführung d«r seinerzeit von der Generalversammlung der Häuptstette bschlossenen Gründung einer jüdischen Arbeitsstätte für Durchwanderet auf landwirtschaftlich-gärtnerischer Basis gewidmet. Die Aussprache wurde durch ein einführende» Referat von Dr. Max Kreutzberge r-Berlin eröffnet, der noch einmal die Erfordernisse und die Notwendigkeit einer derartigen Gründung darlegte und weiterhin die vorhcmdenen sachlichen Gutachten erörterte. Die Vorschläge des engeren Dorstcmdes basierten insbesondere auf einem Gutachten, da» der Berliner Güterdirektor Dyk seinerzeit erstattet hatte, und da» durch Ausführungen von Pastor Braune, dem Geschäftsführer der Arbeicerkolonien der inneren Mission, ergänzt chorden war. Auf Grund dieser Gutachten war inj Aussicht genommen dev Ankauf eines Gutes von zirka 2000 Morgen, da» Beschäftigung der Wanderer in Landwirtschaft und Gärtnerei und di« Anlage einer Reihe von gewerblichen Nebenbetrieben gewährleisten würde. Die zum Ankauf notwendige Summe würde sich auf 20000p Mark belaufen, wobei noch 100 0()0 Mark notwendiges Betriebskapital hinzukämen An der Aussprache über dieses Projekt beteiligten sich alle anwesenden Vertreter des Reichsvorstondes. Dr. S t r a u »-München, Dr. Oppenh «i m-Mannh«im, Dr. Ollendörf f-Berlin, Dr. Stei n-Königsberg sprachen sich für die. Ergänzung de» vorliegenden Projektes durch Anregung und Unterstützung von gewerblichen produktiven FÜrsorgemaßnahmen innerhalb der Gemeinde selbst aus. Die Schwierigkeiten gewerblicher produktiver Fürsoraemahnahmen wurden durch S Adler- Ru d e.l-Derlin dargelegt.! > Auf Dorfcllcg von Dr Straus-München wurde einstimmig beschlossen, den engeren Vorstend mit der Durchführung des Projektes Nach bestimmten Richtlinien zu beauftragen. Der Vorstand beschäftigte sich des weiteren mit dem Etat der Hauptstelle, sowie mit einer Fülle technischer Fragen Schließlich wurde noch «ine Äandcrordnung für jüdische Durchwanderer beraten, die «ine einheitlich« Fürsorge für alle Durchwanderer innerhalb Deutschland» garantieren soll. Die' jüdische Zrau — as jüdische Hau« Unter diesem Titel veranstaltete die soziale Gruppe für erwerp^ tätige jüdisch« Frauen und Mädchen am 30. und 31. Oktober eine-Äusstellung im Kammermusiksaal des Konzerthauses. In außerordentlich wirkungsvoller Weise hatte es die künstlerische Leitung, die Herr! Prof. Dr. Grotte übernommen hatte, verstanden, die das religiöse Leben des jüdischen Hauses tragenden Feste und Bräuche zu lebendiger Anschauung zu bringen. Nicht Hausgerät aus Großvätertagen war zur leblosen Starrheit eines Museums vereistigt. sondern an festlich geschmückter Tafel, im Lichterglanz der Kerzen und vor duftenden Blumen fühlte sich der Brsuchet umsangen von dem heiligen Zauber und der religiösen Weihe des jüdischen Hauses. Innigkeit und Eigenart der jüdischen Feste grüßten uns von dem herrlichen Ledertisch, der wundervollen Sukkah, der besonders stimmungsvollen Nische, in der das Jom Kippurlicht brannte und die Sterbekleider des Hausherrn lagen. Merkwürdig geformte Bsomimbüchfen. Lhanukttchleuchter und Megilloth zeigten die Höhe des alt-jüdischen Kunsthandwerk«. < Der rege Besuch der Ausstellung bewies, daß dieser Weckruf an die jüdische Seele gehört uiid verstanden worden war. Wir bedauert, daß. die Ausstellung nur so kurze Zeit dauerte, und insbesondere, däß die Schulen n,cht rechtzeitig verständigt worden waren. Möchte es gellngen, dm Idee, die der Ausstellung zugrunde lag. zu ständiger Wirkchig zu brmgen. Dr. Albert Lewkowitz.

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