Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 7 (19.7.1926)
- Date
- 1926-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S4 Nr. 7 <8tt«l«atr Indisch«, OtadatdliU ständen. Was zum Toten gehört, Teile des menschlichen Köypers. selbst das bei einer Operation geflossene Blut soll mit ihm der Erde übergeben, werden. Jede Nutznießung vom Toten, ja selbst vom Bezräbnisplatz, ist streng verboten/ Und da sollte die gleich« Religion Leichenschändung sordern? Dieser Schauder vor den, Blut hat die Juden zu der friedlichsten Gemeinschaft der Well gemacht. Wenn wir in unserem Laterlande die Chronik der Morde und rohen Gewalttaten durchbtottern, so werden wir nur äußerst selten einen Juden dort ausgezeichnet finden. Ich glaube, daß wii aus diesem Gebiete weit unter der Pro-entnorm stehen, von der jvnst sä viel gesprochen wird. Sollte es einmal einen jüdischen .Mörder geben, so ist er es im Widerspruch zu seinem Judentum geworden, genau so wie die Haarmann, Deute und die anderen Massenmörder im Widerspruch zuUhrem Christentum. Bezeichnend ist es, daß die gleichen Anklagen wegen Ritualn.ord gegen die Christen der ersten Jahrhunderte erhoben wurden. Die Verteidiger der Christen erheben u. a. den gleichen Einwand wie die Juden: Wie können wir Blut ^oon Kinder» genießen, da uns doch jeder Blutgenuß verboten ist? Änn die ersten Christen hielten noch an dem Blutöcrbok« der Thora fest. Auch damals wurden Foltern an Sklaven angewandt, um die gewünschten Aussagen zu erpressen. Roch in neuerer Zeit sind gegen''die ersten Christen und Missionare in China die gleichen Berleunidungen verbreitet worden. Die erste Anklage wegen Ritual,nords gegen Juden wurde 1235 in Fulda erhoben, als die zwei Kinder eines Müllers dort in Abwesenheit der Ellern um den, Gehöft verbrannten. Nachdem, durch wiederholte schwere Foltern ein Bekenntnis erpreßt war, wurden 34 Juden dem Scheiterhaufen , zugeführk. Kaiser Friedrich 11. legte den Fall einer erlauchten Versammlung von geistlichen und weltlichen Fürsten sowie gc-; lausten Juden aus allen Teilen seines weiten Reiches vor. Sie sprach die Juden einstimmig von der schweren Anklage frei. Im gleichen Sinne erließ Papst Jnnocenz IV. am 5. Juli 1243 eine Bulle folgenden In- ' Halts:. „Wir habe» die jämmerliche Klage der Juden Deutschlands vernommen, daß einzelne geistliche und weltliche Fürsten und andere Adlige und Machthaber m Euren Diöcüsen und Städten, um ungerechterweije ihre Gütey zu plündern und sich anzueigncn, gottlose Anschläge gegen sie ersinnen und mannigfache und verschiedene Anlässe erdichten, ohne vernünftig zu bedenken, daß gewissermaß:» aus ihren Archiven die^Zeugniffe des christlichen. Glaubens hervorgingen Trotzdem die . heilige cchrijl unter anderen Gesetzesoorschriften jagt: Du .sollst nicht töte», und ihnen verbietet» am Osterfeste etwas Gestorbenes : zu berühren, erhoben jene die falsche Beschuldigung, daß sic gerade am : Osterfeste das Herz eines gemordeten Kindes unter sich verteilen, ibdem.j sie glauben machen, daß das Gesetz selbst es vorschreibe, wahrend es doch ofscnbar dcni Gesetze zuwider ist. Und wenn irgendwo ein Leichnam gesunden wird, legt man böswillig ihnen den M o r ü z u t, il a jt. Durch solche und ander« zahlreiche Erdichtungen j wütet man gegen sie und ohne Anklage, ohne Geständnis,! ohne Ueberführung, entgegen der ihnen vom Apostolischen Stuhle gnädig gewährten Privilegien, beraubt man sie wider Gott und die Gerechtigkeit aller ihrer Habe, bedrückt sie mit Hunger, Gefängnis und sehr großen Martern und Qualen, unterwirft sie den verschiedenartigsten. Strasen, verurteilt so viel als möglich zu dem schiinpftichsten Tode, so daß die Juden unter der Herrschaft obengenannter Fürsten, Machthaber und Adliger vielleicht ein noch schrecklicheres Los haben, als ihre Väter unter Pharao in Aegiwlen, und gezwungen werden, eilends die Orte zu, verlassen, wo sie ihre Vorjahren seit Menjchengedenkcn gewohnt; haben. In ihrer Furcht vor völliger Vernichtung haben sie beschlossen,: an die Jürsicht der