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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1927-04-08 · 4 (8.4.1927) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
4 (1927)
Issue
4 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Bretlsuer'Iüdksch«« Stmeiudeblatt Nr. 4 le Iudey geistig recht lebhaft angeregt. Man nahm Anteil den Zeitereignissen, die Schlesische Zeitung wurde inj einigen Häusern gelesen, hie und da fand sich ein Schilkerexemplar vor. Kurz, ein gewisses Streben nach neuzeitlicher Bildung machte fqth bereits geltend. Von alledem war in dieser meiner Breslchuer Umgebung auch nicht die mindeste Spur zu beimerken. Ae beiden ältesten Brüder konnten nur mühselig ihre Namen ist deutscher Schrift hinkritzeln.Ein dritter Bruder Dobias, von den Seinen aber beharrlich „Tobijus" genannt, hatte indessen bereits einen leisen Versuch gemacht, aus diesem Berptlppungszustand ein wenig herauszutreten. Er war im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern ein „Baal-Tenach", das heißt e^ trieb auch neben dem Talmud Bibelstudien. Er nahm die Aendelssohn'sche Uebersetzung zur Hand, das bedeutete aber ist seinen Augen keinen geringen Fortschritt. Es hieß bei ihm nicht mehr wie bei seinen Brüdern: „Der Tatsch (Deutsch) ist ansgerissen". So pflegten sie nämlich die rn jüdischer Kursivfdjrift unAr dem hebräischen Texte gedruckte deutsche Ueberse >ung spöttelnd zu bezeichnend Außerdem hatte aber dieser T »bias Falk schon einige Bekanntschaft init der deutschen Li ieratur gemacht. Er kannte den „Nathäit", den „Don Carlo Mendelssohn's „Phädon" und Schillers „Sendung M osis". Der herzensgute Mann war nicht wenig stolz auf di se seine Bildung, die zugleich für feine Porurteilungslosigke t in „weltlichen" Angelegenheiten Zeugnis oblegen sollte.! In seiner Orthodoxie stand er jedoch keinem seinerchlteren B iüder nach und in der „Sklower Schul" war er jeden Morgen m d jeden Abend mit der größten Gewissenhaftigkeit zur Stelle. D lese „Sklower Schul" in der „Goldene Rahegasse" war in jeiem Betrachte eine Merkwürdigkeit des damtaligen Äreslau. Sie lag wie alle Synagogen und Betstuben auf dem Hose. Eine schmale, sehr steile Treppe führte in das bescheidene, nach ältestem Brauche hergerichtete Gotteshaus. In der Mine Hand der Almemor, von dem aus die Wochenabschnitte aus der Thora oeslesen wurden. Diese „Schul" trug ihren Namen nach ihrem zründer, einem aus dem russischen Städtchen Sklgw eingewanderten Gelehrten, dessen Sohn Reb Iankel Sklower zu m«ner Zeit noch lebte und seinen Ehrensitz an der Misrach- (Ost)Wand, unmittelbar neben dem Aron ha kodefch (der heiligen Lade) innehatte. Den Kern dieser kleinen« auf der äußersten Rechten in der Orthodoxie stehenden Gemeinschaft bildete die in zahlreichen Zweigen verbreitet? Sippe Falk und ihrll religiös gleichgesinnter Anhang. In dieser kleinen, unscheinbaren, rabbisterlosen „Schul" jedoch konnte! man entnehmen, watz Andacht im Gebet sei: Und das nicht etwa bloß bei den Gottesdiensten an den großen Feiertagenj. Nein. Jedes Ml rgen-, jedes Abend-Gebet wurde in dieser Sklower Schul in einer Andachtsstimmung abgehalten, die tief in die Seele dr<jng. Das „Schema Jisroel", das „Selach" im Achtzehn- Gdiet, das „Alenu" wurde nicht in gewohnheitsgemäßer Abgestumpftheit hingesprochen: es rang sich mit wahrer Inbrunst aus dem inneren Gemüte empor. Niemals wieder habe ich in »neinem langen Leben derartig tief ergriffene Beter gesehen untz gehört, als eben in dieser „Sklower Schick". j * * * f Das Straßengewirr um den Karlsplatz herum, also die schstn, erwähnte Goldene Radegaffe, die Antonienstraße, die Siebenradebrücke, die Graupenstraße und die Karlftraße bildest n im wahren Wortsinne ein Judenviertel. Hier fand sich die ganze jüdische Kaufmannschaft, das Warengeschäft zusammen. Der Großhandel hatte seine Hauptstätten in der Karlstrage. Am Sabbat herrschte daher dazumal hier absolute Geschäftsstille. Das gleiche fast ausschließlich jüdische Aussehen zeigte sich auch in der Reusche- und in der Rikolaistraße. In diesem Stadtviertel bildeten aber wiederum einzelne riesige Häuserblocks, der Pokoyhof, die Fechtschule, in sich geschloffene Bauanlagen, in denen sich meistenteils jüdische kleine Handelsleute niedergelassen hatten. Das alles hatte einen fast familiäres Charakter. In jedem dieser „Höfe" befand sich ein Bethauss, in dem die daselbst wohnenden jüdischen