Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 2 (21.2.1927)
- Date
- 1927-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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20 £örc#l«ntr Ißbische» 9<aiciab<ll«tt Nr. 2 1* cmpr Punkt verban-stagung ■er Verband der Synagogcngcmeindcck in den Bezirken Breslau und 2ieg,lttz dielt am Sonntag, den 25. v. M., vormittags 10 Abr, im Repräsentanten-Sitzungssaalc zu Breslau eine Tagung ab, die von den Anjchlußgcmcntden scbr zablrcicb beschickt war. Der preußische Landesverband war durebsDr. freund und Prof. Türk auf ihr vertreten. Der einzige Punkt gcsordnimg war die Gründung von Iweckverbändcn. Der Vorsitzende, at Hirfcbberg-Vrcslau, begrüßte die Erschienenen, aucb den Vertreter erschlcsischcn Gemeinßcbundcs, Rabbiner Dr. Kaatz-Hindenburg, und l die geschäftliche Abwicklung so, daß in der großen Versammlung ßen Gesichtspunkte erörtert würden und dann die örtlich zusammendcn Gruppen in Londcrrcrbandlungcn einträten, wie die Gesichtsverunrkllcbt werden könnten. Dr. Freund betonte in seinen Ausrübrutlgcn, daß der Verfall in den kleinen Gemeinden schon einen hohen Grad Erreicht habe, und daß Besserung cintrcten müsse, wenn eine Katastrophe oerniftden werden sollte. Er belegte seine Ausführungen mit Zahlen. Da die Gemeinden sich nicht selbst helfen könnten, so müßte ein Zusammcnfchlußä lcistungsunfähiger Gemeinden hcrbeigeführt werden. Der Lastenträgem müßte der preußische Landesverband fein, der nicht versagen werde, wennchic Voraussetzungen dafür geschaffen würden. Da der Landesverband mit Mitteln des Staates arbeite,, so müßten die Grundsätze des Staates bevcrdcn. Mit Berücksichtigung seiner sämtlichen Tätigkeit mühte ein ndebeamter 28 Wochenstunden erfüllen, um ein? ausreichende Deg beanspruchen zu können, die bei der momentan schwachen Leistung»- it des Landesverbandes die siebente Gehaltsstufe Noch nicht völlig er- Wcnn die Gemeinden ihre Pflicht täten, würde auch der Landesverband.nicht kleinlich sein. Alsdann äußerte sich eine Anzahl Gemeindcdelegiertc je nach der Lage ihrer Gemeinden teils für, teils gegen die Bildung von Äweckoerdändc». Insbesondere wünschte man, daß Filialgcmeinden von iarcn Hauptgcmcindcn, mit denen sie manchmal schon viele Jahrzehnte verbunden w pen, nicht getrennt würden. Ihnen erwiderte Gemeinderabbimer Tr. Vogclstcin-Drcslau, daß der Derbandsausschuß nur Vorschläge geinacht habe, die in jedem Falle geändert werden könnten, lieber Einzelbeitem müßte verhandelt werden. Es sei-für das Judentum gleich unwürdig, Hungcngehälter zu zahlen und ungeeignete Elemente als Gemeindebeamte anzustallen. In seinem Schlußworte widerlegte Dr. Freund die Bedenken, die gegen die Gründung von Ziveckverbändcn vorgetragen worden waren. Die Aage des Gottesdienstes an Sabbaten und Feiertagen sei vielleicht so zuföscn. daß jüngere Herren aus den Gemeinden zur Stellvertretung cbeterberuf sich in der Drovinzialhauptstadt ousoildcn ließen. Wo unktionäre verbanden wären, sollten sie natürlicb nicht auf die Straße verdcn, viclmcbr ihre Versetzung ins Auge gefaßt werden. Bei alter) nken Ftmktionärcn müßte der Landesverband die Lasten übernehmen. In d Autonomie der Gemciilden solle in keiner Weise eingegriffen werden? tcressc des Judentums sollten ungeeignete Funktionäre lieber nicht igt werde». Zur Frage des Aachwuchses übergehend, wies er darauf ß der Stand des jüdischen Kultusbeamten so gehohen werden müßte, erstrebenswert werde. Das Ziel des Landesverbandes wäre auch richtung ton Rabbinerbezirken, so daß jede Gemeinde ihre» Rabbiner Aach einem einfachen Frübstück traten die örtlich zftsamnienbängendcn n in Sotiderocrbandlungen ein. j Fr. folgt Gern ioldu fäb'igl reictie die Ei batte. 