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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1926-09-22 · 9 (22.9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
3 (1926)
Issue
9 (22.9.1926)
Date
1926-09-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Breslauer Mößches Gemeinöeblatt Amtliches Blatt der Synagogengemeinde zu Breslau Schriftleitung:, DerwaltungSk l Verlag: Büro der Sgnagoger lreftor Dr. Rechnitz Breslau, WaWraße 9 I Druck und Anzeigen-Annahme: Druckerei Th. Schatzlg Aktiengesellschaft gemeinde, Breslau. TSaNstr. 9 / Tel. R. 1612 I Breslau 3. Neue Graupenstratze Nr. 7 / Fernsprecher Ring! 8331 u. 8332 3 Intrigcnfento: sie 6 gd>. 3nunnwtn-3HIc oicr deren'Raum U Mg. — Bel laufenden Aufträgen Radau.! Für die unter dem Namen k eS DersafferS erscheinenden Artikel und die Dereinsnachrichten llbernehmen wlr nur die pressegesetzliche Beantwortung 3. Sah«-! L- 22. September 1926 Vtr.9 Manuel ^oel. In gottesdienstlicher Feier begeht unsere Gemeinde am ersten Tag^ des Hütten estes in dankbarer Erinnerung den. hundertsten! Geburtstag Manuel Joels, der über ein Vierteljahrhundert eine vielseitize, segensreiche Wirksamkeit als Gemeinderabbiner hier entfaltet hat, Ein Gelehrter von tiefgründigem Wissen und streng wissenschaftlicher Methode, ein Prediger, der weit über Breslau hinaus als Meister der Beredsamkeit gekannt und gefeiert war, eine Persönlichkeit von einem eigeyartigen Zauber, ein Mann, der Klarheit und Bestimmtheit | der Anschauu rtg stnd des Urteils mit Milde und Güte verbqnd und mit fe nem Humor und Sarkasmus manche Schärfe zu^beseitigen wüste: So steht das Bild dieses Mannes in der Erinnerung derjenigen, die ihn gekannt, ihn gehört, von ihm gelernt haben. . Am lj9. Oktober 1826, in den Tagen des Laubhüttenfestes, ist Manuel Joel a s der Sohn des Rabbiners in Birnbaum geboren. Nach privater Borbereitung jmd dem Besuche des Gymnasiums zu Pvsen studierte er in Berlin klassische Philologie!und Philosophie, bestand die Prüfung pro lacultate ciocenüi und promovierte in. Halle. Gleichzeitig betrieb er seine theolpgische Ausbildung. Seine Studien waren gerade abgeschlossen, als das husige jüdisch-theologische Seminar errichtet wurde, an das er «inen Ruf zunächst als Lehrer für die Gymnasialfächer erhielt. Sehr bald erweiterte sich seine Tätigkeit. Sein Lehrauftrag lautete auf Religionsphilosophie, und zwar Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie und frjftematifd ie Religionsphilosophie. Zn diesen Fächern kamstne Homiletik, Theorie und Hebungen hinzu zmd die Aufgabe, durch eigene Predigten in der Seminarsynagoge nicht nur die Besucher des Gottesdienstes zu erbauen, sondern auch den studierenden Theologen Hörbild und Muster zu geben. Es ist der Reiz dieses Persönlichkeit gewesen, der die stille Arbeit des Hochschullehrers über den engen Kreise hinaus wirksamstem ließ. Schon danials waren Joels Predigten berühmt und wurde die Bedeutung seiner Persönlichkeit erkannt. Als im Somcher 1863 Abraham Geiger der Berufung zum Rabbiner Ifeiner Heimatgemeinde Frankfurt a. Main folgte, richteten sich die Blicke der 'hiesigen Gemeinde auf Joel als den in jeder Hinsicht würdigen Nachfolger des großen Mannes, der mehr äls dreiundzwayzig Jahre eine reiche und gesegnete Tätigkeit dier entfaltet hatte. Zu Beginn des Jahres 1864 trat er das Amt an und hat bis zu seinem Tode (am 1. November 1890) hier als Rabbiner gewirkt, getragen von der einmütigen Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde