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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1926-08-27 · 8 (27.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
3 (1926)
Issue
8 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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110 BmUitr Jüdische« S««ei»dfdl«tl Nr. 8 Sodann nahm Herr Primärarzt, Geh. Sanitätstat Dr. Moritz Rosen stein das Wort zu seiner Festrede. In großen Zügen schildert der Redner di t, Entwicklungsgeschichte der Lhewra-Kadischa zu Breslau. Wenn es auch als feststehend zu betrachten sek, daß die im Mittelalter in DrKlau lebenden Juden sich der Pflege vor . armen Kranken stets gewidmet haben, so sind doch urkundliche Belege hierfür nicht vorhanden. Der geschichtliche Nachweis über die jüdksche Krankenpflege in Breslau läßt sich nur bis zur Gründung unserer Israelitischen Kranken-Verpfle jungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft (Chewra-Kadischa), die in dad Jahr 1726 fällt, zurück führen. Ungeachtet c llet Bedrückungen und Leiden, der die Breslauer Juden in sicheren Jahrhunderten und auch noch um die Zeit der Grü, düng unserer Ehewra- Kadischa im Anfänge des achtzehnten Jahrhunderts aUsgesetzt waren, haben sie getreu den Grundsätze» der jüdischen Religion stets die Fürsorge für arme Kranke uad die Betätigung, der Liebesdienste für Verstorbene als heilictz Aufgaben betrachtet. Wie besonders chichtig der Breslauer »ludenschast diese Werke der Nächstenliebe erschienen sind, geht! äraus hervor, daß noch bevor es zur Wßederbegründung einer Religionsgemeinde in Breslau kam, hervorragende Juden sich in der heiligen Brüderschaft der Chewra-Kadischa vereinig en. Die Mitglieder dieser Brüderschaft warey sehr exklusst, da nur solche Juden ausgenommen wurden, die sich eines streng religiösen und in jeder Beziehung tadelsfreien Lebenswandels befleißigten. Hingebungsvoll widmeten sich von der Gründungszeit an die. Mitglieder der Ehewra-Kadischa.ihren I »eiligen Pflichten. Die ersten .Statuten! der Gesellschaft sind nicht mehr vorhanden und nur die im Jahre 1760 verfaßten Statuten in hebräischer Sprache, die astch die Genehmigung der Behörde fanden, liegen vor. Herr Geheimrat Rosenste n schildert sodann eingehend das große Werk der Nächftenlirbe, das von den Mitgliedern der Lhewra-Kadischa, mit emsigem Fleiß und opferwilliger Hilfeleistung innerhalb der jüdischen Gemeinde Breslaus nach und nach aufgebaut würde. Er berichtet, wie die Pflege der Kranken zuerst in gemieteten Räumen stattfand unchwies darauf hin, daß erst nach der Einverleibung Schlesiens in Preußen auch den Breslauer Juden >ie Morgenröte besserer Zeiten aufging. Mit Erlaubnis der Preußischen Regierung konnte die Lhewra-Kadischa im Jahre! 1760 das erste jüdische Hospital in Breslau errichten, das im Lahre 1788 durch einen Amt und' Anbau vergrößert wurde und dem im Jahre 1820 cinej Filialanstall angegliedert werden mußte. Die wachsende Beliebtheit des jüdischen Hospitals in Breslau zeigte sich in den! sich fortgesetzt steigernden Aufnahmegesuchen, die schon nach verhältnisniäßig kurzer Zeit immer wieder das Bedürfnis zur Vergrößerung der Unterbringungsmöglichkeit von Kranken auftümmen lieft Auch die hingebungsvolle Tätigkeit der Chewra-Kadischa auf dem Gebiete des Beerdigungswesens, sowie das aufopferungsvolle Wirken der Achtzehnmänner- Dereinigung würde von dem Festredner eingehend geschildert. Lin Merkstein in der Entwicklungsgeschichte der Humanitären Gesellschaft bildete die Errichtung des Fraenckelschen Hospitals im Jahre 1*41, die der hochherzigen Stiftung der Gebrüder David und Jonas Fraenckel zu verdanken war.. Aber auch diese für die damalige Zeit vollkommene' Krankenanstalt konnte den fortschreitende,» Bedürfnissen und den Forderungen der modernen Wissenschaft und Hygiene nicht lange standhalten. Dank der Opferwilligkeit hochherziger Wohltäter und der hingebungsvollen Tätigkeit des Herrn Eduard Sachs und Herrn Geheimrat Sandberg war es möglich, im Jahre 1905 die neue und allen modernen Anforderungen entsprechende Krankenanstalt an der Hohenzollernstraße zu errichten. Durch einen im Jahre 1914 vollendeten Anbau.für die gynäkologische und Augen-Abteilung wurde das Krankenhaus auf seine gegenwärtige Höhe gebracht. Was das Krankenhaus und die an