0'kUP hofft, daß auch die Breslauer Juden ihr paritätisches Werk des Aufbaues, der Berufsumschichtung und der sozialen Hilfe nach wirtschaftlichen Grundsätzen durch Spenden (Annahme beim Bankhaus Wallenberg, Pachaly & Co.) und Beitritt tatkräftig unterstützen werden. Das Breslauer Aktionskomitee, bestehend aus den Herren: Geh. Iustizrat Leo Goldfeld, Landgerichtsdir. i. R-, Vorsitzender,' Rechtsanwalt Jacobson, Vize-Vorsitzender,- Erich Bayer, Schriftführer,- Arthur Fabisch, Finanzsekrctär; Dernh. Graetz; Emil Grünpeter, M. Grünberg,' Frau Prof. Guttmann; Geh. Iustizrat Dr. Heilberg: Iustizrat Hirschberg; Gem.-Rabb. Dr. Hoffman»: Wilh. Ksber; Dozent Dr. Lewkowitz; Reg.-Rat Dr. I. Marcus: Frqu Iustizrat Ollendorf: Iustizrat Peiser; Rabb. Dr. Sänger,- Dr. Schachtel; Rabb. Dr. Simonsohn; Gen- Konsul Smoschewer; R.-A. Dr. Tarnowski; Ing. Unikower; Gem.-Rabb. Dr. Dogelstein; Johannes Wilhelm, steht zu jeder weiteren Auskunft über die Aufgaben und die Tätigkeit der „Ott"-Gesellschaft gern zur Verfügung. Anfang März 1927 wird der bekannte Dr. A. Singalcwski in einem Vortrag über die neue jüd. Kolonisation in Rußland und die allgemeine Lage der Juden in Rußl^id interessante Einblicke über ein Teilgebiet der Wirksamkeit des „Ort" vermitteln. Die jüdische Volkshochschule eröfsnete ihr 16. Halbsemester am 16. Januar 1927 mit dein Bortrag von Dr. Lion-Feuchtwanger: „Aus eigenen Werken". Der bekannte Bersasser des Buches .Lud Süß", „Margarete Maultasch, Herzogin von Tirol" und anderer Romane, erörterte zunächst, was ihn an der historische» Persönlichkeit des Jud Süß interessiert habe. Denn an sich handle es sich um einen jüdischen Finanzmann und Hosjuden, wie sie im Mittel alter nicht selten an den Häfen zu finden waren und sich oft große Der dienste für die Finanzen Ihres Staates, bisweilen auch für sich selbst erwarben. Auch das tragilche Ende des Jud Süß sei nichts Besonderes bei derartigen Hosjuden. Aber nach der Bemerkung eines Biographen sei Süß als überzeugter Jude gestorben, obgleich er sein Leben durch die Taufe hätte retten können. Dies gab ihm Anlaß zu der dichterischen Eingebung, wie sich sein Schicksal unter den damals herrschenden Gewalten und Anschauungen als Mittler zwischen den östlichen und westlichen Menschen gestaltet haben könnte. Es sei interessant, daß vieles seiner dichterischen Erfindung durch die neueren Biographien, insbesondere durch die aktenmäßige Darstellung von Elwenspoek, bestätigt worden sei. Der Bersasser trug hierauf jenes Kapitel aus seinem Roman „Jud Süß" vor. das den Urheber des Märchen vom Ehlinger Ritualmord schilderte. Mit großer Gestaltungskraft brachte hieraus das bekannte Mitglied unseres Lobetheaters, Herr Julius Arnfeldt. zwei weitere Kapitel aus diesen« Roman zum Vortrag, besonders anschaulich, wie die Furcht und die Angst vor den Folgen des hinterlistig ausgebrachten Ritualmordmärchens die Judenschaft zunächst des engeren Gebietes und schließlich ganz Deutsch lands befällt und sie vor Schrecken lähmt, sowie mit erschütternder Kiinsi das Ende des Romanhelden, jenes Kapitel von den Vorbereitungen und der Exekution der Todesstrase am Galgen und die rührende Pietät seiner Glaubensgenossen, die alle Wachsamkeit der öffentlichen Gewalten zunichte macht, um den Leichnam den Aasgeiern menschlicher und tierischer Gestalt zu entziehen und ihm ein würdiges religiöses Begräbnis zu verschaffen. Lebhafter Beifall dankte dem Dichter und seinem künstlerischen Interpreten. R. „D rt" Gefellf^afe zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter , den Juden, Abt. Deutschland E. Berlin W 57, Piitowstr. SH.?ic im Iabrc 1380 gegründete „Ort"-Gcsellschaft, an deren Spitz« i,ch na «hafte Vertreter aller Partei- und Geistcsrichtungen des deutscher Judentums stellten, hat im Laufe der letzten Jahre auch in Deutschland idrc Il ce, — die Wiederbelebung jüdischer Massen durch produktive Arbeit, die soz alc Ilmstellung wirtschaftlich haltloser Elemente in Handwerker