Händler ihre Morgen- und Abendandachten verrichteten. Manches später zu hohem Ansehen gelangte Bankhaus, u. a. das Jacob Landau'sche, hat hier seinen unscheinbaren Stammsitz gehabt. All diese Breslauer Eigentüittlichkeiten sind indessen mit der später einsetzenden Entwickelung der schlesischen Hauptstadt spurlos verschwunden. Erhalten haben sich allerdings noch der Riembergshof und „der Storch", in dem schon damals die größte Synagoge Breslaus errichtet war: allein diese „Höfe" entbehrten gerade der charakteristischen Sonderart der oberr erwähnten. Diese letztgenannten trugen ein ungleich vornehmeres Aussehen zur Schau. In einem unansehnlichen Hause an der Graupen- und Wallstraßen Ecke waren sämtliche Verwaltungsräume der etwa, 12 000 Köpfe zählenden Gemeinde vereinigt. Hier waltete der Rendant Cohn in unerinüdlichem Fleiß« und gewissenhaft seines nicht gerade sehr angenehmen Amtes. Er< war ein allgemein gebildeter Mann, feinsinnig und überaus gütig. In seinem gastlichen Hause, das eine liebenswerte Gattin leitete, verkehrten viele jüdische Studenten sowie Hörer des dazumal neu errichteten Fränckel'schen Seminars. Er sorgte mit rührendem Eifer für diese zumeist nicht eben mit Glücksgütern gesegneten jungen Leute. Der Rendant Cohn hat manchen seiner Hausfreunde, die später in Aemter und Ansehen gelangten, über die Nöte des Lebens väterlich hiyweggeholfen. Das innere Gemeindeleben verlief damals in ruhigen Bahnen. Die sturmerfüllten Jahre während der ersten Amtszeit Abraham Geigers waren für immer dahin. Der große Reformator und Forscher hatte sich nach schwersten Prüfungen Raum zu schaffen verstanden. Seine zündende Beredsamkeit riß die zahlreichen Zuhörer in der „Storch"-Synagoge rhit sich fort. Geiger stand damals auf der Höhe seines Talents. Seine gewinnende Persönlichkeit verschaffte sich ebenso große Anhänglichkeit unter den Mitgliedern der Gemeinde, wie die Ergebnisse seiner weitschichtigen und tiefen Forschungen seinen Namen in der ganzen theologischen Gelehrtenwelt und wohl auch über deren Grenzen hinaus rühmlich bekannt machten. In Breslau hat Abraham Geiger das grundlegende Werk „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel" verfaßt, hier ist es auch im Berlage von Heinaster erschienen. Dieser Buchhändler glaubte damit eine Ehrenpflicht gegen den von ihm verehrten und oft so erbittert angegriffenen Gelehrten und Freund zu erfüllen. Der Gottesdienst m der „Storch'-Synagoge erregte damals noch vielfach sehr großes Aufsehen und nicht bloß in jüdischen Kreisen. War hoch die Sache noch verhältnismäßig neu. Aeußerlich war derjnoch bis vor kurzem so erbittert geführte Kampf ja wohl als endgültig abgeschlossen anzusehen, aber die innerliche Erregung der Gemüter zitterte noch immer* nach: es war wie ein unter der Asche glimmendes Feuer. Kein einheimischer Orthodoxer hat jemals die Schwelle des Geigerschen Gotteshauses betreten. Wohl aber wurde diese Synagoge an Sabbaten und Feiertagen sehr viel von den in Breslau weilenden auswärtigen jüdischen Kaufleuten ausgesucht. Sie war eben noch ein Gegenstand der Neugierde, die eben befriedigt sein wollte. Wielaber auch immer die religiöse Stimmung beschaffen sein mochte, sobald der Kantor Deutsch seine herrliche, etwas baritonaf gefärbte Stimme erklingen ließ, da lauschte jeder den wundersam ergreifenden Tönen, die der Kehle des, man darf wohl sagest, auffallend zierlichen Mannes entströmte. Geigers Predigt und Deutfch's Gebetsvortrag, das waren die beiden mächtig wirkenden Anziehungskräfte, die nicht wenig zur Verbreitung des Rufes der „Storch "-Synagoge Breslaus in der ganzen deuffchen Iudenheit beitrugen. Räumlich nicht weit von ihr entfernt, nämlich in der Antonienfttaße, aber im Welsen weltenweit von ihr geschieden, befand sich — und befistdet sich' noch jetzt, die sogenannte „Tempel"-Schul der altjen, eigentlichen jüdischen Gemeinde Areslaus. Hier waltete Gedaljah Tiktin in alter Weise seines Amtes als Rabbiner. Er war der Dritte und Letzte in der Breslauer Rabbiner Dynastie Tiktin. Sein Großvater Abraham war von Glogau her nach der schlesischen Haupfftadt berufen worden: nach dessen Ableben folgte ihm sein Sohn Salomon und diesem Gedaljah. War der Bater ein rücksichtsloser, heißblütiger Fanatiker, so erwies sich der Sohn als ein geschmeidiger, sich den Umständen anpassender Diplomat, der indessen

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