ihm tätigen Aerzte in Krieg ünd Frieden für die Dolksgesundheit geleistet haben, wurde von dem Redner eingehend geschildert und gab allen Teilnehmern dgr Festversammlung ein wirkungsvolles Bild darüber, wie an, dieser Stätte wahrer Wohltätigkeit die Werke der Nächstenliebe an allen Kreisen der Bevölkerung ohne Unterschied i»cs> Glaubens ausgeübt werden. Waren die in gern erfüllter vaterländischer Verpflichtung durch die Unterhaltung einer Lazarettabteilung von ISO Betten in den Jahren von 1914 bis 1920 dem Krankenhause erwachsenen Lasten schon schwer zu tragen, so brachten die unheilvollen Wirkungen der Inflation der Anstalt leider den vollständigen Verlust ihres erheblichen Stiftungsvermögens. Auch hier aber wieder zeigte sich der nie erlahmende Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensbrüder, die immer wieder dura» reiche Spenden und Geschenke es ermöglichten, die charuativen Ausgaben des Krankenhauses auch in dieser schweren Zeit zu erfüllen. Redner gtzb dann weiter eine Schilderung der segensreichen Tätigkeit, die unsere Chewra-Kadischa außerhalb des Krankenhauses! erfüllt und die in der mehr als 500 Familien umfassenden Stadtkrankenpflege, in der Unterhaltung einer Altersversorguygsanstalt mit 65 Insassen, eines Siechenhauses mit 55 Insassen und zuletzt auch in der Verwaltung des Beerdigungswesens für die hiesige Synagogengemeinde zum Ausdruckstommt. Dankbar gedachte er all der Männer und Frauen, hie sich mit hingebungsvollem Eifer ftüher und jetzt in den Dienst dieser heiligen Sache gestellt haben. Redner schloß mit der Mahnung an die jüngere Generation, in gleicher Waise wie unsere Vorfahren dem heiligen Zweck unserer Humanitären Gesellschaft sich zu widmen und die von edlen Männern und Frauen geschaffenen Werke der Darmherzigkeif zu erhalten und immer weiter 'auszubauen zum Segen für alle Bedürftigen und zur Ehre für das Judentum, eingedenk des Dichterwortes: „Was du ererbt von deinen Vätern! hast, erwirb es, um es zu besitzen." In eindrucksvoller Weise und mit tiefem Empfinden wurde dann von Herrn Oberkantor Worin mit Orgelbegleitung das Arioso von Händel „Dank, sei Dir, Hebr", vorgetragen. Es folgten die Ansprachen der Herren Gemeinderabbiner Dr. D o g e 1 st e i n und Rabbiner Dr. Simonsohn, die in zu Herzen gehenden Worten auf die Bedeutung der heuttgen Jubelfeier hinwiesen, die aus der Religion geborenen Aufgaben der, Nächstenliebe betonten und dem Wunsche Ausdruck gäbet», daß sich immer Männer und Frauen fi den mögen, die bereit sind, die religiös-sittlichen Zwecke der Chewra-Kadstcha in die Tat umzusetzen und so dem Jude um immer wieder! aufs neue Ehre zu machen. Im Anschluß hieran kamen zahlreiche Vertreter on Behörden zu Wort, die immer wieder aufs neue die Anerkennung für dgs Krankenhaus und seine ihm angeschlossenen Wohlfahrtseintichtungen hervorhoben und Glückwünsche für die weitere Entwickelung der Humanitären Gesellschaft zum Ausdruck-brachten. Herr Gehj Iustizrat Goldfeld gab den Glückwünschen des Vorstandes und der Gemeindevertreter unserer Synagogengemeinde für die Israelitische Krankenverpflegungsanstalt und Beerdiguftgsgesellschaft in beredten Worten Ausdruck, indem er auf die innige Zusammengehörigkeit beider Institutionen hinwies und der Chewra-Kadischa und ihren. Anstalten eine weitere segensreiche Entwickelung wünschte. Herr Regierungspräsident Dr. I a e n i ck e nahm dann im Aufttage der Staatsbehörden das Wort und wies darauf hin, daß Liebe und Arbeit, die Erlöser des Menschengeschlechts, bei der Israelitischen Kranken-Verpfiegungs-Anstalt eine Stätte cifrigcc Tätigkeit gefunden haben. Das deutsche Volk, das in schweben äußeren und inneren politischen Kämpfen steht und leider auch den Rassen- und Klassenkampf noch nicht überwunden hat, sollte durch Liebe und Arbeit zur Reinheit und Läuterung kommen, dann wird es auch wieder die ihm zukommende Stellung in der Welt einnehmen. Redner hob die liebevolle Fürsorge hervor, die im Krankenhause der Jubel-Gesellschaft alken Patienten ohne Unterschieb des Glaubens zuteil wird und indem er dem Vorstände die dankbare Anerkennung ausspricht, wünscht er dem Krankenhause und allen seinen Wohltättgkeitsanstalten auch in Zukunft weitere Entwicklung und gedeihliche Arbeit. i

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