und Landa« beiter, die Hebung der Qualität und des Ansehens jüdischer Arbeit, — «um G, me ingut weiter Kreise der jüdischen Bevölkerung Deutschlands gemacht. Zer „Öri"-Vcrband unterhält zurzeit 77 Fachanstalten mit 89 Lehrwerkstä tcn, in denen it» Laufe des Jahres 1926 über 5000 Schüler ihre fachlich: Ausbildung erhalten haben. Der „Ort" hat zahlreiche praktische Kurse f lr Erwacbsenc und Handwerker, eine Schneiderlehrwerkstätte in Berlin, ein Teibnikum in Dilng, eine Lehrstelle für mechanisch« Weberei in Lodz, eine A usterwerkstättc für Kunjtmöbel in Warschau sowie zahlreiche andere Anstalt m, in deycn jüdiscbe Jugendliche und Erwachsene zu Handwerkern bcrangl bildet werden, gegründet.? — Mittels der in Berlin befindlichen Zentra-Einkaufsstellc hat der „Ort"-Derband Tausende jüdischer Handwerker-Familien mit Mascbinen und Werkzeugen auf Kredit versehen. 7 on grundlegender Bedeutung für die Gesundung des jüdischen Wirtjchaftsl:bcns ist auch die Tätigkeit des „Ort" auf dem Gebiete der jüdischeir Landw rtschaft. Der „Ort" fördert die landwirtschaftliche Entwicklung unter den Iu >en durcb finanzielle und agronomische Unterstützung, leiht den jüdischen Kolonis len Saatgut aus» unterstützt sie durch Zuweisung von lebendem und rotem i Inventar und läßt ihnen durch Fachleute wertvolle Anweisungen und Ratscht ige angedeibcn. 10 000 jüdische ÄckrrbaufamilieN in Rußland und der Uü aine, 5000 in Polen, Litauen und Bessaradien haben im Laufe des letzten' Zahres die landwirtschaftliche Hilfe des „Ort" genossen. — A achdem die aktionsfähige und würdige Vertretung der Gesellschaft ..Ort", Abt. Deutschland in Berlin geschaffen wurde, gilt es, die Bestrebungen des „Ort" in immer weitere Schichten der jüdischen Bevölkerung Deutschland» j u tragen. A lehr denn je ist die Gesellschaft auf die Unterstützung wohlwollender Fördert r aus alten Kreisen der jüdischen Bevölkerung angewiesen, und sie > Kredite für wohlfahrtsanstalten. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen ' Juden macht heute nochmals darauf aufmerksam, daß die Reichsversicherungsanstalt sür Ange stellte ihr bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt hat, die in Darlehns form den ihr angeschlossenen Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge für Erwachsene und Jugendlich,«, sowie Lehrlingsheimen und Altersheimen zugute kommen sollen.' Die Zentralwohlfahrtsstelle ist daher in der Lage, diesen Heimen hypothekarische Kredite zu nachstehenden Bedingungen zu verschaffen: Die Kredite sind mit 6 % bei netto 98 proz. Auszahlung verzinslich. Die Darlehen werden für unbestimmt^ Zeit gegeben und können jederzeit von beiden Seiten mit neunmonatlicher Frist gekündigt werde», jedoch frühestens nach Ablcjuf von. 3 Jahren. Die Beleihungsgrenze beträgt etwa 20 % des Friedenswertes von Grund und Boden nebst den ausstehenden Gebäuden der Pfandgrundstücke. Unberücksichtigt bei der Einschätzung bleibt der Wert der inneren Einrichtung. Die Reichsocrsicherungsanstalt kann unter Umständen unter Beibringung der selbst, schuldnerischen Bürgschaft einer Synagogengemeinde oder dergl. eine höhere Beleihung (bis zu etwa 30—35 %) gewähren. Die Zentralwohlfahrtsstelle rät dringend diese Kreditmöglichkeit auszunutzen und sich mit ihren, Büro, Oranienburger Straße 13/14, wegen einer Kreditaufnahme in Verbindung zu setzen. Die golden« Hochzeit . Böhm, Moritzstraße 2, n, langjährige Gemeindejaft und in der Gemeinde erfreuen. Wir wünschen ihnen noch viele Jahre weiteren Eheglücks. feiern am 7. März 1927 der Kaufmann D a v i i und seine Gattin Eva geb. Karfunkel st ei Mitglieder, die sich in der hiesigen Kaufmannsä großen Ansehens und allgemeiner Beliebtheit Den so. Geburtstag feiert am 11. März Frau CH arlotte Barten st ein, Wallstraße 25, in seltener Rüstigkeit. Wir wünschen ihr einend langen, gesunden Lebensabend.