Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 9 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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126 Dr«6l«««r Jüdische« @cntclnbcM«<l Nr. 9 HÜ t Steine and ihre Schicksale.', > (Ein neuaufgesundener Breslauer Grabstein) Don Seminardozent Dr. 8. Rabin - * * Ueber die Herkunft wie über das Leben und Wirken der ersten jüdischen Siedler in Schlesien sind nur einige spärliche Nachrichten auf uns gekommen. Auch von den Schicksalen der ältesten Niederlassung der Juden in Breslau ist nur wenig bekannt, Immerhin ist es sicher, daß wenigstens in der Umgebung Breslaus Juden bereits im l2. Jahrhundert festen Fuß gefaßt hatten. Ihre Zahl war wohl nicht unbeträchtlich und ibre Lebenslage günstig. Noch verhältnismäßig frei in der Berufswahl, nahmen mehrere Juden auch als größere Grundbesitzer innerhalb der einfach-bäuerlichen ursprünglich slawischen Bevölkerung Schlesiens eine gesicherte wirtschaftliche Stellung ein. Nach der Annahme Markgrafs^), eines gründlichen GHorschers der Breslauer Lokalgeschichte, ist es auch wohl möglich, „dah Juden in dem alten polnischen Breslau noch früher als Deutsche nicht nur um des Handels willen sich aufgehalten haben, sondern auch ansässig gewesen sind". Heber den genauen Zeitpunkt der Niederlassung einzelner Juden in Breslau, insbesondere über ihren Zusammenschluß zu einer organisierten Gemeinschaft, fehlen indes jegliche Urkunden. Nur aus den Inschriften aufgefundener Grabsteine lassen sich daraus Schlüsse ziehen. Jedoch auch die Grabdenkmäler der Toten wurden nicht von dem harten Schicksal verschont, das die Juden Breslaus heimsuchte, denen im neuen, nach dem Mongolenbrand 1241 germanisierten Breslau kaum ein Jahrhundert ftiedlichen Bleibens gegönnt war. Dev Befehl König Johanns von Böhmen, ddr im Fahre 1345 aus immer noch ungeklärten Motiven die Wegschaffung „aller Grabsteine vom Friedhof der Juden" anordnete und sie dem Breslauer Rat zu Bau- und Pfkasterungszwecken überließt, verletzte nicht' nur die Juden jener Zeit in ihren heiligsten Gefühlen, er ver- > wischte «uch das Bild des Lebens ihrer Vorfahren für die späteren Generationen. . . t Don der großen Menge der damals von heiliger Stätte entfernten Grabsteine ist nur eine kleine Zahl in den letzten zwei Jahrhunderten (1716/18/99, 1848, 1917/24) wieder aufgesunden worden, und von den aufgefundenen Steinen hat ein tückischer Zufall viele zerstört*).- Allerdings sind von einet Anzahl der wieder verloren gegangenen Steine mehr odervertiger zuverlässige Lesungen der Inschriften erhalten*). Brann gibt in seiner Darstellung Breslauer Grabschriften als letzte (Nr. 26) die Beschreibung eines Grabsteins, der „ehemals im Hofe des Hauses Herrenstrahe 5 lag" und bemerkt dazu: „Schon die Graf Hoverden^fche Sammlung von Grabdenkmälern, I, fol. 5, kannte ihn nur in drei Bruchstücken. Jetzt ist er in eine noch größere Anzahl von Fragmenten zerfallen und befindet sich im Besitz des Kranken-, Derpflegungs- und Dctsrdigungsvereins." Braun gibt folgende Lesung: [Dipin rvhn jru pns n cm bv D.TCK “121 .... ircw: 'X'll .ipiwri j tra. .s - J •„ VH . . . . K.T . . . : . 93011 einer Uebcrnähme dieses von Brann erwähnten Steines ist der I. K. D. A. nichts bekannt. Ei^ glücklicher Zufall wollte es, daß der Stein nun von neuem entdeckt worden ist. *) Hermann JRjrfgraf: Kleine Schriften zur Geschichte Schlesiens und Breslaus. Breslau 1915. S. 176. > *) jiarübcr berichten Karn, Breslauer Urtundenbuch, Markgraf a. a. O., Oelsner, Schlesische Juden im Mittelalter, Brann in den nachstehend angcfübrteJ Schriften und zuletzt Lewin in Geschichte der 8sr. KrankenverpfleguNgsanitalt zu Breslau. *) ®. Brann: Alte jüdische Grabsteine in Schlesien. (Iahrb. z. Beehrung und Unterhaltung, 8ahrg. XXXVII (1889), S. 6 ff. Im Herbst 1924 wurde der Vorstand der Synagogengemeinde Bteslau auf die im Hofe Herrenstrahe 5 (Ring 6) befindlichen Teile eines Grabsteins.aufmerksam gemacht. Die Fragmente wurden nach dem Friedhof Lohestraße gebracht und sind dort nach meinen Angaben zusammengefügt und eingemauert worden. >-*3. Die oberen drei Zeilen lauten in Uebersetzung: Dieses Grabmal ist errichtet zu Häupten des R. Aharon des Sohnes des R. Abraham, der versammelt wach ^in seine Ewigkeit einging). Die ersten beiden Worte sind II. Kön. 23,17 entnommen. Diese Anfangsformel findet sich auf vielen Grabschriften. An dem dritten Worte der ersten Zeile ist der Buchstabe p noch gut zu lesen. Der Buchstabe Q ist die selbstverständliche Ergänzung. Auf der zweiten Zeile ift der erste Buchstabe 2 nur teilweise erhalten. Der letzte mit Sicherheit zu ergänzende Buchstabe s fehlt. In der dritten ZeilS fehlt der erste Buchstabe 2 und der letzte «1. Die drei ersten Zeilen sind vollkommen identisch mit den drei Zeilen der von Brann angeführten Inschrift. Völlig abweichend jedoch von der aus dem Original sich klar ergebenden Lesung ist seine Deutung d^r weiter erhaltenen vierten Zeile. Mit voller Sicherheit ist sestzustellen, dah am Anfang der vierten Zeile drei Buchstabest fehlen. Es können nur die Buchstaben iE*? gewesen sein. Zusammen mit den folgenden drei Buchstaben ergibt sich das Wort löblS1?*). *1 Lesungen und Uebersetzungen stammen von Pagendarm (1716, s. Hs. 598 der Stadtbibl.), von Goslar, (1799), von Sal. Nissen, der im 8ahrb. des Liebermann'schen Deutschen Dolkskalenders (1856 S. 22 ff.) die Entzifferung von 1b Grabsteinen gab, und von Brann, der 2 Grabschristen aus der Hoverden'jchen Sammlung und Z später aufgefundene veröffentlichte, s. Brann: Geschichte der Juden in Schlesien, Heft I, Anh. II, S. VII 13. *) Der Mitarbeiter der Briesl. Zeitung, Herr Manasse, hat dem Synagogenvorstand davon Kenntnis gegeben. Nach zuverlässiger Mitteilung war der Stein an der Fundstätte jahrzehntelang zu sehen. *) Die gewöhnliche Formel in Grabschriften ist sonst "fjSW oder l'LV Vit bzw wvp, s. Breslauer Grabschriften 4 und 10. Die drei Buchstaben isv sind aber deutlich sichtbar und stehen hart beieinander. Sie können also nur den zweiten Teil des von mir angegebenen Wortes! bilden.