Apostolischen Stuhles sich zu wenden. Und da wir nicht wollen, daß die genannten Juden mit Unrecht verfolgt werden, auf deren Bekehrung der Herr erbarmungsooll wartet, da nach dem Zeugnisse der Propheten di« fteberreste derselben werden gerettet werden, verfügen; Wir, daß Ihr, Eüch ihnen gnädig und gütig zelget, deshalb jedesmal, wenn Ihr findet, daß von den genannten Prälaten, Adligen und Machthabern in betreff des-, Erwähnten gegen die Juden leichtsertigetwas unternommen wird, den gefetzinäßigen Zustand wiederherstellet» nicht duidet, daß dieselben fernerhin wegen dieser und ähnlicher Klagen von irgend jemand mit Unrecht belästigt werden, und diejenigen, welche sie, auf diese Weise belästigen, durch kirchliche Strafen, ohne Berufung zuzulassen, in schranken hallet. Im ähnlichen Sinne versügten die Päpste Gregor X. 1272, Marlin V. 1422, Nikolaus V. 1447, Paul 111. 1540 und viele andere. Bon weltlichen Fürsten traten für die verfolgten Juden ein: Kaiser Friedrich. II. Rudolph von Habsburg. Ludwig der Bayer, Friedrich Ul., Karl V., Ottokar 11, Philipp der Schöne, Boleslaus V., Pius von Polen und viele nach ihnen bi» in die Neuzeit. Kirchenfürsten, Ordensleute, wissenschaftliche Gesellschaften erhoben sich zu ihrer Verteidigung. Von letzteren nenne ich nur die neueste Äundgebutig. Der zwejte Internationale Orientalistenkongreß wurde im Oktober 1899 in Rom abgehalten. Von diesefn wurde auf Antrag von Professor Kautzsch folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die zum zwölften Internationalen Kongreß in Rom versammelten Orientalisten erachten es angesichts der »neuesten Vorgänge als ihre Pflicht, auszusprechen, die Beschuldigung, daß jemals durch irgendwelche für Anhänger der jüdischen Religion' gellende Vorschriften die Benützung von Christenblut für rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden wäre, ist schlechthin unsinnig und des zu End« gehenden neunzehnten Jahrhunderts unwürdig." Von besonderem Werte ist schlleßkich das Zeugnis der Konvertiten. Von ihnen dürfte erwartet werden, daß sie über den Glauben, den st« verlassen und später oft besehdet haben, die volle Wahrheit bekennen würden. Ich erwähne nur einen, Johannes Pfefferkorn, der 1506 Christ geworden, einer der grimmigsten Widersacher des Judeillums geworden ist. Er haßte den Talmud und alle Iudenbücher und suchte es von der Obrigkeit zu erwirken, daß dieselben sämtlich dem Feuer übergeben würden. Von chm ist über die Ritualmordsrage folgende Aeußerung vorhanden: »fthier möchte ich ein weit verbreitetes, aber nichtiges Gerede gegen die Juden widerlegen, damit wir Christen nicht deshalb lächerlich werden. Man sagt gemeinhin unter den Christen, daß die Juden Christenblut als Heilmittel zu brauchen nötig hätten und deswegen kleine Christenkinder töteten. Es widerspricht der heiligen Schrift und dem Gesetze der Natur und der Vernunft, daher muß ich in dieser Angelegenheit die Juden verteidigen." Er schließt mit den Worten: „Fliehet und vermeidet also diese lächerlich^ falsche und, wenn ihr es genack betrachten wollet, uns Christen nicht wenig zur Verachtung gereichende Rede. Bleibt bei der Wahrheit, indem ihr solchen Wahn fallen laßt, o Christen! Wir wollen nicht etwas erdichten, was falsch ist und uns keine Ehre macht!" Das traurige Verdienst, den Ritualmordwahn in neuerer Zeit wieder zu -neuem Leben geweckt zu haben, hat Professor Dr. August Rohling in Prag. In der wissenschaftlichen Well hat fein Name nie etwas gegolten. Seine Kenntnijse aus talmudischem Gebiet waren dürftig. Sein Hauptgewährsmann war ein gewisser Aaron Israel Briman, geboren in Continefli in Runtänien, ein zwiefacher Apostat, erst evangelifch, dann kacholisch getauft» vom Landgericht in Wien wegen Urkundenfälschung und Heiratsschwindel zu einer Kerkerstrase von mehreren Monaten und Landesverweisung verurteilt, machte spater in Rom beim Rabbinat den Versuch, wieder ins Judentum einzutreten und seine Anklagen zu widerrufen, wurde aber adgewiesen. Der Florisdorser Rabbiner Dr. Bloch warf chm ösfentkich