ohne Unterschied der Richtung. Den glänzenden Prediger suchte kurze Zeit darauf nach Michael Sachs' Tode die Berliner Gemeinde für sich zu gewinnen, wiederholt wurde er zur Beisetzung hervorragender Persönlichkeiten nach Berlin berufen, aber er hatte hier in Breslau in kürzester Zeit so fest Wurzel gefaßt, daß er das- Anerbieten Berlins.ablehnte. Seine Haltung in religiösen Fragen war nicht die gleiche w e die seines Vorgängers Geiger. War dieser der Vertreter und'! Vorkämpferdes entschiedenen religiösen Liberalismus, so war Joel mehr dem Standpunkt der sogeyannten Dermittelungstheologie zu« geneigt, und in den ersten Jahren seiner rabbinischen Tätigkeit traten diese Differenzen zwischen Geiger und. ihm mehr zutage. Aber seine Grundanschauung war durchaus religips liberal, freilich ohne jede Schärfe, vielmehr.stets auf Ausgleich und Versöhnung gerichtet. Die Zeit der Kämpfe, die in den vierziger Jahren unsere Gemeinde zerrisien hätten, war ohnehin vorüber. Es galt nun, das. Geschaffene festzuhalten und in ruhiger Arbeit positiv aufzubauen. Es war eine Zeit, in der religiöses Leben und religiöse Anschauung durch die ganze geistige Einstellung der damaligen Menschen stark gefährdet war. Nur mit einem gewiffen Schauder können wir an die Oede der siebziger und achtziger Jahre zurückdenken. Es gehört» die ganze Kraft einer groß angelegten, tief religiösen, geisttg hochstehenden und geistig freien Persönlichkeit dazu, um in! dem rabbinischen Amt eine wertvolle Wirksamkeit auszuüöen. Das hat Joel vermocht, hat durch seine Reden die Menschen gefesselt und zum Judentum geführt und als Lehrer und in feinem sonstigen Wirken durch seine starke Persönlichkeit Religion und religiöses Berständnis gefördert. Unter seinen Berufsgenossen war er hoch angesehen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie haben neue Gebiete »erschlossen und>muf anderen neue Kenntnisse geschaffen. Sein kleines zweibändiges Merkchen „Blicke in die Religionsgeschichte zu Anfarig des 2. christlichen Jahrhunderts" ist txotz der Fülle neuen Stoffs, der seither zu unserer Kenntnis gekommen ist,' noch heut« von großem Werte, bietet eine Fälle von Anregungen und neuen Gesichtspunkten. Ganz besonders aber ist er als einer bei hervorragendsten Kanzelredner berühmt. Er war von Natur nicht mit glänzenden äußeren Gaben des Redners ausgestattet, aber er zwang seine Hörer sofort in seinen Bann. zDas Gehestnnis seiner rednerischen Wirkung war der Reichtum sind die Klarheit der Gedanken und des Aufbaus seiner Predigten, die Einfachheit und dabei Vornehmheit seiner Sprache. Er sprach ohne jede Künstelei, mit einer unnachahmlichen Schlichtheit in Haltung und Bortragsweise, und bei aller Gemütstiefe wendete sich feine Rede in erster Reihe an den Verstand der Hörer. Und das war die Kraft seiner Rede, daß der Hörer das Empfinden, hatte, daß hinter jedem Worte des Predigers die ganze tiefreligiöse, durch und durch wahrhafte Persönlichkeit des Mannes stand. Stil und Redeweise unserer Zeit weichen vielfach von d»r Art ab, in der Joel gepredigt hat, aber auch heute noch sinh seine Predigten Muster und Borbild füt seden, der es versteht und vermag, von großen Vorbildern zu lsrner. Noch sind in unserer Gemeinde viel!, die seine Predigten gehört und seinen Unterricht genossen hqben, noch ist die Erinnerung lebendig. Aber sie soll lebendig gehalten werden auch für kommende Geschlechter. i Gem.»Rab7 Dr. Bogelstestn.

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