Unwissenheit, da er den Talmud in der Ursprache zu lesen nicht imstande sei, Lüge, Verleumdung, Anerbieten zum Meineide vor. Der Prozeß, den Rohling wegen Beleioigung anstrengte, war auf den 18. November 1885 festgesetzt. Alle Well war auf den Verlauf gespannft Da zog Rohling feine Klage zurück. Die bedeutendsten Theologensind Orientalisten, wie Paul de la Garde- Göttingen» Marx-Heidelberig, Stade-Gießen, Dillmann-Berlin, Nöldeke- Straßburg und viel andere hatten sich mit Schärfe und Entschiedenheit gegen ihn erklärl Der letzte Schlupfwinkel der Hetzpropaganda war endlich die Behauptung, es gäbe eine jüdische Geheimtehre, welche den Blutmorü lehre und Geyeimsekten, welche ihn praktisch übten. „Demgegenüber erkläre ich", sagt Professor Strack, „und setze für die Richtigkeit dieser Erklärung meine Ehre als Mann und Gelehrter ein: Es gibt keine jüdischen Geheimschriften. Innerhalb des gejamten Judentums gibt es weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen u««zugänglich wäre. Weder suchen die Juden vor den Christen etwas zu verbergen, noch können jiewor ihnen etwas verbergen." Was schließlich die jüdischen Sekten anbetrifft, so war deren Zahl gering. Von den «adduzäern bis zu den Chafswäern ist chre Geschichte und ihre Lehre bekannt und wiederholl von jüdischen und christlichen Gelehrten wissenschaftlich behandelt. Also auch in seinem legten Winkel kann sich das Märchen nicht behaupten. Das ist es, was in großen Zügen religionsgefetzlich und geschichtlich über den Ritualmordwahn zu fagen ist. Was jollen wir nun nach Lage der Dinge fordern und was tun? Ein altes Talmudwort sagt: Wer dem Unrecht nicht wehrt, ist mitschuldig. Wir müßten daher an unsere christlichen Mitbürger und vor allem an die Gebildeten unter ihnen die dringende Forderung richtejn, daß sie der lügenhaften Beschuldigung mit aller Entschiedenheit ein jeder in feinem Kreise entgegentreten, daß sie das Feuer, das gewissenlose Hetzer wieder einmal anzünden wollen, im Keime ersticken. Wir selbst aber erheben uns zu einmütigem, flammenden Protest gegen die infame Beschuldigung. Aber, wir wollen uns nicht verbittern lassen, nicht zu dem Zerrbild werden, zu dem unsere Gegner uns gerne machen wollen. In unserer Thora wird auch der Fall erwähnt, daß sich ein Erschlagener aus dem Erdboden findet und man nicht weiß, wers getan hat. Was sollte in solchem Falle geschehen? Die Aellesten und Führer des Volkes müßten oorlreten und sich verantworten, ob sie auch in sozialer und sittlicher Hinsicht ihre Schuldigkeit getan haften. Sie mußten erklären: Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, d. h. nach der Erklärung des Talmuds, wir haben niemanden ohne Speise gelassen, und unsere Augen Habens nicht gesehen, d. h. niemand ist ohne das rechte Geleit, ohne die rechte Erziehung geblieben, daß er hätte zum Mörder werden müssen. Das soll unser Leitwort sein. Wie wollen noch eifriger auf sozialem Gebiete arbeiten, wir wollen für d>e Erziehung der Jugend und die Aujllärung des Geistes in noch reicheren« Maße arbeiten. Wir arbeiten «peiter für das Recht, das ist der Thron Gottes, für die Wahrheit, das «st das Siegel Gottes und für den Frieden, das ist der Name Gottes. Die Wahrheit ist auf dem Marsche. Sie wird und muß siegen. Gemeinderabbiner Dr. Vogel st ein schließt sich den Ausführungen seines Kollegen an und fügt hinzu: Ich empfinde das Gefühl tixfster Beschämung, daß im 20. Jahrhundert im deutschen Volk nach dem Furchtbaren, was es durchgemacht hat und nach dem Großen, das es in Wissenschaft und Volksbildung geleistet hat, noch dieses Wort fallen kann. Es handelt sich bei den lrhebern um nichts weiter als um eine Spekulation aus die Instinkte der Masse.! Bei dem Ritualmordprozeß von Damaskus im Jahre 1840, bei dem die Föller eine so große' Roll« spielte, schrieb der Alftne-k^ jüdischer Wissenschaft, Leopold Zunh: „In Europa kann inmitten k^Mullur und Bildung ein solcher Unsinn nicht mehr geglaubt werden, verfucht man es ln Asien inmitten von Rrligionssanatismus, Sv^WW^sen und